Wer ist Leonore Gewessler?

Leonore Gewessler ist ein Ökoprofi mit Durchhaltevermögen, sie ist konsequent und fokussiert. Wie tickt die Frau, die das "Superministerium" leitet?

von Leonore Gewessler © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH

Steckbrief

  • Name: Leonore Gewessler
  • Geboren am: 15. September 1977 in Graz, Österreich
  • Position: Ministerin für Klimaschutz
  • Ausbildung: Volksschule und Gymnasium in Graz, Bachelorstudium der Politikwissenschaft in Wien.
  • Partei: Die Grünen
  • Familienstand: Verheiratet
  • Kinder: keine
© APA/HERBERT NEUBAUER

Die Grüne Leonore Gewessler legte einen geradezu raketenhaften Aufstieg in Österreichs Politiklandschaft hin. Vor ihrem Amtsantritt als Klimaministerin war die gebürtige Grazerin nur Insidern bekannt, mit dem Klimaschutzministerium hat sie die Zügel eines der zentralsten Ressorts der türkis-grünen Bundesregierung in die Hand bekommen. Gewessler kommt aus der Ökoecke. Sie agiert seit ihrem Quereinstieg wie ein alter Politikhase.

Stationen in Brüssel und bei Global 2000

Gewessler, ihren Überzeugungen entsprechend deklarierter "Nachtzug-Fan", war vor ihrer Rekrutierung durch Grünen-Chef Werner Kogler im Juni fünf Jahre lang politische Geschäftsführerin der Umweltorganisation Global 2000. Dort verantwortete sie Kampagnen gegen die Handelsabkommen TTIP und CETA, für den Kohle-Ausstieg Österreichs und gegen den Bau der dritten Flughafen-Piste in Wien-Schwechat.

Leonore Gewessler, Global 2000
© APA/HERBERT NEUBAUER Leonore Gewessler 2017 als "Global 2000"-Chefin (von li. nach re.: Gerhard Drexler, Leonore Gewessler, Aexander Egit, Erich Stekovics und Hans-Peter Hutter)

"Superministerin"

Selbstbewusstsein tankte sie davor (von 2008 bis 2014) bei der Green European Foundation in Brüssel, einer vom Europaparlament finanzierten politischen Stiftung mit enger Verbindung zu den europäischen Grünen. Davor war sie Büroleiterin der Bezirksvorstehung in Wien-Neubau, einem grünen Kerngebiet, in dem die Ökopartei seit 2001 den Bezirksvorsteher stellt. Grünes Aushängeschild war dort Thomas Blimlinger, dessen Schwester Eva derzeit ebenfalls als potenzielle grüne Ministerin gehandelt wird.

Von Anfang an bekam Gewessler - die sich in der Vergangenheit öfters mit ihrem Gegenüber bei der ÖVP, der früheren Umweltministerin Elisabeth Köstinger gematcht hatte - einen Platz in der ersten Reihe der Grünen; wohl auch, um dem von Kogler gewählten Etikett als "Bündnispartei" Genüge zu tun. Die künftige Ministerin übererfüllte aber auch die in sie gesetzten Erwartungen, zeigte sich mit allen politischen Wassern gewaschen und war in den Koalitionsverhandlungen eine der wichtigsten Akteurinnen der Grünen. Schon damals verhandelte sie für ihre Partei die das Klima und den Umweltschutz betreffenden Bereiche des türkis-grünen Regierungsprogramms aus.

Eine Macherin mit Durchsetzungsvermögen

Im Gespräch mit News vom November 2021 sagte Gewessler auf die Frage, ob bei den Forderungen in puncto Klima nicht Eile geboten sei, so zerstritten, wie sich die türkis-grüne Regierung dieser Tage präsentiert: "Ich hab Zeit, aber das Klima nicht." Zu Themen mit Konfliktpotential wie dem Lobautunnel erklärte sie nur: "Ich fürcht mich gar nicht".

»Aufstehen, weitermachen - aufgeben ist keine Option«

Auch privat bleibt die Ministerin ihrer Verantwortung für den Klimaschutz treu: Sie besitzt keinen Dienstwagen, keinen Chauffeur und fährt lieber mit den Öffis ins Büro oder ist ansonsten mit Zug und Rad unterwegs. Auf der UN-Klimakonferenz für die EU hat sie 2021 den Bereich Emissionshandel verhandelt. Gegenüber News verriet sie, dass bei diesem Klimagipfel wieder einmal um jedes Wort und jeden Beistrich gerungen worden sei: Dabei gibt es Momente, wo man denkt, man hat einen starken Text für den weiteren Kampf gegen die Klimakrise, man hat viel gearbeitet, und dann gibt es in der letzten Runde auf einmal noch eine Abschwächung beim Kohleausstieg. Natürlich fragt man sich da: ,Hat das jetzt sein müssen?' Aber: Dieser Text wird nie mehr weg sein. Das ist die Basis für den Kampf gegen die Klimakrise ab heute. Aufstehen, weitermachen - aufgeben ist keine Option. Dafür geht es um zu viel beim Klimaschutz."

Gewessler, Klimaticket
© APA/HERBERT NEUBAUER Die Klimaministerin präsentiert stolz das Klimaticket

Mit dieser Einstellung hat die engagierte Klimaschutz-Verfechterin schon einige Projekte auf ihrer To-do-Liste umgesetzt: die ökosoziale Steuerreform, das Klimaticket, das bereits rund 130.000 Menschen nutzen, das Flaschenpfand und eine verpflichtende Einwegquote im Handel.

Gewessler erzählte im News-Interview über ihr Vorzeigeprojekt, das Klimaticket: "Da haben viele Leute am Anfang gesagt: 'Das kommt nie, wie soll das gelingen?' Und wenn ich die Zahl der Aktenordner und der Verhandlungsrunden Revue passieren lasse, ist es gar nicht so überraschend, dass manche vorher dieses Ticket zwar in ihren Regierungsprogrammen stehen hatten, aber nie umgesetzt haben. 15 Jahre lang wurde davon geredet. Mir war klar, ich will das haben, daher drehen wir so lange unsere Runden, bis das Ding steht."

» Es geht ja um viel - die Frage des Überlebens auf diesem Planeten und wie wir es schaffen, dass wir auch in Zukunft ein gutes Leben darauf haben.«

Dieses Durchhaltevermögen verschafft ihr sogar Anerkennung aus dem Umfeld der ÖVP: "Sie schafft politisch extrem viel", sagt ein Insider. Sie selbst sagt über ihre Hartnäckigkeit in Sachen Verhandlungen: "Ich würde mich eher als unbeirrbar bezeichnen. Ich kenne das Ziel, weiß, warum ich das mache, warum ich ringe und Überzeugungsarbeit leiste und warum ich bei Verhandlungen noch die Extrarunde drehe: weil wichtig ist, dass das Ergebnis stimmt. Es geht ja um viel - die Frage des Überlebens auf diesem Planeten und wie wir es schaffen, dass wir auch in Zukunft ein gutes Leben darauf haben. Dieses Ziel zu haben, verleiht mir eine ziemliche Hartnäckigkeit."

Bodenständige Wurzeln

Leonore Gewessler
© APA/EXPA/REINHARD EISENBAUER

Ihre Wurzeln hat Gewessler in der Steiermark. Sie ist in Sankt Marein bei Graz aufgewachsen. Ihr Vater arbeitete als Gemeindearzt, ihr Mutter war in seiner Ordination tätig. Die Leidenschaft zur Politik hat sie von ihrem Vater. Er "war ein sehr politischer Mensch. Das war eine gute Diskussionsschule", sagte Gewessler. Zum Mülltrennen habe sie hingegen ihre Mutter angehalten.

Das Aufwachsen in der ländlichen Gegend hat sie bis heute geprägt. "Ich komme aus einem kleinen Ort mit 1.000 Einwohnern, und die bestimmende Erinnerung meiner Schulzeit ist: auf den Bus warten. Wie schafft man es, dass es auch auf dem Land ein gutes Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln gibt? Man wird ja nicht überall U-Bahnen bauen können. Diese Fragen treiben mich genauso um wie jene nach einem guten Umfeld und mehr Lebensqualität in der Stadt", sagte sie.

Verliebt über den Wolken

Privat ist die Politikerin seit 2014 glücklich verheiratet und lebt in einer Dachwohnung in Wien-Ottakring. Ihr Mann, Herbert Greisberger, ist Geschäftsführer der Energie und Umweltagentur des Landes Niederösterreichs. Wie sie im "Ö3-Frühstück bei mir" ausplauderte, lernte sie ihn im Flugzeug kennen. Damals war sie beruflich unterwegs nach Brüssel. "Ich habe vor allem die Erinnerung daran, dass wir es sehr lustig gehabt haben. Er ist ein großartiger Mann und ein großartiger Teil meines Lebens. Für mich war schnell klar, dass das bleibt", sagte Gewessler.

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