Daran erkennen Sie einen Perfektionisten

"Einen gesunden Perfektionismus gibt es nicht", stellt der Wiener Psychiater und Neurowissenschafter Dr. Dr. Raphael Bonelli klar. Ab wann aber kann man von Perfektionismus sprechen? Woher kommt dieses Streben nach Perfektion? Und wie wird man es wieder los?

von Psychologie - Daran erkennen Sie einen Perfektionisten © Bild: iStockphoto.com

Eine psychiatrische Diagnose, so wie etwa für Schizophrenie, gibt es für Perfektionismus nicht. Dennoch lässt der Experte keinen Zweifel: "Perfektionismus an sich ist immer krank." Hier gehe es nicht darum, Aufgaben gut und gewissenhaft erledigen zu wollen. In Wahrheit gehe es dem Betroffenen auch gar nicht um die Sache an sich, sondern darum, von seinem sozialen Umfeld wertgeschätzt zu werden. "Der Perfektionist fühlt sich nicht zu seiner Arbeit berufen. Es geht ihm nicht darum, dass sie gut gemacht ist", so Bonelli. Viel mehr ist sein Tun geleitet von Gedanken wie: Was denken die anderen von mir? Was kommt gut an? Und: Was kann ich tun, damit ich bewundert werde? Das ist die eigentliche Motivation des Perfektionisten. "Und diese Motivation macht krank."

Perfektionismus macht krank

Das kann sich auf unterschiedliche Art und Weise äußern. Die einen entwickeln Essstörungen, die anderen sind getrieben von einem Schönheits- oder Gesundheitswahn. Wiederum andere schlittern geradewegs in ein Burnout. Immer allen gefallen zu wollen kostet viel Kraft. Und der Umstand, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es ohnehin gern gesehen wird, wenn man besser, schöner, erfolgreicher und beliebter ist, macht die Sache nicht gerade besser. Wobei hinter dem Streben nach Perfektion, dem Drang, den anderen gefallen zu wollen, noch etwas ganz anderes steckt. Nämlich Angst. So ist die Angst, nicht genug zu sein, einen Fehler zu machen und nicht wertgeschätzt zu werden, die eigentliche Triebfeder des Handelns. Eine Angst, die immer um den Betroffenen selbst kreist.

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Bonelli beschreibt Perfektionismus als "innere Haltung, die einem selbst große Probleme bereitet". Wie auch den anderen. Denn mit einem Perfektionisten zu leben oder zu arbeiten ist alles andere als einfach. "Perfektionisten sind beratungsresistent, weil sie alles persönlich nehmen und daher alles als Kritik auffassen." Während andere konstruktives Feedback dankbar annehmen, geht der Perfektionist in die Verteidigung. Anstatt den Blick auf den zugrundeliegenden Sachverhalt zu richten, stellt er die Beziehung zu der Person, die Kritik übt, infrage. Klare Sache: Sie mag mich nicht. Ebenso wenig wie Kritik annehmen kann der Perfektionist Fehler eingestehen. Denn wer einen Fehler macht, ist nicht perfekt. Und wer nicht perfekt ist, ist nicht liebenswert. So der Glaubenssatz, nach dem der Perfektionist lebt.

Perfektionisten wissen alles besser

Der Perfektionist ist aber nicht nur rechthaberisch, sondern auch übergriffig. "Eine sehr unangenehme Kombination", merkt der Psychiater an. Allzu gerne mischt er sich in Angelegenheiten ein, die ihn nichts angehen. Gleichzeitig vergleicht er sich permanent mit anderen. Seinen Wert - sofern man bei Menschen von Wert sprechen kann - macht er daran fest, was die anderen von ihm halten. Insofern verwundert es auch nicht, dass der Perfektionist oft zu jenen gehört, die als letztes das Büro verlassen. Nicht, weil ihm die Arbeit so viel Spaß macht, sondern weil er seinem Chef gefallen möchte. So sehr, dass er dafür sogar familiäre oder andere private Pflichten vernachlässigt. Nach dem Motto "Schau, was für ein braver Mitarbeiter ich bin" strebt er mit vollem Einsatz nach dem Lob seines Vorgesetzten.

Die Schwiegermutter mischt sich ständig ein - was kann ich tun?

Woher kommt der Perfektionismus?

Während es unter den Narzissten mehr Männer gibt, ist Perfektionismus eher unter Frauen verbreitet. "Weil sie sich mit mehr Empathie in die Erwartungen der anderen einfühlen können", erklärt Bonelli. Häufig liegen die Wurzeln des Perfektionismus in der Erziehung. Etwa dann, wenn ein Elternteil danach trachtet, ein perfektes Kind heranzuziehen. Nach dem Motto: Mein Kind muss Nobelpreisträger werden - damit ich in der ersten Reihe sitzen und brillieren kann. Dem Elternteil geht es demnach weniger ums Kind, als darum, dass er etwas hat, das er vorzeigen kann. Damit alle sehen, was für eine perfekte Mutter oder ein perfekter Vater sie oder er ist. Bonelli zufolge seien es vor allem die Mütter, die oft überhöhte Erwartungen ans Kind stellen und dabei Grenzen überschreiten.

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Früher oder später übernimmt das Kind die Haltung der Eltern. Dann ist es ihm selbst wichtig, was die anderen von ihm denken. "Der Perfektionist nimmt die Angst meist nicht bewusst wahr. Er glaubt, dass jeder so tickt. Dass es ganz normal ist, dass einem die Meinung der anderen so wichtig ist. Er spürt den eigenen Perfektionismus gar nicht so sehr. Aber er leidet an den Folgeerscheinungen", veranschaulicht Bonelli. Die starren Regeln und Normen, die er für sich selbst aufstellt, versucht er im Übrigen auch über die anderen drüber zu stülpen. Dennoch ist der Perfektionist kein "Ungeheuer. Er ist ein liebenswerter Mensch, der glaubt, nicht liebenswert zu sein." Dabei komme die Angst, die den Perfektionisten in seinem Tun begleite, oft erst im Zuge einer Therapie ans Tageslicht.

»Der Perfektionist ist ein liebenswerter Mensch, der glaubt, nicht liebenswert zu sein«

Das hat einen ganz bestimmten Grund: Der Perfektionist versucht mit aller Kraft all jene Situationen, in denen sein Schutzmantel des Perfekten angekratzt werden könnte, zu vermeiden. Eine Frau etwa, die ihren Körper als mangelhaft empfindet, vermeidet es, sich ihrem Mann nackt zu zeigen. Aus Angst, abgelehnt zu werden, sobald er merkt, dass sie - so ihre Annahme - gar nicht so schön ist. Solange sie die Konfrontation meidet, kann sie sich aber auch nicht vom Gegenteil überzeugen. Davon, dass sie auch dann noch geliebt wird, wenn sie sich zeigt, wie sie ist. "So erhält sich das System des Perfektionisten selbst aufrecht", erklärt der Experte. Der Betroffene ist sich des Mechanismus, der hier im Hintergrund abläuft, nicht bewusst.

Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird*

Wie werde ich den Perfektionismus wieder los?

Gleichzeitig sei Perfektionismus etwas, wo man gut helfen könne. Weil der Leidensdruck groß ist. In der Psychotherapie gehe es in erster Linie darum, dem Betroffenen besagten Mechanismus zu erklären. "Perfektionisten glauben ja, dass sie so selbstlos sind. Sie sehen sich immer als guten Menschen, weil sie etwas für die anderen machen. In Wahrheit machen sie es aber nur für sich selbst - um von den anderen wertgeschätzt zu werden." Der Betroffene müsse erkennen, aus welcher Motivation heraus er handelt. Geht es ihm um die Sache an sich? Oder darum, anderen zu gefallen? Sobald er sich darüber im Klaren ist, kann er sich bewusst gegen Zweiteres entscheiden. Dann nimmt er auch in Kauf, dass der Chef enttäuscht ist, wenn er keine Überstunden macht. Und wundert sich, wenn dem nicht so ist.

»Der Perfektionist will keinesfalls durchschnittlich, gewöhnlich oder gar fehlerhaft sein. Aber so ist der Mensch nun einmal«

Zu erkennen, welche Motivation einen leitet, ist die eine Sache. Die andere ist, die eigene Unvollkommenheit auszuhalten. Der innere Glaubenssatz des Perfektionisten beginnt stets mit "Ich muss". Ein unerreichbares Ziel erlebt er als schrecklichen Vorwurf. "Der Perfektionist will keinesfalls durchschnittlich, gewöhnlich oder gar fehlerhaft sein. Aber so ist der Mensch nun einmal." Also gilt es mit der eigenen Fehlerhaftigkeit leben zu lernen, zu akzeptieren, dass man nicht der Schönste, Cleverste und Erfolgreichste ist. Eine Erkenntnis, die erleichtert, weil mit ihr eine Menge Druck abfällt. Und die dem Perfektionisten, der sich grundsätzlich ja viel zu ernst nimmt, dabei hilft, auch mal über sich selbst lachen zu können.

© Privat

Univ.-Doz. Dr. Dr. Raphael M. Bonelli ist als Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie Facharzt für Neurologie mit Schwerpunkt u.a. auf Perfektionismus. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, leitet das "Institut für Religiosität in Psychiatrie & Psychotherapie" in Wien und ist Faculty Member des "Center for Spirituality, Theology and Health" an der Duke University.

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