"Wir sind dieselben und doch andere"

Vor welche Herausforderungen stellt uns die Coronakrise? Was bedeutet die "neue Normalität"? Und worauf müssen wir uns noch gefasst machen? Seit 16. März 2020, dem Tag des ersten Lockdowns in Österreich, haben wir - basierend auf den Erläuterungen des Psychotherapeuten Dr. Alois Kogler - Woche für Woche berichtet. Heute blicken wir abschließend zurück auf eine Zeit, die an niemandem von uns spurlos vorübergegangen ist.

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Psycho-Check - "Wir sind dieselben und doch andere" © Bild: iStockphoto.com
Dr. Alois Kogler ist klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut. Er lehrt an der Universität Graz Verhaltenstherapie und als Arbeits- und Organisationspsychologe "Team und Führung". Am Institut für Psychosomatik und Verhaltenstherapie ist er als Verhaltenstherapeut tätig.
© Lukas Moder

Die neuesten Informationen zur Coronakrise in Österreich

Woche 85: Wie uns die Krise verändert hat

25. bis 31. Oktober 2021

  • Zahl täglicher Neuinfektionen übersteigt 6.100
  • Österreich auf Corona-Ampel fast flächendeckend rot
  • Weitere Bundesländer verschärfen Corona-Maßnahmen

85 Wochen ist es her, dass ein bis dato unbekanntes Virus unser aller Leben auf den Kopf gestellt hat. Seither ist nichts mehr so, wie es einmal war. Was aber keineswegs nur von Nachteil ist! "Die alten Sicherheiten erodieren. Anderseits wurden bereits neue Sicherheiten, neue Formen des Zusammenlebens geschaffen", blickt Alois Kogler zurück. Alte Denkmuster wurden aufgebrochen, neuen Ideen wurde Raum gegeben. "Viele Firmen setzen jetzt auf die 4-Tage- oder 35-Stunden-Woche bei gleicher Bezahlung", führt der Arbeits- und Organisationspsychologe aus. Ganz zu schweigen vom Homeoffice als neues Arbeitsmodell.

»Die Welt wurde durch Corona enorm beschleunigt«

"Es ist so viel in Unruhe, in Bewegung geraten. Die Welt wurde durch Corona enorm beschleunigt. Wir haben gesehen, wie ängstlich der Mensch, wie fragil die Menschheit an sich ist." Gleichzeitig haben wir gelernt, mit dem schnell Vergänglichen, mit Extremen umzugehen. Von Tag zu Tag gelingt es uns besser, uns den neuen Gegebenheiten anzupassen. "Im Anpassen sind wir Menschen ganz, ganz großartig." Wir haben gelernt, "dass die Welt nicht nur von Verstand regiert wird, sondern dass hier vor allem auch Emotionen eine Rolle spielen". Manche davon sind während der Pandemie ganz besonders deutlich zum Vorschein getreten, wie etwa Zorn, Hass, Neid und Angst.

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Gleichzeitig wurde der Zusammenhalt gestärkt. "Wir haben erlebt, wie wichtig das Gemeinschaftsgefühl, das soziale Gefüge ist", stellt Kogler fest. Denn letztlich verberge sich hinter dem Wunsch nach Nähe der Wunsch nach Stabilität. "Das Bedürfnis nach Dauerhaftigkeit und Sicherheit ist deutlich gestiegen." Und dann wäre da noch die Sache mit der Konsumgesellschaft: "Wir sehen den persönlichen Sinn vielleicht nicht mehr so sehr in unpersönlichen Objekten", konstatiert Kogler. "Die Menschen achten wieder mehr auf ihre persönlichen Lebensbereiche." Die Pandemie hat ihnen gezeigt, welche Dinge wirklich von Wert sind.

»Wir sind dieselben und doch andere«

"Wir sind dieselben und doch andere", folgert Kogler. Weil die Pandemie Spuren hinterlassen hat. "Es gab so viele Neuanfänge. Überall. In den Firmen, im Privaten." Oft, so der Psychologe, erkenne man erst, welche Last man zuvor schulterte, nachdem man dem Alten den Rücken gekehrt hat. Immerhin entwickeln sich Neuanfänge ja aus der Notwendigkeit heraus, etwas zum Besseren zu wenden. SARS-CoV-2 hat jedem einzelnen von uns in den vergangenen Monaten viel abverlangt. Und es wird uns mit Sicherheit noch eine Zeitlang begleiten. Doch es hat auch neue Möglichkeiten eröffnet - Möglichkeiten, die bisher im Verborgenen geschlummert haben. Nutzen wir sie. Damit die Krise nicht umsonst war!

Woche 84: Appell an die Mitmenschlichkeit

18. bis 24. Oktober 2021

  • Zahl täglicher Neuinfektionen übersteigt 3.700
  • Zahl positiver PCR-Tests an Schulen steigt
  • Regierung präsentiert neuen Corona-Stufenplan

Die Ungewissheit, wie es in puncto Pandemie weitergeht, wird - zumindest noch in nächster Zeit - bleiben. Bleiben wird im besten Falle aber auch etwas Anderes, nämlich der veränderte Umgang miteinander. "Ich denke, Corona hat viele Elemente an erhöhter Mitmenschlichkeit gefördert", sagt Alois Kogler. Davon zeugen zahlreiche Beispiele: Menschen, die zuhause blieben, um der Ausbreitung des Virus gegenzusteuern, die sich in Form von Hilfsangeboten solidarisch der älteren Generation gegenüber verhielten. Gesundheitspersonal, das an seine Grenzen und darüber hinaus ging, um die Bevölkerung bestmöglich zu versorgen. Und vieles mehr.

»Corona hat viele Elemente an erhöhter Mitmenschlichkeit gefördert«

"Das Denken an die Anderen hat zugenommen", sagt Kogler und nimmt Bezug auf einen Artikel aus der Kleinen Zeitung vom 24. Oktober, in dem es heißt: "Dänemark konnte seine Corona-Maßnahmen kürzlich fast zur Gänze aufheben. Was hat Premierministerin Mette Frederiksen, eine alleinerziehende Mutter, besser gemacht als andere? Ihr ist es gelungen, wirklich mit den Leuten zu reden und zu vermitteln, dass es bei der Pandemie alle braucht, um einander zu schützen." Anders in den USA, wo während der Pandemie die Schlangen vor den Waffengeschäften länger wurden. Dort lautete die Devise - überspitzt formuliert - nicht "Beschütze Deinen Nachbarn", sondern "Erschieße Deinen Nachbarn".

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Dass eine derartige Denkweise zu nichts führt, sehen wir tagein, tagaus. Es braucht also einen Richtungswechsel - der vielerorts auch schon eingetreten ist. Weg vom Neoliberalen Egoismus-Denken, hin zum solidarischen Handeln. Weg vom "Ich, ich, ich", hin zum "Wir". Nicht deutlicher hätte uns die Krise die Notwendigkeit von Mitmenschlichkeit vor Augen führen können, die, so Kogler, mehr als ein freundliches Miteinander ist. "Mitmenschlichkeit heißt anerkennen, dass es Schwächere und Stärkere gibt. Mitmenschlichkeit bedeutet einen lösungsorientierten, wertschätzenden Umgang mit Konflikten. Und natürlich auch das Treffen von Entscheidungen."

»Die Aufgabe der Politik ist es, nicht nur für gute Wirtschafts-, sondern auch für eine Sozialpolitik zu sorgen«

Wobei Mitmenschlichkeit, so Kogler, auf mehreren Ebenen stattfindet. Auf der individuellen - "was schon mal gar nicht so schlecht funktioniert" -, auf der gesellschaftspolitischen - "die Aufgabe der Politik ist es, nicht nur für gute Wirtschafts-, sondern auch für eine Sozialpolitik zu sorgen" - und auf der zukunftsorientierten. So hat uns die Pandemie beispielsweise gelehrt, dass Verzicht nicht unbedingt etwas Schlechtes ist. "Dinge weggeben, Ballast abwerfen zu können ist befreiend", betont der Psychologe. Vielleicht war Corona für den ein oder anderen auch ein Anstoß, das eigene Konsumverhalten zu ändern - um die ausbeuterische Industrie nicht weiter zu befeuern - eine von vielen Möglichkeiten, Mitmenschlichkeit zu leben.

Woche 83: Von guten und schlechten Leadern

11. bis 17. Oktober 2021

  • Corona-Regeln für Veranstaltungen verlängert
  • Salzburg wieder rote Corona-Zone
  • Corona-Pass für Arbeitswelt in Italien

"Es gibt kein Qualitätsmanagement in der Politik", zitiert Kogler einen österreichischen Großindustriellen. Die innenpolitischen Entwicklungen halten das Land nach wie vor in Atem. Und drängen das Thema Corona in den Hintergrund. "Du darfst nie einen Menschen, der nicht zur Familie gehört, merken lassen, was du denkst", sagt Vito Corleone im Film "Der Pate". "Du bist Familie", hieß es in einer von Finanzminister Gernot Blümel an Thomas Schmid gesendeten SMS. Organisationspsychologen entwickeln seit Jahrzehnten neue Modelle für starke Organisationen. Das Familienmodell zählt nicht dazu. Dazu Kogler: "Die Familie beschreibt eine Organisationsform aus der vorindustriellen Zeit."

»Die Familie beschreibt eine Organisationsform aus der vorindustriellen Zeit«

Dem Arbeits- und Organisationspsychologen zufolge zählen Unternehmen heute zu den wichtigsten Persönlichkeitsentwicklern. "Gute und erfolgreiche Unternehmen geben den Mitarbeitern die Möglichkeit, sich zu entfalten", wodurch sich wiederum das Unternehmen entwickeln kann. "Die Frage ist aber: Zu welchem Zweck? Welche Werte werden vertreten?" "Von nicht geringer Wichtigkeit für einen Fürsten ist die Auswahl seiner vertrauten Minister. (…) Die ersten Mutmaßungen über das Geistesvermögen eines Herrn lassen sich anhand der Menschen in seiner Umgebung anstellen: Wenn diese kompetent und treu ergeben sind, so kann man ihn stets für klug halten, weil er verstanden hat, deren Kompetenz zu erkennen und sich ihre Ergebenheit zu erhalten", zitiert Kogler die im Jahr 1513 verfassten Worte Machiavellis.

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"Andererseits muss der Fürst", so heißt es weiter "auch an seinen Minister denken, damit er gut bleibt, indem er ihn auszeichnet, wohlhabend macht (…); damit dieser sieht, dass er ohne ihn nicht bestehen kann." Das sind also die Erkenntnisse aus dem 16. Jahrhundert, folgert Kogler. Leadership im 20. Und 21. Jahrhundert sehen anders aus. "Es wird vom Manager erwartet, dass er die Verantwortung für das Wohl der Allgemeinheit übernimmt, dass er sein Handeln nach ethischen Grundsätzen ausrichtet und dass er mit seinem Eigeninteresse und seinen Befugnissen zurückhält, wo immer sie gegen das Gemeinwohl und die Freiheit des Einzelnen verstoßen würden", schrieb 1970 Peter F. Drucker, einer der wichtigsten Vordenker für Führung und Management.

Passend dazu: Narzissmus auf der Führungsebene

Nun ist der Staat zwar kein Unternehmen, gewisse Unternehmensprinzipien lassen sich Kogler zufolge aber sehr wohl auf den Staat umlegen. So zum Beispiel die Tatsache, dass "Ergebenheit absolut kontraproduktiv" ist, wie Peter F. Drucker schrieb. Und dass das Wohl der Organisation stets über das eigene gestellt werden müsse. In einem Unternehmen wie in der Politik. "Niemald ist das Unternehmen Heimat, Familie, Religion oder darf beanspruichen, es zu sein", schreibt Drucker. "'Du bist Familie' widerspricht allen modernen Führungsstilen, folgert der Arbeits- und Organisationspschologe Kogler.

Woche 82: "Endlich einmal kein Corona"

4. bis 10. Oktober 2021

  • Wieder bis zu 2.700 Neuinfektionen an einem Tag
  • Keine Schultests mehr in Vorarlberg nötig
  • EMA gab grünes Licht für 3. Impfung mit Biontech/Pfizer

"Endlich einmal kein Corona", gibt Kogler einen Patienten wieder. Mit ironischem Unterton komplettiert besagter Patient seine Aussage: "Die Zahlen rücken in den Hintergrund, Österreich steht wieder einmal international im Vordergrund." Dazu der Psychologe: "Die Emotionen kochen hoch. Man kann dieser Tage über nichts anderes reden als über die aktuelle politische Situation", die mit zahlreichen Prozesse auf gleich mehreren Ebenen einhergeht: der emotionalen, der gedanklichen und der Verhaltensebene. "Corona existiert de facto nicht." Zumindest im Moment.

Die aktuellen Ereignisse rund um Kurz' Rücktritt als Bundeskanzler lesen Sie hier.

Der Fokus der Bevölkerung richtet sich nämlich einzig und allein auf die politischen Abläufe. Und auf die Frage nach der Wahrheit. Der Verhaltenstherapeut macht dabei drei Gruppen aus: die Rechthaber, die Kurz-Verteidiger und die Skeptiker. Die Rechthaber "haben eh schon immer alles besser gewusst", bringt der Psychologe es auf den Punkt. Nämlich dass die Politiker korrupt und die Medien um nichts besser seien. Die Kurz-Verteidiger mokieren sich über die ungerechte Behandlung des - mittlerweile - ehemaligen Bundeskanzlers durch die Medien und Teile der Bevölkerung.

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Den beiden Gruppen gemein ist, dass sie sich im Besitz der Wahrheit wähnen, in Wirklichkeit, so Kogler, aber gar kein Interesse daran haben, diese zu finden. Die Skeptiker wiederum sind sich dessen bewusst, dass sie die volle Wahrheit nie erfassen werden können. Nichts desto trotz machen sie sich auf die Suche nach ihr, um zumindest etwas Klarheit zu erlangen. "Sie wollen hinter den Vorhang blicken", sagt der Psychologe, der die Gruppe der Skeptiker als die kleinste identifiziert, zählt die Wahrheitsfindung doch nicht zu den typischen im Alltag anfallenden Aufgaben.

»Man redet miteinander. Und das stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt«

Die Skeptiker bringen Unruhe ins System. "Das ist nicht immer angenehm, aber notwendig", sagt Kogler und ergänzt: "Natürlich kann man keine Person ausschließlich einer Gruppe zuordnen. Jeder hat auch immer Anteile der anderen in sich." Das zu erkennen sei wichtig. Ebenso wichtig wie die Diskussion, die dieser Tage wieder in vollem Gange ist. "Man redet miteinander. Und das stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt." Was vordergründig danach aussieht, als würde es die Gesellschaft spalten, schweißt sie letzten Endes enger zusammen. Etwas, das wir gerade in Zeiten von Corona gut gebrauchen können.

Woche 81: Die Politik der Feigheit

27. September bis 3. Oktober 2021

  • Verschärfte Wiener Corona-Maßnahmen in Kraft
  • Corona-Ampel: Trend zeigt weiter nach unten
  • Schweden hebt die meisten Corona-Beschränkungen auf
  • Globales WHO-Impfziel gegen Corona verfehlt

"Es herrscht Ratlosigkeit, Unklarheit und Entscheidungsmangel - in Schulen, in Unternehmen und auch im öffentlichen Raum", stellt Kogler fest. Vonseiten der Politik bräuchte es jetzt klare Vorgaben, um die pandemische Entwicklung in die gewünschte Richtung zu lenken. Stattdessen zeige sich wieder einmal nur große Entscheidungszurückhaltung. "Die Politik beobachtet, wohin sich der Impf-Wind dreht, um dann dementsprechend zu handeln. Es ist eine Politik des Abwartens. Eine Politik der Feigheit", kritisiert der Psychologe und nimmt die Bevölkerung in die Pflicht. Denn was auf politischer Ebene verabsäumt wird, muss auf individueller abgefangen werden. Und das ist bereits vielerorts zu beobachten.

»Es ist eine Politik des Abwartens. Eine Politik der Feigheit«

Der Psychologe schildert ein Beispiel aus dem schulischen Alltag: Bis auf eine Lehrerin waren bereits alle Pädagogen einer Schule geimpft. Um nicht Verursacher vermeidbarer Komplikationen zu sein, entschied sich schließlich auch besagte Lehrerin für die Impfung. "Natürlich spielt hier der Druck der Gruppe eine große Rolle. Überall muss man aufpassen, wenn man nicht geimpft ist. Überall wird man gefragt." Nicht minder relevant ist dem Psychologen zufolge aber die stete Kommunikation der Gruppenmitglieder untereinander. Womit wir - nachdem wir letzte Woche einen Blick auf die Sachebene der Kommunikation geworfen haben - auf der Beziehungsebene wären.

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"Bin ich froh, dass ich geimpft bin", merkte etwa ein Lehrer an. "Jetzt muss ich mir nicht mehr ständig Sorgen machen." Ein anderer betonte die organisatorischen Erleichterungen, die man als Geimpfter beim Reisen erfährt. "Die Gespräche sind meist nicht konfrontativ verlaufen, sondern auf einer impliziten und indirekten Ebene", fasst Kogler zusammen. "So hat man es in dieser Gruppe geschafft, eine Veränderung des Mental-Sets, der Einstellungen des letzten noch nicht geimpften Mitglieds herbeizuführen." An dieser Stelle kommt das sogenannte innere Team ins Spiel, das laut Schulz von Thun die unterschiedlichen Meinungspositionen einer Person zu ein und demselben Thema beschreibt.

»Um diese Form der sanften Überzeugung kommen wir nicht herum«

"Jeder von uns hat eine Pluralität von Meinungen", erklärt Kogler. So auch beim Thema Impfen: "Die eine Person des inneren Teams sagt: 'Ich glaub' nicht, dass die Impfung was bringt.' Die andere meint: 'Schaden tut sie aber auch nicht.' Die dritte ächzt unter dem sozialen Druck, die vierte möchte einfach nur eine gute Kollegin sein. … So in etwa könnte es abgelaufen sein." Und genau hier könne man anknüpfen. "Es gibt immer unterschiedliche innere Positionen. Das gibt uns die Möglichkeit, die gewünschte Persönlichkeit des inneren Teams anzusprechen." Eine abwertende Konfrontation sei dabei tunlichst zu vermeiden. "Ich glaube, um diese Form der sanften Überzeugung kommen wir nicht herum."

Woche 80: Was in der öffentlichen Kommunikation schiefläuft

20. bis 26. September 2021

  • Corona-Ampel nicht mehr rot
  • Vier-Parteien-Aufruf zur Corona-Impfung
  • Impfskeptiker schaffen Landtagseinzug in OÖ
  • 2G-Regel für Nachtgastro und Großevents in Wien

In Portugal beträgt die Impfquote 84 Prozent, in Spanien knapp 80. In Österreich sind gerade einmal 61 Prozent der Bevölkerung gegen Corona geimpft. Was läuft da schief? "Beim Thema Impfen hakt es in der öffentlichen Kommunikation bereits auf der sachlichen Ebene", gibt Alois Kogler zu bedenken. Seit Beginn der Pandemie habe man auf wissenschaftlicher Ebene viel dazugelernt. Was die kommunikative Ebene betrifft, könne man das aber nicht behaupten. "Die Sachinhalte müssen anders verkauft werden", konstatiert der Psychologe und verweist auf das in der Kommunikationstheorie etablierte "Nachrichtenquadrat" von Friedemann Schulz von Thun. Dem Modell zufolge erfolgt menschliche Kommunikation stets auf vier Ebenen: der des Sachinhalts, der der Selbstoffenbarung, der der Beziehung und der des Appells.

»Beim Thema Impfen hakt es in der öffentlichen Kommunikation bereits auf der sachlichen Ebene«

"Jede Aussage, auch die der Politiker, enthält immer alle vier Botschaften", die wiederum beim Empfänger auf, wie es heißt, vier Ohren stoßen. "Das Modell zeigt, wie komplex Kommunikation zwischen Einzelpersonen ist. Und erst recht in der Massenkommunikation", merkt Kogler an. "Es schaut so aus, als könne man einen Sachinhalt klar darstellen", sagt Kogler. Tatsächlich sei das aber nur zum Teil möglich. Zur Veranschaulichung führt der Psychologe folgenden Beispielsatz an: "Die Impfung schützt vor einer schweren Erkrankung". Stimmt. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten muss man allerdings differenzieren und relativieren, haben wir doch verschiedene Impfstoffe, deren Schutzwirkung unterschiedlich hoch ist.

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"Bereits auf der Sachebene haben wir genug Möglichkeiten, einander misszuverstehen", gibt Kogler zu bedenken. Und dann wäre da noch die Sache mit den Genesenen: "Gesundete müssten mit Geimpften gleichgestellt werden", fordert Kogler - sofern bei den einen wie bei den anderen der Antikörperspiegel hoch genug ist. Denn: "Geimpft oder genesen allein heißt noch lange nichts. Wesentlich ist die Anzahl der Antikörper. Das wäre der Sachinhalt. Und dann müsste man schauen, dass die Gruppe der Menschen mit ausreichend Antikörpern in der Bevölkerung vergrößert wird." Was, wenn man niemanden unnötig gefährden will, mit der Impfung zu bewerkstelligen ist.

»Geimpft oder genesen allein heißt noch lange nichts«

Um eine Botschaft nun erfolgreich zu transportieren, müsse man sich inhaltlich wie dialogisch gut vorbereiten. Es geht ums "Was sage ich?" und ums "Wie sage ich es?". Darüber hinaus sollte sich der Dialog stets auf der Sachebene abspielen. Ein schwieriges Unterfangen, ist doch gerade das Thema Impfen ein sehr emotionales. Wobei der Psychologe an dieser Stelle auch die Wissenschaft in die Pflicht nimmt. "Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass es unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisse gibt? Welche Kommunikationsstrategie erfordert die aktuelle Situation? Es ist ein echtes Versäumnis, dass es hier kein allgemeines Konzept für die öffentliche Kommunikation gibt."

Lesetipp: Alltag ist Kommunikation. Und wo Kommunikation, da Missverständnisse und mit ihnen - wohlgemerkt vermeidbare - Probleme. In "Miteinander reden"* zeigt Friedemann Schulz von Thun zeigt, wie wir Kommunikationsfallen aus dem Weg gehen und uns besser verständigen können.

Woche 79: Die ewige Schuldfrage

13. bis 19. September 2021

  • Quarantäneregeln an Schulen gelockert
  • Mit 2.624 Neuinfektionen höchster Wert seit 5 Monaten
  • Erste Operationen wegen Corona-Entwicklung aufgeschoben
  • Kurz stellt 1G für Apres-Ski in Aussicht

"Früher waren es die Hexen, später die Juden", stellt der Psychotherapeut fest. "Was das Thema Schuld betrifft, ist unsere Gesellschaft nicht weit vom Mittelalter oder von der Angstproduktion der Politik der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entfernt." Anstatt mittels umfassender Informationskampagnen jene, die die Corona-Impfung nach wie vor ohne medizinisch fundierte Begründung ablehnen, von der Sinnhaftigkeit derselben zu überzeugen, arbeitet man auf politischer Ebene mit Schuldzuschreibungen. Dieselbe Taktik wird im Übrigen auch dann angewandt, wenn die Gesellschaft ihre Verwirrung über die Corona-Regeln kundtut. Eine Verwirrung, die nicht etwa aufgrund von fehlender Kommunikation zustande kommt, sondern, wie Wirtschaftsministerin Schramböck zuletzt meinte, von "unabhängigen Organisationen und Medien" verursacht werde.

»Früher waren es die Hexen, später die Juden«

"Wenn die Regierung beginnt, Schuldzuschreibungen zu machen, ist das doppelt falsch. Weil sie für die Zustände natürlich mitverantwortlich ist." Und weil Schuldzuweisung "nicht nur ein Zeichen von schlechter Führungskraft, sondern auch von angewandter Kommunikationsahnungslosigkeit" sei, kritisiert Alois Kogler. Wer Schuld verteilt, verunmöglicht, dass man die Gruppe, um die es eigentlich geht - in dem Fall die Impfverweigerer - erreicht. "Formal heißt es vonseiten der Politik: 'Wir müssen die Impfgegner mit ins Boot holen.' De facto bewirkt man mit Schuldzuweisungen aber genau das Gegenteil." Die Betroffenen fühlen sich in ihrer Meinung, die da lautet: "Die Regierung will uns entmündigen und klein halten", bestätigt, wodurch der Widerstand bloß noch größer wird.

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Warum setzt man dennoch auf diese Kommunikationsstrategie? "Schuldzuweisung dient der Verfestigung der Gruppengrenzen. Wenn die Gemeinschaft innerlich zerrissen ist oder sich von einer Katastrophe bedroht fühlt, braucht es einen Sündenbock. Indem eine falsche kausale Verbindung zwischen der Bedrohung und dem Sündenbock hergestellt wird, kann das Übel veräußert und die Gemeinschaft wieder geeint und stabilisiert werden", erklärt der Psychologe. Wer Schuld verteilt, gibt sich selbst das Gefühl, Recht zu haben. Gleichzeitig kommuniziert er nach außen: "Wir sind die Guten." Was das Verfestigen der Grenzen anbelangt, so fährt die Regierung mit ihrer aktuellen Kommunikationsstrategie recht gut. Bedauerlich bloß, dass der Preis die Spaltung der Gesellschaft ist.

»Kurz ist ein perfekter Schuldzuschreiber«

"Kurz ist ein perfekter Schuldzuschreiber", sagt der Psychologe. "Immer sind die anderen schuld." Was dabei allerdings übersehen werde, ist der einzelne Mensch. "Wann immer wir Gruppen definieren, heben wir bestimmte Eigenschaften hervor, während das Individuum in der Typisierung verschwindet." Ebenso übersehen wird, dass in jeder Gruppe dynamische Prozesse ablaufen, die letztlich sogar zu einer Neuorientierung innerhalb derselben führen können. "Hier liegt die kommunikative Chance, Einstellungen zu verändern", merkt Kogler an und betont einmal mehr die Notwendigkeit, mit dem Einzelnen in Kontakt zu treten und zu bleiben. Denn nur so könne man nachhaltig Einfluss auf dessen Einstellung und Verhalten nehmen.

Woche 78: Wie die Regierung die Gesellschaft spaltet

6. bis 12. September 2021

  • Regierung verkündet Drei-Stufen-Plan
  • FFP2-Pflicht für Ungeimpfte im Handel
  • 82 Prozent der Lehrer sind geimpft
  • Zahl täglicher Neuinfektionen übersteigt 2.300

"Du badest aus, was die Ungeimpften anrichten", empört sich eine Lehrerin über den Mehraufwand an Schulen, der durch das regelmäßige Testen entsteht. Ein anderer wettert: "Ich bin geimpft. Und was hab‘ ich davon? Ich muss mich demselben Prozedere unterziehen wie die Ungeimpften." Der Unmut gegenüber Ungeimpften wird immer größer. Wenn Bundeskanzler Sebastian Kurz dann noch von einer "Pandemie der Ungeimpften" spricht, trägt das nicht gerade dazu bei, dass sich die Wogen innerhalb der Gesellschaft glätten. Hierzu zitiert Alois Kogler einen Klienten: "Haben die Politiker keine Experten, die ihnen sagen, wie sie mit den Leuten reden sollen?"

»Eine hundertprozentige Gewissheit gibt es nie«

Während die einen von "Impfzwang" und "alten Nazi-Methoden" sprechen, kritisieren andere, dass die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie "nur wieder halb-halb" sind. "Da kennt sich keiner aus", sagt ein Patient. Wiederum andere hoffen auf die baldige Zulassung eines Totimpfstoffs. "Mit dem würde ich mich sofort impfen lassen", gibt Kogler eine Gesprächspartnerin wieder und kommentiert: "Das ist spannend! Wir vertrauen Dingen, die vor Jahrzehnten in ihren Experimentierstadien selbst viele Tote gefordert haben." Nach wie vor werden die am Markt befindlichen Covid-Impfstoffe kritisch beäugt. Dazu Kogler: "Eine hundertprozentige Gewissheit gibt es nie, dafür aber eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit."

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Und genau das sollten die Regierenden kommunizieren. "Wenn sich jemand wegen genetischer Veränderungen sorgt, muss man in wenigen Sätzen erklären, wie viel Forschung hinter den mRNA-Impfstoffen bereits steckt." Anstatt die Bevölkerung aufzuklären, setzt man aber lieber auf Panikmache - Stichwort "100.000 Tote in Österreich" -, Druck und Schuldzuweisung. Warum das so gut funktioniert? "Weil Österreich stark katholisch geprägt ist", antwortet der Psychologe. Da stößt man mit der Suche nach Fehlern und Sündenböcken stets auf fruchtbaren Boden.

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Die Unsicherheit wiederum, die die aktuelle Situation naturgegeben mit sich bringt, befeuert Gruppenprozesse. "Das Ziel der Gruppe ist es, Sicherheit statt Ungeordnetheit zu gewinnen", erläutert Kogler und zitiert dazu den Biologen Rupert Riedl: "Die Meinungsnorm wird institutionalisiert; ein Sammelsurium von Maximen, Moral, Sprichwortweisheit, Werten, Glauben und Mythen. Sie spart Kraft und Ungewissheit." Mit einem vermehrten Maß an Sicherheit könnte man derartigen Gruppenbildungsprozessen, die letztlich zur Spaltung der Gesellschaft führen, gegensteuern. Die Devise lautet daher: Informieren statt Schuld zuweisen. Vertrauen schaffen statt spalten!

Woche 77: Die Koalition der Wegseher

30. August bis 5. September 2021

  • Zahl täglicher Neuinfektionen übersteigt 1.700
  • Corona-Ampel: Mittlerweile vier Bundesländer orange
  • Experten mahnen zu höherer Durchimpfungsrate
  • Corona-Tests in Wien ab September kürzer gültig

Während die Corona-Zahlen wieder im Steigen begriffen sind, üben sich die Menschen im "synchronen Wegsehen", bringt der Psychotherapeut die derzeitige Situation auf den Punkt. "Die Politik sieht die Zahlen, handelt aber nicht. Die Bevölkerung sieht die Zahlen (vielleicht) nicht und handelt so, als gäbe es sie nicht: Die Leute kommen unkontrolliert aus dem Urlaub zurück, besuchen große Veranstaltungen, meist ohne Maske, auf denen nur ein Teil geimpft, gesundet oder getestet ist. Es ist eine Koalition der Wegseher. Die Leute baden in der Menge und die Politik entscheidet nicht, obwohl sie wissen müsste, was passieren wird." Werfen wir einen Blick auf die Schule.

© APA/Roland Schlager

"In der Pause tummeln sich 100 Schüler in einem schmalen Gang", gibt Kogler die Worte eines Lehrers wieder. Die Schüler freuen sich über ein Wiedersehen. Es sei verständlich, dass sie die Nähe genießen, die Köpfe zusammenstecken und miteinander tratschen wollen. In den Klassen ist die Situation kaum besser. "Ich unterrichte in einer relativ alten Schule. Es sitzen 30 Schüler in einer kleinen Klasse. Da ist kein Platz für Abstand. Wie Heringe in der Dose. Die Hälfte von ihnen ungeimpft. Na, was wird da passieren?", zitiert Kogler eine Lehrerin. "Die ersten vier Wochen werden wie im Vorjahr ablaufen und dann werden wir wieder Homeschooling haben", prognostiziert ein Kollege.

» Es sitzen 30 Schüler in einer kleinen Klasse. Da ist kein Platz für Abstand. Wie Heringe in der Dose«

Gleichzeitig kommt es in der Bevölkerung zunehmend zur Demoralisierung. Nicht, wie letzte Woche beschrieben, im Sinne des Erstarkens von Kampfgeist. Im Gegenteil. Kogler spricht von einer "fatalistischen Hinnahme" der aktuellen Gegebenheiten. Er berichtet von einer Frau, deren Mutter herz- und lungenkrank ist. "Sie hat seit Beginn der Pandemie tapfer für die Einhaltung aller nötiger Regeln gekämpft, hat Abstand gehalten und sich impfen lassen", erzählt die Tochter. "Jetzt sagt sie: 'Wenn ich Corona bekomme, ist es Schicksal. Dann krieg ich es halt.'" Woher kommt diese Einstellung? Und wie lässt sie sich ändern?

"Zwischen einer Situation und einer Reaktion darauf liegt der zentrale Prozess der Bewertung", erklärt der Psychotherapeut. "Je nach Bewertung entstehen positive, negative oder neutrale Gefühle samt den zugehörigen Körperreaktionen und Verhaltensweisen." Bewerten wir eine Situation als gefährlich, wird Angst oder Wut aktiviert. Wir reagieren mit Flucht oder Angriff. Bewerten wir etwas als ungerecht, folgt Wut, die wir entweder in uns hineinfressen oder die uns dazu veranlasst, uns zu wehren. Bewerten wir etwas als hoffnungs- und aussichtslos, stellen sich depressive Gefühle ein. Wir werden antriebslos und nehmen die Situation als gegeben hin.

»Die Bewertung einer Situation ist der Dreh- und Angelpunkt für Gefühle, Körperreaktionen und Verhaltensweisen«

"Die Bewertung einer Situation ist der Dreh- und Angelpunkt für Gefühle, Körperreaktionen und Verhaltensweisen", fasst Kogler zusammen. Um nun aus besagter fatalistischer Haltung herauszukommen und neuen Kampfgeist zu entwickeln, braucht es einerseits den Willen der betroffenen Person, anderseits die Unterstützung durch andere, die den Betroffenen aufbauen, motivieren und ihn dazu bringen, die Situation wieder als bewältigbar wahrzunehmen. "Letztlich ist das ein positiver Prozess. In Zeiten von Corona wir viel mehr diskutiert und motiviert als in Nicht-Krisenzeiten. Das bringt die Leute zusammen."

Woche 76: Jetzt ist Handeln angesagt!

23. bis 29. August 2021

  • Täglich bis zu 1.600 Neuinfektionen
  • Corona-Ampel: Österreich gelb, Wien orange
  • Verschärfungen in Gemeinden an Impfrate gekoppelt

"In Krisensituationen, wie Corona eine ist, kommt es oft zur Demoralisierung", weiß Kogler. Diese geht beim Individuum einher mit dem Verlust des Selbstwertgefühls, dem Erleben von persönlicher Unfähigkeit, von Entfremdung, Hoffnungs- und Hilflosigkeit. Der Betroffene fühlt sich niedergeschlagen und wertlos, empfindet Resignation und mitunter auch Furcht vor der Zukunft. Daraus wiederum erwächst eine pessimistische Grundhaltung. Was also tun, wenn man sich schwach und handlungsunfähig wähnt. Der Verhaltenstherapeut liefert die Antwort: Handeln! Und beschreibt dies anhand der Gruppe der Genesenen.

»In Krisensituationen kommt es oft zur Demoralisierung«

Die aktuelle Studienlage legt nahe, dass Genesene mindestens ebenso gut vor einer Infektion geschützt sind wie Geimpfte. Wie eine Ende August als Preprint veröffentlichte Studie zeigt, ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei Geimpften um ein Vielfaches höher ist als bei Genesenen. NEOS-Gesundheitssprecher Gerald Loacker fordert den vermehrten Einsatz von Antikörpertests und die Gleichbehandlung von Genesene und Geimpften. Auch die Virologin Dorothee van Laer sieht aus medizinischer Sicht keinen Anlass, zwischen Genesenen und Geimpften zu unterscheiden, wie sie bei einer Pressekonferenz Anfang August sagte.

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Dennoch ist immer häufiger von der 1G-Regel die Rede, während sich unter den Genesenen zunehmend Ärger, Frustration und schließlich ein Gefühl der Resignation breit machen. Was also tun, um aus dieser Spirale der Hilflosigkeit herauszukommen? Kogler empfiehlt eine "vorsichtig optimistische Perspektive": Gerade dann, wenn die Umstände schwierig seien, gelte es, die Realität positiver zu sehen, als sie ist. Diese "Verschönerung der Wirklichkeit" sei, wie bereits der Psychologe Frederick H. Kanfer beschrieb, die Grundlage einer "optimistisch 'gesunden' Lebenshaltung", die folgende Elemente beinhaltet:

  1. Die Anerkennung der Realität - in dem Fall der Tatsache, dass man als Genesener durch die 1G-Regel benachteiligt werden würde.
  2. Die Verzerrung der Realität in der Hinsicht, dass man sie als positiver und bewältigbar sieht, nach dem Motto: "Ich kann etwas verändern!"
  3. Persönliches Handeln, zum Beispiel durch aktive Aufklärung, die Suche nach Gleichgesinnten oder gar juristischem Beistand.

Das Wissen um und das Vertrauen in die eigene Problemlösekompetenz motiviert den Menschen zum Handeln. Auf diese Weise lassen sich positive Ressourcen reaktivieren und die Demoralisierung, die Unzufriedenheit und Resignation abbauen. "Aus einer Situation der Schwäche und Benachteiligung wird ein Verhalten der Stärke und Selbstermächtigung", beschreibt Kogler. Wir begreifen, dass wir etwas verändern können. Damit schaffen wir positive Gefühle für uns selbst. Und aus der pessimistischen Grundhaltung wird schließlich psychologisches Wohlbefinden.

Woche 75: Können wir die Krise lösen?

16. bis 22. August 2021

  • Gratis "Wohnzimmertests" nur noch bis Ende Oktober
  • Rund ein Drittel aller Corona-Fälle auf Reisen rückführbar
  • Spanien erklärt fast ganz Österreich zum Risikogebiet

Unser Gehirn leistet Unvorstellbares. Es arbeitet immerfort, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst sind. "Es rechnet, vergleicht und erwartet", so Kogler. Und dennoch stehen wir immer wieder vor scheinbar unlösbaren Problemen - so wie jetzt in der Corona-Krise. Weil unser Gehirn, so leistungsstark es auch ist, "mit einer Fülle von Mängeln ausgestattet ist", wie der Psychologe erklärt. Einer davon liegt laut dem Biologen Rupert Riedl in der Simplifikation des Komplexen: "In der Meinung, dass das, was sich vereinfacht vorstellen lässt, tatsächlich so einfach sei." Normen bilden die Basis unseres Denkens. Sie geben uns Sicherheit, schränken uns aber gleichzeitig ein.

»Unser Gehirn ist sehr beschränkt«

Eine weitere Unzulänglichkeit unseres Gehirns ist die Annahme, "dass die Welt linear abläuft. Probleme sind aber meist exponentieller Natur. So auch bei Corona." Der Mensch sei nicht in der Lage, vernetzte Vorgänge zu denken. "Weil die Sprache linear ist", erklärt der Psychologe. "Wir können nicht mehrere Dinge gleichzeitig denken. Wir vermögen nicht einmal zwei einfachen Zahlenreihen gleichzeitig zu folgen." Man versuche nur einmal auf dem Heimweg Menschen und Autos getrennt voneinander zu zählen. Sobald die Anzahl der gezählten Individuen bzw. Objekte die unserer Finger überschritten hat, werden wir kläglich scheitern. "Unser Gehirn ist sehr beschränkt."

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Dann wäre da noch die Tatsache, dass wir unsere Vorurteile für die Realität halten. Je älter und gewohnter Erstere sind, desto sicherer sind wir uns unserer Sache. "Man kennt die Vorurteile als Einstellung und Überzeugung", führt Kogler aus. Mit der Folge, dass wir vorrangig das sehen, was wir zu sehen erwarten. So wie die Normen, die wir wie eine Schablone über unsere Wahrnehmung legen, schränken uns auch unsere Vorurteile ein. Gleichzeitig brauchen wir sie, um schnell zu einer Lösung zu kommen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten für eine simple Entscheidung stets sämtliche Informationen einholen und alle Vor- und Nachteile abwägen. Kogler spricht hier von einem "Ersatz fürs Nachdenken".

Haben wir schließlich eine Entscheidung getroffen, die wir für gut befinden, fühlen wir uns bestätigt. "Wir gewinnen Selbstsicherheit und Kontrolle. Wir glauben, die Situation zu beherrschen - und das wollen wir ja." Dem Psychologen zufolge läge es nun an uns, eine gewisse Toleranz für Widersprüche zu entwickeln, salopp formuliert, nicht alles über einen Kann zu scheren. Immerhin wird nicht mehr das ganze Land zugesperrt, wenn sich in Teilen Österreichs Corona-Fälle häufen. Darüber hinaus gab und gibt es stets Menschen, die bestehende Normen hinterfragen und so zu neuen Lösungen kommen, die jene ablösen, die nicht mehr funktionieren. So beschränkt unser Gehirn in mancher Hinsicht auch sein mag, liegt es letztlich doch in seiner Natur, die eigenen Grenzen zu überwinden.

Woche 74: Zwischen Freiheit und Sicherheit

9. bis 15. August 2021

  • Rund 1.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden
  • Strengere Regeln für Ungeimpfte gefordert
  • Verschärfte Corona-Maßnahmen in Osttirol

Im menschlichen Organismus laufen unzählige Programme ab. Und das ist gut so. Anderenfalls würden wir - im übertragenen wie im wortwörtlichen Sinn - im Leben nicht weiterkommen. Kogler veranschaulicht dies anhand eines Beispiels, beschrieben durch den Biologen Rupert Riedl: "Schon bei einem bloßen Bewegungsablauf, der mit einer Reihenfolge von nur 16 Positionen funktioniert, sind (…) zwanzig Billionen Kombinationen möglich." Nun könnte der Mensch durch Versuch und Irrtum die für den Bewegungsablauf notwendigen Kombinationen erarbeiten, würde hierfür bei einer Lebensdauer von 80 Jahren aber zwölfeinhalb Leben brauchen.

»Die Programme sind enorm wichtig, gleichzeitig aber auch sehr einschränkend«

"Selbst bei einer Geschwindigkeit von tausend Entscheidungen pro Sekunde", so Riedl, wären "tausend Jahre erforderlich", um beispielsweise einen Schritt zu setzen. "Ein Programm benötigt dagegen nur rund fünfzig Entscheidungen und schaltet dieselbe Bewegung in fünf Hundertstelsekunden". Diese automatisierten Prozesse haben, so Kogler, "einen hohen evolutionären Sinn. Ohne sie würden viele Verhaltensweisen ins Leere laufen. Die Programme sind enorm wichtig, gleichzeitig aber auch sehr einschränkend." Ein anderes Beispiel: das Kindchenschema, das in die Kategorie der sogenannten angeborenen Auslösemechanismen fällt.

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Beim Anblick des kleinen Wesens mit dem großen Kopf, der hohen Stirn und den großen, runden Augen können wir gar nicht anders, als uns ihm liebevoll zuwenden. Manch ein Erwachsener wendet gewisse Schemata auch bei seinesgleichen an. Kogler berichtet von einem Klienten, der auf der Suche nach einer Partnerin ausschließlich nach schlanken Blondinen Ausschau hielt - und damit seine Chance auf eine innige Beziehung minimierte, schränkt ein derartiges Schema die Anzahl potenzieller Kandidatinnen doch stark ein. So vereinfachen derartige Programme zwar unsere Welt, gleichzeitig beschneiden sie uns aber in unserer Freiheit und in unserer Persönlichkeitsentwicklung.

Was das Ganze mit der aktuellen Situation zu tun hat? "Corona ist das Paradebeispiel für all das", erklärt der Verhaltenstherapeut. Zum einen eröffnet sich hier eine eigene Welt der Symbole. Das Virus als Stellvertreter für Krankheit und Verderben, die Maske als Symbol des Schutzes und der Sicherheit. Zum anderen wird die Thematik "Sicherheit versus Freiheit" jetzt heißer denn je diskutiert. Viele Menschen erhoffen sich durch die Impfung wieder mehr Freiheiten, einige würden hierfür sogar eine Einschränkung der Wahlfreiheit in Kauf nehmen. Andere wiederum verzichten auf die Sicherheit per Injektion zugunsten der Selbstbestimmung, während sie sich der Frage widmen: Wie weit darf der Staat zum Schutz der Gesellschaft in die Freiheit des Einzelnen eingreifen?

Woche 73: Die gespaltene Gesellschaft

2. bis 8. August 2021

  • Österreich rüstet sich für dritte Corona-Impfung
  • Ärztekammer-Präsident für Ende der Gratis-Tests
  • Ferien- und Urlaubsreisen "Haupttreiber" für Corona
  • Fast die Hälfte aller Corona-Infektionen betrifft Jugend

"Österreich ist in politischer Hinsicht ein gespaltenes Land." Dieser Aussage stimmen einer Umfrage der "Kleinen Zeitung" zufolge 52 Prozent der Österreicher zu. Die Ursache der Spaltung liegt den Befragten zufolge in erster Linie in den zur Bekämpfung der Pandemie gesetzten Maßnahmen. Die Corona-Impfung spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. 50 Prozent sind allerdings auch davon überzeugt, dass die Menschen "nach der Krise wieder zusammenfinden" werden. "Gäbe es nicht die Zwei auf der Welt, sie sähe womöglich ganz anders aus, doch schwer ist es, sich das vorzustellen", zitiert Kogler die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarcuk.

"Die Zwei", das sind in dem Fall die widersprüchlichen Denkansätze in puncto Corona. Dazu Kogler: "Wir bejammern das, was wir selbst befeuern. Wir wünschen, dass die anderen unsere Meinung - und damit unsere Vorstellung, wie die Welt zu funktionieren hat - übernehmen", und schaffen dadurch bloß einen noch tieferen Graben. "Die einen werfen den anderen Hysterie und ein Zuviel an Solidarität vor, die anderen werfen den einen kühles Kalkül und egoistisches Verhalten vor", bildet der Psychologe die Debatte zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern ab. Die einen argumentieren mit dem Schutz der Gesellschaft, die anderen mit dem Recht auf Selbstbestimmung.

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Und dann gibt es Kogler zufolge noch eine dritte Gruppe. Sie "wünschen sich, dass der allgemeinen Hysterie auf beiden Seiten Einhalt geboten wird, während sie sich selbst hysterisch gebärden". Man müsse zu einer einheitlichen Meinung kommen, damit der "Zirkus der Selbstdarsteller", wie es ein Patient nennt, "endlich aufhört". Gleichzeitig äußert er den Wunsch nach einem "starken Mann", der endlich für "Einheit und Ruhe" sorgt. "Das Streben nach Nicht-Spaltung kommt aus einem tiefen Bedürfnis nach Sicherheit und Gleichgewicht", weiß der Psychologe, dem zufolge Gegensätze in Krisenzeiten ganz besonders deutlich hervortreten. Was aber nichts Schlechtes ist. Im Gegenteil.

"Die Gegensätze sind die Treiber der Evolution. Und wir Menschen sind es, die die Welt täglich neu erschaffen - mit unseren Widersprüchen." Wer sich Einheit wünsche, verstehe nicht, dass jede Gesellschaft die aus den Widersprüchen hervorgehende Unruhe brauche. Nur so könne sie sich weiterentwickeln. Folglich ginge es gar nicht darum, einen allgemeinen Konsens zu finden. Vielmehr sollten die Menschen dem Verhaltenstherapeuten zufolge lernen, die unterschiedlichen Positionen zu akzeptieren, zu verstehen, und Wege finden, wie man sie - und damit die Gesellschaft - weiterentwickeln könne.

Woche 72: Der soziale Vergleich ist omnipräsent

26. Juli bis 1. August 2021

  • Teils mehr als 500 Corona-Neuinfektionen täglich
  • Salzburg bleibt auf der Corona-Ampel orange
  • Testpflicht für geimpfte Schulkinder soll fallen
  • Mehrheit für Impfpflicht in Gesundheitsberufen

Vergleichen Sie sich mit anderen? Wenn Ihre Antwort auf diese Frage mit Ja ausfällt, dann liegen Sie absolut in der Norm. "Der soziale Vergleich war immer schon vorhanden", weiß Alois Kogler. Davon zeugen etwa jahrtausendealte Grabbeigaben, die selbst nach so langer Zeit eindeutige Schlüsse auf die soziale Stellung des Verstorbenen zulassen. Dem deutschen Archäologen Hermann Parzinger zufolge liegt der Ursprung des sozialen Vergleichs aber noch viel weiter zurück. Genau genommen nahm er seinen Anfang mit dem aufrechten Gang, der die Hände unter anderem für die Gewinnung und Aufarbeitung von Nahrung und die Herstellung und den Gebrauch von Werkzeugen freimachte.

"Spätestens da musste man sich mit anderen vergleichen", sagt Kogler. Immerhin wollte man ja die Lebensverhältnisse optimieren, um das Überleben zu sichern. Wer stellte also die besseren Werkzeuge her? Wer brachte mehr Nahrung nach Hause? Wer beschützte die Nachkommenschaft besser? Damals wie heute erfolgt diese Art von sozialem Vergleich automatisiert und unbewusst. "Auf diese Weise lernt der Mensch, mit Unterschieden umzugehen." Dem Psychologen zufolge eine wesentliche Voraussetzung fürs Überleben. Denn könnten wir - vereinfacht gesagt - gefährlich von ungefährlich nicht unterschieden, wäre es bald um uns geschehen.

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Wir müssen demnach Unterschiede erkennen und lernen, mit ihnen umzugehen. "Gerade jetzt merken wir das ganz deutlich", sagt Kogler mit Blick auf die Coronakrise, die tagein, tagaus neue Regeln bringt. Was gestern noch gegolten hat, kann morgen schon wieder passé sein. Im Grunde genommen geht es auch hier um nichts anderes als ums Überleben. Denn auch wenn wir uns in der glücklichen Lage befinden, auf ein gut funktionierendes Gesundheitssystem und andere Systeme der sozialen Absicherung zurückgreifen zu können, ist Unsicherheit doch "ein integraler Bestandteil unserer Welt". Was wir auch tun, eine gewisse Unsicherheit wird sich nie eliminieren lassen.

»Nur im sozialen Vergleich erkenne ich, wer ich bin«

In einer Welt voller Unsicherheiten gibt der soziale Vergleich Klarheit und Sicherheit. Zudem hilft er, sich selbst zu definieren. "Nur im sozialen Vergleich erkenne ich, wer ich bin", erklärt der Verhaltenstherapeut. Gehöre ich der Gruppe jener an, die die Impfzentren mit wehenden Fahnen stürmt, oder der derer, die der ganzen Sache etwas verhaltener gegenübersteht? Halte ich mich an die Corona-Maßnahmen oder nehme ich sie nur dann genau, wenn ich weiß, dass eine Strafe droht? So oder so ist der soziale Vergleich stets mit Emotionen verbunden. Was man nicht zuletzt an den hitzigen Debatten erkennen kann, die sich jene Gruppen liefern, die sich während der Pandemie herauskristallisiert haben.

Woche 71: Wie wir (aus der Krise) lernen

19. bis 25. Juli 2021

  • 95 % der Neuinfektionen durch Delta-Variante
  • Strengere Regeln für die Nacht-Gastro
  • Mückstein für PCR-Testpflicht für Reiserückkehrer

Ob es uns passt oder nicht: Corona hat uns alle verändert. Weil wir durch die Krise gelernt haben. "Manche bewusst, andere automatisiert. Manche diszipliniert, andere chaotisch. Manche nach Plan, andere per Versuch und Irrtum", führt der Verhaltenstherapeut aus. In Zusammenhang mit der Pandemie mag der Lerneffekt besonders stark aufgefallen sein - weil wir auf sie fokussieren und sie uns alle betrifft. Tatsächlich lernen wir aber permanent - auch ohne Corona. Wir merken es meist nur nicht. "Lernen ist ein hochautomatisierter Prozess", erklärt Kogler. Gleichzeitig ist es "der komplexeste Vorgang im menschlichen Körper. Er betrifft sämtliche Regionen des Gehirns und wirkt bis in die einzelnen Zellen hinein."

»Lernen ist der komplexeste Vorgang im menschlichen Körper«

Wie funktioniert nun dieser Prozess? "Der Mensch sucht stets nach Ordnungsprinzipien. Denn die Welt ist nach wie vor undurchschaubar, chaotisch und vor allem gefährlich. Gefahr ist seit jeher Begleiter der menschlichen Existenz." Das Coronavirus ist nur ein Beispiel von vielen, die derzeit gehäuft auftretenden Unwetterkatastrophen ein anderes. Bestimmte Handlungen sollen dabei helfen, die Gefahr zu bannen. An die jeweilige Handlung ist dabei stets eine Erwartung geknüpft. Tritt die Erwartung ein, sprich führt die Handlung zum gewünschten Erfolg, so werden wir sie, wenn die Situation es erfordert, wiederholen. Auf diese Weise werden verschiedenste Ereignisse miteinander verknüpft.

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Nun kommt es aber auch immer wieder vor, dass sich die äußeren Umstände verändern und wir mit einem Verhalten, mit dem wir bisher gut gefahren sind, nicht mehr an unser Ziel kommen. Hier ist Flexibilität gefragt. Ein neues Verhalten - wiederum geknüpft an eine Erwartung - wird erprobt. "Das Verhalten wird in der ständigen Interaktion mit der Umwelt Schritt für Schritt modelliert", ergänzt Kogler. Ein Beispiel: Zu Beginn der Pandemie hieß es, man solle Mundnasenschutz tragen, einerlei aus welchem Material. Bald kam man drauf, dass der Einsatz der Stoffmasken nicht den gewünschten Effekt bringt, also sattelte man auf FFP2 um. Ähnlich verhielt es sich mit anderen Maßnahmen.

Und auch für unseren Alltag haben wir die eine oder andere Erkenntnis mitgenommen. "Möglicherweise haben wir gelernt, auf mehr Lebensqualität zu achten." Gerade in der Urlaubszeit haben sich viele auf die Schönheit ihres Heimatlandes besonnen. Manch einer hat hat - zumindest vorübergehend - dem Massentourismus eine Absage erteilt. Zumal wir erkannt haben, welch positiven Effekt der durch die Krise erzwungene vorübergehende Stillstand auf unsere in Mitleidenschaft gezogene Umwelt hat. "Viele Lernprozesse wurden schon vor Corona in Gang gesetzt. Einige hat die Krise beschleunigt." Und was haben Sie aus der Krise gelernt?

Woche 70: Kein Sommer wie damals

12. bis 18. Juli 2021

  • Erneute Steigerung der Neuinfektionen
  • Kein Grün mehr auf Corona-Ampel
  • Verordnung zu neuen Restriktionen erlassen
  • England hebt fast alle Corona-Maßnahmen auf

Mittlerweile sind bereits 90 Prozent der Neuinfektionen in Österreich auf die hochansteckende Delta-Variante zurückzuführen. "Diese Entwicklung ist für mich Anlass zu Sorge und Vorsicht", mahnte Gesundheitsminister Mückstein. Von Vorsicht ist im öffentlichen Raum im Moment allerdings nicht allzu viel zu sehen. Die Menschen erfreuen sich der mehr oder weniger sorglosen Sommertage. Fast so, wie in alten Zeiten. Ein "Sommer wie damals" werde es, so Kogler, aber wohl nicht mehr werden. Warum? "Weil die Menschen eben Menschen sind." Während die einen weiterhin Vorsicht walten lassen, genießen die anderen die wiedergewonnene Freiheit in vollen Zügen. Und das, obwohl die Infektionszahlen erneut im Steigen begriffen sind.

»Ein 'Sommer wie damals' wird es nicht mehr werden. Weil die Menschen Menschen sind«

Ursache für diese Entwicklung sind dem Psychologen zufolge die im menschlichen Gehirn verankerten Verhaltensweisen. "Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg", zitiert Kogler den britischen Schriftsteller und Staatsmann Benjamin Disraeli. Der Mensch ist ein Lernwesen. Und genau das wird ihm, wenn man so will, jetzt zum Verhängnis. Er strebt stets nach Wohlgefühl. Im Laufe seines Lebens hat er gelernt, welches Verhalten Befriedigung bringt - und welches nicht. Die Verknüpfung eines bestimmten Verhaltens mit einer bestimmten Konsequenz - positiv wie negativ - hinterlässt Spuren im Gehirn. Synapsen werden gebildet und mit jedem Mal, wenn das entsprechende Verhalten mit der entsprechenden Konsequenz kombiniert auftritt, verstärkt.

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Mit anderen Worten: Einmal Gelerntes lässt sich nur schwer wieder verlernen. "Natürlich gehen die Leute jetzt feiern", folgert der Verhaltenstherapeut. Weil die verfestigten Verknüpfungen so stark sind. Weil wir gelernt haben, dass die ausgelassene Zusammenkunft mit Menschen, die uns lieb sind, positive Gefühle weckt. Also tun wir, womit wir uns wohlfühlen - auch wenn die aktuellen Entwicklungen möglicherweise ein anderes Verhalten erfordern. Um angemessen auf eine neue Situation reagieren zu können, müsste der Mensch neue Verbindungen von Verhalten und Konsequenz erlernen. "Dann bilden sich auch neue Gefühle", ergänzt Kogler.

»Natürlich gehen die Leute jetzt feiern«

Ein Umlernen ist demnach möglich. Durch Veränderung der Gesellschaftsstruktur, der Regeln, durch technologische Veränderungen. Als Beispiel führt Kogler den Stellenwert des Autos in unserer Gesellschaft an. "Das Auto hat enorm beigetragen zu einem Freiheitsgefühl. Für viele ist es nach wie vor unvorstellbar, kein Auto zu besitzen. Der tiefe Konnex zwischen Auto und Freiheit kann nur aufgelöst werden, indem neue praktische Möglichkeiten der Mobilität und auf diese Weise neue Gemütswelten geschaffen werden." Verändern sich die Rahmenbedingungen, verändert der Mensch auch sein Verhalten. Das kann allerdings dauern.

Woche 69: So entwickeln wir uns weiter

5. bis 11. Juli 2021

  • Bereits 4 Millionen Corona-Tote weltweit
  • Zahl der Corona-Neuinfektionen in Österreich steigt wieder
  • Regierung hält an Öffnungen fest
  • Kurz mahnt Eigenverantwortung in Pandemie ein
  • Ibiza-U-Ausschuss wurde zum Corona-Cluster

Einmal mehr sorgen widersprüchliche Botschaften in puncto Corona für Verwirrung. Während in Großbritannien die Infektionszahlen in die Höhe schnellen und Spanien von Deutschland zum Risikogebiet erklärt wurde, erfreut man sich in Österreich an der wiedergewonnenen Freiheit. "International gesehen ist es ein einziges Kuddelmuddel", stellt Kogler fest. Für hitzige Diskussionen sorgt auch das Thema Impfen von Jugendlichen. Dem Robert-Koch-Institut zufolge müssten sich mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Älteren impfen lassen, um die hoch ansteckende Delta-Variante unter Kontrolle halten und so eine vierte Infektionswelle abfedern zu können. Von Zahlen wie diesen ist man in Österreich weit entfernt.

»Mithilfe kleiner Angebote will man Menschen zu einem bestimmten Verhalten anregen«

Wie wäre es nun möglich, eine derart hohe Impfquote zu erreichen? Der Psychologe spricht vom sogenannten Nudging. Der Begriff stammt aus der Verhaltensökonomie und bedeutet so viel wie Anstoßen, Stupsen. "Mithilfe kleiner Angebote will man Menschen zu einem bestimmten Verhalten anregen", erklärt Kogler. Den Herren unter den Lesern ist vielleicht das winzige Fußballtor im Pissoir bekannt - ein typisches Beispiel für Nudging im Alltag. Und auch in der Bekämpfung der Pandemie kommt die besagte Methode zum Einsatz. "In den USA stellt man beispielsweise Impfbusse auf Parkplätzen, an Seen oder Freibädern, vor Schulen oder Einkaufzentren auf. Impflotterien sollen die Ängstlichen, Zögerlichen zu Impfwilligen machen."

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"Der Punkt ist der, dass wir uns gemeinsam weiterentwickeln", führt der Psychologe weiter aus und spricht von der sogenannten Ko-Evolution der Gegner. Indem sich eine kleine Gruppe der allgemeinen Empfehlung, sich impfen zu lassen, widersetzt, ist die weitaus größere Gruppe der Impfwilligen gefordert, sich zu überlegen, wie sie Erstere umstimmen kann. "In Gruppenprozessen ist jedes Gruppenmitglied sowohl potenzieller Empfänger als auch potenzielle Quelle von sozialer Einflussnahme", mit der nicht nur das Ziel verfolgt wird, soziale Kontrolle zu üben, sondern auch soziale Veränderung herbeizuführen. "In diesem gegenseitigen Prozess der Einflussnahme werden immer Konflikte erzeugt, aber auch gelöst."

Beim Individuum führt der Prozess zu Unsicherheit, Unruhe, Verärgerung und gegenseitiger Kritik. Die Lösung dieser Unruhe liegt dem Psychologen zufolge in der Konfliktbewältigung. Wie diese vonstattengeht, hängt davon ab, wie sich die einzelnen Personen verhalten. Wichtig dabei sei die Bereitschaft, sich für den eigenen Standpunkt einzusetzen, die Fähigkeit der autonomen und unabhängigen Urteilsbildung sowie Konsistenz im Sinne von Stabilität. Manch einer behauptet nun, Diskussionen wie etwa die zum Thema Impfen spalten die Gesellschaft. Dass es unterschiedliche Meinungen gibt, ist aber vielmehr naturgegeben und nicht zuletzt eine Voraussetzung für Innovation. "Gebe es keine Gegner, würde man sich auch keine neuen Lösungen überlegen. So - und nur so - kommen wir weiter."

Woche 68: Die Bedeutung der Maske

28. Juni bis 4. Juli 2021

  • Wiedereröffnung der Nacht-Gastronomie
  • Mund-Nasen-Schutz ersetzt vielerorts die FFP2-Maske
  • WHO warnt vor weiterer Infektions-Welle in Europa
  • Corona-Infektionszahlen steigen weltweit wieder
  • Wien setzt im Alleingang auf schärfere Maßnahmen

Wer ein Gasthaus besucht oder zum Friseur geht, darf das seit 1. Juli ohne Maske tun. In anderen Bereichen des öffentlichen Lebens wird die FFP2-Maske vom Mund-Nasen-Schutz abgelöst. Das freut viele und ärgert andere. "Die Maske war die ganze Zeit über ein gesellschaftliches Kampfthema", weiß der Psychologe. Als man sie tragen musste, sträubten sich einige mit aller Kraft gegen sie. Und jetzt, da man sie nicht mehr tragen muss, findet sich manch einer, der sie partout nicht ablegen will. Was steckt hinter dem Festhalten an der Maske? Auf der einen Seite kann man sich hinter einer Maske wunderbar verstecken. Auf der anderen hebt sie ihren Träger hervor, erklärt Kogler.

»Die Maske ist ein kostengünstiges und allgegenwärtiges Hilfsmittel, Aufregung zu erzeugen«

Im aktuellen Kontext dient die Maske als "eine Form des Widerstands gegen die Gleichmacherei". Wer jetzt Maske trägt, fällt auf. Und noch mehr: "Die Maske ist ein kostengünstiges und allgegenwärtiges Hilfsmittel, Aufregung zu erzeugen." In gewisser Weise vermittelt sie auch Stärke. Einerseits physische, denn wer hart im Nehmen ist, hält die Maske auch bei sommerlichen Temperaturen aus, anderseits soziale, nach dem Motto: "Die anderen können mich ruhig schief anschauen. Mir ist das egal. Ich gehe nicht mit der Masse." In diesem Sinne verleiht uns die Maske zusätzliche Bedeutung. Sie unterstreicht eine besondere Facette unserer Persönlichkeit.

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Kulturhistorisch gesehen erfüllt die Maske den Zweck, ihren Träger in eine andere Figur zu verwandeln. So maskierte sich der Mensch schon in grauer Vorzeit. Damals, um sich als Jäger die Stärke des gejagten Tieres anzueignen. Die Maske verwandelt ihren Träger - und bleibt selbst in einer sich stetig verändernden Welt gleich. "Die Maske ist eine Konstante in all den Veränderungen", erklärt Kogler, bezogen auf die Ausführungen von Elias Canetti, der die Maske als "Rettung aus der unaufhörlichen Fluidität der Verwandlung" beschrieb: "Die Maske ist eben das, was sich nicht verwandelt, was unverwechselbar und dauerhaft ist." Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie ablegen dürfen.

»Eine lautstarke Gruppe wird die Maske weiterhin als Instrument benützen, um auf sich aufmerksam zu machen«

Die Maske schützt also nicht nur vor dem Virus, sondern, wenn man so will, auch vor Veränderung. Sie verdeckt und hebt gleichzeitig hervor. "Für manche wurde die Maske in Zeiten von Corona auch zum Objekt des Hasses", merkt Kogler an. "Zum Symbol der Unterdrückung", wurde den Regierenden mitunter doch nachgesagt, mit der Einführung der Maskenpflicht still und heimlich die Freiheitsrechte der Bevölkerung untergraben zu wollen. Verliert das Coronavirus, so hoffen wir zumindest, eines Tages nun seinen Schrecken, so wird die Maske doch Thema bleiben. "Eine lautstarke Gruppe wird sie weiterhin als Instrument benützen, um auf sich aufmerksam zu machen", prognostiziert der Psychologe.

Woche 67: Was ist "krank"?

21. bis 27. Juni 2021

Corona scheint eine Sommerpause einzulegen. Von einer Pandemie ist derzeit kaum etwas zu spüren und die Regierung beschließt weitere Öffnungsschritte. War es das? Haben wir das Virus besiegt? Wir hoffen es, obgleich uns eine leise Vorahnung beschleicht, dass sich im Herbst das Blatt noch einmal wenden könnte. Was so oder so bleiben wird, ist das Thema "Mensch in der Krise", prognostiziert Kogler. "Millionen Menschen haben in den letzten knapp eineinhalb Jahren schwere Erfahrungen durchlebt." Mit oft schweren Folgen. Einer Untersuchung der Donau-Universität Krems zufolge hat sich die Häufigkeit von depressiven Erscheinungen von fünf auf rund 25 Prozent verfünffacht.

Auch interessant: Daran erkenne ich eine Depression

Der Anstieg ist enorm. Doch: "Wer beziehungsweise was ist krank?", stellt Kogler in den Raum. Ist eine Person, die aufgrund der Corona-Krise ihre Existenzgrundlage sowie jegliche Hoffnung verloren hat und infolge dessen psychisch schwer getroffen ist, krank? "Es gibt keine klaren Differenzierungen zwischen gesund und krank", merkt der Psychologe an. Eine Depression ist eine schwere Krankheit. Keine Frage. Eine Person, die unter einer Depression leidet, ist krank - aber eben nicht nur. "Wir müssen immer daran denken, dass eine Person mehr als ihre Diagnose ist." Dass ein Mensch nicht nur aus seiner Krankheit besteht, sondern aus vielen individuellen Eigenarten, die ihn ausmachen.

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Der Soziologe Aaron Antonovsky etwa spricht in diesem Zusammenhang von der sogenannten Salutogenese, der zufolge man den Menschen auf einem Kontinuum zwischen krank und gesund betrachten müsse. Das Kernstück der Salutogenese bildet das Kohärenzgefühl, das unter anderem die Überzeugung beschreibt, das eigene Leben bewältigen zu können. Damit wird der Fokus nicht nur auf die Krankheit, sondern auch auf die inneren Kräfte gerichtet, mit deren Hilfe der Betroffene Belastungen meistern kann. Der Psychologe Frederick Kanfer wiederum entwickelte die Selbstmanagement-Therapie, in der er konkrete Schritte beschreibt, wie man seine Kräfte neu entwickeln und sein Leben aktiv gestalten kann.

»Manche fürchten sich vor Schizophrenen. Andere ekeln sich vor Depressiven«

"Dieses Konzept ist weit entfernt von bloßer Symptombekämpfung", betont Kogler. "Es geht um Sinnhaftigkeit und Werte." Werte, die uns in der heutigen Zeit manchmal abhanden zu kommen scheinen. "Manche fürchten sich vor Schizophrenen. Andere ekeln sich vor Depressiven", weiß der Therapeut. Letztere ließen sich gehen, "kümmern sich um nichts mehr. Das sind keine Menschen mehr, vor denen graust mir", gibt der Psychologe die Worte eines Klienten wieder und ergänzt: "Für ihn ist ein Mensch nur dann ein Mensch, wenn er sein Leben leistungsorientiert gestaltet. Andere verachtet er." Und vergisst, dass ein Mensch mehr ist als die Leistungen, die er erbringt.

Passend dazu: Schizophrenie - "Dahinter ist immer noch der Mensch"

Woche 66: Es ist noch nicht vorbei

14. bis 20. Juni 2021

  • Neuinfektionen in Österreich sinken auf 128
  • Weitere Lockerungen für 1. Juli angekündigt
  • Corona-Kommission sieht Delta-Variante als Risiko

Österreich steht ein nahezu normaler Sommer bevor. Heißt es. Angesichts der sinkenden Infektionszahlen hat die Regierung das Ende fast aller Corona-Maßnahmen für Juli angekündigt. In Clubs und Diskos darf dann wieder getanzt werden, die FFP2-Pflicht soll - mit einigen wenigen Ausnahmen - fallen. Die Zeit der großen Entbehrungen scheint vorbei. "Die Menschen geben wieder lustvoll Geld aus, die Wirtschaft beginnt wieder zu wachsen", schildert Kogler die aktuellen Entwicklungen. Die Freude über die wiedergewonnene Freiheit ist groß. Der Wunsch nach dem Ende sämtlicher Einschränkungen noch größer. Gleichzeitig machen sich Angst und Unsicherheit breit.

»Es gibt immer wieder Einschränkungen, die uns deutlich machen, dass es noch nicht vorbei ist«

Immer häufiger liest man von der hochansteckenden Delta-Variante, die in Großbritannien dafür sorgte, dass die geplanten Lockerungen um vier Wochen verschoben wurden. "Es gibt immer wieder Einschränkungen, die uns deutlich machen, dass es noch nicht vorbei ist", sagt der Psychologe. Und während die einen das Geld gerade mit beiden Händen ausgeben, bereiten sich die anderen auf eine Wirtschaftskrise vor. "Jetzt geht es ans Eingemachte", bringt es Kogler auf den Punkt. Um die wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns abzufedern, folgte die Regierung der Devise: Unterstützen - koste es, was es wolle. Wie aber will man die Schulden nun wieder zurückzahlen?

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Da kommt ein durch den zunehmenden Konsum angekurbeltes Wirtschaftswachstum nur allzu gelegen, das aber natürlich nicht alle Branchen gleichermaßen betrifft. Während etwa die Rohstoffpreise gerade in die Höhe schnellen, braucht der Tourismus wohl noch ein Weilchen, bis er das Niveau von vor der Krise erreicht. Und wie ist es ums klimagerechte Verhalten bestellt, wenn der Kompass auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet ist? "Die nächsten Krisen zeichnen sich bereits am Horizont ab", prognostiziert Kogler. Kein Wunsch also, dass sich die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Corona-Krise mit einer leisen Vorahnung mischt, dass noch so einiges auf uns zukommen könnte.

»Die Leute versuchen, Probleme zu lösen, von denen sie noch gar nicht wissen, wie sie aussehen«

"Wir können neue Träume träumen" - vom wirtschaftlichen Aufschwung, vom nächsten Urlaub oder einfach nur von einem Alltag ohne Maske und die permanente Angst vor einer Ansteckung. Wir sind uns aber nicht sicher, ob diese Träume erfüllbar sind, ob das Schlimmste überstanden ist oder wir bald den nächsten Dämpfer bekommen. "Der Ausgangszustand ist unklar", erklärt Kogler. Mit der Folge, dass "die Leute versuchen, Probleme zu lösen, von denen sie noch gar nicht wissen, wie sie aussehen". Was wir allerdings wissen - und das mehr als zuvor -, ist, wie verwundbar wir sind und wie schnell eine wiedergewonnene Freiheit wieder verloren gehen kann. Also nützen wir die Zeit, so gut es geht.

Woche 65: Warum wir immer nach Nähe streben

7. bis 13. Juni 2021

  • Sieben-Tages-Inzidenz in Richtung 20
  • Erstmals seit Monaten nur ein Corona-Todesfall gemeldet
  • Maskenpflicht im Freien fällt
  • Sperrstunde auf 24.00 Uhr verlegt
  • Deutschland streicht ganz Österreich von Corona-Risikoliste
  • Delta-Variante des Coronavirus in NÖ bestätigt

Mit 10. Juni traten weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Kraft. "Der öffentliche Raum wird wieder belebter", beschreibt Kogler die aktuelle Situation. "Menschliche Wärme darf wieder gelebt werden - bis Mitternacht und meist sogar ohne Maske." Auch schon davor drängten tausende Jugendliche an den Wiener Donaukanal und in den Resselpark. Zum Teil musste sogar die Polizei einschreiten. "Das zeigt, wie groß das menschliche Bedürfnis nach Gemeinsamkeit, Nähe und unmittelbarer Kommunikation ist". In einer Gesellschaft, die bereits vor Corona oft als kalt, anonym und entfremdet erlebt wurde. In der das Wir-Gefühl "eine tiefe menschliche Konstante gegenüber dem Wirbel der Veränderungen und dem Tsunami ständiger Neuerungen" darstellt. Um dieses Gefühl zu beschreiben, zieht Kogler den Begriff des Lagerfeuers heran - seit jeher zentraler Treff- und Sammelpunkt von Menschen

»Der öffentliche Raum wird wieder belebter«

Das Lagerfeuer schafft Heimeligkeit und Lebendigkeit. "In den letzten 65 Wochen fühlte es sich so an, als hätte sich Vulkanasche auf meine Gefühle gelegt. In kleinen Schritten beginne ich jetzt wieder zu leben", gibt Kogler eine Patientin wieder und ergänzt: "Lebendig fühlt man sich nur, wenn mindestens ein Mensch unsere Gedanken- und Gefühlswelten teilt, sich mit uns freut und sagt: 'Gut gemacht!'. Feedback ist die wichtigste Form einfacher und komplexer Entwicklungen. Je mehr Menschen uns mit ihren Ideen bereichern und unterstützen, uns auch hinterfragen, desto mehr kreative Gedanken können wir entwickeln." Gemeinsam planen und gestalten wir die Zukunft. Gleichzeitig sichern wir auf diese Weise unser eigenes Überleben.

© iStockphoto.com Jugendliche im Wiener Resselpark

Schon als Fötus bildet der Mensch weit mehr Nervenzellen aus, als er je brauchen wird. Jene, die von Nutzen sind, werden in sogenannte funktionale Netzwerke eingebaut. Die restlichen - ungefähr zwei Drittel - werden wieder abgebaut. Diese Form der Selbstorganisation des Gehirns setzt sich nach der Geburt fort - stets in Abhängigkeit von äußeren Reizen. Wir hören, sehen, tasten und riechen und schmecken. Muskelsignale und Bewegungsabläufe werden im Gehirn verarbeitet und schließlich zu neuronalen Netzwerken verknüpft. Nach und nach wird unsere Wahrnehmung komplexer, bis schließlich auch emotionale und kognitive Prozesse zur Ausformung des Gehirns beitragen. Zuerst von unseren Eltern, später von anderen Menschen lernen wir, uns in unsere Mitmenschen hineinzuversetzen und deren Gefühle zu teilen.

»Die Beziehungserfahrungen strukturieren unser Gehirn«

"Diese Beziehungserfahrungen strukturieren unser Gehirn." Andersherum formuliert: Ohne soziale Interaktion könnte sich unser Gehirn nicht entwickeln. "Unter solchen Bedingungen könnten wir nicht überleben. Wir könnten nicht einmal essen, weil wir es nicht gelernt haben", veranschaulicht der Psychologe. "Wir brauchen das Feedback von anderen Menschen. Wir brauchen die Kommunikation mit ihnen." Daher zwingen uns die Triebwerke unseres selbstorganisierenden Gehirns förmlich dazu, nach Zusammenhalt zu streben. "Solange es menschliche Gehirne gibt, wird es das Bedürfnis nach Nähe und Zusammengehörigkeit geben", fasst Kogler zusammen. Den ein oder anderen wird es dann wohl auch an den Donaukanal oder in den Resselpark verschlagen.

Woche 64: Die Erschöpfung nimmt zu

31. Mai bis 6. Juni 2021

  • Sieben-Tages-Inzidenz in Österreich sinkt weiter
  • Verordnung für neue Corona-Lockerungen steht
  • Über 1,5 Millionen Österreicher voll immunisiert
  • Kanzler Kurz gegen Corona geimpft

Im Frühling ist der Anstieg an Depressionen bekanntermaßen besonders hoch. Weil vielen nach einem langen grauen Winter schon langsam die Puste ausgeht. Und weil die Diskrepanz zwischen jenen, die energiegeladen in die neue Jahreszeit starten, und denen, denen dazu die Kraft fehlt, noch größer wird. Die von der Regierung gesetzten Öffnungsschritte tun jetzt ihr Übriges. Wer kann, geht hinaus und genießt das Leben in vollen Zügen. Wer nicht kann, bleibt zuhause. Wie sollen Letztere mit der "neuen Normalität" umgehen? "Soll man Stärke aus sich selbst heraus generieren? Ist Durchhalten die oberste Devise und einzige Möglichkeit?", stellt Kogler in den Raum. "Für mich", zitiert er eine Patientin, "war die alte Normalität schon schwer zu ertragen. Was soll mir die neue bringen? Immer weiter so? Das ist keine tolle Perspektive."

»Die alte Normalität war schon schwer zu ertragen. Was soll die neue bringen?«

"Für einen großen Teil derer, die unter finanziellen Schwierigkeiten, unter Vereinsamung leiden, beginnt die harte Zeit erst jetzt so richtig", prognostiziert der Psychologe. Die Zahl an Arbeitslosen übersteigt die an offenen Stellen um ein Vielfaches. Und Menschen mit niedrigem Einkommen haben jetzt noch weniger als zuvor. "Dieser Zustand ist nicht neu", stellt Kogler fest. Schon immer habe es gesellschaftliche Gruppen gegeben, "die mehr oder weniger chancenlos waren". Jetzt sei das nur viel deutlicher zu spüren. Bereits in den 80er Jahren wurde eine "Erschöpfung der Gesellschaft" von Sozialwissenschaftern wie Richard Sennett und Ulrich Beck diagnostiziert. Weil die Superreichen immer reicher werden und sich ein großer Teil der Gesellschaft am Rande des Existenzminimums bewegt.

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Sennett zufolge haben die Menschen im Laufe der letzten Jahrhunderte gelernt, dass man nicht dazu in der Lage sei, Schwierigkeiten zu bewältigen. Man sei froh, führt Kogler fort, wenn man einen Job hat und irgendwie durchkommt. Wirklich beeinflussen könne man aber nichts. "Wann immer ich versucht habe", so die Patientin, "etwas zu verbessern, bin ich eingefahren. Am Ende war alles nur noch schwieriger." Dazu Kogler: "Wir leben in einer äußerst ungerechten Welt. Kann man diesen Leuten sagen, sie sollen offen sein? Vertrauen fassen? Ihre Persönlichkeit entfalten? Für sie wäre das der reinste Zynismus." Glückspsychologie hin, Selbstentfaltung her - bei vielen geht es ums nackte Überleben. Kein Wunder, dass in einer Situation wie dieser - begleitet von permanenten ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen - Ängste aufkommen.

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"Diese Ängste sind diffus. Die Menschen wissen nicht, woher sie kommen, und suchen nach vermeintlichen Ursachen. Sie verdrängen die Ängste und machen daraus eine scheinbare Stärke" - zum Beispiel, indem sie lautstark gegen allgemein annerkannte Regeln wettern. Um in einer Gesellschaft, in der sie übersehen werden, gehört zu werden. "Die Einzigen, die sie sehen, sind die Polit-Rabauken", so Kogler, die deren Zustimmung dann für ihre eigenen Zwecke nutzen. Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft stets auf Optimierung ausgerichtet ist: Alles muss besser, schneller, weiter - und vor allem mehr sein. "Die Skala ist nach oben hin offen. Es gibt kein Ziel, an dem man endlich ankommen kann." Mit einer unausweichlichen Folge: "Alles strebt auf einen Erschöpfungszustand hin." Was sich wohl auch in Zukunft nicht ändern werde.

Woche 63: Wer ist schuld an der ganzen Misere?

24. bis 30. Mai 2021

  • Neuinfektionen: Niedrigste Zahl seit Herbst 2020
  • Zahl der belegten Intensivbetten sinkt weiter
  • Corona-Ampel: Österreich ist gelb
  • Regierung gibt weitere Lockerungen bekannt

Schreckensmeldungen überschatten die Coronakrise: Schusswaffenattentate in den USA, Frauenmorde in Österreich, zwischendurch immer wieder Berichte über Korruption auf Regierungsebene ... ist der Mensch denn wirklich so schlecht? Dieser Frage widmet man sich bereits seit Jahrhunderten. Der im England des 17. Jahrhunderts lebende Philosoph Thomas Hobbes ging davon aus, dass der Mensch, wäre er frei von Einschränkungen etwa durch den Staat, die Kirche und die Moral, einen "Krieg aller gegen alle" führen würde. Gewalt, Anarchie und Gesetzlosigkeit stünden an der Tagesordnung. Laut Hobbes sind die Triebfedern menschlichen Handelns Verlangen, Furcht und Vernunft - Letzteres im Sinne des sogenannten Psychologischen Egoismus, dem zufolge der Mensch sein Tun ausschließlich danach ausrichtet, seine eigenen Wünsche, Interessen und Ziele zu verwirklichen. Klingt nicht gerade nach einem Wesen mit Gemeinschaftssinn.

»Eine einzige negative Bemerkung berührt uns mehr als zehn Komplimente«

Eine ähnliche Position vertritt der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins. In seinem 1976 erschienen Buch "Das egoistische Gen" beschreibt er das Gen als fundamentale Einheit der natürlichen Selektion, die den Körper lediglich als "Überlebensmaschine" benutzt. Der Psychologe Philip Zimbardo trieb den Ansatz des ausnahmslos aufs eigene Wohl und Überleben bedachten Menschen auf die Spitze. In der simulierten Gefängnissituation des - im Nachhinein allerdings als gelenkt erwiesenen - "Stanford Prison Experiment" legten jene Versuchsteilnehmer, denen die Rolle des "Wärters" zugewiesen wurde, bald ein grausames Verhalten gegenüber den "Gefangenen" an den Tag. Womit wir erneut bei der Frage wären: Ist der Mensch wirklich so schlecht? Der niederländische Autor Rutger Bergman sagt: Nein!

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Ihm zufolge hat sich der Mensch "evolutionär zu einem kooperativen Verhalten hin entwickelt". Er kümmert sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um andere. Demnach sei er im Grunde gut. Das Böse hinterlässt lediglich einen stärkeren Eindruck. Die Rede ist vom sogenannten negativity bias: "Eine einzige negative Bemerkung berührt uns mehr als zehn Komplimente", so Rutger. Kogler ergänzt: "Das Böse ist stärker, aber das Gute kommt häufiger vor." Daraus leitet Rutger folgenden Grundsatz ab: "Geh im Zweifelsfall vom Guten aus!" Denn, so Kogler, wer von vornherein vom Negativen ausgeht, wird seinem Gegenüber kein Vertrauen entgegenbringen können. Und wer nicht vertraut, wird auch niemals erfahren, ob sein Misstrauen berechtigt war. Mit anderen Worten: Er nimmt sich selbst die Chance auf positive Erfahrungen.

»Wir müssen lernen, vom Schulddenken loszukommen«

Und wie steht es nun um die Schuld? Ein Blick auf die negativen Postings in den Sozialen Medien zeigt, dass es hier in erster Linie darum geht, was die anderen alles falsch machen. Kein Wunder, so tief wie dieses Thema in unserer Kultur verankert ist, sind wir, wie uns die Religion lehrt, doch schon "mit der Erbsünde auf die Welt gekommen". Dazu der Psychologe: "Wir müssen lernen, vom Schulddenken loszukommen." Weil die anderen eben nicht schuld an den gesellschaftlichen Missständen sind. "Weil der größte Teil der Gesellschaft im täglichen Miteinander darum bemüht ist, dass wir gut zusammenleben können. Weil sich der größte Teil kooperativ verhält und mit der Situation auf eine Art und Weise umzugehen versucht, dass am Ende etwas Sinnvolles rauskommt." Das zeigt sich auch oder vielleicht sogar gerade in der Krise.

Woche 62: Wohin mit all unseren Gefühlen?

17. bis 23. Mai 2021

  • Sieben-Tages-Inzidenz unter 50
  • Öffnung von Gastro, Handel, Kulsturstätten und Co.
  • Diskussion über Ende der Maskenpflicht
  • "Grüner Pass": Einigung auf EU-Ebene
  • Ein Drittel der Österreicher bereits einmal geimpft

"Wenn ich mich über meinen Nachbarn ärgere, kann ich nicht einfach zu ihm rübergehen und ihm eine runterhauen", stellt Kogler treffend fest. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben wir gelernt, unsere Emotionen mehr und mehr zu kontrollieren. Damit einher ging die zunehmende Verlagerung der Gefühle in unser Inneres. "Mit den Spannungen, die früher im unmittelbaren Kampf zwischen Mensch und Mensch zum Ausdruck kamen, müssen wir heute selbst klarkommen." Ohne direkte Konfrontation mit dem Gegenüber. Die Kämpfe können nicht mehr im Äußeren, sondern müssen im Inneren ausgetragen werden. Auf den Nachbarn bezogen bedeutet das, dass ich einen Weg finden muss, mit der Aggression ihm gegenüber fertig zu werden, um dann den Konflikt auf verbaler Ebene zu lösen.

»Wir müssen uns andauernd an Regeln halten«

"Die Affektkontrolle wurde über die Jahrhunderte hinweg immer wichtiger." Und durch Corona wurde sie dem Psychologen zufolge zusätzlich verstärkt. "Wir müssen uns andauernd an Regeln halten. Beim Einkaufen, unter Freunden, ja sogar in der Familie." Wie viele Familienmitglieder dürfen zusammenkommen? Was darf man im Kreise der Verwandtschaft tun? Was in seiner Freizeit? Wie viele Leute dürfen im Restaurant an einem Tisch sitzen? Wie viele im Theater? Wofür brauche ich welchen Test? Und wie lange ist er gültig? Derartige Regulierungen mit dem Ziel, die Menschen zurück in die Freiheit zu führen, greifen nicht nur stark ins öffentliche Leben ein, sondern auch in das unserer Gefühle. Eine höchst widersprüchliche Situation, wie der Psychologe anmerkt, ist der Weg in die Freiheit doch mit zahlreichen Einschränkungen gepflastert.

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"Man muss sich heute stets davor hüten, von seinen Gefühlen überwältigt zu werden. Wenn ich zum Beispiel im Restaurant einen alten Freund treffe, darf ich nicht zu ihm hinüberlaufen und ihn umarmen", veranschaulicht Kogler. Etwas, das besonders die sogenannten Gefühlsanarchisten vor eine Herausforderung stellt. "Für sie bedeutet es einen enormen Aufwand, der jeweiligen Situation entsprechend mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Sie würden am liebsten die Grenzen sprengen." Doch auch jene, denen die Anpassung mehr oder weniger gut gelingt, brauchen ein Ventil. Also brechen sie aus den gewohnten Bahnen aus. Jeder auf seine eigene Art und Weise. Während der eine auf der Autobahn aufs Gaspedal tritt, lässt der andere seinen Gefühlen beim Ausüben von Extremsportarten freien Lauf. Wieder andere greifen zur Flasche.

»Man muss sich heute stets davor hüten, von seinen Gefühlen überwältigt zu werden«

Und dann wären da noch die Sozialen Medien. "Die zunehmende Aggressivität in den Sozialen Medien ist möglicherweise eine Folge des gesellschaftshistorischen Zwangs, die Gefühle zu internalisieren", stellt Kogler in den Raum. Dieser Zwang sei enorm hoch. Aber zumindest auf Facebook und Co. könne man sich austoben. Auch in seiner Praxis beobachtet der Psychologe ein spezielles sprachliches Phänomen: Um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, bedienen sich die Menschen vermehrt extremer Äußerungen: "Das letzte Jahr war unendlich lange", "Ich möchte das alles möglichst schnell hinter mir lassen" oder "Ich will so etwas nie wieder erleben". "Ich kann zwar nicht quer durchs Restaurant zu meinem alten Bekannten laufen. Aber ich kann meine Gefühle sprachlich ausdrücken." Was sich hier gerade zeigt, ist eine psychohistorische Veränderung. "Wohin das führen wird, kann allerdings niemand voraussagen."

Woche 61: Was ist Ihnen wirklich wichtig?

10. bis 16. Mai 2021

  • Sieben-Tages-Inzidenz unter 70
  • Erstmals seit sechs Monaten unter 1.000 Hospitalisierte
  • Ende der nächtlichen Ausgangsbeschränkungen
  • Indische Corona-Mutation im Burgenland bestätigt

"Ich weiß zwar nicht, wohin ich fahre, aber ich bin schneller dort", beschreibt Kogler das Bestreben jener, die den durch die Pandemie entstandenen oder verstärkten Unsicherheiten zu entfliehen versuchen. Wo kein Ziel, da aber auch nicht die Möglichkeit, ein solches zu erreichen. Also rät der Psychologe dazu, sich gerade jetzt, da das Leben bald wieder - so hoffen wir zumindest - in gewohnten Bahnen verläuft, Gedanken darüber zu machen, was man eigentlich will. "Um einen Menschen zu verstehen, müssen wir etwas darüber wissen, was ihn im Positiven wie im Negativen bewegt, was seine Wünsche, Ziele, Pläne, Werte, was seine Befürchtungen und Abneigungen sind", schrieb der Psychotherapeut Klaus Grawe, der sich in seiner Forschung den menschlichen Grundbedürfnissen widmete.

»Um einen Menschen zu verstehen, müssen wir etwas darüber wissen, was ihn bewegt, was seine Wünsche, Ziele, Werte und Befürchtungen sind«

Mit anderen Worten: Um einen Menschen verstehen zu können, muss man wissen, wie seine Grundbedürfnisse gelagert sind. Das gilt für andere gleichermaßen wie für einen selbst. Kogler erläutert dies anhand eines Beispiels. Ein Klient plant mit seiner Partnerin auf Urlaub zu fahren. Die beiden führen eine Fernbeziehung. Das letzte Treffen liegt - coronabedingt - Monate zurück. Die Vorfreude ist groß. Gleichzeitig keimen Zweifel auf: Wird das Wiedersehen so schön wie erhofft? Oder hat die räumliche Trennung Spuren hinterlassen? Und lassen sich die Urlaubspläne tatsächlich realisieren? Oder macht die Pandemie den beiden doch noch einen Strich durch die Rechnung? Da wäre also einmal das Grundbedürfnis nach Kongruenz - das Bedürfnis, alle Handlungen, Gefühle und Gedanken miteinander in Einklang zu bringen.

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Ich will mit meiner Partnerin auf Urlaub fahren und eine gute Zeit mit ihr haben, so das Ziel, das, wenn es erreicht wird, positive Emotionen auslöst. Die Zielverfehlung hingegen geht mit negativen Emotionen einher. Wir wünschen besagtem Klienten, dass Ersteres der Fall sein wird! Die derzeitige Situation lässt aber keinen eindeutigen Schluss zu, womit wir beim nächsten Bedürfnis wären: dem nach Orientierung und Kontrolle. Dieses ist in Zeiten der Pandemie ganz besonders schwer zu befriedigen, "weil wir nicht wissen, was in drei Monaten sein wird", so Kogler. Werden die Infektionszahlen weiter sinken? Oder wird uns das Virus mit einer weiteren Welle überraschen? Von der künftigen Entwicklung abhängig ist, ob unser Klient sein Grundbedürfnis nach Bindung befriedigen kann. "Das Bindungsbedürfnis beschreibt das Bedürfnis nach Nähe zu einer Bezugsperson", mit der man "das Gefühl des Wir genießen" kann.

»Annähern und entfernen - das ist ein urmenschliches Prinzip«

Ein weiteres Grundbedürfnis ist das nach Lustgewinn und Unlustvermeidung. Auch wenn man sich bereits auf den Urlaub, der idealerweise Lustgewinn bringt, freut, ist da immer noch die Ungewissheit, ob man ihn auch tatsächlich realisieren kann. Schließlich wäre da noch das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung bzw. Selbstschutz. Wer sich auf einen anderen Menschen einlässt, riskiert immer auch, zurückgewiesen zu werden. Davor will man sich schützen. Gleichzeitig wird durch die Zuneigung eines geliebten Menschen unser Selbstwert erhöht. Also nähern wir uns an, um uns dann wieder zu entfernen. "Das ist ein urmenschliches Prinzip", sagt der Therapeut. Der Stellenwert, den die einzelnen Bedürfnisse nun in unserem Leben einnehmen, lässt uns erkennen, was uns wirklich wichtig ist. Was also ist Ihnen wichtig?

Woche 60: Wie Psyche und Immunsystem zusammenspielen

3. bis 9. Mai 2021

  • Weitgehende Öffnung ab 19. Mai beschlossen
  • 7-Tages-Inzidenz erstmals seit 7 Monaten unter 100
  • Mehr als 2 Mio. Österreicher erhielten erste Impf-Dosis
  • WHO: Indische Corona-Variante "besorgniserregend"

"Ich hab' ein ausgezeichnetes Immunsystem. Ich ernähre mich gut, mache Bewegung und gehe täglich an die frische Luft. Die Maske trag' ich halt, obwohl ich sie nicht brauche. Aber impfen lass' ich mich sicher nicht." Nicht selten hört Kogler in seiner Praxis Worte wie diese. Nach dem Motto "Gut ist nur, was die Natur hervorbringt" werden künstlich hergestellte Arzneien kategorisch abgelehnt. Dass das Pockenvirus - um nur ein Beispiel zu nennen - allein im 20. Jahrhundert rund 300 Millionen Opfer forderte, wird dabei gern vergessen. Ebenso die Tatsache, dass nur ein konsequentes Impfprogramm dem jahrtausendelangen Sterben ein Ende bereiten konnte. Zwölf Jahre, nachdem die Pockenimpfung Pflicht wurde, wurde die Welt als pockenfrei erklärt. Ein starkes Immunsystem alleine hätte gegen eine Seuche wie diese nichts ausrichten können.

Passend dazu: Dagegen sollten sich Erwachsene impfen lassen

"Grundsätzlich ist das Immunsystem dazu da, uns gesund zu halten. Dabei wirkt es eng mit der Psyche, dem Nerven- und dem Hormonsystem zusammen", erklärt Kogler. Nehmen wir nur einmal die sogenannte erlernte Hilflosigkeit: "Menschen werden depressiv, wenn sie glauben, keine Kontrolle über ihr Leben zu besitzen und obendrein selbst daran schuld zu sein. Das führt zu Enttäuschungen, verringerter Selbstachtung, der herabgesetzten Fähigkeit, sensibel zu reagieren, oder Passivität. Längere Hilflosigkeit macht uns müde und antriebslos. Evolutionär gesehen ist das sinnvoll. Denn wer passiv ist, sollte besser in der Höhle bleiben, wo er geschützt ist", veranschaulicht der Psychologe. Dieses Beispiel zeigt, welchen Einfluss unsere Gedanken und Gefühle auf unsere körperliche Verfassung haben.

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"Angst und Stress setzen die Aktivität des Immunsystems herab." Umgekehrt können wir allein durch die Kraft unserer Gedanken Schmerzen lindern und sogar klinisch relevante Wundheilungsprozesse fördern. "Verhaltenstherapie vor einer Operation kann den Heilungsprozess nach der OP beschleunigen", merkt der Therapeut an. Einen positiven Einfluss auf das Immunsystem haben auch Aktivitäten im Wald, wie der Biologe Clemens Arvay schildert. Jugendliche, die in einer Umgebung aufwachsen, die reich an Grünflächen ist, entwickeln später seltener psychische Krankheiten. Selbstverständlich profitieren auch Erwachsene vom Aufenthalt in der Natur. "Die Faszination der Natur", erklärt Kogler, "ermöglicht ungerichtete Aufmerksamkeit". Im Gegensatz zur gerichteten strengt sie nicht an - im Gegenteil: Sie entspannt.

»Angst und Stress setzen die Aktivität des Immunsystems herab«

Die Weite der Landschaft wiederum führt uns vor Augen, dass wir selbst bloß Teil eines großen Ganzen sind. Der Abstand zum Alltag hilft uns dabei, Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Nicht zuletzt bietet die Natur zahlreiche Möglichkeiten zur Selbstentfaltung - sei es beim Wandern, Gärtnern, Fischen oder einer anderen Tätigkeit unter freiem Himmel. "Sie alle regen das Immunsystem an", weiß Kogler. Daher sei es "sehr sinnvoll, gerade jetzt, wo alles sprießt, hinaus in die Natur zu gehen." Um neue Viren bekämpfen zu können, Viren, die unser Organismus bis dato nicht kannte, braucht er aber Unterstützung. Das Immunsystem ist gegen viele Angriffe gewappnet. In puncto Sars-COV-2 stößt es aber an seine Grenzen. Vom Menschen entwickelte Hilfsmittel von vornherein als obsolet zu betrachten, hält der Psychologe daher für bedenklich.

Woche 59: So lernen Sie zu genießen

26. April bis 2. Mai 2021

  • Grüner Pass soll in drei Etappen kommen
  • Intensität der Pandemie nimmt global weiter zu
  • Bereits mehr als 200.000 Corona-Tote in Indien

Während die einen als Folge einer Covid-Erkrankung ihren Geruchs- und Geschmackssinn mitunter über Monate hinweg verlieren, tun sich für andere bislang unerforschte Welten der Sinneswahrnehmung auf. "Die Leute kochen jetzt mehr", stellt Kogler fest. "Damit wird auch das Riechen wichtiger. Und mit ihm eine neue Form des Genießens." Eine Hauptrolle spielen dabei Gewürze, sind sie doch das A und O eines wohlschmeckenden Mahls. Also wird probiert und experimentiert, nach Neuen gesucht und längst Vergessenes wiedergefunden. "Frauen, sagt die Forschung, haben einen sensibleren Geruchssinn als Männer." Generell könne man den Geruchssinn aber trainieren. Ebenso wie das Erleben von Genuss.

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"In den letzten Jahren wurde das Genusserleben beim Essen durch das Kalorienzählen und das Fokussieren auf die 'richtige' Ernährung stark eingeschränkt", merkt der Psychologe an. Mithilfe des verhaltenstherapeutischen Genusstrainings soll die Fähigkeit zu genussvollem Empfinden gefördert werden - sämtliche Sinne betreffend. Für diesen Zweck hat der Therapeut seinen "Genuss-Koffer" parat, der verschiedenste Gegenstände - von frischem Holz bis hin zu alter Schuhpasta - enthält. Es wird gerochen, ertastet und darüber gesprochen. Auf diese Weise wird die Wahrnehmung dafür geschärft, was ein gutes Gefühl vermittelt. "Die Klienten lernen, einen angenehmen emotionalen Zustand ohne Umwege zu erreichen." Sie lernen, dass sie nicht erst Negatives aus der Welt schaffen müssen, um sich etwas Positivem widmen zu können.

Passend dazu: Orthorexie - Vom Zwang, sich gesund zu ernähren

Ziel der Therapie ist es, jene Verhaltensweisen zu stärken, die - in den Alltag integriert - eine gesundheitsfördernde Wirkung haben. Wobei es nicht darauf ankommt, wie viele genussvolle Momente man erlebt. Vielmehr gehe es um deren Qualität, um die Art und Weise, wie man sie erlebt. Kogler führt sieben Genussregeln an:

1. Genuss braucht Zeit: Nehmen Sie sich bewusst Zeit um zu genießen. Oft reicht schon ein kurzer Augenblick, zum Beispiel der Blick aus dem Fenster auf die vorüberziehenden Wolken.
2. Genuss erfordert Aufmerksamkeit: Konzentrieren Sie sich auf sich selbst. Wer abgelenkt ist, kann nicht genießen.
3. Genuss ist Geschmackssache: Finden Sie heraus, was Ihnen gut tut, und orientieren Sie sich nicht daran, wie andere empfinden. Entdecken Sie Ihre individuellen Vorlieben.
4. Weniger ist mehr: Achten Sie darauf, wann Sie genug haben, und setzen Sie der Tätigkeit sodann ein Ende.
5. Ohne Erfahrung kein Genuss: Probieren geht über Studieren. Das gilt auch - und vor allem - fürs Genießen.
6. Genuss ist alltäglich: Warten Sie nicht auf den nächsten Urlaub, um sich genüssliche Momente zu gönnen. Bauen Sie sie in Ihren Alltag ein. So wird der Alltag erst richtig lebenswert.
7. Genuss muss erlaubt sein: Erlauben Sie es sich zu genießen. Auch und gerade wenn Ihrer Meinung nach keine Zeit dafür da ist. Denn aus dem Genuss können Sie Kraft schöpfen.

Bei der letzten Regel handelt es sich dem Psychologen zufolge um die wichtigste. Nach dem Motto "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen" haben wir uns Genuss-Tabus auferlegt. Doch wie sollen wir den Alltag meistern, wenn wir nicht zuvor Energie tanken? Genießen Sie also - ganz bewusst und so oft es geht! Setzen Sie dabei all Ihre Sinne ein und erfreuen Sie sich an ihnen!

Buchtipp: Sie wollen die Welt der Kräuter erkunden? Dafür müssen Sie nicht einmal einen Markt besuchen. In "Mein Stadt-Kräuter-Buch"* verrät die Biologin Ursula Stratmann, an welchen Plätzen in Wien Sie wohlschmeckende Kräuter und Früchte finden.

Woche 58: Sind wir alle traumatisiert?

19. bis 25. April 2021

  • Wolfgang Mückstein als Gesundheitsminister angelobt
  • Bereits mehr als 10.000 Covid-Tote in Österreich
  • EMA gibt grünes Licht für Johnson-Impfstoff
  • Lockdown im Burgenland zu Ende

"Irgendwann im März letzten Jahres war ich im Theater", gibt Kogler die Worte einer Patientin wieder. "Es war fantastisch! Die Vorstellung war ausverkauft und in der Pause drängten sich die Leute im Foyer. Ich kam kaum an die Bar, um für meine Freunde ein Glas Sekt zu holen. Damals hat mich das geärgert. Heute wünsche ich mir dieses Gedränge, das Stoßen und Schieben sehnsüchtig zurück." Die Pandemie versetzte die Verfasserin dieser Worte in Angst und Schrecken. "Die ganze Zeit über war ich in Sorge um meine nahe Umgebung." Dann starb ihre Tante an Corona. Mit 65 Jahren. "Auch wenn andere von so tragischen Fällen in der Familie verschont blieben, weiß ich, dass sich das letzte Jahr für sie nicht weniger traumatisch angefühlt hat." Ein Trauma, das ist eine sehr individuelle Erfahrung. "Was der eine als traumatisch empfindet, mag für den anderen völlig unproblematisch sein", erklärt der Psychologe.

»Was der eine als traumatisch empfindet, mag für den anderen völlig unproblematisch sein«

"Was aber", fragt er, "wenn sich viele Menschen traumatisiert fühlen?" Als Therapeut höre er in letzter Zeit immer häufiger von Ängsten, Depressionen und Zukunftssorgen, begleitet von dem Druck, sich an die neue Situation anzupassen. In diesem Zusammenhang spricht Kogler vom sogenannten geteilten Trauma. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erstmals verwendet, beschreibt dieser Begriff unter anderem die emotionale, kognitive und verhaltensbezogene Reaktion verschiedener Personen auf ein und dasselbe Ereignis. "9/11 war ein lokales Ereignis in New York. Die Pandemie dagegen kennt keine zeitlichen und räumlichen Grenzen." In welcher Form tritt so ein kollektives Trauma nun zutage?

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Der Psychologe beschreibt zum einen Ängste unterschiedlichster Art - die Angst davor, ins Krankenhaus zu müssen und sich dort mit Corona zu infizieren, die Angst, dass jemand aus dem Familien- oder Freundeskreis erkrankt - und man ihn möglicherweise sogar selbst angesteckt hat - "das hört man in der Therapie sehr oft". Die Angst, dass das Distance Learning und die vermehrte Computerarbeit die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung der Kinder beeinträchtigt. Und nicht zuletzt die Angst, vom Staat, der jetzt mehr denn je in unser Leben eingreift, beherrscht zu werden. Auf der Verhaltensebene ortet Kogler eine "Mitleidsmüdigkeit", nach dem Motto: "Ich habe lange geholfen. Aber jetzt kann ich nicht mehr." Andere wiederum legen eine Gleichgültigkeit gegenüber ihren Mitmenschen an den Tag, gefährden sie mit ihrem fahrlässigen Verhalten, verdrängen dies jedoch gekonnt.

»Man braucht jetzt keine Ängste zu schüren. Sie liegen ohnehin in der Luft«

Die kognitive Ebene wiederum wird von Gedanken rund um die wirtschaftliche Situation beherrscht. Wie kommen wir jemals wieder aus der Krise? Werden wir in einem Schuldenberg versinken? Angst beherrscht also auch die Gedanken. Dazu Kogler: "Man braucht jetzt keine Ängste zu schüren. Sie liegen ohnehin in der Luft." So auch nach 9/11. Die Furcht vor weiteren Anschlägen blieb jahrelang bestehen. "Die Leute wurden vulnerabler. Das wird nach Corona ähnlich sein." Wo ein geteiltes Trauma auftritt, da gibt es aber auch geteilte Resilienz - eine psychische Widerstandskraft, mithilfe derer man schwierige Lebenssituationen bewältigen kann, ohne dass es zu nachhaltigen psychischen Schäden kommt. "Immer wieder erleben wir Patienten, die aus sich heraus, aus der Therapie und ihrer Umgebung Kräfte entwickeln. Die einen erleben Traumata, die anderen werden stärker."

Woche 57: Ein echter Querdenker

12. bis 18. April 2021

  • Mehr als eine Million Corona-Tote in Europa
  • Gesundheitsminister Anschober tritt zurück
  • Diskussion um Maskenverweigerer im Parlament
  • Kurz sichert Öffnungsschritte für Mitte Mai zu

"Es gibt tatsächlich immer noch Leute, die glauben, dass ein gutes Immunsystem reicht, um nicht an Covid zu erkranken, die glauben, dass die Impfung obsolet ist. Dass es Corona zwar gibt, die Maßnahmen aber völlig überzogen seien. Dass es sich dabei lediglich ein Instrument der oberen Klasse handelt, um die Bevölkerung unter Kontrolle zu bringen", gibt Kogler zu bedenken. In diesem Zusammenhang spricht man gerne von Querdenkern. Was es wirklich bedeutet, ein Querdenker zu sein - und welches Potenzial Querdenken innehat -, das veranschaulicht der Psychologe mit einem kleinen Exkurs ins 19. Jahrhundert. Da lebte nämlich der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau.

»Es gibt immer noch Leute, die glauben, ein gutes Immunsystem reicht, um nicht an Covid zu erkranken«

Nach seinem Studium in Harvard arbeitete Thoreau als Lehrer. Allerdings nur für kurze Zeit, da er nichts von körperlicher Züchtigung hielt und sich folglich mit der Schulleitung überwarf. Mit 21 Jahren gründete er zusammen mit seinem Bruder eine Privatschule. Als dieser verstarb, musste die Schule geschlossen werden. Einige Jahre später, genauer gesagt am 4. Juli 1845, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, bezog er eine selbstgebaute Blockhütte am Walden-See in Massachusetts. Dort lebte er für zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage außerhalb gesellschaftlicher Konventionen in völligem Einklang mit der Natur. Er betrachtete Städte mit Argwohn "und glaubte, dass deren Luxus und Verlockungen den Menschen und seine Umwelt zugrunde richteten", schrieb sein Freund Ralph Waldo Emerson über ihn.

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Nach seinem Selbstexperiment begann Thoreau, sich gegen die amerikanische Sklavenpolitik stark zu machen. Er verfasste das Traktat "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat", das unter anderem Mahatma Gandhi und Martin Luther King als Inspirationsquelle für den gewaltfreien Widerstand gegen die Obrigkeit diente und auch den Mitbegründer der Verhaltenstherapie, Burrhus Frederic Skinner, nachhaltig beeinflusste. Aufbauend auf Thoreaus Werk "Walden. Oder das Leben in den Wäldern" verfasste Skinner "'Walden Two'. Die Vision einer aggressionsfreien Gesellschaft"*, einer Gesellschaft frei von Angst und Zwängen, die auf Konsumgewohnheiten verzichtet, "um so einen Teil der menschenunwürdigen Arbeiten abzuschaffen", wie es in Skinners Werk heißt.

Einer Gesellschaft, die auf einem Miteinander anstatt auf einem Gegeneinander basiert, auf Vertrauen anstatt auf Verdacht. In der man die Werte nicht durch politische oder militärische Gewalt, sondern mithilfe ethischer Sanktionen festigt. In der man sich die Erde nicht untertan macht, sondern sie nach den Bedürfnissen des Menschen und der Natur gestaltet. Ein Zugang, der jetzt aktueller ist denn je. "Vielen Menschen wird im Brennpunkt der Pandemie klar, wie notwendig es ist, im Einklang mit der Natur zu leben", ein nachhaltiges Leben zu führen, nach dem Motto "weniger ist mehr". Eine Lebensweise, mit der man letztlich vielleicht auch einer Pandemie, wie sie jetzt wütet, ihren Nährboden entziehen kann. Nicht durch trotziges Querstellen. Sondern durch echtes Querdenken.

Woche 56: Im Rausch der Geschwindigkeit

5. bis 11. April 2021

  • Lockdown in Ostregion bis 18. April verlängert
  • Anstieg der Corona-Intensivpatienten reißt nicht ab
  • Österreichisches AstraZeneca-Impfprogramm fortgesetzt
  • Bundespräsident hat erste Corona-Teilimpfung erhalten
  • 15 Festnahmen bei Corona-Demo in Wien

Mit 338 Verkehrstoten im Corona-Jahr 2020 wurde österreichweit die niedrigste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen 1950 registriert. Häufiger als sonst war dabei überhöhte Geschwindigkeit im Spiel. "Vor der Pandemie waren 36 Prozent der Unfälle mit Todesfolge auf überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen. Heuer waren es 40 Prozent", gibt Kogler eine aktuelle Studie wieder. Auffällig viele Ausreißer mit über 200 km/h wurden dabei in Wien, Kärnten und der Steiermark verzeichnet. "Ein 39-Jähriger fuhr auf seinem Motorrad mit 208 km/h durch eine 100er-Zone. Und das mit Gummischlapfen", veranschaulicht der Psychologe die bedenkliche Entwicklung. Was treibt die Menschen dazu an, ein derart riskantes Verhalten an den Tag zu legen? Und warum mehrt sich die Zahl der Geschwindigkeitsübertritte augenscheinlich?

»Beim Rasen ist plötzlich alles weg «

"Man kann alles hinter sich lassen. Den Ärger, die Einsamkeit, den Frust, die Überlastung. Beim Rasen ist plötzlich alles weg", erklärt Kogler. Die schnelle Fahrt bringt ein flüchtiges Gefühl der Erleichterung, nach dem sich in Zeiten der Pandemie wohl so mancher sehnt. Der Blick richtet sich ausschließlich nach vorne, während die Straßenbegrenzungen an einem vorbeiziehen. Höchste Aufmerksamkeit und Konzentration sind gefragt. Gleichzeitig werde die Vernunft ausgeschaltet, was mitunter fatale Folgen nach sich ziehen kann. Wer mit über 200 km/h dahinrast, ist nicht mehr in der Lage, Risiken nüchtern zu kalkulieren, geschweige denn rechtzeitig auf sie zu reagieren. Und dennoch geben sich viele dem Rausch der Geschwindigkeit hin. Nicht zuletzt deshalb, weil sich mit ihm ein Gefühl der Freiheit breitmacht.

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Die sogenannte Angstlust wirkt dem Psychologen zufolge für manch einen besonders erregend. Was im Übrigen nicht nur für Raser gilt. Denken Sie nur einmal an ein Kind, das sich vor Freude jauchzend von Papa oder Mama hoch in die Luft werfen lässt, um gleich darauf sicher in deren Armen zu landen. Es ist "diese extreme Erfahrung, bestehend aus Höhenflug und Kontrollverlust, dem Moment, in dem sich Schwerkraft und Wurfkraft die Waagschale halten, gefolgt von dem Fall im Wissen, aufgefangen zu werden", von der wir schon in jüngsten Jahren oft nicht genug bekommen können. Beim Rasen wiederum "kompensiert man den als eintönig empfundenen Alltag mit Hochspannung. Man verdrängt die Wirklichkeit, um die unangenehmen Gefühle hinter sich zu lassen." Und um Grenzen zu sprengen.

»Die Regeln zu brechen sehen manche als ihr Menschenrecht«

Vonseiten der Politik auferlegte Regeln und Verordnungen bestimmen unseren Alltag. In den letzten Monaten mehr denn je. "Aus diesem Korsett auszubrechen - die Regeln zu brechen - sehen manche als ihr Menschenrecht. Mit dem Bedürfnis, dieser Einengung zu entgehen, geht die Lust an der Gesetzesverletzung einher." Gesetzesverletzung hin oder her - "diese Form des Umgangs mit unangenehmen Emotionen ist langfristig selbstschädigend", weiß der Therapeut, dem zufolge besagte Strategie der Ablenkung vornehmlich von Männern verfolgt wird. Frauen dagegen beschäftigen sich eher aktiv mit ihren Gefühlen, versuchen sie zu verstehen und suchen soziale Unterstützung. Und während nun der ein oder andere aufs Gaspedal tritt, durchdringt die Geschwindigkeit unseren Alltag - nicht nur auf der Straße, auch in der Pharmaindustrie, im Bereich der Digitalisierung … Und die Raser - die sind letztlich "nur ein Symbol für diese Entwicklung."

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Woche 55: Wie die Politik jetzt gefordert ist

29. März bis 4. April 2021

  • Wieder mehr als 3.300 Neuinfektionen täglich
  • Situation im intensivmedizinischen Bereich spitzt sich zu
  • Wien, NÖ, Burgenland: Corona-"Osterruhe" tritt in Kraft

Einer SORA-Umfrage* zufolge sinkt bei den Österreichern die Akzeptanz der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie. Während letzten Herbst noch 60 Prozent die Ausgangsbeschränkungen für notwendig hielten, waren es Anfang dieses Jahres nur noch 53 Prozent. "Wir können grundlegende Bedürfnisse nicht mehr ausleben", gibt Kogler zu bedenken. Die Selbstverständlichkeit, das Gesicht des anderen zu sehen, die soziale Notwendigkeit, sich zu präsentieren. Ganz zu schweigen vom Bedürfnis nach Nähe. Nur allzu natürlich sei es von daher, auf Lösungen zu setzen, die kurzfristige Erleichterung bringen. Man trifft man sich heimlich in größeren Gruppen, trägt die Maske nicht vorschriftsgemäß ... allesamt Verhaltensweisen, die über kurz oder lang zu Konflikten und dauerhaften Spannungen führen. Und in puncto Pandemiebekämpfung alles andere als zielführend sind.

»Wir können grundlegende Bedürfnisse nicht mehr ausleben«

Dann wiederum gibt es jene, deren Handeln von Angst geleitet ist. Dass man gegenüber einem Impfstoff skeptisch ist, der, wenn auch nur in allerseltensten Fällen, zu Blutgerinnseln im Gehirn führt, ist nachvollziehbar. Menschen, die sich aufgrund derartiger Ängste nicht impfen lassen wollen, als Impfverweigerer zu bezeichnen, ist dem Psychologen zufolge fehl am Platz. Überhaupt sollte man Begriffe wie diese aus dem pandemischen Vokabular streichen. Weil sie niemals in der Lage sind, die Realität in ihrer ganzen Vielschichtigkeit abzubilden. Ohne auf die Motivation hinter dem Verhalten zu achten, drückt man dem Menschen einen negativen Stempel auf. Mit der Folge, dass dieser nur noch stärker in eine Abwehrhaltung geht. Was also braucht es, um den Menschen die Angst zu nehmen und sie mit ins Boot zu holen, um der Pandemie so schnell wie möglich den Garaus zu machen?

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In erster Linie brauche es Aufklärung, so Kogler. Darüber, was Krise eigentlich bedeutet. Darüber, dass es in der Natur der Sache liegt, dass Entscheidungen von gestern morgen schon wieder überholt sein können. Sodann sei es wichtig, die Sorgen der Bevölkerung anzunehmen und auszusprechen. "Das passiert derzeit überhaupt nicht. Es wird nur von oben dirigiert", kritisiert der Verhaltenstherapeut. Sei es die Sorge um die Gesundheit oder jene um die Demokratie - "das betrifft uns ja alle. Aber keiner von den Politikern spricht es an. Stattdessen sind nur gegenseitige Schuldzuschreibungen zu hören." Kein geeigneter Weg, um die Bevölkerung zu erreichen. Genauso wenig wie Schuldzuweisungen in deren Richtung. "In dem Moment, in dem wir die Corona-Müden verurteilen, haben wir sie verloren."

»In dem Moment, in dem wir die Corona-Müden verurteilen, haben wir sie verloren«

Vielmehr solle man in einer positiven Weise auf sie einwirken. Indem man ihnen sanft, aber mit Nachdruck nahebringt, warum es Sinn macht, sich an die Regeln zu halten. "Da sind wir alle gefragt, nicht nur die Politiker." Die Politik wiederum müsse, so Kogler, "näher am Menschen kommunizieren", mit anderen Worten: auf die Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen und sich ihrer Sorgen annehmen. Egal, um welche Art von Sorgen es sich handelt. "Es reicht nicht, von oben zu dekretieren. Man muss die Leute dort abholen, wo sie sind. Das wäre - im besten Fall - die neue Normalität. Dann wird die Kluft zwischen Regieren und Agieren der Bevölkerung schmäler. Dann ziehen alle an einem Strang."

*Die Studie wurde im Auftrag der NEOS durchgeführt. Im August und September 2020 wurden 2.000 Personen, im Jänner und Februar 2021 1.000 Personen telefonisch und online befragt.

Woche 54: Was ist eigentlich normal?

22. bis 28. März 2021

  • Fast 4.000 Neuinfektionen an einem Tag
  • Mehr als 2.000 Covid-Patienten im Spital
  • Neue Verschärfungen im Osten Österreichs
  • Start der Ausreisekontrollen in zwei Bezirken von NÖ

Tauchen in Ihrer Erinnerung in letzter Zeit immer wieder kleinere oder größere Lücken auf? Kommt es vor, dass Sie gewisse Handlungen, die Sie offensichtlich durchgeführt haben, im Nachhinein partout nicht mehr rekonstruieren können? Willkommen in der "neuen Normalität"! "Was ist eigentlich normal?", fragt Alois Kogler - und gibt die Antwort: "Normal ist, was passiert." Was jetzt gerade passiert, ist, dass immer mehr Menschen von einer abgeschwächten Form der sogenannten dissoziativen Störung berichten. "Dissoziative Störung bedeutet, dass man Ereignisse oder Aktivitäten, die sich über Minuten, Stunden oder sogar Tage erstrecken, vollkommen vergisst", erklärt der Psychologe. "Die Erinnerung ist nur noch bruchstückhaft vorhanden." Manche Menschen fühlen sich dabei nicht nur von ihren Erinnerungen losgelöst, sondern auch von ihrem Gefühl und ihrem Körper.

»Die Erinnerung ist nur noch bruchstückhaft vorhanden «

Diagnostiziert wird die dissoziative Störung oft bei Menschen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden. Auch ein Unfall kann der Auslöser sein. In jedem Fall wird das auslösende Ereignis als lebensbedrohlich wahrgenommen. Es übersteigt die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten und ruft ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins hervor. Angst und Entsetzen überfluten den Körper, der kurzerhand auf Überlebensmodus schaltet. In dem Moment ist der Betroffene weder gedanklich und emotional noch körperlich handlungsfähig. "Normalerweise dissoziieren Menschen bei einer starken Depression oder einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jetzt aber dissoziieren einige in der Quarantäne, wo ihnen ebenfalls die Handlungsmöglichkeiten entgleiten und wo ihnen die anderen Menschen fehlen", stellt der Therapeut fest.

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"Für diese Menschen ist die Quarantäne eine Gefahrensituation, die sie nicht bewältigen können", erläutert Kogler weiter. "Wo sie von Hilflosigkeitsgefühlen überschwemmt werden." Erst jetzt werde deutlich, dass die Quarantäne für gar nicht so wenige Menschen eine Art traumatische Belastung darstellt. "Dass so etwas auftritt, damit haben wir nicht gerechnet." Gleichzeitig nehmen die Anfragen auf Kassenplätze für Psychotherapie deutlich zu. Mit einem raschen Rückgang rechnet der Psychologe nicht. Weil ja auch die mit der Pandemie einhergehenden erhöhten Anforderungen nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. "Selbst dann nicht, wenn wir alle geimpft sind. Denn dann werden die wirtschaftlichen Konsequenzen erst so richtig spürbar."

»Dass so etwas auftritt, damit haben wir nicht gerechnet«

Viele Patienten schildern dem Therapeuten zufolge auch eine Art emotionale Taubheit. Eine solche kann auftreten, wenn man niemanden hat, mit dem man sich emotional austauschen, den man spüren kann. "Das ist auch eine Form der Dissoziation. Nur ein bisschen leichter. Das vergeht wieder", beruhigt der Psychologe. Andere wiederum ziehen sich sozial zurück, weil der Großteil der Gespräche, die man führt, über kurz oder lang im Thema Corona mündet. "Das hängt mir schon zum Hals raus. Da arbeite ich lieber 60, 70 Stunden die Woche", gibt Kogler einen Betroffenen wieder. Letztlich seien Gespräche über Corona ja meist von einer hohen Intensität geprägt. Sie drücken die eigene Unfähigkeit aus, mit der Situation zurechtzukommen. Was ist demnach normal? All diese Veränderungen sind Teil der "neuen Normalität". Was früher nicht vorstellbar war, ist jetzt normal.

Woche 53: Das hilft beim Entscheiden

15. bis 21. März 2021

  • Teils mehr als 3.500 Neuinfektionen täglich
  • Anschober spricht von "dritter Welle"
  • Schrittweise Öffnung in Vorarlberg
  • EMA stuft AstraZeneca-Impfstoff als sicher ein

Am 18. März stufte die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA den Corona-Impfstoff von AstraZeneca als sicher ein. Etwaige Nebenwirkungen sollen dokumentiert werden. Es spreche aber nichts gegen die weitere Verwendung. Im Gegenteil: "Dieser Impfstoff ist eine sichere und effektive Methode, um Menschen vor Covid-19 zu schützen", so die Behörde. Während der Diskussion müde Menschen demonstrativ für besagtes Vakzin plädieren - "Ich geh allein schon aus Protest zur AstraZeneca-Impfung", zitiert Kogler einen Betroffenen -, steckt die Verunsicherung anderen nach wie vor tief in den Knochen. Soll ich mich impfen lassen? Und was, wenn man mir den AstraZeneca-Impfstoff verabreichen will? Eine Frage, die derzeit vermutlich nicht wenigen Kopfzerbrechen bereitet.

Passend dazu: Woher AstraZeneca seinen schlechten Ruf hat

Der Therapeut schildert eine Methode, die bei der Entscheidungsfindung hilft - und von einer seiner Klientinnen höchstpersönlich stammt. Immer dann, wenn die Betroffene um eine Entscheidung ringt, befragt sie den Engel Raffael - eine dreieinhalb Zentimeter große Steinfigur, die, wie sie sagt, "schon längst zum Inventar der Familie gehört". Dabei richtet sie zwei Fragen an den Engel. Erstens: Was ist es, das mir zu schaffen macht? Und zweitens: Was brauche ich, damit es mir besser geht? Dieses Mal kamen zwei weitere Fragen hinzu: Bin ich gesund genug, um mich impfen zu lassen? Und: Wie werde ich die Impfung vertragen? Im nächsten Schritt notiert sie mehrere Antwortmöglichkeiten auf keinen Zetteln, faltet diese auf eine Art und Weise zusammen, dass ihre Zugehörigkeit zur jeweiligen Frage erkennbar ist, und vermischt sie.

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"Das ist Verhaltenstherapie pur", merkt Kogler an. "Ich definiere ein Problem, suche nach Lösungsmöglichkeiten und formuliere diese so konkret wie möglich." Dann ist höchste Konzentration angesagt. "Da kommt nichts von der Außenwelt hinein", zitiert der Therapeut seine Klientin. Während sie den Engel um die richtige Antwort bittet, fährt sie mit der Hand über die Zettel und zieht jenen, bei dem sie ein Gefühl der Wärme verspürt. Selbst diese Herangehensweise ist ein Stück weit in der therapeutischen Praxis verankert. Denn auch in der Therapie werde oft die Frage "Was spüren Sie?" gestellt, erklärt Kogler Dabei gehe es um die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Körpergefühl. Einer nach dem anderen werden die Zettel sodann geöffnet. Gleichzeitig wird überprüft, ob die jeweilige Antwort mit dem Gefühl, das dabei zutage tritt, übereinstimmt.

»Selbstreflexion kann eine enorme Kraft aktivieren«

Dann wird aus der jeweiligen Antwort eine Handlung abgeleitet. Passt die vorgeschlagene Lösung nicht, wird sie noch einmal überdacht. Stimmt sie mit besagtem Gefühl überein, so wird sie ausgeführt. "Das entspricht dem Aufbau des Gehirns, dessen kognitives Zentrum in ständiger Wechselwirkung mit dem emotionalen steht." Das Gespräch mit dem Engel bezeichnet Kogler als "eine Art Selbstreflexion. Und diese kann eine enorme Kraft aktivieren kann." Der spirituelle Zugang wiederum lässt das Gefühl entstehen, in etwas Größeres eingebettet zu sein. Natürlich müsse es kein Engel sein, den man befragt. An wen man seine Frage adressiert, bleibt jedem selbst überlassen. So oder so hilft diese Methode, in schwierigen Situationen zu einer guten Entscheidung zu kommen.

Woche 52: Das Jahr ist wie im Flug vergangen

8. bis 14. März 2021

  • Knapp 3.000 Neuinfektionen in Österreich täglich
  • Intensivmedizin: Anstieg von Patienten "besorgniserregend"
  • Schwelle von 100.000 Todesopfern in Italien überschritten

Ein Jahr Corona-Pandemie. Und die Zeit ist wie im Flug vergangen. Warum? "Weil wir die ganze Zeit unsere Meinungen verändern mussten. Die ganze Zeit! Wie oft haben wir alle uns geirrt? Und wie oft haben wir alle unsere Vorstellungen angepasst?", stellt Kogler in den Raum. Dabei war unsere geistige Wendigkeit enorm gefordert. Und während unser Leben schon unter normalen Bedingungen nur zum Teil - wenn überhaupt - vorhersagbar ist, wird "in der Krise die Unvorhersagbarkeit zum Prinzip". Was wiederum den Bedürfnissen des menschlichen Gehirns widerspricht. Denn dieses versucht seit Jahrmillionen, Regeln auf- und Ordnung herzustellen - im vergangenen Jahr eine Sisyphus-Aufgabe sondergleichen. Gleichzeitig haben wir alle unsere individuelle Überzeugung davon, wie die Welt funktionieren soll.

»In der Krise wird die Unvorhersagbarkeit zum Prinzip«

"Wir sind die einzigen Lebewesen, die sich die Welt erklären müssen, um überleben zu können", sagt der Psychologe. Wir suchen demnach nicht nur nach Ordnung, sondern auch nach Sinn. Die Eichhörnchen zum Beispiel, veranschaulicht Kogler, verfügen zwar über eine differenzierte Vorstellung von ihrer Umgebung, diese umfasst aber nur jene Ausschnitte der Realität, die sie fürs Überleben brauchen. So wissen sie, wo sie im Winter suchen müssen, um die Nüsse, die sie im Herbst versteckt haben, zu finden. "Vermutlich denken sie aber nicht darüber nach, ob es einen Gott gibt." Was wir allerdings mit den geschäftigen kleinen Geschöpfen gemein haben, ist das ständige Ein- und Ausgraben. "So geht es uns in der Krise ja auch", stellt Kogler treffend fest. Nur dass wir darüber nachdenken, warum wir das tun.

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Um uns die Welt besser erklären zu können, haben wir hoch komplexe Kommunikationsformen entwickelt. So ausgeklügelt diese auch ist, können wir die Realität mit ihnen aber stets nur Wort für Wort, Schritt für Schritt abbilden. Das ist natürlich besonders dann ein Problem, wenn man verschiedenste Entwicklungen gleichzeitig erfassen müsste, um adäquat auf sie reagieren zu können. Während wir uns also von Tag zu Tag hanteln, sind die Lösungen, die wir gestern gefunden haben, morgen vielleicht schon längst überholt. "Was uns fehlt, ist der Blick von außen", stellt Kogler fest. Letztlich haben wir ja doch nur den Blick des Eichhörnchens, der uns zwar überleben lässt, nichtsdestotrotz aber sehr eingeschränkt ist. "Wir müssen erkennen, dass die menschliche Vernunft sehr begrenzt ist. Das wird in der Krise besonders deutlich."

»Wir haben gesehen, dass die Menschen immer wieder aufstehen«

Und dennoch hören wir nicht auf zu suchen. Der Landarzt, der in Windeseile eine Corona-Teststation aus dem Boden stampft (Woche 46). Die Lehrer, die völlig neue Formen des Unterrichts erschlossen haben (Woche 44). Die Wirtin, die ihr Lokal penibel den Vorschriften anpasst - um es im nächsten Lockdown erst recht wieder schließen zu müssen (Woche 11) … Es war, wenn man so will, ein ständiges Ein- und Ausgraben. Bei all den Einbußen, die wir dabei erdulden mussten, dürfen wir aber eines nicht vergessen: Die Menschen haben enorme Kraft bewiesen. Die Krise hat uns mit unseren Schwächen konfrontiert. Sie hat aber auch sehr viele Stärken zutage gefördert. "Wir haben gesehen, dass die Menschen immer wieder aufstehen." Vielleicht ist das sogar die wichtigste Erkenntnis, die wir aus dem letzten Jahr ziehen können.

Woche 51: Was passiert gerade mit uns?

1. bis 7. März 2021

  • Regionale Corona-Lockerungen laut Kurz möglich
  • Zahl der täglichen Neuinfektionszahlen wieder über 2.600
  • Lieferverzögerung bei Wohnzimmertests aus Apotheken
  • Ausreisebeschränkung für zwei Salzburger Gemeinden

Welchen Tag haben wir heute? Und was hab ich gestern gleich noch mal gemacht? Bei Fragen, die wir im Normalfall ohne zu zögern beantworten können, müssen wir jetzt erst mal nachdenken. "Wir befinden uns in einem Trott", stellt der Psychologe fest. Einem Trott, der so gar nicht aufregend ist. Trotzdem macht er uns müde. Unsere Gedanken verschwimmen und unsere Emotionen scheinen wie unter einer spiegelglatten Oberfläche zu liegen, durch die hindurch wir sie zwar vage wahrnehmen, aber nicht vollends empfinden können. "Die Emotionen sind zwar da, aber sie sind nicht lebendig. Wir können sie nicht angemessen ausleben." Was passiert da gerade mit uns? "Es gibt keinen psychologischen Begriff für diesen Zustand", sagt Kogler und macht sich auf die Suche nach dessen Ursache, die er zum einen im Overload an Informationen sieht.

»Für diesen Zustand gibt es keinen psychologischen Begriff«

"Wir bekommen Unmengen an Informationen. Wir suchen sie ja auch, sind dann aber überfordert und haben keine Lust oder Zeit mehr, sie zu ordnen. Dadurch machen wir ein Stück Unordnung im Gehirn." Wenn auch nur unterschwellig, so beschäftigen uns diese ungeordneten Gedanken doch weiter. Das macht, wie auch die Gefühle, die sich derzeit nicht richtig entfalten können, müde. Zum anderen dreht sich seit längerem schon alles um ein und dieselbe Sache: Corona. "Hunderttausende Informationen kommen zu diesem Thema herein. Das beutet Monotonie. Null Abwechslung. Auch das engt unsere Gedanken ein." Irgendwann beginnen wir uns vor all dem, was da auf uns einströmt, zu schützen und es abzuwehren. Auch hierbei drängen wir unsere Gedanken und Gefühle ein Stück weit in den Hintergrund.

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Diese Entwicklungen seien nicht nur individuell zu beobachten. "Es läuft da etwas gesamtgesellschaftlich ab", stellt Kogler fest. Viele begeben sich in den inneren Widerstand, machen sich stark für die Öffnung von Geschäften, der Gastronomie und Schulen. Manche artikulieren ihren Kampfgeist über Twitter, Facebook und Co. Andere organisieren Demos - entweder gegen die Maßnahmen oder gegen die, die gegen die Maßnahmen demonstrieren. "Durch das ständige Denken und Reden über Corona entsteht eine massenhafte Dynamik. Es entsteht eine Gleichförmigkeit der Bewegung." Jedoch keine, die von Geschwindigkeit geprägt ist. "Was wir jetzt haben, ist ein Rhythmus in Zeitlupe" - wie eine zähe Lavamasse, die sich kaum merklich vorwärts wälzt.

»Die Masse hat kein echtes Ziel«

Hinzu kommt: "Diese Masse hat kein echtes Ziel" - wir wissen weder, in welche Richtung wir uns bewegen, und schon gar nicht, was uns am Ende des Weges erwartet. Wer wiederum kein Ziel hat, reduziert sich auf sich selbst. "Man tut ein bissl was für den Körper, ein bissl was für die Seele ...", veranschaulicht Kogler. "Das ist eine natürliche Reaktion, dass man dann auf sich selbst schaut. Das Individuum ist die kleinste Einheit der Gesellschaft. Wenn es keine Möglichkeit hat, sich mit anderen zu verbinden, bindet es sich an sich selbst." Was dabei allerdings fehlt, ist ein gemeinsames Ziel. "Alte, gewohnte Ziele kann man zusammen über die Sozialen Medien umsetzen. Um neue Ziele entwickeln zu können, muss man den Menschen aber spüren." Ein schwieriges Unterfangen in einer Zeit der Kontaktlosigkeit!

Woche 50: Von wegen schwach!

22. bis 28. Februar 2021

  • Wieder mehr als 2.000 Neuinfektionen
  • Über 2,5 Mio. Corona-Tote weltweit
  • Kurz fordert EU-weiten Grünen Corona-Pass
  • Mayrhofen in Tirol wird isoliert
  • Schweiz setzt NÖ, Burgenland und Steiermark auf Risikoliste
  • Corona-Besuchsregeln für Heime gelockert

Wie geht es den Österreichern in der Krise? Das Institut für Psychosomatik und Verhaltenstherapie ging dieser Frage in gleich zwei Studien nach. Vor genau 19 Wochen berichteten wir über dessen erste. Damals zeigte sich, dass die Befragten - zum Zeitpunkt der Untersuchung allesamt Klienten an besagtem Institut - im Grunde recht positiv gestimmt waren. Dreiviertel fühlten sich durch die Situation nur wenig verunsichert, 70 Prozent gaben an, trotz der widrigen Umstände glücklich zu sein, und 80 Prozent versuchten, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Was allerdings nicht heißt, dass der erste Lockdown an den Befragten spurlos vorüberging. "Die Patienten waren deutlich belasteter. Sie waren depressiver, ängstlicher und hatten mehr körperliche Probleme", schildert Kogler. Sowohl Krankheitsangst als auch Panikreaktionen traten stärker zutage.

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Ebenso deutlich zeigte sich aber auch, dass die Patienten durchaus imstande waren, sich selbst zu helfen. "Sie konnten ihre Ressourcen gut aktivieren", sagt Kogler. Als Ressourcen wurden unter anderem Gespräche mit Freunden und Familie, Bewegung, entspannende Tätigkeiten, ein gutes Zeitmanagement und ausreichend Schlaf gewertet. Genauso wie die Fähigkeit, sich etwas Gutes zu tun und den Fokus immer wieder auf das Empfinden von Freude und Glück zu richten. "Man kann davon ausgehen, dass diese Ressourcen dabei geholfen haben, die belastende Situation zu bewältigen." Das war im zweiten Lockdown - während dem die Daten für die zweite Studie erhoben wurden - anders. Eingang in die Untersuchung fanden dieses Mal nicht nur psychisch kranke, sondern auch psychisch gesunde Personen.

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Dabei stellte sich heraus, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung während des zweiten Lockdowns überdurchschnittlich depressiver und ängstlicher waren als Gesunde. Sie machten sich deutlich mehr Sorgen und hatten auch größere körperliche Probleme. Während nur ein Viertel der gesunden Personen angab, stark verunsichert zu sein, waren es bei den psychisch Kranken immerhin 44 Prozent. Nahezu die Hälfte der Gesunden fand die Maßnahmen der Regierung für eher nicht gerechtfertigt. Nur ein Viertel der Menschen mit psychischer Erkrankung war dieser Meinung. Immerhin zwei Drittel der Kranken und ganze 97 Prozent der Gesunden gaben aber an, glücklich zu sein. Verglichen mit dem ersten Lockdown im Frühjahr waren die Patienten während des zweiten Lockdowns nicht mehr so gut in der Lage, hilfreiche Ressourcen zu aktivieren.

»Vielleicht ist unsere Gesellschaft ängstlicher geworden, aber sie ist wahrscheinlich auch stärker geworden«

"Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen", prognostiziert Kogler. "Die Patienten werden müde. Es wird anstrengender." Keinen Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Testzeitpunkt gab es dagegen in puncto Symptom- und Sorgenausmaß. "Die Patienten wurden im Laufe der Pandemie nicht ängstlicher oder depressiver", führt Kogler aus. Und das, obwohl die Situation im Laufe der letzten Monate keineswegs einfacher geworden ist. "Psychisch kranke Personen sind stark. Manchmal vielleicht sogar stärker als Gesunde. Trotz ihrer Ängste, trotz körperlicher Beschwerden und Depressionen kümmern sie sich um ein gutes Leben. Sie meistern ihr Leben mit aller Kraft. Vielleicht ist unsere Gesellschaft ängstlicher geworden, aber sie - zumindest ein großer Teil von ihr - ist wahrscheinlich auch stärker geworden."

Woche 49: Was wir aus der Krise lernen können

15. bis 21. Februar 2021

  • Mehr als 500.000 Todesfälle in der EU
  • Wien auf Corona-Ampel wieder rot
  • Untersagte Corona-Demo zog durch Innsbruck
  • Corona-Kurzarbeit um drei Monate verlängert

"Die Krankheit (…) fiel mit übermächtiger Gewalt über die Menschen her. (…) Die Leichname lagen in Haufen da, die Sterbenden wälzten sich auf den Straßen, halbtot vor Durst." So beschrieb der griechische Stratege Thukydides die Seuche, die 430 vor Christus Athen heimsuchte. Aus Angst sich anzustecken, überließ man die Kranken zum Teil sich selbst, die sodann einsam zugrunde gingen. "Ganze Häuser verödeten, weil es an Pflegern fehlte." Heute findet das Sterben hinter verschlossenen Krankenhaustüren statt. Die Bilder kennen wir lediglich aus den Medien. Der Wissenschaft haben wir es zu verdanken, dass binnen kürzester Zeit hochwirksame Impfstoffe entwickelt werden konnten. Und obgleich Thukydides von längst vergangenen Zeiten erzählt, lässt sich die eine oder andere Parallele zu dem Grauen von damals ziehen.

Damals wie heute ist die Bevölkerung von Angst geplagt. Unsicherheit und Unwissen tragen ihren Teil dazu bei. Die Seuche "raffte alle ohne Unterschied hin, mochte ihre Lebensweise auch noch so gesund sein", schrieb der Athener. "Das Furchtbarste an dem Übel war die Mutlosigkeit, in die es jeden versetzte, der sich von ihm ergriffen fühlte." Heute stellen wir uns die Frage, ob wir jemals wieder ein Leben ohne Corona führen können, wie wir die nächsten Jahre wirtschaftlich über die Runden kommen werden und welche Kollateralschäden die Krise mit sich bringen wird. Die Insolvenzen werden kommen, prognostiziert der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Christoph Badelt. Mutlosigkeit, wenn auch aufgrund finanzieller Gründe, macht sich auch hierzulande breit, wissen doch viele bereits jetzt nicht mehr, wie sie die nächste Miete zahlen sollen.

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"Das Unglück war so übermächtig geworden, dass die Menschen, die nicht wussten, was aus ihnen werden würde, auch die göttlichen und menschlichen Ordnungen nicht mehr achteten", heißt es in dem Werk Thukydides. "Die Gesetzlosigkeit in der Stadt nahm infolge der Seuche zu." Plünderungen standen an der Tagesordnung. "Es kam zu einem Zerfall der Gesellschaft, einem Zerfall der Sitten und des Anstandes", fasst Kogler zusammen. Von diesem sind wir - Gott sei Dank - weit entfernt. Nichtsdestotrotz werden Gesetze gebrochen - um dem Unmut gegenüber der Regierung Luft zu machen. Was folgt, ist die Suche nach dem Schuldigen. Damals waren es die Seeleute, die die Krankheit aus dem Orient gebracht haben sollen. Auch an eine Strafe der Götter dachte man. Heute stehen Verschwörungstheorien hoch im Kurs.

»Mehr vom Gleichen hält die Gesellschaft nicht länger aus«

Was also können wir aus der Geschichte lernen? Dass es immer zwei Wege aus der Krise gibt, sagt der Psychologe. Den, der im Zerfall der Gesellschaft mündet, und jenen auf der Suche nach Möglichkeiten, um die Ausgangslage zu verbessern. Die Krise ist noch lang nicht vorüber und schon müssen sich Bezieher der Mindestpension in Suppenküchen anstellen, weil sie sich ihr Essen nicht mehr leisten können. Es bedarf demnach der Umverteilung des Reichtums, so Kogler. Je stärker die Kaufkraft der breiten Bevölkerung, desto mehr Steuereinnahmen stehen für den Ausbau des Gesundheits- und Bildungssystems zur Verfügung. Ein ambitioniertes Ziel, keine Frage, doch "mehr vom Gleichen hält die Gesellschaft nicht länger aus", mahnt Kogler. Es muss sich etwas ändern. "Also auf in das neue Denken und Handeln!"

Woche 48: Absage an die alte Normalität

8. bis 14. Februar 2021

  • Zahl der Neuinfektionen wieder über 1.500
  • Irland setzt Österreich wegen Mutationen auf Rote Liste
  • Streit zwischen Bund und Tirol wegen Maßnahmen für Tirol

"Der Bär ist los", bringt Kogler die aktuelle Situation auf den Punkt. "Der heutige Ausgangszustand kann morgen schon ein ganz anderer sein." Folglich sei es schlicht und einfach unmöglich, Vorhersagen zu treffen. Anfang des Jahres beispielsweise hatten wir unsere Hoffnung noch in eine rasche Durchimpfung der Bevölkerung gesetzt. Diese ist mittlerweile zerstreut. Von den Virusmutationen, die die Wissenschaft vor immer neue Fragen stellen, ganz zu schweigen. Dass einmal getroffene Entscheidungen in einer Situation wie dieser nur bis auf weiteres gelten, erklärt sich von selbst. Immerhin macht es keinen Sinn, ein Vakzin, von dem man bereits weiß, dass seine Wirkung bei einer bestimmten Gruppe von Menschen begrenzt ist, ebendieser zu verabreichen. Die Situation muss demnach laufend neu bewertet werden.

Die mit der unvollständigen Datenlage einhergehende grundlegende Unsicherheit erleichtert die Entscheidungsfindung nicht gerade. "Wir müssen uns in kleinen Schritten vortasten", sagt der Psychologe. Erschwerend hinzu kommt, dass sämtliche Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden müssen - und das auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Es reicht nicht, bloß einen Impfplan zu erstellen. Man muss sich auch überlegen, ob und wann die Schulen wieder geöffnet und unter welchen Voraussetzungen die Grenzen geschlossen werden sollen. Schließlich befindet sich auch die Emotions- und Motivationslage der Menschen in einem permanenten Wandel. "Wir bewegen uns in gesellschaftlichen Strukturen, die sich ständig ändern."

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"Im besten Fall haben wir eine Daumen-mal-Pi-Regel, nach der wir vorgehen können", sagt Kogler. Tatsächlich sei die Realität aber viel zu komplex, als dass hier einfache Regeln greifen könnten. Gleichzeitig wächst in der Bevölkerung die Hoffnungslosigkeit. "Körperliche und depressive Beschwerden, Ängstlichkeit und Sorgen - um sich, um andere und um die Zukunft - nehmen zu, während unsere Ressourcen abnehmen. Ich, die anderen die Zukunft - überall schaut es schlecht aus", umreißt der Therapeut das Empfinden der Menschen und mahnt: "Die Rückkehr zur alten Normalität darf es nicht geben!" Weil sie es war, die zu den aktuellen Problemen geführt hat. "Die alte Normalität ist ein Zusammensein dampfender Menschenkörper." Auf einem chinesischen Markt genauso wie am Wiener Opernball, im Flugzeug oder aber auch in der Schule.

»Wir müssen mit dem Kritisieren aufhören und selbst die Initiative ergreifen«

Es sei also an der Zeit, die Gesellschaft neu zu bauen. "Wir müssen mit dem Kritisieren aufhören und selbst die Initiative ergreifen." Erholungsräume im öffentlichen Raum müssen vergrößert, die Schule neu gedacht werden. Sowohl was die räumlichen als auch was die didaktischen Strukturen betrifft. "Im Moment wird nur gejammert über die armen Kinder, die Lebensjahre verlieren. Besser wäre es darüber nachzudenken, wie man die Schule gestalten kann, damit sie ein Ort der Kreativität und Lebensfreude wird. Geben wir den jungen Menschen endlich Zuversicht! Natürlich verlangt das viel Denken." Aber gerade jetzt sei die Chance gegeben, größer zu denken und Ideen umzusetzen. Schließlich könne man nur so einen Umgang mit der Unvorhersehbarkeit finden und die Grabenkämpfe um einzelne Impfstoffe, um Verbote, Grenz- und Schulschließungen beenden.

Woche 47: Keine Spur von einem Plan

1. bis 7. Februar 2021

  • Regierung verkündet Lockerungen des Lockdown ab 8. Februar
  • Einreisebestimmungen werden verschärft
  • Erste Lieferung von AstraZeneca laut Anschober ab 7. Februar
  • Zahl der Covid-Toten in Österreich überschreitet 8.000er-Marke

Mit 8. Februar kommt es - der Warnung renommierter Virologen zum Trotz - zu ersten Lockerungen des Lockdowns. Was das zur Folge haben wird? Man weiß es nicht. Weil eine Pandemie etwas ist, dessen Entwicklung man nicht vorhersagen kann. Zur Sicherheit verteile der Bundeskanzler, so der Psychologe, aber schon einmal die Schuldkarte an die Bevölkerung. Indem er auf die Verantwortung jedes Einzelnen hinwies. Die sei grundsätzlich auch gegeben, jedoch passe die Bevölkerung ihr Verhalten den von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen an. Zu vermitteln, dass für den weiteren Verlauf der Pandemie in erster Linie die Art und Weise ausschlaggebend sei, wie man sich privat verhält, ist Kogler zufolge lediglich ein Zeichen dafür, dass man sich nicht eingestehen will, keinen Plan zu haben.

»Kurz tut so, als wüsste er, wie der Hase läuft«

"Kurz tut so, als wüsste er, wie der Hase läuft. Hasen hüpfen aber kreuz und quer und manchmal auch wieder zurück" - vor allem in Zeiten der Pandemie. Was wir hier haben, ist ein ungelöstes Problem, was jedoch nicht nur von Nachteil ist. "Ungelöste Probleme haben einen hohen persönlichen und gesellschaftlichen Wert. Sie treiben die Entwicklungen voran", weiß der Therapeut. In Wahrheit wissen wir doch alle nicht, was im Moment das Richtige ist. Sollen wir die Geschäfte öffnen und einen erneuten Anstieg an Infektionszahlen riskieren? Oder doch besser den Lockdown fortführen in dem Wissen, dass dies auf Kosten der Wirtschaft geht? Mit der Zahl der Möglichkeiten steigt auch die der Standpunkte. Kogler kristallisiert zwei davon heraus.

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Da wären einmal die Schlupfloch-Experten. Sie wissen die aktuellen Einschränkungen geschickt zu umgehen. "In Graz wurden Bäckereien für illegale Friseur-Besuche umfunktioniert. Und auf der Turracher Höhe sind in einem einzigen Ferienhaus 36 Nebenwohnsitze gemeldet." Das wiederum sorgt bei den Maßnahmen-Befürwortern - der zweiten Gruppe - für Unmut. "Die Meinungen reiben sich aneinander. Es kommt zu Widersprüchen, Konflikten und Kämpfen." Und zu vielen offenen Fragen, die in erster Linie im privaten Kreis diskutiert werden. Je mehr diskutiert wird, desto präziser wird das Problem definiert. Informationen werden gesammelt und das Wissen wächst. Nach und nach werden die Diskussionen weiter transportiert, bis sie schließlich die internationale Ebene erreichen.

Auf Basis des neuen Wissens setzen wir Schritte - wir treffen Entscheidungen und lenken so das Geschehen in eine bestimmte Richtung. Was wiederum unsere Meinungen, Gefühle und Verhaltensweisen beeinflusst. "Der Lernwillige passt sich den neuen Verhältnissen an und versucht sie mitzugestalten", sagt Kogler. Er begreift, dass wir in einer höchst komplexen und unsicheren Welt leben. Und dass wir umso besser mit ihr zurechtkommen, je mehr wir uns über sie informieren. Wobei die besagten Lernprozesse nicht nebeneinander ablaufen. Die Vertreter der verschiedenen Standpunkte lernen von- und miteinander. "Mit der Auseinandersetzung kommen wir gemeinsam weiter. Das ist der Wert von ungelösten Problemen."

Woche 46: Aus dem Leben eines Landarztes

25. bis 31. Jänner 2021

  • Start der FFP2-Maskenpflicht
  • Zahl der Neuinfektionen geht nicht wirklich zurück
  • Durchseuchung in Österreich auf 7 Prozent geschätzt
  • Impfplan für Über-80-Jährige wird überarbeitet
  • Festnahmen und Anzeigen bei verbotenen Corona-Demos

"Die Erkrankten schnappen nach Luft. Wie ein Fisch, den man an Land zieht. Es ist, als würden sie ertrinken." Dr. Günther Hirschberger ist Landarzt in St. Barbara im Mürztal. Tagein, tagaus sieht er, was der breiten Bevölkerung verborgen bleibt: "Dieses Sterben ist entsetzlich. Erst heute ist ein Patient gestorben, der seit Weihnachten an die Beatmungsmaschine angeschlossen war. Er hatte ein langes Sterben." Und: "Kaum einer sieht, wie es den Kranken wirklich geht. Das kann und will niemand sehen." Für Hirschberger war das letzte Jahr ein Ausnahmejahr. Arbeitstage, die um 6.00 Uhr morgens beginnen und um Mitternacht enden. Dann erkrankte er selbst an Covid-19.

»Kaum einer sieht, wie es den Kranken wirklich geht«

Während der Hochsaison testete er neben dem normalen Ordinationsbetrieb bis zu 15 Personen täglich auf das Virus. "Ich habe eine Schleuse hinter der Praxis gebaut. Dort habe ich die Abstriche gemacht. Wenn ein Patient positiv war, mussten wir ihn ausschleusen und danach alles desinfizieren." Noch immer macht er täglich mehrere Infizierte aus. Mit Unterstützung des Bürgermeisters haben sich die Ärzte vor Ort organisiert, Container zum Testen aufgestellt und dafür gesorgt, dass die Patienten auch an Sonn- und Feiertagen betreut werden. "Die Patienten sind sehr dankbar. Ihnen wurde wieder bewusst, wie wichtig Hausärzte sind." Aktive Hilfestellungen vonseiten der Bundesregierung blieben Hirschberger zufolge aus.

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"Wir haben Impfstraßen organisiert. Der Andrang ist gewaltig", sagt Hirschberger. An Impfmoral mangle es nicht, an Impfstoff jedoch schon. "Anfang des Jahres hat man den Leuten versprochen, dass bis zum Sommer alle geimpft sind. Tatsächlich wird bis dahin aber erst ein kleiner Teil geimpft sein. Wenn die Infektionszahlen im Sommer wieder sinken, kann es sein, dass sich weniger Leute impfen lassen werden. Das wäre die nächste Katastrophe", warnt der Mediziner. Gleichzeitig kritisiert er die Tatsache, "dass die Menschen immer noch andere an den Pranger stellen wollen". Nach Berichten über Bürgermeister, die sich eine Impfung erschlichen hätten, trauen sich Ärzte nun nicht mehr, die in Altenheimen übrig gebliebenen Dosen zu verimpfen - aus Angst, medial vorgeführt zu werden.

»Niemand kann vorhersagen, wann wieder ein normales Leben möglich sein wird«

Langsam, aber sicher mache sich in der Bevölkerung eine Pandemie-Müdigkeit breit. "Im ersten Lockdown sah ich auf meinen nächtlichen Fahrten zu den Hausbesuchen kein einziges Auto. Jetzt sehe ich Kolonnen auf der Autobahn. Die Leute gehen nicht mehr mit." Nicht müde wird indes die Regierung, das Bild vom Licht am Ende des Tunnels zu zeichnen. Wir können das Ende der Pandemie, so Kogler, aber nicht vorhersagen. "Die Regierungen müssten so mutig sein, das zuzugeben. Niemand kann vorhersagen, wann wir wieder ohne Einschränkungen reisen können. Niemand kann vorhersagen, wann die Zahl an Arbeitslosen wieder auf ein normales Niveau gesunken sein wird." Und: "Niemand kann vorhersagen, wann wieder ein normales Leben möglich sein wird."

Woche 45: Verunsicherung macht sich breit

18. bis 24. Jänner 2021

  • Wieder mehr als 1.100 Neuinfektionen in Österreich
  • Chaos bei Verteilung von Corona-Selbsttests für Schüler
  • Engpässe bei Impfstoff-Lieferung befürchtet
  • Mehr Tote in den USA als im 2. Weltkrieg

Soll ich mich impfen lassen? Oder lieber nicht? Gehe ich mit der Impfung vielleicht sogar ein gesundheitliches Risiko ein? Fragen wie diese quälen derzeit manch Österreicher. "Warum sind die Menschen so leicht zu verunsichern?", entgegnet Kogler. Und liefert die Antwort. In seinem 2018 erschienen Buch "Das passende Leben"* schreibt Remo Largo: "Nicht nur Kinder brauchen Geborgenheit, sondern auch Erwachsene. Und das viel mehr als meist angenommen. Immer mehr Menschen der jungen und mittleren Generation leiden unter mangelnder emotionaler Sicherheit und auch Einsamkeit." Partnerschaften seien heutzutage weniger tragfähig und von beschränkter Dauer, damit steige nicht zuletzt auch die soziale Verunsicherung. Ein Trend, den Kogler - auch als Paartherapeut tätig - bestätigen kann.

"Der Mensch ist seit jeher auf Gemeinschaft ausgerichtet", sagt er. Früher war das soziale Gefüge sogar Voraussetzung, um überleben zu können. Das ist jetzt anders. "Heutzutage gibt es viel weniger soziale Zwänge." Was gut ist, gleichzeitig aber bedeutet, dass die Partner emotional stärker gefordert sind. "Die sozialen Zwänge sind nicht mehr der Kitt der Beziehung." Die Notwendigkeit, ständig an derselben zu arbeiten, steigt. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass sie zerbricht und die emotionale Sicherheit damit verloren geht. Was, wie man an der Scheidungsrate in Österreich von rund 40 Prozent ablesen kann, auch häufig passiert. Damit aber nicht genug. "Auch Freundschaftsbeziehungen werden jetzt stärker auf die Probe gestellt als in Nicht-Corona-Zeiten", weiß der Therapeut. Wann haben Sie zuletzt einen Freund auf einen Kaffee getroffen? Gemeinsame Aktivitäten verbinden, sind während des Lockdowns aber nicht gerne gesehen.

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Gleichzeitig gehen wir mit unseren Freunden härter ins Gericht. Ein kleiner Fehler, und der Freund wird zum potenziellen Feind. Etwa dann, wenn er sich nicht, wie vorgeschrieben, an die Corona-Regeln hält. "Giftige Gedanken nehmen jetzt zu." Und weil wir uns aufgrund der Pandemie in einem Zustand der emotionalen Dauererregung befinden, bleibt es oft nicht bei diesen. "Die Emotionen kochen hoch, die Perspektive auf den anderen verengt sich und die Aussicht, sich in ihn hineinzuversetzen, wird immer geringer." Es braucht nicht viel, und ein Konflikt bricht aus. Die Medien, so der Psychologe, leisten dabei einen nicht unwesentlichen Beitrag. In der Aggressionsforschung der 1980er/90er Jahre sprach man von der doppelten Dosis. Soll heißen: Bei Personen, bei denen bereits ein Aggressionspotenzial vorhanden ist, können dementsprechende Medieninhalte dieses verstärken.

»Giftige Gedanken nehmen jetzt zu«

"Jetzt", so Kogler, "kann man sogar von der dreifachen Dosis sprechen." Man konsumiert nicht nur Medieninhalte, sondern gestaltet sie selbst mit. "Die Leute holen sich scheinbare Sicherheit - weil Information bedeutet ja Sicherheit - und zusätzlich Selbstwert über die Sozialen Medien." Und alle, die sich in diesen bewegen, wissen: Ein kleiner Funke kann schnell ein großes Feuer entfachen. Unsere Gesellschaft könne sich aber nur dann weiterentwickeln, wenn wir auf vernünftige Weise mit den eigenen Emotionen sowie denen der anderen umgehen. Und hier kommt die emotionale Intelligenz ins Spiel, die es sich im Laufe des Lebens hart zu erarbeiten gilt. Ohne sie - und ohne die Fähigkeit, auch die guten Seiten unseres Gegenübers zu sehen - funktioniert Gemeinschaft nicht. Und ohne Gemeinschaft keine Geborgenheit, die wir gerade in Zeiten, in denen Einsamkeit und Unsicherheit auf der Tagesordnung stehen, mehr brauchen denn je.

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Woche 44: Die Kinder sind "so brav" geworden

11. bis 17. Jänner 2021

  • Regierung einigt sich aufs "Reintesten"
  • Schwelle von 2 Millionen Toten weltweit überschritten
  • Verlängerung des Lockdowns zumindest bis 7. Februar

"Wie viele Löckdowne gibt es noch?", gibt Kogler die an eine Lehrerin gerichtete Frage einer Schülerin wieder? Eine Pädagogin wiederum meint: "Wenn man die Politiker reden hört, merkt man, die haben von der tatsächlichen Situation in der Schule keine Ahnung." Wie also sieht sie aus, die Situation in Schule und Kindergarten? Und wie geht es den Kindern damit? Die Kinder, so der Psychologe, sind sensibler geworden. Sensibler im Sinne von empfindlich. Was ihnen zuvor kaum etwas ausgemacht hat, lässt sie nun mitunter in Tränen ausbrechen. Sei es der Sturz von der Schaukel oder aber auch die vergebliche Suche nach dem Mundschutz. Apropos Mundschutz: Dieses Thema ist psychologisch gesehen allgegenwärtig. So haben manche Kinder das Gefühl, ohne Maske nicht handlungsfähig zu sein, sprich beispielsweise die Klasse nicht verlassen zu können.

"Wie soll das gehen?", fragt ein Lehrer. "Wenn ich mit den Kindern im Kreis sitze, um etwas zu basteln, muss jedes Kind sein eigenes Materialpaket haben. Und wenn wir fertig sind, muss alles desinfiziert werden." "Den normalen Schulalltag", folgert ein anderer, "wird es noch lange nicht geben." Was Kogler zufolge nicht zuletzt den Schulgebäuden geschuldet sei, die allesamt "nur für die Massenabfertigung gebaut" seien. 30 Kinder in einem Klassenzimmer, das man lüften muss, in dem es dann kalt ist und man im Mantel Schularbeiten schreiben muss. Gleichzeitig sind die Kinder "so brav" geworden. Als wären sie dankbar, in die Schule gehen zu dürfen. "Das entspricht nicht dem gewohnten Verhalten eines Kindes", merkt Kogler an.

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Zudem suchen Kinder jetzt vermehrt Ankerpunkte des Glücks. Vor der Pandemie war zum Beispiel die Übernachtung in der Schule ein solcher Ankerpunkt. "Für viele war das ein besonderes Erlebnis. Jetzt findet es nicht mehr statt", so der Therapeut. "Für unseren Optimismus brauchen wir die gedankliche Vorwegnahme eines positiven Erlebnisses. Jetzt allerdings scheint es wenig zu geben, worauf sich Kinder freuen können." Sie leben in einer Zeit, die Angehörige der älteren Generation hin und wieder mit den Worten "Im Krieg sind wir auch nicht in die Schule gegangen" relativieren. "Das waren", so Kogler, "definitiv schwerere Zeiten. Aber die Kinder konnten miteinander spielen." Kein Wunder also, dass, wie der ein oder andere Lehrer beobachtet, einige der Heranwachsenden "plötzlich so erwachsen“ geworden sind.

»Es scheint wenig zu geben, worauf sich die Kinder freuen können«

Dann wäre da noch der Online-Unterricht: "In manchen Schulen haben die Kinder sechs Online-Stunden am Stück", gibt Kogler zu bedenken. Sioe werden mit Wissen regelrecht überflutet. An anderen Schulen wiederum beschränkt sich das Lehrpersonal auf die Zusendung von Arbeitsblättern, die dann von den Kindern im Alleingang ausgearbeitet werden müssen. Und wie geht es den Eltern? "Viele sind längst müde geworden. Wie sollen sie, neben Arbeit und Haushalt, am Nachmittag mit den Kindern auch noch die Aufgaben durchackern?". Abgesehen davon, dass der Lernstoff manche Mütter und Väter schlicht überfordert. Mit der Folge, dass die Diskrepanz zwischen den Kindern, die zuhause unterstützt werden, und jenen, denen diese Hilfe nicht zuteilwird, weiter wächst. "Wenn es den Eltern an Zeit oder Kompetenz mangelt, wie sollen die Kinder das dann lernen?".

Woche 43: Der Widerstand wächst

4. bis 10. Jänner 2021

  • Regierung zieht Gesetzesnovelle zum Freitesten zurück
  • Verlängerung des dritten Lockdowns bis 24.1.
  • Allgemeiner Impfstart auf 7.1. vorgezogen
  • Britische Virusmutation in Österreich entdeckt

"So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte Chuck Schumer, Fraktionschef der Demokraten im US-Senat, nach dem Sturm aufs Kapitol mit fünf Toten. Dasselbe denken sich vermutlich viele, bezogen auf die dem Virus geschuldeten Zustände. Die Infektionszahlen befanden sich zuletzt wieder im Steigen. Sorgen bereiten derzeit auch die Virusmutationen aus Großbritannien und Südafrika. Gleichzeitig setzt sich der Vertrauensverlust der Österreicher in die Regierung fort. "Selbst jene, die den Aktionen der Regierung bisher positiv gegenübergestanden sind, werden jetzt deutlich skeptischer bis ablehnend", beobachtet Kogler. Noch stützt die breite Mehrheit die vom Staat gesetzten Maßnahmen. Aber "die Stimmung kann kippen", wie es dieser Tage in den USA zu sehen war.

"Unsere Gesellschaft ist hoch vulnerabel. So deutlich wie in dieser Woche hat sich das noch nie gezeigt", merkt der Psychologe an. Gewalt gegen demokratische Einrichtungen werde wieder gesellschaftsfähig. Nicht nur in den USA. Was genau passiert nun aber in Österreich? "Viele Leute denken, es sei an der Zeit ist, sich nicht mehr anzupassen, sich zu wehren. Das betrifft nicht nur die Querdenker", sagt der Verhaltenstherapeut. Woran das liegt? "Was den öffentlichen Umgang mit pandemischen Ereignissen betrifft, haben wir uns seit dem Mittelalter kaum weiterentwickelt." Damals wie heute wird versucht, Informationen zurückzuhalten. Finanzielle Mittel werden teils ohne öffentliche Kontrolle vergeben, während die Durchgriffsmacht der Regierung, die Maßnahmen betreffend, nach wie vor beschränkt ist.

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"Im Grunde gibt es keine Strategie, wie man die Bevölkerung zum Mitmachen animieren kann, um einer weiteren Ausbreitung des Virus vorzubeugen", kritisiert Kogler. Der Prozess der Bürgerbeteiligung wäre "die Chance für den Umgang mit der Pandemie", werde aber schlichtweg verhindert. Denn wer nicht umfassend informiert ist, kann sich auch nicht angemessen beteiligen. Womit wir wieder bei der mangelnden Transparenz wären. "Von der Zentralregierung zu den Landtagen bis zur kleinsten Gemeinde - überall herrscht Amtsverschwiegenheit. So wird Misstrauen gegen die Demokratie, gegen 'die da oben' gesät. Natürlich werden die Menschen da zornig und störrisch", erklärt der Psychologe.

»Es wird Misstrauen gesät. Natürlich werden die Menschen da zornig und störrisch«

Und noch etwas missfällt vielen: "Bisher schon konnten wir nur schwer mit Verzicht umzugehen. Spätestens seit den 1980ern heißt es: Konsum, Konsum, Konsum. Hier und jetzt, was immer ich will. Diese Ungeduld wurde ja gezüchtet. Damit wird die Tatsache, dass man mal nicht einkaufen gehen kann, zum Drama. Wir können nicht warten. Wir wollen unser bisheriges Verhalten fortsetzen." Intransparenz auf der einen Seite, Ungeduld, Misstrauen und zunehmende Skepsis auf der anderen waren für diese Woche bezeichnend. Die Folge ist Widerstand seitens der Bevölkerung. "Derzeit ist es noch passiver Widerstands. Man kritisiert im Freundes- und Bekanntenkreis die herrschenden Zustände, sagt aber: 'Was soll ich machen?'". Wie schnell der passive Widerstand in einen aktiven umschlagen kann, wissen wir spätestens seit den Krawallen in Washington.

Woche 42: Warum Zwangsmaßnahmen nichts bringen

28. Dezember 2020 bis 3. Jänner 2021

  • Mehr als 6.000 Corona-Tote in Österreich
  • Neuinfektionen wieder bei fast 3.000
  • Politische Debatte um "Freitesten" hält an
  • Astrazeneca-Impfstoff in Großbritannien zugelassen

Der erste Corona-Impfstoff war noch nicht einmal zugelassen, schon wetterte die FPÖ gegen eine vermeintliche Impfpflicht. Dabei ist es um die Impfmoral der Österreicher auch so schon nicht besonders gut bestellt. Bei der saisonalen Grippe betrug die Durchimpfungsrate im Jahr 2019/20 gerade einmal acht Prozent. Und so groß die Hoffnung auf ein Vakzin gegen Sars-CoV-2 anfangs war, so stark fiel in den letzten Wochen die Bereitschaft, sich ebensolches verabreichen zu lassen. Schließlich gaben Mitte Dezember nur mehr 22 Prozent an, sich sicher impfen zu lassen. Zwar ist noch nicht klar, inwieweit die derzeit verfügbaren Impfstoffe das Ansteckungsrisiko verringern. Jedenfalls aber senken sie das Risiko, dass der Betroffene schwer an Covid-19 erkrankt, womit nicht zuletzt einer Überlastung des Gesundheitssystems vorgebeugt wird.

»Zwangsmaßnahmen sind kontraproduktiv«

Wie kann man die Bevölkerung also dazu ermutigen, aktiv am Kampf gegen die Pandemie teilzunehmen? "Die Erfahrung hat gezeigt, dass Vorschriften - außer im Straßenverkehr - wenig Akzeptanz finden", gibt Kogler zu bedenken. Mit anderen Worten: "Zwangsmaßnahmen sind kontraproduktiv." Maßnahmen auf freiwilliger Basis wiederum seien dann am effektivsten, wenn individuelle Entscheidungen respektiert werden und Polizeigewalt reduziert wird. Damit die Seucheneindämmung auf freiwilliger Basis funktioniert, müsse die Bevölkerung in erster Linie umfassend aufgeklärt werden. Über die aktuellen Entwicklungen sowie den Ernst der Lage. "Es ist verwunderlich, dass manche Menschen immer noch nicht verstehen, dass eine Pandemie etwas Hochgefährliches ist", merkt der Psychologe an.

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Ein Blick in die Vergangenheit hilft: "Viele wissen gar nicht mehr, was Polio ist. Millionen wurden mit der Impfung gerettet. Von den Pocken keine Rede." Letztere zählen zu den gefährlichsten Krankheiten überhaupt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts forderten sie weltweit rund 400 Millionen Tote. 1980 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei, was ohne Impfung nicht möglich gewesen wäre. Heute ist uns der positive Effekt von Impfungen oft gar nicht mehr so bewusst. Eben weil sie so erfolgreich waren und sind. Diese Tatsache muss man den Menschen ins Bewusstsein rufen. Gleichzeitig müsse man Wissenslücken eingestehen. "Es hat keinen Sinn, ständig zu erklären, die Corona-Impfung sei völlig sicher." Nicht zuletzt deshalb, weil man hierüber noch keine gesicherten Aussagen treffen kann.

"Aber sie ist, dem aktuellen Wissensstand zufolge, zu einem hohen Maß sicher. All das muss man kommunizieren", sagt der Therapeut. Dagegen sei es "kontraproduktiv, wenn das Corona-Quartett immer nur mit Einwegbotschaften auftritt. Weil das nicht das eigene Denken fördert und die Leute bloß ins Querdenken treibt". Daher sei es auch so wichtig, den Skeptikern Gehör zu schenken. Nur, wer auch Gegenstimmen zulässt, kann ein vollständiges Bild zeichnen. "Im Katholizismus lautete die Devise: Gehorcht, dann wird es euch gutgehen. So kann das aber nicht funktionieren", betont der Therapeut und plädiert dafür, den gehorsamen Bürger zu einem mündigen zu erziehen, der aus freien Stücken Entscheidungen trifft, die letztlich dem Gemeinwohl zugutekommen.

Woche 41: Die Welt im Fieber

21. bis 27. Dezember 2020

  • Niedrigste Zahl an Neuinfektionen seit zwei Monaten
  • Start der Corona-Impfungen in Österreich
  • Kurz bezeichnet Impfung als "Anfang vom Sieg über die Pandemie"
  • Landeverbot für Flieger aus Großbritannien wegen neuer Virusvariante

"Die Welt im Fieber"*. So lautet der Titel des 2018 erschienenen Buchs, in dem die britische Autorin Laura Spinney die durch die Spanische Grippe ins Rollen gebrachten gesellschaftlichen Veränderungen analysiert und Entwicklungen aufzeigt, die den aktuellen ähnlicher kaum sein könnten. Schon vor hundert Jahren war die Individualisierung der Gesellschaft im Gange. Schon damals wurden die Interessen des Kollektivs über die des Individuums gestellt. In Frankreich etwa wurde die Schließung von Theatern, Kinos, Kirchen und Märkten angeordnet. Eine Maßnahme, der in der sogenannten Provinz allerdings kaum Beachtung geschenkt wurde - aus Angst, die Bürger zu verärgern. Heute ist es unter anderem die Diskussion um die Öffnung der Skigebiete, die Stadt und Land entzweit. "Alle Gottesdienste wurden verboten", schreibt Spinney weiter. "Aber die Menschen hielten sich nicht daran."

Dementsprechend ging es bereits damals um die Frage, wie man die Bevölkerung zur Kooperation bewegen kann. Zum einen setzte man auf Maßnahmen auf freiwilliger Basis. "So wurde dringend empfohlen, ein Taschentuch zu benutzen und nachts das Fenster zu öffnen", erläutert Spinney. Wer den Empfehlungen nicht nachkam, hatte jedoch keinerlei Konsequenzen zu befürchten. Nicht zuletzt deshalb, weil die Möglichkeiten der Regierungen schon damals begrenzt waren. Zum anderen gab man der Bevölkerung Zuckerbrot und Peitsche. Während es im Herbst dieses Jahres hieß, das Virus käme "mit dem Auto über die Grenze nach Österreich", waren es in den USA anno dazumal die Italoamerikaner, denen man die Schuld für die Ausbreitung gab. Besagte Bevölkerungsgruppe wurde freundlich dazu angehalten, ihre Kinder möglichst selten zu küssen. Und wenn, dann nicht auf den Mund. Bei Nichteinhaltung der Hygienevorschriften wurde hart durchgegriffen.

© Getty Images/Topical Press Agency Zwei Männer werben für das Tragen von Masken

"Diese Mischung aus emotionaler Einfühlung und Härte sehen wir auch heute", sagt Kogler. "Wobei die emotionale Einfühlung stets eine Form der Androhung ist im Sinne von: Wer die Regeln nicht befolgt, gefährdet das eigene Leben und das anderer, mitunter geliebter Menschen." Spinney schreibt: "Viele Menschen befolgten damals die Auflagen, allerdings hielten auch damals viele die Impfungen für lächerlich und ein Instrument, um den Arzt bei Laune zu halten. Es entstanden Gerüchte aller Art." Auf höchst seltsame Ideen kamen die Menschen auch bei der Suche nach einem Heilmittel. Neben diversen Pflanzenextrakten kamen bis dato unerprobte Behandlungsformen zum Einsatz. Auch der Konsum von Alkohol sollte helfen.

»Viele Menschen hielten die Impfungen für lächerlich. Es entstanden Gerüchte aller Art«

Dem wissenschaftlichen Fortschritt, den guten Gesundheitssystemen und den medialen Möglichkeiten ist es geschuldet, dass wir heute 1,7 Millionen Tote zu beklagen haben und nicht, wie vor hundert Jahren, bis zu 50 Millionen. "Aber in den Köpfen sind die gleichen magischen Denkmuster vorhanden", merkt der Psychologe an. Während die einen darauf vertrauen, dass eine höhere Macht sie vor einer Ansteckung schützt, sind die anderen davon überzeugt, das Virus sei bloß eine Erfindung, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Wie also kann man all dem gegensteuern? "Ich bin homöopathisch optimistisch, dass man dem einen oder anderen verständlich machen kann, dass das Virus tatsächlich eine Bedrohung ist", sagt Kogler. Nicht, indem man gegen ihn ankämpft, sondern indem man ihn weiterhin einbezieht und mit sanftem Nachdruck beharrlich auf ihn einwirkt. "Wenn jeder von uns nur zwei oder drei dazu bringt, wieder vernünftig und empathisch zu sein, dann haben wir gewonnen."

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Woche 40: Die Magie des Augenblicks

14. bis 20. Dezember 2020

  • Regierung gibt dritten harten Lockdown bekannt
  • Bundeskanzler Kurz spricht von Freitesten
  • Durchschnittlich 2.342 Neuinfektionen pro Tag
  • Sorge wegen neuer Virusmutation

Sind Sie in Weihnachtsstimmung? Viele, zumindest aber weniger als sonst, werden diese Frage verneinen. Und das nicht nur, weil wir heuer auf Weihnachtsmärkte und wochenlanges Shopping verzichten mussten. Heuer ist alles anders. "Unser Alltag war in diesem Jahr von einer Unschärfe durchzogen", blickt Kogler zurück. Maßgeblich daran beteiligt waren der Reduktionsstress einerseits und der Multiplikationsstress anderseits. Wir waren gezwungen, unserer gewohnten Routine über weite Strecken eine Absage zu erteilen. Vieles von dem, was unseren Alltag ausmacht, fiel weg. Gleichzeitig sahen und sehen wir uns mit einer Fülle neuer Aufgaben konfrontiert, die uns zum Teil auf eine positive Weise fordern, uns zum Teil - mitunter ohne, dass wir es merken - aber auch überfordern.

»Der Tag wird zu einer einzigen Wurst«

Abgesehen davon ist die Pandemie, wenn sie derzeit auch viele andere Probleme überschattet, bei weitem nicht die einzige Krise. Da wären zum Beispiel nach wie vor die Umwelt- und die Migrationskrise, begleitet von kleineren wie größeren politischen Krisen und einer Wirtschaftskrise, wie wir sie uns Anfang des Jahres noch nicht vorstellen hätten können. "In Summe ist das eine Fülle an emotionalen Belastungen", merkt der Psychologe an. Kein Wunder also, dass es immer wieder zu "kleinen lokalen Explosionen" auf zwischenmenschlicher Ebene kommt - sei es daheim, an der Supermarktkassa oder in der Arbeit. Gleichzeitig gehen durch die Umstellungen in unserem Alltag viele jener Elemente, die die einzelnen Tagesabschnitte voneinander abgrenzen, verloren. Und mit ihnen unser Zeitgefühl.

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Für gewöhnlich verlangen die unterschiedlichen Tagesaktivitäten - von der morgendlichen Tagesplanung über Smalltalk mit den Kollegen nebst der Erledigung der Arbeit bis hin zum abendlichen Treffen mit Freunden - unterschiedliche emotionale Muster. Viele der gewohnten Zeitmarker sind uns durch die Krise aber abhandengekommen. "Der Tag wird zu einer einzigen Wurst. Oft weiß man nicht einmal ad hoc, welcher Tag gerade ist", gibt der Verhaltenstherapeut zu bedenken und rät: "Sie müssen jeden Tag in Kuchenstücke aufteilen. Die Kuchenstücke regen die Sinne an und geben Freude." Schneiden müsse man sie aber schon selbst. Denn ohne Kuchenstücke keine Struktur. Und ohne Struktur kein Zeitgefühl.

»Das ist die Magie des Augenblicks. Das ist Weihnachten«

"Im Corona-Jahr haben viele darauf vergessen, ihren Tag zu portionieren", weiß der Psychologe. Gleichzeitig werden wir das Gefühl nicht los, dass die Krise so bald nicht enden wird. "Das ist ein permanenter Stressor. Die Menschen verlieren die Sicherheit, dass ihr Leben in geordneten Bahnen ablaufen kann." Was wird das neue Jahr bringen? Was der kommende Sommer? Wir befinden uns in einer Art Warteposition. Genau diese eröffnet uns aber neue Möglichkeiten. "Aus dem Wissen, dass wir jetzt in erster Linie in der Gegenwart leben müssen, kommt es immer wieder zu schönen Erfahrungen." Sei es ein Augenblick der Stille in der sonst so lauten Welt. Oder das Erleben des Für-einander-da-Seins. "Das ist die Magie des Augenblicks. Das ist Weihnachten."

Woche 39: Klatsch und Tratsch in Corona-Zeiten

7. bis 13. Dezember 2020

  • Ende des harten Lockdowns
  • Zahl der Neuinfektionen sinkt weiter
  • Wochenschnitt erstmals unter der 3.000-Marke

Unsere Emotionen werden bis zu einem Drittel von den Medien getriggert. "Man kann sich bereits morgens über irgendwelche Nachrichten freuen oder ärgern", merkt Kogler treffend an. Die Emotionen fließen dann natürlich in unsere Gespräche mit ein. Diese wiederum widmen wir nach wie vor zu einem großen Teil dem Thema Corona. Kein Wunder, sind die Medien doch "voll von Corona". Dass es bei unseren Gesprächen nicht nur um reinen Informationsaustausch geht, liegt auf der Hand. Es wird geklatscht und getratscht - und das aus gutem Grund. "Es gibt keine negative Emotion, die im Tratsch nicht funktionieren würde", weiß der Psychologe. Und doch ist Klatsch und Tratsch so viel mehr als Emotion.

"Hast Du's schon gehört? Jetzt hat's auch ihn erwischt." Und: "Wundern tut mich das ja nicht!". Was hier transportiert wird, ist Information, gefolgt von einer Portion Häme. Nach dem Motto: In Wahrheit wusste man ja immer schon, dass sich die betreffende Person früher oder später infiziert. "Weil" - um bei dem Beispiel zu bleiben - "aufgepasst hat er ja nie". Der Sachverhalt entbehrt nicht einer gewissen Dramatik, die in uns die Lust weckt, über ihn zu reden. "Corona lässt sich auch wunderbar personalisieren", erklärt Kogler. "Ein Thema wird erst dann so richtig lebendig, wenn man die Geschichte anhand einer Person erzählt. Dann kann man im Kopf des Gegenübers Bilder entstehen lassen und aus dem vollen Emotionstopf schöpfen."

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"Der Tratsch ist ja eine hohe Kunst", bei der natürlich auch ein Hauch von Mitleid mitschwingen darf. Mit dem Beisatz "Leid tut er mir jetzt schon" wertet sich der Überbringer der Nachricht wieder auf. Immerhin will er nicht als gemeines Lästermaul dastehen. Und während der eine die Nachricht überbringt, hat der andere die Möglichkeit, sie auf unterschiedliche Art und Weise zu deuten. Will man ihn tatsächlich nur informieren? Oder schickt man ihm eine verpackte Botschaft, die da lauten könnte: "Halte dich lieber an die Regeln, sonst bist du der Nächste, der sich infiziert". Dann wäre da noch der Aspekt der Selbstoffenbarung und der der Beziehungsebene. "Ich bleibe gesund, weil ich mich an die Regeln halte", wäre ein Beispiel für Ersteren, "Dir kann ich das ja erzählen, weil du denkst, was das anbelangt, genauso wie ich", ein Beispiel für Zweiteren.

»Sprechen ist der Kern unseres Zusammenseins. Aber der Tratsch hält das ganze Werkl am Laufen«

"Im Tratsch kommen all diese Aspekte zur Anwendung. Deshalb ist er von Grund auf menschlich", sagt Kogler. Wobei er nicht nur menschlich ist, sondern auch zur Befriedigung eines der menschlichen Grundbedürfnisse beiträgt: Er verbindet. Man will dazugehören, also redet man mit. Und weil man selbst keine schlechte Nachrede haben möchte, animiert er uns obendrein zu einem besseren Verhalten. Studien zufolge macht uns allein die Aussicht darauf, dass über uns getratscht werden könnte, kooperativer und großzügiger. "Sprechen ist der Kern unseres Zusammenseins. Aber der Tratsch, der hält das ganze Werkl am Laufen", sagt der Therapeut und hält uns dazu an, den Tratsch kultiviert zu gestalten. So, dass er möglichst wenige Wunden hinterlässt. Dass er nicht verletzt, sondern für guten Zusammenhalt sorgt, den wir gerade in Zeiten wie diesen ganz besonders brauchen.

Woche 38: Wir brauchen neue Ziele

30. November bis 6. Dezember 2020

  • Start der Massentests
  • Erstmals wieder weniger als 3.000 Neuinfektionen

Wie gerne würden wir jetzt einen Adventmarkt besuchen. Wie gerne einfach mal für ein paar Tage verreisen. Wie gerne würden wir unsere Liebsten zwanglos umarmen. Und zur Arbeit gehen in dem Wissen, dass wir auch nächsten Monat noch einen Job haben. "Zwischen dem Ist- und dem Soll-Zustand herrscht derzeit eine große Diskrepanz", stellt Kogler fest. "Das Problem ist, dass jetzt viele Leute ihre Ziele in die Vergangenheit orientiert formulieren." Nach dem Motto: Ach, könnten wir doch endlich wieder so leben wie früher. Andere wiederum setzen sich "Nicht-Ziele", wie etwa: Ich will nicht ständig Maske tragen und immer Sorge haben müssen, dass ich mich infiziere. Beide Formen von Zielen haben gemein, dass sie lediglich Enttäuschung hervorrufen. Weil sie grundsätzlich nicht erreichbar sind.

»Wenn wir an den alten Zielen festhalten, wird es nicht funktionieren«

Nicht nur, weil wir die Zeit nicht zurückdrehen können, sondern weil wir es schlicht und einfach nicht in der Hand haben, die für deren Umsetzung notwendigen Bedingungen zu schaffen. Wir alle müssen unseren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten - letztlich hängt es aber von so vielen Faktoren ab, wann wir wieder in unseren gewohnten Alltag zurückkehren können. Also müssen wir uns jetzt neue Ziele setzen. Ziele die wir auch tatsächlich realisieren können. Bevor wir damit beginnen, müssen wir aber erst den jetzigen Zustand annehmen, wie er ist. "Wenn wir an den alten Zielen festhalten, wird es nicht funktionieren", mahnt Kogler. "Wir müssen uns auf Mühsal und Verzicht einstellen. Wenn wir das einmal akzeptiert haben, können wir in diesem Rahmen neue Pläne schmieden.“ Sowohl kurzfristige als auch langfristige.

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Langfristig gesehen könnten wir zum Beispiel unsere Wertigkeiten überdenken. Welche Dinge sind mir wirklich wichtig? Worauf kann ich künftig verzichten? Will ich tatsächlich von einem Termin zum nächsten hasten? Oder die Zeit lieber mit Freunden und Familie verbringen? Wobei wir, um Veränderungen vorzunehmen, in Zeiten wie diesen deutlich mehr Motivation benötigen. Und wer sollte uns motivieren, wenn nicht wir selbst? Der Appell vom Psychologen lautet daher, das Augenmerk auf die kleinen schönen Dinge im Alltag zu richten. Denn oft sind gerade sie es, die uns einen Antrieb geben. Gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass die kurzfristigen Ziele - wie etwa die gemeinsame Weihnachtsfeier mit der Verwandtschaft - möglicherweise nicht von Bestand sind.

"Heute plant man, morgen kann schon wieder alles anders ausschauen", gibt der Therapeut zu bedenken. Zum Beispiel dann, wenn ein Familienmitglied an Corona erkrankt. Und auch wenn es nicht immer leicht fällt: Mit etwaigen ungewollten Abweichungen von unseren Plänen müssen wir wertfrei und einsichtsvoll umgehen und uns sagen: Okay, so ist es nun einmal. "Die Kunst des Stoischen ist jetzt gefragt." Genauso wie unser Selbstvertrauen. Die wirtschaftliche Situation wird sich so schnell nicht wieder verbessern. Und auch die erhöhte Arbeitslosigkeit wird uns wohl noch eine geraume Zeit begleiten. Daher ist es jetzt umso wichtiger, sich vor Augen zu führen, dass man schon viele schwierige Situationen im Leben gemeistert hat - und dass es mit dieser nicht anders sein wird.

Woche 37: Diese Ängste plagen uns

22. bis 29. November 2020

  • Erstmals über 700 Intensivpatienten in Österreich
  • Leichter Rückgang bei Neuinfektionen
  • Knapp 450.000 Menschen ohne Job
  • AstraZeneca meldet Studienerfolg bei Impfstoff
  • OGH-Präsidentin Griss plädiert für Impfpflicht

Psychologen zufolge droht aufgrund der Pandemie eine emotionale Krise. Ängste und Depressionen, so die Prognose, werden stark zunehmen. Tatsächlich gibt es hierfür, so Kogler, aber noch keine tragbaren Befunde. Bis dato könne man lediglich Einzelfallberichte heranziehen. Richten wir den Blick daher nicht in die Zukunft, sondern auf die Gegenwart. Welche Ängste sind es, die uns derzeit zu schaffen machen? Da wären einmal Zukunfts- und existenzielle Ängste. Vielen Menschen bangen um ihren Job - sofern sie ihn nicht schon verloren haben. Ohne Job keine finanzielle Sicherheit, keine existenzielle Basis. Wie wird es weitergehen? Und überhaupt: Wann ist die Krise endlich überstanden? In der Mittelschicht macht sich indes die Angst breit, künftig Abstriche machen und auf die Annehmlichkeiten des Wohlstands, die man kennt und liebt, verzichten zu müssen.

»Die Kinder lernen mit großen Schwierigkeiten umzugehen«

Auf politischer Ebene fürchten die einen eine schleichende Entdemokratisierung. Dieser Furcht zugrunde liegt die Sorge, die Regierung könne die aktuellen Umstände dazu nutzen, die Rechte der Bürger einzuschränken. Andere wiederum haben Angst, dass die Verantwortungsträger es nicht schaffen, die Situation in den Griff zu bekommen. "Beides führt zu Kontrollverlust", weiß der Psychologe. Und Kontrollverlust mündet stets in Aggression oder Hilflosigkeit. Viele plagt zudem die Angst vor dem Virus an sich. Während sich die einen strikt an die zur Eindämmung der Pandemie gesetzten Maßnahmen halten, reagieren die anderen mit Verdrängen, was sich nach außen hin durch Abwehr und Ignoranz der tatsächlichen Gefahr zeigt. "Die Maskenverweigerer erkennen die Argumente nicht an. Das ist ein Verhalten, das sich normalerweise in der Pubertät findet."

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Anders viele Kinder, die der Einhaltung der Maßnahmen oft sogar ohne Aufforderung Erwachsener nachkommen. Und während sich nicht nur Eltern um das psychische Wohlbefinden der jungen Generation sorgen, deren Alltag durch die Krise ja auch komplett auf den Kopf gestellt ist, empfiehlt Kogler, den Fokus auf den Nutzen zu richten, den diese herausfordernde Situation mit sich bringt: "Die Kinder lernen - das ist das Wichtigste - mit großen Schwierigkeiten umzugehen." Immer vorausgesetzt natürlich, die Eltern gehen mit gutem Beispiel voran, vermitteln den Kindern die Notwendigkeit, die Regeln zu befolgen, und unterstützen sie dabei. Und dann wäre da noch die Sache mit der Impfung ...

Passend dazu: Was Corona mit unseren Kindern macht

Viele fürchten nicht nur potenzielle Nebenwirkungen, sondern auch eine Impfpflicht. "Ich glaube jedenfalls nicht, dass sich die Maskenverweigerer impfen lassen werden. Weil das wäre ja eine Einschränkung ihrer Freiheit." Gleichzeitig steigt die Furcht, dass die traditionellen Medien vonseiten der Politik als Machtinstrument missbraucht werden, während ständig neue Breaking News über uns hereinbrechen, die wir aufgrund der Fülle gar nicht mehr zu verarbeiten imstande sind. "Wir können gar nicht verstehen, was da mit uns gerade passiert." Der perfekte Nährboden für Ängste. Wie also umgehen mit diesen? Eine Möglichkeit wäre, es den Kindern gleichzumachen, die, wie Kogler beobachtet, "in hohem Maß wertschätzend und keineswegs ängstlich miteinander umgehen."

Woche 36: Warum es jetzt so schwierig ist, Entscheidungen zu treffen

16. bis 22. November 2020

  • Zahl der Neuinfektionen stabilisiert sich
  • Bis zu 100 Corona-Tote an einem Tag
  • Corona-Ampel für Österreich weiterhin rot

Die Schulen haben wieder auf Distance Learning umgestellt, der Handel hat - bis auf jene Geschäfte, die uns mit Produkten des täglichen Bedarfs versorgen - vorübergehend geschlossen. Die österreichische Bevölkerung wird dazu aufgefordert, dort, wo es möglich ist, Home Office zu machen und die sozialen Kontakte sollen auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Nur auf diese Weise, heißt es, könne man an einer kompletten Überlastung des Gesundheitssystems knapp vorbeischrammen. Die Entscheidungen der Bundesregierung sind zum Teil höchst umstritten. Viele meinen, besser zu wissen, was jetzt richtig wäre. Die wenigsten aber wissen, warum es so schwierig ist, in Zeiten wie diesen Entscheidungen zu treffen.

"Wir leben in einer Welt höchster Komplexität", sagt Kogler. Und durch die Pandemie wird die Sache nicht gerade einfacher. Eine komplexe Situation, wie es die jetzige ist, zeichnet sich durch bestimmte Merkmale aus. Zum einen ist sie, wie die Bezeichnung bereits sagt, komplex. Soll heißen, sie besteht aus vielen verschiedenen Variablen, die eng miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig mehr oder weniger stark beeinflussen. Denken Sie nur einmal an die Entscheidung, die Schulen zu schließen - welche Vielzahl an Folgen dies nach sich zieht. Zum anderen sind komplexe Situationen intransparent. Es ist schlicht unmöglich, sie zu durchschauen.

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Zum dritten verfügen komplexe Situationen über eine Eigendynamik. Sie bestehen aus einzelnen Elementen, die sich wiederum aus einzelnen Elementen zusammensetzen. Sie alle entwickeln sich unabhängig voneinander weiter. "Sie warten nicht wie Figuren auf dem Schachbrett, bis der Akteur einen Zug macht. Sie sind in permanenter Bewegung." Wodurch wiederum ein enormer Zeitdruck entsteht. "Man kann nicht ewig warten, bis man sich zu einer Entscheidung durchringt“, weiß der Psychologe. Unter diesen Umständen sei es unmöglich, alle für eine Entscheidung notwendigen Informationen zusammenzutragen. Man müsse sich mit Lösungen begnügen, die auf einem unvollständigen Wissensstand basieren. "Perfektionismus ist in einer Situation wie dieser nicht möglich - er würde jetzt sogar schaden", mahnt der Psychologe.

»Perfektionismus ist jetzt nicht möglich - er würde sogar schaden«

Typische Fehler in einer Situation wie dieser seien Kogler zufolge Sturheit, Kurzsichtigkeit und die Tendenz, die Komplexität zu unterschätzen. "Man denkt nur an heute Abend und nicht an morgen", veranschaulicht der Psychologe. Was aber passiert nach der Krise? "Man macht keine Folgeabschätzungen", zum Teil sei dies auch gar nicht möglich. "Wir als Gesellschaft haben es nicht gelernt, mit dieser neuen Komplexität umzugehen", merkt Kogler an. Und genau dies könne eine der wichtigsten Lektionen sein, die wir aus der Krise ziehen. "Es geht heute und in Zukunft nicht mehr nur um einfache Ursache-Wirkungsmodelle." So werde in nicht allzu ferner Zukunft zur sogenannten neuen Normalität auch automatische Umgang mit Komplexität gehören.

Woche 35: Ein Appell an die Eltern

9. bis 15. November 2020

  • Bis zu 8.241 Neuinfektionen an einem Tag
  • Bundeskanzler Kurz verkündet erneut harten Lockdown
  • Erster Corona-Impfstoff kurz vor der Zulassung

"Die Leute drehen durch", gibt Kogler die Aussage einer Pädagogin wieder. Immer wieder sei es zuletzt vorgekommen, dass sich Eltern nicht an die zur Eindämmung der Corona-Pandemie vorgegebenen Maßnahmen hielten. "Manche haben sogar Kindergeburtstagspartys veranstaltet. Und waren stolz darauf, Widerstand geleistet zu haben." Nahezu weltweit schnellen die Infektionszahlen in die Höhe. Europa verzeichnet laut WHO bereits rund 330.000 Corona-Todesfälle. Viele Länder reagieren mit verschärften Maßnahmen. "In Anbetracht dessen ist es unfassbar, wenn erwachsene Menschen ein derartiges Verhalten an den Tag legen und sich partout nicht an die Regeln halten", kritisiert der Psychologe.

»Die Kinder sind zum Teil vernünftiger als manche Eltern«

Dabei würden die Kinder, so die Beobachtung, durchaus positiv zu den Regeln stehen und sie in der Schule meist anstandslos befolgen. "Die Kinder sind zum Teil vernünftiger als manche Eltern", gibt Kogler zu bedenken, während die Kritik Letzterer immer lauter werde. Man sorge sich über sinkende Zukunftschancen aufgrund von Bildungslücken, die das Distance Learning mit sich bringe. Gleichzeitig stemmen sich nicht wenige gegen Maßnahmen, die der Reduktion des Infektionsrisikos dienen sollen. Kogler berichtet von einem behördlichen Erlass in der Steiermark, dem zufolge bei Krankheitsverdacht sämtliche Kindergarten- und Schulkinder getestet werden sollten. "In einer Klasse hat rund ein Viertel der Eltern die Unterschrift verweigert. Manche haben sogar mit dem Anwalt gedroht."

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Traut man den Pädagogen nicht zu, die Kinder in einer derartigen Situation angemessen zu begleiten? Traut man den Kindern nicht zu, mit derselben zurechtzukommen? "Mit einer solchen Aktion stellen die Eltern nicht nur die Kompetenz der Pädagogen und Pädagoginnen infrage, sie machen ihr Kind auch schwächer, als es ist", sagt der Therapeut. Ihm zufolge seien Kinder durchaus in der Lage, herausfordernde Situationen zu eigenständig bewältigen. "Kinder können das! Natürlich ist die Situation schwierig. Aber Kinder sind stark." Viel zu oft werden sie in ihrer Kraft unterschätzt. Mit der Folge, dass man ihnen nicht die Freiheiten zugesteht, die sie eigentlich bräuchten, um sich zu entwickeln.

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"Wir sollten darauf vertrauen, dass der Großteil der Kinder dazu in der Lage ist, schwierige Situationen zu meistern", rät der Psychologe an Eltern. Lediglich die Rahmenbedingungen gelte es hierfür zu schaffen. Was bedeutet, dass die Eltern das Kind in seiner Handlungskompetenz bestärken und selbst mit gutem Beispiel vorangehen sollen. "Wenn die Eltern selbst ein Vorbild für Kraft und Weiterentwicklung sind, dann übernehmen die Kinder das im Wesentlichen. Wenn die Eltern die Kinder aber zu Angst und Schwäche erziehen und überall nur Gefahren sehen, dann haben die Kinder ein Problem." Schließlich wolle man doch nicht eine Generation ängstlicher Kinder heranziehen.

Woche 34: Die Ereignisse überschlagen sich

2. bis 8. November 2020

  • Zweiter Lockdown tritt in Kraft
  • Erstmals über 7.400 Neuinfektionen an einem Tag
  • Corona-Ampel für ganz Österreich auf Rot

Die Ereignisse überschlugen sich in dieser Woche wie sonst kaum. Während die ganze Welt der Schicksalswahl in den USA entgegenfieberte, wurde über Österreich ein zweiter Lockdown verhängt. Noch bevor dieser in Kraft treten konnte, wurde Wien von einem Terrorattentat erschüttert, das den Schrecken der Pandemie für kurze Zeit gänzlich verblassen ließ. "Der Schock war enorm", konstatiert Kogler. Nicht nur für die unmittelbaren Betroffenen. Über die Sozialen Medien verbreitete Fotos und Videos, die Verletzte und Tote zeigten, taten ihr Übriges. "Da läuft emotional viel schief", kritisiert der Psychologe. "Wie kann man klugen erwachsenen Menschen klarmachen, dass man so etwas nicht posten sollte?".

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Die Antwort ist einfach: Indem man seinen Standpunkt verdeutlicht und mit gutem Beispiel vorangeht. So, wie auch in der Pandemie. "Es ist nicht so, dass man als Einzelner nichts machen kann", sagt Kogler. Im Gegenteil! Dafür müsse man aber neue Wege beschreiten. Die Aussage, etwas sei alternativlos - zuletzt von wissenschaftlicher Seite her im Zusammenhang mit der Verschärfung der Corona-Maßnahmen getätigt -, sei dabei alles andere als zielführend. Sie suggeriert, dass man keinerlei Einfluss auf das Geschehen habe, und unterbindet so das selbständige Denken und Handeln. Warum nach anderen Lösungen suchen, wenn es ohnehin keine gibt!? "Der Lockdown ist eine Entscheidung. Aber er ist nicht alternativlos", betont der Psychologe.

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Natürlich könne man anders verfahren. Natürlich könne man differenzierter vorgehen, als man es derzeit tue. Unter strenger Einhaltung gewisser Regeln ließen sich vielleicht sogar Kultur- und Gastronomiestätten offenhalten. Natürlich würde dies ein höheres Maß an Eigenverantwortung erfordern. Und genau hier müsse man ansetzen. Wie können wir demnach das Verhalten unserer Mitmenschen in positiver Weise beeinflussen? Wie können wir sie dazu ermuntern, notwendige Maßnahmen einzuhalten und vom Posten gewalttätiger Videos abzusehen? Indem man sich, so Kogler, zu kleinen Gruppen formiert, die mit sanftem Nachdruck der Notwendigkeit der Einhaltung gewisser Regeln Ausdruck verleihen.

»Der Lockdown ist eine Entscheidung. Aber er ist nicht alternativlos«

Zum anderen sind Meinungsführer in sämtlichen Berufsfeldern gefragt - vom Handwerk über die Wirtschaft und die Medizin bis hin zum Sport. "Gerade im Sport, wo wirklich viele betroffen sind, wäre das ein hilfreiches Instrument, um das Werkl so schnell wie möglich wieder in Gang setzen." Einzelne Fans könnten als Vorbild fungieren. Denn nur, wenn wir alle unseren Beitrag leisten, können die Infektionszahlen gesenkt und die Wirtschaft wieder ins Rollen gebracht werden. Um auch die Maßnahmengegner mit ins Boot zu holen, müsse man der Bevölkerung aber einen gewissen Spielraum lassen. "Verhaltensänderungen geschehen nur, wenn man einen gewissen Grad an Freiheit hat."

Woche 33: Die Lage spitzt sich zu

26. Oktober bis 1. November 2020

  • Über 5.600 Neuinfektionen in Österreich an einem Tag
  • Spekulationen über neuerlichen Lockdown
  • Bundeskanzler Kurz verkündet neue Maßnahmen

"Während des ersten Lockdowns waren wir stark", blickt Kogler zurück. Nach einer kurzen Phase der totalen Lähmung machte sich Zuversicht breit. Der allgemeine Tenor lautete: Wir schaffen das! Und siehe da - die Infektionszahlen sanken, die Maßnahmen wurden gelockert und wir konnten wieder ein Leben führen, fast so, wie es vor Corona war. Im Sommer hat man dann der Pandemie und der Gefahr, die von ihr ausging, kaum Beachtung geschenkt. Man hat sich des Lebens erfreut und gefeiert – nicht zuletzt, um die Angst zu verdrängen. Denn insgeheim wussten wir, was im Herbst auf uns zukommen würde. Jetzt, da eintritt, wovor viele gewarnt haben, kommt all das heraus, was wir in den letzten Monaten erfolgreich weggeschoben haben.

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Die Angst verwandelt sich in Aggression, Wut, Ärger und Zorn. Und die Gräben werden tiefer. Zwischen denen, die die von der Regierung gesetzten Maßnahmen befolgen, und jenen, die sie schlichtweg ignorieren. Das hat dem Psychologen zufolge mehrerlei Gründe. Zum einen fühlen sich Erstere von öffentlichen Stellen wie der Polizei oder aber auch von Mitarbeitern öffentlicher Verkehrsmittel im Stich gelassen. Wer kontrolliert, ob die Maske im Bus, in der U-Bahn ordnungsgemäß getragen und der gebotene Abstand auch wirklich eingehalten wird? Fordert man die Befolgung der Sicherheitsmaßnahmen schließlich selbst ein, läuft man Gefahr, verbal oder sogar körperlich attackiert zu werden.

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Zum anderen sorgen Widersprüche in der öffentlichen Kommunikation für Unruhe. Etwa dann, wenn renommierte Wissenschafter die Wirkung des Mund-Nasenschutzes infrage stellen. "Derlei Aussagen sind ausgesprochen dumm", kritisiert Kogler. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ein gefundenes Fressen für Maßnahmenverweigerer seien. Genauso wie die Veröffentlichung voneinander abweichender Infektionszahlen, die obendrein weder in Relation zur Zahl der Testungen noch zur Zahl der tatsächlich Erkrankten gesetzt werden. "Für die Gegner der Regeln ist das Zündstoff." Hinter allfälliger Intransparenz vermuten sie bewusste Manipulation. Der Psychologe fordert nachvollziehbare und belastbare Zahlen.

»Die Belastung wird immer größer«

Gleichzeitig steigt der Druck in der Gesellschaft. Der Wirt, der bis dato durchgehalten hat, sagt: "Jetzt muss ich meinen Laden dicht machen". Kunst- und Kulturschaffende kritisieren milliardenschwere Investitionen in Konzerne, während sie selbst am Hungertuch nagen. "Die Zahl jener, die am Existenzminimum leben, nimmt zu. Die Belastung wird immer größer." Jene, die einen Job haben, leiden unter dem zusehends steigenden Arbeits- und Zeitdruck. Bei den Arbeitslosen wiederum wächst der existenzielle Druck. Der damit einhergehende Stress schwächt das Immunsystem, Krankheit wiederum wirkt negativ auf die Psyche. Ängste und Depressionen sind die Folge. "Was wir im ersten Lockdown hatten, wird jetzt noch stärker."

Woche 32: Die Macht der Zahlen

19. bis 25. Oktober 2020

  • Über 3.600 Neuinfektionen in Österreich an einem Tag
  • Über 1.000 Covid-Patienten im Krankenhaus untergebracht
  • Hausärzte können nun auch Antigen-Tests durchführen

Zahlen sind aus unserem Leben nicht wegzudenken. Ihre Entwicklung ist untrennbar mit der der Schrift und folglich mit der unserer Kultur verflochten. "Der Mensch ist seit Jahrtausenden auf Zahlen konditioniert", merkt Kogler an. "Sie vereinfachen die Welt." Sie sind Informationsträger und Emotionserzeuger. In Pompeji etwa fand man eine Wandinschrift, die lautete: "Ich liebe die, deren Zahl 545 ist." Heute dienen Zahlen als ideales Maß für den sozialen Vergleich. Wer hat mehr Geld? Wer das größere Auto? Zahlen sind allgegenwärtig und beeinflussen uns in unserem Handeln. "Selbst der vernünftigste Mensch kann den Sonderangeboten im Supermarkt nicht widerstehen", weiß der Verhaltenstherapeut.

»Der Mensch ist seit Jahrtausenden auf Zahlen konditioniert«

Genau genommen vermessen wir unser ganzes Leben. Wir zählen unsere Jahre, messen unser Gewicht - manch einer eruiert sogar mittels App, wie viele Schritte er tagein, tagaus macht. Mit anderen Worten: "Zahlen sind hochexistenziell." Und dennoch ist mittlerweile der eine oder andere ihrer überdrüssig. "Ich kann diese Zahlen schon nicht mehr sehen", gibt der Psychologe die Aussage eines Klienten in Bezug auf die aktuelle Corona-Lage wieder. "Vielen hängen die Zahlen schon zum Hals raus." Einige würden sich wünschen, dass die Medien keine mehr nennen. Dass das nicht geht, erklärt sich von selbst. Nicht zuletzt deshalb, weil Zahlen ein probates Mittel sind, schnell Aufmerksamkeit zu erregen.

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Über 3.600 Neuinfektionen an einem Tag - so eine Information sticht ins Auge. Und beunruhigt. "Zahlen vermitteln immer eine Emotion. Deshalb funktionieren sie so gut." Und auch, wenn wir die aktuellen Statistiken zeitweise lieber ausblenden würden - letztlich wollen wir doch informiert sein. "Weder der Mensch noch die Medien können ohne Zahlen existieren", sagt Kogler. Für Zweitere sind Zahlen ein wichtiges Auswahlkriterium. Über- (oder unter)schreiten sie das übliche Maß, so wird über das Ereignis bzw. die Sachlage berichtet. Für uns stellen sie - über die Medien transportiert - die Basis wichtiger Entscheidungen dar. Wie viele Intensivbetten sind noch frei? Müssen aufgrund der Zuwächse an Neuinfektionen die Corona-Maßnahmen verschärft werden?

»Zahlen vermitteln immer eine Emotion. Deshalb funktionieren sie so gut«

"Wir sind mit den Medien auf eine existenzielle Weise verbunden", folgert Kogler. Deshalb sei die Beziehung zwischen Mensch und Medium eine hochintensive. Kein Wunder also, dass die von den Medien transportierten Zahlen derart stark emotionalisieren. "Ja, die Medien erzeugen eine Erregungsgesellschaft", bestätigt der Psychologe. Manch einer mag sich daran stören. Einige lehnen die Medien ab, andere tun ihren Unmut kund. Letztlich sei es aber "jeder einzelne Konsument, der das System Medien füttert, weil er selbst Teil des Systems ist." Indem er die Medien konsumiert. Weil er die Informationen - und mit ihnen auch die Zahlen - für sein tägliches Handeln braucht.

Woche 31: Die Folgen des Lockdowns

12. bis 18. Oktober 2020

  • Über 1.700 Neuinfektionen in Österreich an einem Tag
  • Neue Infektionsrekorde in Deutschland und Italien
  • Zahl neuer Covid-Fälle laut WHO weltweit so hoch wie zuletzt bei Beginn der Pandemie

Einer vom Institut für Psychosomatik und Verhaltenstherapie durchgeführten Untersuchung* zufolge gehen 60 Prozent der Befragten davon aus, dass die Coronakrise unser tägliches Leben nachhaltig beeinflussen wird. 65 Prozent halten das Virus für gefährlich, 80 Prozent würden sich gegen ebendieses impfen lassen. "Sehr überraschend war, dass sich 75 Prozent durch die Situation nur wenig verunsichert fühlen", merkt Kogler an. Immerhin 70 Prozent der Befragten gaben an, trotz der widrigen Umstände glücklich zu sein, und satte 80 Prozent unternahmen Bemühungen, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Kapp zwei Drittel der Befragten fühlten sich durch Soziale Medien weniger gut informiert. Dreiviertel vertrauten auf öffentliche bzw. Qualitätsmedien.

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Und wie stand es um das psychische Wohlergehen der Studienteilnehmer, die zum Zeitpunkt der Untersuchung allesamt Klienten besagten Instituts waren? Sowohl die Ängstlichkeit und Depressivität als auch körperliche Reaktionen waren während des Lockdowns deutlich stärker ausgeprägt. Während sich die Ängstlichkeit beispielsweise durch Ruhelosigkeit, Nervosität und innere Anspannung zeigt, tritt die Depressivität in Form von Interessens- und Hoffnungslosigkeit und einem Gefühl der Einsamkeit zutage. Die sogenannte Somatisierung wiederum zeigt sich etwa in Schwierigkeiten beim Atmen, in Schwäche-, Ohnmachts- oder Schwindelgefühlen.

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Diese Symptome seinen "in einer Zeit, in der man sich aufgrund einer Pandemie in Heimquarantäne befindet, in seinen Alltagsaktivitäten und Sozialkontakten eingeschränkt ist und ständig mit negativen Nachrichten über Virusausbreitung und Todeszahlen konfrontiert wird, nachvollziehbar", erklärt der Psychologe. "Die Studienergebnisse spiegeln die symptomatischen Auswirkungen der starken emotionalen Belastung durch die Covid-19-Pandemie und die damit einhergehenden Maßnahmen wider." Bei Personen, die bereits unter Angststörungen litten, traten verstärkt Katastrophen-Gedanken, Krankheitsangst und Panikreaktionen auf. Depressive Personen wiederum machten sich zunehmend Sorgen - um ihre berufliche und finanzielle Lage, ihre Partnerschaft und die Zukunft.

»Die Patienten waren sehr gut in der Lage, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren«

Die gute Nachricht: Mit der Aufhebung des Lockdowns schwächten sich die Symptome wieder ab. Und: Online-Therapie erwies sich in dieser Zeit als ausgesprochen wirksam. Besonders hilfreich waren neben Entspannungsmethoden das Erarbeiten einer Tagesstruktur, die Erinnerung an die Wirksamkeit der von der Regierung gesetzten Maßnahmen einerseits und die eigenen Ressourcen anderseits. Auf diese Weise wurde den Patienten vor Augen geführt, dass sie der Situation nicht hilflos ausgeliefert sind. "Sich auf die eigenen Qualitäten besinnen", betont Kogler. Was kann ich gut? Worin liegen meine Stärken? "Die Patienten waren sehr gut in der Lage, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren, um so mit den Veränderungen im Alltag besser zurechtzukommen."

*An der Untersuchung nahmen 55 Personen teil. Die Befragung wurde in zwei Phasen durchgeführt. Die erste Phase erstreckte sich über den Lockdown von Mitte März bis Ende April, die zweite von Anfang Mai bis Ende Juli.

Woche 30: Überdenken Sie Ihre Werte!

5. bis 11. Oktober 2020

  • Über 1.000 Neuinfektionen in Österreich an einem Tag
  • Rekordwert an aktiv Infizierten von April übertroffen
  • Laut WHO weltweit über 1 Million Corona-Tote

"Es ist, als hätte jemand in meinem Leben die Pause-Taste gedrückt", gibt Kogler den Eindruck eines Managers wieder, dessen Arbeitsalltag bis dato von einem vollen Terminkalender und Auslandsreisen geprägt war. Mit dem Lockdown änderte sich dies schlagartig. Besprechungen, für die er früher in den Flieger steigen musste, wurden plötzlich per Video-Konferenz abgehalten. Die Kurzarbeit brachte ihm ein Mehr an Zeit - für die Familie, für sich selbst, zum Nachdenken. Ein Gefühl der Unzufriedenheit machte sich breit. Weil ihm bewusst wurde, dass er seine Familie für einen Job vernachlässigt hatte, aus dem er nie so viel herausbekam, wie er hineininvestierte. Nichts bereitete ihm mehr so richtig Freude. Und zu allem Überdruss quälten ihn nun auch Schlafstörungen.

»Es ist, als hätte jemand in meinem Leben die Pause-Taste gedrückt«

"Vielleicht ist es an der Zeit, dass der eine oder andere sein Leben umbaut", gibt der Psychologe zu bedenken. Wer immer in Bewegung war, sollte jetzt versuchen, zur Ruhe zu kommen, wer stets im Außen gelebt hat, den Blick aufs Innenleben richten. "Wenn es einen notwendigen gesellschaftlichen Lernprozess gibt, dann den, dass wir versuchen, nach unseren Werten zu leben." Bis vor 30 Wochen noch haben wir uns in Flugzeuge gepfercht, um an Orte zu gelangen, die selbst wiederum total überlaufen waren. "Im Nachhinein betrachtet ein Wahnsinn", blickt Kogler zurück. "Wir sollten über unsere Wertvorstellungen nachdenken." Was war mir bisher wichtig? Worauf kann ich in Zukunft getrost verzichten? Und wie gelange ich zu neuen Werten?

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Die Empfehlung des Therapeuten lautet: Entwickeln Sie für sich 10 Gebote. Für ein nachhaltiges, zukunftsorientiertes Leben. Für ein Leben, von dem auch noch die kommenden Generationen profitieren können. Den Fokus sollten Sei zuerst auf sich richten: Wie handle ich verantwortungsbewusst, meine Gesundheit - physisch wie psychisch - betreffend? Sodann gilt es den Kreis Schritt für Schritt auszuweiten. Wie verhalte ich mich liebevoll und wertschätzend meiner Familie, meinen Freunden gegenüber? "Dann kommt der Urlaub, der Job, die Umwelt …", ergänzt der Therapeut. "Nicht zuletzt müssen wir uns, wenn wir nach außen gehen, auch abzugrenzen: Welche Menschen tun mir gut? Welche nicht?"

»Wir sollten über unsere Wertvorstellungen nachdenken «

Um das herauszufinden, müssen wir wiederum in uns gehen, schließt Kogler den Kreis und betont damit die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Wahrnehmung. Den Blick fürs Ganze sollten wir auch dann nicht verlieren, wenn wir mit unserem sozialen Umfeld in Kontakt treten. "Wir sollten nicht nur darauf schauen, ob jemand Maske trägt oder nicht. Wir sollten nicht als Security agieren, der rigoros die Befolgung der Regeln bei den anderen überwacht", mahnt der Psychologe. Stattdessen sollten wir uns darauf besinnen, dass ein Mensch noch viel mehr Seiten hat als die eine im Moment sichtbare. Wir sollten den Menschen als Ganzes sehen - mit all seinen Qualitäten. Und ihn respektvoll behandeln, auch wenn er sich nicht an die vorgeschriebenen Maßnahmen hält. So schwer uns das auch fallen mag, so wichtig ist es gerade in Zeiten wie diesen.

Woche 29: Warum es nicht ohne Strafe geht

28. September bis 4. Oktober 2020

  • Zweithöchster Anstieg der Neuinfektionen seit Beginn der Epidemie in Österreich
  • Sechs weitere Bezirke auf Orange gestellt
  • US-Präsident Trump an Covid erkrankt

Rund zehn Prozent der Österreicher legen laut einer vom ÖAMTC durchgeführten Erhebung im Auto keinen Sicherheitsgurt an. Und das, obwohl diese Maßnahme seit mittlerweile 44 Jahren verpflichtend ist. Seit 36 Jahren wird bei Nichteinhaltung bestraft. "Das entspricht in etwa dem Prozentsatz jener, die sich den Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie widersetzen", vergleicht Kogler. Auch an den Argumenten hat sich nicht viel geändert: Es handle sich um einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und dem Staat gehe es lediglich darum, seine Macht auszuweiten. Damals wie heute zeigt sich: Allein auf Freiwilligkeit zu setzen bringt nicht den gewünschten Erfolg. So stiegt die Zahl der Gurtanleger ab dem Zeitpunkt abrupt, ab dem gestraft wurde.

Ein ähnlicher Effekt tritt heute zutage. Immer mehr befolgen die Corona-Regeln. "Die Strafandrohungen scheinen zu wirken", folgert der Psychologe. Doch sind es bei weitem nicht sie allein, die uns dazu bewegen, uns an die Vorgaben zu halten. "Es ist die Sorge, zusammen mit der Vernunft und der Liebe zu unseren Mitmenschen." Von diesen Motiven geleitet befolgt die große Mehrheit der Österreicher die Vorschriften. Immerhin wollen wir nicht, dass die Infektionszahlen steigen, unsere Liebsten erkranken und die Wirtschaft flöten geht. Und dann wären da noch die guten Vorbilder. "Natürlich bewirkt es etwas, wenn man in der Öffentlichkeit die Regeln einhält", gibt sich der Verhaltenstherapeut überzeugt.

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Wer mit gutem Beispiel vorangeht, könne dazu beitragen, dass sich die Zahl jener, die sich ebenfalls an die Regeln halten, vergrößert. "Ich setze meine Maske auf und halte Abstand. Auch wenn das nicht immer so einfach ist." Einfach scheint dieser Tage aber ohnehin kaum etwas. In den Schulen wird desinfiziert, was das Zeug hält. Manche Arztpraxen darf man erst nach vorhergehendem Fiebermessen betreten. Und in vielen Unternehmen wird kontrolliert, ob die Mitarbeiter Mund-Nasen-Schutz tragen. "Das alles kostet Zeit und Geld", gibt Kogler zu bedenken. Und damit noch nicht genug. "Irgendwer hat immer Halsweh. Das muss man mitteilen" und dann müssen alle Beteiligten abwägen, wie sie mit dieser Information umgehen.

»Die Leute strengen sich enorm an, um den Betrieb, die Familie, das System aufrecht zu halten«

Die Sorge, selbst zu erkranken oder andere anzustecken, ist groß. Stets begleitet von der Hoffnung, dass letztlich doch alles in Ordnung ist. Jeder einzelne ist jetzt gefordert, sich verantwortungsbewusst und solidarisch zu verhalten. "Die emotionale Mehrarbeit verlangt den Österreichern sehr viel ab. Und dennoch nimmt sie der bei weitem größte Teil ohne Murren auf sich." Da kann es schon mal passieren, dass man die Maske nicht ordnungsgemäß trägt. Was wir aber nicht gleich zum Anlass nehmen sollten, den Zeigefinger zu erheben. "Die Leute strengen sich enorm an, um den Betrieb, die Familie, das System aufrecht zu halten." Grund genug, ein Lob für sie auszusprechen. "Sie alle sind die Helden der Pandemie."

Woche 28: Chaos macht sich breit

21. bis 27. September 2020

  • Österreichweit bis zu 830 Neuinfektionen an einem Tag
  • Anschober spricht bei Neuinfektionen von "Stabilisierung auf hohem Niveau"
  • Bei Casinos Austria stehen 600 Kündigungen im Raum
  • Erste Klagen gegen die Republik in der Causa Ischgl

Es ist noch nicht einmal ein Monat seit Schulbeginn verstrichen, und schon herrscht Chaos an Österreichs Schulen. Viele Eltern sehen sich gezwungen, ihr Kind beim ersten Husten aus dem Unterricht zu nehmen. Um eine Coronainfektion auszuschließen, muss getestet werden. Bis das - möglicherweise ohnehin negative - Ergebnis einlangt, können Tage vergehen. Tage, während denen das Kind daheim betreut werden muss. Tage, die das entsprechende Elternteil nicht zur Arbeit gehen kann - eine Herausforderung auch für viele Arbeitgeber. Die ersten Klassen wurden bereits in Quarantäne geschickt, und auch manch Lehrer muss zuhause bleiben. "Ein einzelnes Problem löst eine ganze Kette weiterer Probleme aus", skizziert Kogler die Komplexität der Situation.

»Ein einzelnes Problem löst eine ganze Kette weiterer Probleme aus«

Wie soll das weitergehen? Unsicherheit macht sich breit. Und mit ihr die Angst. "Angst gehört zu unserer emotionalen Grundausstattung", erklärt der Psychologe. Eine noch bedeutendere Rolle für das eigene Erleben spielen oft aber die mit der Angst einhergehenden Sekundäremotionen. Das können Wut, Ärger, Zorn, aber auch Hilflosigkeit und Verzweiflung sein. Ein Beispiel aus dem Alltag: In den Öffis begegnet man einer geraumen Anzahl an Menschen, die ihren Mund-Nasen-Schutz nicht ordnungsgemäß tragen. Die Angst vor einer möglichen Ansteckung ruft Ärger über das verantwortungslose Verhalten hervor. Fordert man die Betreffenden auf, die Maske über Mund und Nase zu ziehen, riskiert man einen Konflikt. Also resigniert man. Man fühlt sich hilflos.

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Die Angst schleicht sich übrigens auch in unsere Beziehungen ein. Kann ich meinen Partner überhaupt noch umarmen? Dieser Sorge in Hinblick auf ein mögliches Infektionsrisiko verliehen dem Therapeuten zufolge gleich mehrere Personen Ausdruck. Und das innerhalb nur einer Woche. Was können wir also tun, um diesem Konglomerat aus Angst und den daraus resultierenden Emotionen wieder Herr zu werden? Der Experte rät, sich an die AHA-Regel zu halten - Abstand, Hygiene, Alltagsmasken. Selbst Personen, die die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen hinterfragen, seien gut damit beraten, ihnen Folge zu leisten. Weil sie sich dadurch automatisch weniger Konflikten aussetzen. "So kann man viel entspannter durch die Stadt gehen."

Derzeit macht es den Anschein, als würde sich die Krise in den nächsten Wochen und Monaten weiter zuspitzen. Gleichzeitig bemühen sich die Menschen zusehends, mit der Situation so gut als möglich zurecht zu kommen. "Der Nutzen ungelöster Probleme ist ja, dass die Leute immer mehr darum kämpfen, die Probleme zu lösen." Wobei hierfür natürlich unterschiedlichste Strategien an den Tag gelegt werden. "Die einen werden zu Missionaren, die anderen kümmern sich nur um sich selbst." Nichtsdestotrotz ziehen viele an einem Strang. "Ungelöste Probleme helfen uns, die Gesellschaft zusammenzuhalten." Womit wir über kurz oder lang ein Problem nach dem anderen lösen können. Nach dem Motto: Gemeinsam werden wir es schaffen.

Woche 27: Konzentrieren Sie sich auf sich!

14. bis 20. September 2020

  • 8.000er-Marke an aktiv Infizierten überschritten
  • Reproduktionsfaktor in Österreich bei 1,29
  • Corona-Ampel in einigen Teilen Österreichs orange
  • Kündigungen im Hotel Sacher
  • MAN Steyr soll bis 2023 geschlossen werden. Betroffen sind 2.300 Mitarbeiter

"Wir sind derzeit völlig von außen bestimmt", gibt Kogler zu bedenken. Nach wie vor wird unser Alltag von den coronabedingten Maßnahmen gelenkt. Daneben wächst die Verunsicherung aufgrund der teils intransparenten, teils widersprüchlichen Kommunikation seitens der Regierung. Beispiel Corona-Ampel: "Die Politik entwickelt eine Form, mit der Krise umzugehen, und setzt sie im selben Atemzug außer Kraft." Die Ampel schaltet auf Gelb. Was passiert? Nichts. Gleichzeitig muss trotz grüner Ampelfärbung Mund-Nasen-Schutz getragen werden."Es gibt so viele Widersprüche. Damit müssen wir erst umzugehen lernen. Wir müssen die Ambivalenz akzeptieren." Und den Regierenden zugestehen, dass auch sie ab und an Fehler machen können.

»Wir müssen uns jetzt auf uns selbst konzentrieren. Sonst verlieren wir uns«

Was nicht immer leicht ist. Die Verunsicherung wächst und mit ihr die Unruhe. Selbst Menschen, die ihre Emotionen für gewöhnlich gut im Griff haben, äußern zusehends ihren Unmut. "Ich fühle mich veräppelt. Am liebsten würde ich auf die ganzen Maßnahmen pfeifen", gibt der Psychologe die Gedanken eines Betroffenen wieder und ergänzt: "Wir müssen uns jetzt auf uns selbst konzentrieren. Sonst verlieren wir uns. Regel Nummer eins lautet: Richte Deine Scheinwerfer auf das, was funktioniert." Weg von jenen Dingen, die schieflaufen oder auf die wir ohnehin keinen Einfluss haben. Gleichzeitig gilt es zu begreifen, dass jeder Moment die Möglichkeit für einen Neustart bietet.

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Regel Nummer zwei lautet: Nimm einen Anker! Nutzen Sie zum Beispiel den Moment, in dem Sie morgens Ihre Wohnung verlassen, um sich zu überlegen, was Sie sich heute Gutes tun könnten. So lenken Sie Ihre Gedanken automatisch weg von den äußeren Bedingungen. Denn: "Wir können nicht zwei Dinge gleichzeitig denken." Natürlich können Sie auch auf andere Dinge fokussieren. Etwa auf den Vorsatz, jenen Menschen ein Lächeln zu schenken, die besonders grimmig dreinschauen. Diese Handlung ermöglicht es Ihnen nicht nur, in einer Zeit, in der wir stark von außen bestimmt agieren, selbst Einfluss auf Ihr Umfeld zu nehmen. Auf diese Weise können Sie auch gleich - Regel Nummer drei - die von Ihnen gesetzten Maßnahmen evaluieren.

»Notieren Sie sich 17 Dinge, mit denen Sie sich selbst belohnen können«

"Manche schauen irritiert, andere lächeln zurück", weiß der Psychologe aus eigener Erfahrung. Hat sich die Miene Ihres Gegenübers aufgehellt, so ist Ihr Vorhaben geglückt. Wobei Sie die positiven Rückmeldungen auch gleich zur Selbststärkung nutzen können. "Selbststärkung heißt, bei sich selbst anzusetzen: Was an mir finde ich gut? In welchen Bereichen bin ich mit mir zufrieden? Und was tut mir besonders gut?", erklärt der Verhaltenstherapeut. Sein Auftrag lautet: "Notieren Sie sich 17 Dinge, mit denen Sie sich selbst belohnen können." Auf diese Weise können Sie Ihren Handlungsspielraum erweitern und gleichzeitig für Ihr Wohlergehen zu sorgen. Denn gerade in Zeiten wie diesen ist die Selbstfürsorge besonders wichtig.

Woche 26: Warum wir so sind, wie wir sind

7. bis 13. September 2020

  • Bis zu 850 Neuinfektionen täglich
  • Rund 910.000 Covid-19-Tote weltweit
  • Erneute Ausweitung der Maskenpflicht auf Geschäfte, Restaurants und an Schulen

Die Welt ist gefährlich. Zwar nicht so sehr wie in grauer Vorzeit, als sich unsere Vorfahren noch gegen furchteinflößende Geschöpfe wie den Säbelzahntiger behaupten mussten. Nichtsdestotrotz ist sie auch heute nicht frei von Risiken. Deshalb wollen wir sie kontrollieren. Das Bedürfnis nach Kontrolle ist dabei nur eines mehrerer menschlicher Grundbedürfnisse. So wie das nach sozialer Anerkennung oder jenes nach Bindung. "In Krisen fühlen wir uns in unseren Grundbedürfnissen bedroht", weiß Kogler. So auch jetzt. Nehmen wir nur einmal das Bedürfnis nach körperlicher Integrität: Das Coronavirus gefährdet unsere Gesundheit. Oder jenes nach existenzieller Sicherheit, stellt die Pandemie doch eine reale Bedrohung der finanziellen Grundlage vieler Österreicher dar.

»In Krisen fühlen wir uns in unseren Grundbedürfnissen bedroht«

"Die Nicht-Erfüllung der Grundbedürfnisse ist gefährlich", so Kogler. Nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft. "Wir wollen geschätzt und respektiert werden" - Stichwort soziale Anerkennung. Wer sich von seinem Umfeld dagegen ausgegrenzt oder abgelehnt fühlt, bringt seinen Mitmenschen oft jene Gefühle entgegen, die er selbst empfindet. "Er verachtet sie, während er sich selbst als Versager fühlt. Das ist natürlich gefährlich." Wobei die Ausprägung der einzelnen Grundbedürfnisse von Mensch zu Mensch variiert. Dem einen bedeutet Sicherheit am meisten, der andere strebt in erster Linie nach Lustgewinn - je nachdem, welche Werte ihm von seinem sozialen Umfeld, seinen Eltern, seinen Freunden, als wichtig vermittelt wurden.

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"Wir führen unser Leben, geleitet von unseren Grundbedürfnissen", die dem Therapeuten zufolge durch die Krise deutlicher zum Vorschein kommen. "Besorgte Menschen werden sich jetzt noch mehr Sorgen machen. Weitblickende noch vorausschauender handeln." Personen wiederum, die vermehrt nach Wertschätzung streben, werden dieser Tage möglicherweise an die Grenzen des Möglichen stoßen. "Weil jetzt alle mehr auf sich selbst schauen." Die Krise birgt aber auch Chancen. Eine davon ergibt sich aus dem Grundbedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung: Wir wollen schmerzhafte, unangenehme Erlebnisse vermeiden. Also finden wir entsprechende Wege und Mittel. "Das ermöglicht uns Anpassung."

»Die Nicht-Erfüllung der Grundbedürfnisse ist gefährlich«

Zudem wird sich der eine oder andere in Zeiten wie diesen seiner Grundbedürfnisse stärker bewusst. Die Auseinandersetzung mit ihnen wiederum ist, so Kogler, ein geeignetes Mittel, sich selbst zu erkennen. Was will ich wirklich? Was nicht? Was ist mir wichtig? Und was weniger? Nicht wenige haben sich Fragen wie diese in den letzten Monaten gestellt. Abgesehen davon verlangt uns die Krise neue Handlungsweisen ab. Man denke nur an den Lockdown, der unser Leben regelrecht auf den Kopf stellte. "Viele nützen das für eine Veränderung mancher Lebensinhalte und Verhaltensweisen", weiß der Psychologe. "Viele sehen: Da kann ich etwas tun, was ich schon immer tun wollte. Hierin liegt echtes Veränderungspotenzial." Wenn also jetzt nichts ändern, wann dann?

Passend dazu: Wie die Krise unser Leben verändert

Woche 25: Wir haben keine Kontrolle

31. August bis 6. September 2020

  • Start der Corona-Ampel
  • Rund 890.000 Covid-19-Tote weltweit

Die Regierung setzt fortan verstärkt auf Empfehlungen. "Manche Menschen sind froh darüber, weil ihnen das ein gewisses Maß an Selbstbestimmung ermöglicht. Andere wiederum vermissen klare Regeln und Kontrolle", erklärt Kogler. Doch ist es überhaupt möglich, eine Situation wie diese zu kontrollieren? "Kontrolle ist eine Illusion", sagte schon Peter Senge, Professor am Massachusetts Institute of Technology. Das Individuum, so Kogler, könne die Entwicklung der Pandemie nur bedingt beeinflussen. Das gilt im Übrigen auch für sämtliche andere Lebensbereiche. Wir können Rahmenbedingungen für Veränderungen schaffen, um die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Ereignisse eintreten, zu erhöhen. Eine Sicherheit, dass diese dann auch tatsächlich eintreten, gebe es aber nicht.

»Wir müssen die Unsicherheit annehmen und auf das vertrauen, was entsteht«

Dazu Kogler: "Wir müssen die Unsicherheit annehmen und auf das vertrauen, was entsteht." Eine Herausforderung, der sich nicht jeder gewachsen fühlt. Immerhin ist das Kontrolldenken tief in unserer Kultur verankert. Man denke nur an die Redewendung "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Wie also motiviert man jene, die den Zustand der Nicht-Kontrolle nicht anerkennen und bewältigen können oder wollen? Zum einen müsse man informieren und die Komplexität der Situation erklären. "Viele trauten sich während des Lockdowns nicht ins Krankenhaus, andere besuchten ihre Freunde nicht mehr", blickt der Psychologe zurück. Was also macht Corona mit uns? Was die Politik? Wie beeinflusst all das unser Leben? Fragen wie diese gelte es zu beantworten.

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Zum anderen müsse man den Menschen konkrete Strategien an die Hand geben. Was kann ich tun, um mich meiner Unzufriedenheit, die mich ja belastet, zu entledigen? Welche Initiativen kann ich setzen, auch wenn oder gerade weil ich keine Kontrolle habe? "Man muss den Leuten Selbstwirksamkeit vermitteln", ergänzt Kogler. Ihnen klar machen, wo ihre Kompetenzen liegen und wie sie sie einsetzen können. Vonseiten der Politik fordert der Psychologe mehr Transparenz. Nur, wenn die Vorgänge transparent dargestellt sind, könne man sie verstehen und ihnen vertrauen. Umgekehrt müssen wir akzeptieren, dass selbst die Verantwortungsträger nicht allwissend sind. "Wir lernen ja gerade erst. Schritt für Schritt. Die Medizin lernt, die Regierung lernt."

Erlernt werden müsse auch der Umgang mit Fehlern. "Außer Anschober hat niemand einen Fehler eingestanden." Warum nicht? Weil Fehler ein gefundenes Fressen für die Medien seien und es obendrein schwer ist, sie richtig zu kommunizieren. Der Politik kommt zudem die Aufgabe zu, der Bevölkerung Hoffnung zu geben. Und den Worten Taten folgen zu lassen. "Viele werden verarmen. Viele werden sich verändern müssen", prognostiziert der Psychologe. Gerade ihnen müsse man neue Wege eröffnen. Etwa durch ein verbessertes Ausbildungsangebot. Alles in allem müsse man sich mit der Zukunft auseinandersetzen und sie gestalten, indem man auf die Gegenwart reagiert. Weg von der kontroll-, hin zur lernorientierten Mentalität, um es mit Senges Worten zu sagen.

Woche 24: Die Zeit verfliegt

24. bis 30. August 2020

  • Täglich bis zu fast 300 Neuinfektionen in Österreich
  • Knapp 822.000 Covid-19-Tote weltweit
  • Rückkehr zur Normalität laut Bundeskanzler Kurz bis Sommer 2021

Haben Sie auch das Gefühl, dass die Zeit gerade wie im Flug vergeht? "Viele sagen: Die Wochen fliegen nur so dahin. Gleichzeitig kommt es mir so vor, als würde der Lockdown schon ewig dauern", gibt Kogler eine dieser Tage oft gehörte Aussage wieder. "Andere sagen: Ich habe mein Zeitgefühl verloren. Manchmal weiß ich nicht einmal mehr, welchen Tag wir gerade haben." Die letzten Monate scheinen schneller denn je an uns vorübergezogen zu sein. Doch warum? Die Antwort liegt in einem von den Psychologen Philip Zimbardo und John Boyd entwickelten Konzept. Auf Basis einer internationalen Studie kristallisierten sie drei unterschiedliche Typen heraus: den gegenwarts-, den vergangenheits- und den zukunftsorientierten Menschen.

Beim gegenwartsorientierten Menschen ist die Hilfsbereitschaft am stärksten ausgeprägt. "Sie kümmern sich mehr um andere, aber weniger um sich selbst", erläutert der Psychologe. Sie tendieren eher zu einem riskanten Sexualverhalten, Glücksspiel oder Drogenkonsum, achten weniger auf ihre Gesundheit, treiben seltener Sport und lassen sich weniger häufig medizinisch untersuchen. Sie genießen den Augenblick, während sie es tunlichst vermeiden, sich Sorgen über die Zukunft zu machen. Weil sie sie, so die Annahme, ohnehin nur bedingt beeinflussen können. Das sehen die Zukunftsorientierten, unter denen sich die höchste Anzahl beruflich erfolgreicher Personen befindet, anders. Sie geben jetzt ihr Bestes, um es später einmal besser zu haben.

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"Sie sparen für magere Jahre, sorgen für ihre Kinder vor, ernähren sich gut, halten sich fit und unterziehen sich regelmäßig Gesundheitschecks." Im Gegensatz zu den Gegenwartsorientierten sind die Zukunftsorientierten allerdings weniger altruistisch. "Die, die anderen am ehesten helfen könnten, sind am wenigsten dazu bereit." Die Vergangenheitsorientierten wiederum lassen sich in zwei Gruppen teilen: Jene, die mit positiven Erinnerungen zurückblicken, und die, bei denen die negativen Erinnerungen überwiegen. Dabei beeinflusst die jeweilige Perspektive unser Leben maßgeblich. "Das sind fundamentale Einstellungen, die uns im Alltag lenken", erklärt der Verhaltenstherapeut.

»Veränderung macht Angst. Und Angst lässt die persönliche Uhr schneller ticken«

Die uns lenken und auch immer eine gewisse Verzerrung der Realität mit sich bringen. "Verschiedene Zeitphasen werden völlig unterschiedlich wahrgenommen. Je mehr kognitive Prozesse wir bewältigen, desto länger erscheint uns die Phase." Kein Wunder also, dass uns die letzten Monate wie eine halbe Ewigkeit vorkommen - man denke nur an die vielen neuen Situationen, denen wir uns stellen, die vielen neuen Aufgaben, die wir lösen mussten. Und dennoch vergeht die Zeit wie im Flug. Dazu Kogler: "Veränderung macht Angst. Und Angst lässt die persönliche Uhr schneller ticken." Und während die Zeit vergeht, hängt es von unserer Perspektive ab, was wir aus ihr machen. Ob wir mit Schrecken auf die letzten Monate zurückblicken oder sie als solche sehen, die uns neue Perspektiven für die Zukunft eröffnen.

Woche 23: Unverständnis macht sich breit

17. bis 23. August 2020

  • Über 330 Neuinfektionen in Österreich binnen 24 Stunden
  • Internationale Kritik nach Pool-Party mit tausenden Feiernden in Wuhan
  • Knapp 22,6 Millionen bestätigte Corona-Infektionen weltweit

Obwohl mittlerweile bekannt sein sollte, dass es sich bei Covid-19 um keine "einfache Grippe" handelt, gibt es nach wie vor eine nicht unbeträchtliche Zahl an Menschen, die sich mit aller Kraft gegen jene Maßnahmen stemmen, die der Eindämmung der Pandemie dienen sollen. Wer sich öffentlich für die Einhaltung von Abstandsregel und Co. einsetzt, läuft Gefahr, aufs Übelste angefeindet zu werden. Eine Erfahrung, die kürzlich der deutsche Unternehmer Philipp Depiereux machen musste. Nachdem er sich per LinkedIn zu den Corona-Demonstrationen geäußert hatte, wurde er Zielscheibe unverhohlenen Hasses. "Unverständnis, Unwissen, Abwehr und Aggression sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen", gibt Kogler zu bedenken.

"Die einen wissen es nicht besser, die anderen leugnen die Gefahr bewusst." Und dann gibt es noch jene, die sich lieber ihres Lebens erfreuen, als sich Sorgen über mögliche negative Konsequenzen zu machen. Die Botschaft an sie alle, so Kogler, lautet: "Seid vernünftig und ändert euer Verhalten!" Wie aber lässt sich das bewerkstelligen? Das menschliche Verhalten basiert auf vier wesentlichen Bausteinen: den Gedanken, den Gefühlen, dem Körper und den Aktivitäten. Während sich die Gruppe der Unwissenden auf gedanklicher Ebene der Gefahr nicht bewusst ist, folgen die Hedonisten dem Leitspruch "Das Leben ist zu kurz, um Angst zu haben". Die Leugner wiederum wollen ein Zeichen setzen, gegen die vermeintliche Verdummung und Obrigkeitshörigkeit der Gesellschaft ankämpfen.

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"Für sie ist die Schuldzuweisung ganz wichtig", sind ihnen zufolge doch die Entscheidungsträger für die ganze Misere verantwortlich. Gleichzeitig fühlen sie sich, wenn sie selbst kritisiert werden, abgewertet. Also werten sie die anderen ab, um so ihren eigenen Selbstwert wieder aufzubauen. Dagegen geben sich die Hedonisten nach dem Motto "Ich genieße, also bin ich" einem Gefühl der Freude und der Lust an der Selbstdarstellung hin. Welche Gedanken und Gefühle die Person auch immer leiten – verhaltenstechnisch läuft es auf ein und dasselbe hinaus: Die einen feiern rauschende Feste, die anderen nehmen an Demonstrationen teil. Wiederum andere begnügen sich mit dem Verweigern der Maske. Sie alle aber missachten die Regeln.

»Für die Corona-Leugner ist die Schuldzuweisung ganz wichtig«

Durch die Handlung wird schließlich unser Körper in einen Aktivierungszustand versetzt, der weit länger anhält als die Handlung selbst. Und weil uns die Pandemie nach wie vor nahezu ununterbrochen in irgendeiner Weise beschäftigt, ist auch das allgemeine Erregungslevel in der Gesellschaft höher als sonst. Damit zurück zur Frage, wie man dem aufmüpfigen Verhalten von Corona-Rebellen Einhalt gebieten kann: "Es ist kontraproduktiv, die Person anzugreifen und gegenzuargumentieren", betont Kogler. Auf diese Weise erzeuge man bloß Gegenwehr. Vielmehr solle man ruhig, klar und unemotional seinen eigenen Standpunkt darlegen. Nach dem Prinzip "Du siehst es so, ich sehe es anders". Mit einem bisschen Glück regt das den anderen zum Nachdenken an, was sich über kurz oder lang auch im Handeln manifestiert.

Woche 22: So gelingt die Veränderung

10. bis 16. August 2020

  • Knapp 770.000 Todesfälle und 21,4 Millionen bestätigte Infektionen weltweit
  • Anstieg der Infektionszahlen in Europa, vor allem in Spanien, Frankreich und dem Westbalkan

Sind Sie mit Ihrem täglichen Morgenritual zufrieden? Nur wenige beantworten diese Frage dem Verhaltenstherapeuten zufolge mit einem Ja. Was also tun? Der Experte rät: Checken Sie Ihr Morgenritual! Womit genau sind Sie unzufrieden? Wollen Sie diesen Aspekt verändern? Warum wollen Sie ihn verändern? Und was konkret müssen Sie dafür tun? Sind erst einmal alle Fragen beantwortet, geht es an die Umsetzung. Einem Drittel derer, die sich dieser Herausforderung stellen, gelingt die Umstellung kurzfristig. "Für zwei, drei Morgen. Langfristig sinkt der Anteil innerhalb weniger Monate auf drei bis fünf Prozent." Es scheint, als wäre der Mensch recht veränderungsresistent. Und dennoch verändern wir uns stetig. Jetzt vielleicht sogar noch mehr als sonst.

Passend dazu: Schule aus der Ferne

"Derzeit ist ein großer Veränderungsprozess im Gange", sagt Kogler. In den letzten Monaten hat uns die Coronakrise - ob wir wollten oder nicht - immer wieder Anpassungsleistungen abverlangt. Besonders deutlich ließ sich das im schulischen Bereich beobachten. Der Online-Unterreicht erforderte den Einsatz neuer Lehrmethoden. Damit wiederum veränderte sich die Schüler-Lehrer-Beziehung. Die Lehrer mussten einen Weg finden, ihre Schüler trotz räumlicher Distanz zur Mitarbeit zu motivieren. Einige überließen die thematische Schwerpunktsetzung vermehrt den Kindern. Andere setzten verstärkt auf digitale Inhalte wie Youtube-Videos, wodurch sich manch einem Schüler der Zugang zu Lerninhalten eröffnete, denen er sich bislang verwehrte.

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Veränderung findet also statt. Was genau aber braucht es dafür? Die äußeren Umstände haben sich verändert, durften die Schüler doch nicht mehr zur Schule gehen. Das allein reicht aber nicht. "Der Ausgangspunkt für Veränderung ist immer Unzufriedenheit." Was also ist es, das nicht passt? Haben wir das erst einmal herausgefunden, gilt es, die Zusammenhänge zu begreifen. An welchem Rädchen muss ich drehen, damit ich dorthin komme, wo ich hin will? Wesentlich sei auch, den Sinn und Zweck der Veränderung zu erkennen. Was bringt mir die Veränderung? Wie profitiere ich von ihr? "Wer das versteht, ist bereit für Veränderung." Sodann ist Handeln angesagt. Denn nur wer handelt, verändert sich.

»Der Ausgangspunkt für Veränderung ist immer Unzufriedenheit«

Dass wir zur Tat schreiten, liegt nicht zuletzt auch an unserem Willen zum Selbstmanagement. "Der Mensch will Eigenverantwortung übernehmen und sich und sein Schicksal aktiv steuern", weiß der Verhaltenstherapeut. Und während wir diesen Prozess durchlaufen, setzen wir uns gedanklich mit ihm auseinander. "Wir legen derzeit viel mehr Aufmerksamkeit auf die psychologischen Vorgänge. Die Leute interessieren sich nicht nur für die Veränderung an sich, sondern auch dafür, was dahintersteckt." Wir denken darüber nach, was in uns vorgeht, und tauschen uns darüber mit anderen aus. Letztlich betrachten nicht wenige, nachdem das Coronavirus ihren Alltag auf den Kopf gestellt hat, ihr bisheriges Lebenskonzept aus einem neuen Blickwinkel.

Woche 21: Warum Berührungen so wichtig sind

3. bis 9. August 2020

  • Über 700.000 Covid-19-Tote und 19 Millionen Infizierte weltweit
  • Zahl der Neuinfektionen in Österreich wieder dreistellig
  • WHO mahnt junge Menschen zur Reduktion sozialer Kontakte

"Berührung ist fundamental für den Menschen", sagt Kogler. Sie ist unentbehrlich für die Entwicklung unserer Wahrnehmung. Über sie lernt das Kind zu unterscheiden, ob ein Reiz positiv oder negativ ist, ob es sich vor ihm schützen soll oder auf ihn zugehen kann. "Dieser Entwicklungsprozess beginnt bereits acht Wochen nach der Zeugung", so der Experte. Der Anthropologe Ashley Montagu schreibt im Buch "Körperkontakt": "Die wesentliche Sinnesempfindung unseres Körpers ist die Berührung. Sie ist wahrscheinlich die wichtigste Wahrnehmung im Prozess des Schlafens und Wachens. Wir fühlen, wir lieben und hassen, sind empfindlich und empfinden durch die Tastkörperchen unserer Haut."

»Die wesentliche Sinnesempfindung unseres Körpers ist die Berührung«

Dazu Kogler: "Jede Berührung setzt einen biochemischen Prozess in Gang." Stichwort Oxytocin. Wird ein Körperkontakt als positiv erlebt, kommt es zur Ausschüttung des sogenannten Kuschelhormons, das in uns Wohlbefinden auslöst. Ein Hormon, das, wie die schwedische Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme vermutet, in den letzten Monaten deutlich zu kurz gekommen ist. "Noch nie im Leben hatte ich mehrere Wochen, in denen ich von niemandem berührt wurde", gibt Kogler die Erfahrung einer alleinstehenden Frau wieder. Dass in einem Fall wie diesem die Oxytocin-Produktion komplett zum Erliegen kommt, glaubt er nicht. Immerhin bleibt ja noch die Möglichkeit des Gesprächs. "Jeder Satz bewirkt ein Gefühl."

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Inwieweit diese "verbale Berührung" die Oxytocin-Herstellung ankurbelt, ist allerdings die Frage. Gleichzeitig weist der Psychologe darauf hin, dass "die äußeren Grenzen unseres Körpers nicht den tatsächlichen Grenzen entsprechen", tauschen wir doch bei jeder Form der Berührung Bakterien, vermutlich auch Viren aus. Diese wiederum halten unser Immunsystem auf Trab. "Zugespitzt formuliert bedeutet das: Wenn wir nur Handys berühren und keine Menschen, dann werden wir krank." Physisch wie psychisch. Die Bedeutung sozialer Kontakte belegt auch die seit 1938 an der Universität Harvard laufende Studie. Unabhängig von den sozioökonomischen Bedingungen lebt am gesündesten, wer viele gute Beziehungen hegt.

Das Bedürfnis nach körperlicher Nähe ist demnach tief in uns verankert. Kein Wunder also, dass derzeit so viele auf die von der Regierung ausgesprochene Abstandsregel pfeifen. Möglicherweise tun sich die Österreicher im internationalen Vergleich auch besonders schwer mit einem Leben in der Berührungslosigkeit. Bereits 1971 schrieb Montagu: "Österreicher sind im Gegensatz zu den Deutschen sehr viel demonstrativer in der Berührung und durchaus bereit, Freunde zu umarmen." Dementsprechend wichtig sei es Kogler zufolge, uns der Bedeutung von Berührungen bewusst zu sein. Und einen Weg zu finden, wie wir mit dem durch die Pandemie entstandenen Mangel an besser umgehen können.

Woche 20: Wir lassen uns nicht unterkriegen

27. Juli bis 2. August 2020

  • Über 17 Millionen Corona-Infektionen weltweit
  • Österreichs BIP im Vorjahresvergleich um 12,8 Prozent geschrumpft

Immer wieder treten hierzulande Corona-Cluster auf. Zuletzt im Wald am Schoberpaß. 17 Menschen haben sich in der 551 Seelen großen obersteirischen Gemeinde mit dem Coronavirus infiziert. Die Infektionen dürften auf eine Familie zurückzuführen sein, die Jahr für Jahr hierher auf Sommerfrische fährt. "Interessant dabei ist: Je näher wir dem Cluster sind, desto besonnener können wir mit der Situation umgehen", erläutert Kogler. Woran das liegt? "Die Gemeindebürger kennen einander und jeder sieht, dass der andere nach bestem Wissen und Gewissen handelt." Der Faktor Vertrauen spielt also eine Rolle, ebenso wie die Sichtbarkeit und damit auch die Möglichkeit zur Kontrolle. "Diese Mischung erleichtert das Handling der Krise."

»Je näher wir dem Cluster sind, desto besonnener können wir mit der Situation umgehen«

Hinzu kommt natürlich Disziplin. Denn nur wer sich an die Regeln hält, kann dem Virus ein Schnippchen schlagen. Weil aber keine Regel, und sei sie noch so gut, alle Eventualitäten abdecken kann, ist obendrein emotionale Intelligenz gefragt. "Die Klugheit der Leute wird stärker gefordert." Besonders wichtig in diesem Zusammenhang sei dem Experten zufolge auch der Verzicht auf Schuldzuweisung. Lässt sich der Cluster im Wald am Schoberpaß tatsächlich auf besagte Urlauberfamilie zurückführen? Man weiß es nicht. Selbst wenn dem so ist - wem würde es nützen, einen Schuldigen auszumachen? Immerhin steckt hinter der Infektion ja keinerlei Absicht. "Das haben die Leute vor Ort gelernt."

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Begriffen haben wir mittlerweile auch, dass uns die Pandemie wohl noch länger begleiten wird. Samt der Ungewissheit, die sie mit sich bringt. Man denke nur an die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Folgen. "Die Fahrt durch den dichten Nebel hält an. Und die Ungewissheit wächst. Aber wir gewöhnen uns daran", so Kogler. Und werden versierter im Umgang mit den Clustern. Gleichzeitig verändert sich unsere Kommunikation. Sie wird härter, mit zunehmendem Fokus auf das Ökonomische. "Es ist unglaublich, wie sich die Menschen jetzt verändern. Bestimmte Eigenschaften treten jetzt markanter hervor." Das Finanzielle wird immer wichtiger, was angesichts der wirtschaftlichen Situation mehr als verständlich ist.

Depression: So gehen Sie mit Betroffenen um

Die Situation macht uns Angst, doch wir akzeptieren sie. Und hören nicht auf, unser Bestes zu geben - was wir dem sogenannten "optimism bias" zu verdanken haben: "Während depressive Menschen die Welt realistischer sehen, haben psychisch Gesunde die beneidenswerte Fähigkeit, die Realität so zu verzerren, dass sie sie positiver sehen, als sie ist. Diese Verzerrung ist ein hoher Motivator." Sie treibt uns an, auch dann, wenn die Chancen auf eine baldige Besserung der Lage nicht allzu gut stehen. "Um das aufzuholen, was wir in den vergangenen Monaten verloren haben, werden wir hart arbeiten müssen." Die Hoffnung auf bessere Zeiten hilft uns dabei. Wir tun, was wir tun können - "mit der unrealistischen Erwartung, dass alles gut wird."

Woche 19: Es reicht!

20. bis 26. Juli 2020

"Es herrscht eine seltsam anmutende Stimmung", blickt Kogler auf die letzten Tage zurück. "Die Leute sind gedrückt. Sie wissen: Da kommt etwas auf sie zu. Sie wissen nicht, was es ist. Sie wissen nur, dass es hart werden wird." Die Angst wächst. Und mit ihr das Misstrauen. So kommt es, dass sich manch einer trotz Verdacht nicht auf das Coronavirus testen lässt. "Man sagt nichts aus Sorge, den Job zu verlieren." Gleichzeitig kristallisiert sich eine Diskrepanz zwischen den unterschiedlichen sozialen Schichten heraus. "Wir tragen immer und überall Masken", zitiert der Psychologe eine Mitarbeiterin einer Reinigungsfirma. "Aber die Chefs, die kümmern sich kaum um den Mundschutz. Die können sich das erlauben." Dass der Unmut wächst, wenn sich gerade jene nicht an die Regeln halten, die eine Vorbildfunktion innehaben, ist verständlich.

Richtig gefährlich wird es aber dann, wenn gebildete, angesehene Personen das Coronavirus leugnen. Mit abstrusen Fragen wie "Hat denn einer von euch schon das Virus gesehen?" versucht man die Existenz desselben zu negieren. "Warum soll ich mich impfen lassen, wenn es eh kein Virus gibt", sagt dann etwa ein Arzt. In Zeiten wie diesen haben Verschwörungstheorien Hochsaison. Die Aufgabe der Medien wiederum wäre es, diese Stück für Stück zu zerpflücken. Doch auch ihnen gegenüber herrscht Misstrauen. Wird tatsächlich die ganze Wahrheit berichtet? Oder werden relevante Fakten vertuscht? Dann wären da noch die Politiker, die die Freiheiten der Bürger eingeschränkt haben, was sich später als verfassungswidrig herausstellte.

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Die Situation scheint immer undurchschaubarer. Viele reagieren darauf mit Widerstand. Manche verdeckt, andere offen. "Die einen gehen nicht zum Arzt, weil sie sich das nicht geben wollen, die anderen betreten den Supermarkt und sagen: 'Die Maske ist mir völlig wurscht'", veranschaulicht der Therapeut. Parallel dazu wächst eine diffuse Form von Aggression. "Die Leute sagen: 'Es zipft mich an, dass ich nicht auf Urlaub fahren kann.' 'Es zipft mich an, dass in Kärnten andere Regeln gelten als in der Steiermark.' Und: 'Darf ich nun fliegen oder nicht?' Man hat schon genug von dem ganzen Zirkus", gibt Kogler die allgemeine Stimmung wieder. Die Maßnahmen werden gelockert, um sie dann wieder zu verschärfen. Nicht jeder befürwortet diesen Kurs.

»Wir haben keine Zeit zum Lernen, weil immer etwas Neues kommt«

Also sagen viele: Mir reicht's! Nicht zuletzt deshalb, weil schlicht die Zeit zum Lernen fehlt. "Wir haben keine Zeit zum Lernen, weil immer etwas Neues kommt. Das heißt, wir können die Informationen, die wir bekommen, nicht mehr verarbeiten. Und wenn wir die Informationen nicht verarbeiten können, dann kommt Ärger oder Frust." Man hat das Gefühl: Jetzt kenne ich mich überhaupt nicht mehr aus. "Gerne würden wir durchatmen und sagen: Jetzt verstehe ich es. Jetzt kann ich mich zurücklehnen und die Geschichte hat sich. Aber die Geschichte hat sich nicht", gibt der Psychologe zu bedenken. Stattdessen sind wir mittendrin und wissen, dass uns das Coronavirus noch einige Zeitlang begleiten wird.

Woche 18: Was wir aus der Krise lernen können

13. bis 19. Juli 2020

Weltweit hat die Pandemie bereits mehr als 600.000 Leben gefordert. Allein in den USA erlagen über 140.000 Menschen dem Virus. Dem Psychologen zufolge Zahlen, die zu erfassen wir gar nicht in der Lage sind. "Der Mensch hat kein Gespür für so große Zahlen. Wir begreifen auch nicht, was 38 oder 54 Milliarden im Budget bedeuten." Doch nicht nur das. "Eine Pandemie ist per se dynamisch." Die Situation verändert sich stetig und erfordert immer neue Entscheidungen, deren Konsequenzen oft nicht absehbar sind. Dreht man hier an einem Rädchen, bewegt sich dort ein ganzes Rad. So wurden Krankenhausstationen für Covid-19-Fälle freigehalten - mit der Folge, dass Operationen aufgeschoben und andere Patienten abgewiesen wurden, was einigen sogar das Leben kostete.

»Egal ob Ischgl, Velden oder Mallorca - was wir hier spüren, sind nur die Einschränkungen«

Die Zusammenhänge sind derart komplex, dass sie zu verstehen schier unmöglich ist. "Wir haben immer ein Dreiecksverhältnis zwischen Gesundheit, Freiheit und Wirtschaft", erklärt der Psychologe. Viele der Maßnahmen zum Schutz unserer Gesundheit gehen auf Kosten der Wirtschaft. Manch einer fühlt sich dabei in seiner persönlichen Freiheit beschnitten. Und versteht nicht, warum er nun wieder Mund-Nasen-Schutz tragen muss. "Egal ob Ischgl, Velden oder Mallorca - was wir hier spüren, sind nur die Einschränkungen." Verbote, Strafen - sie sind begreifbar. Die Pandemie in ihrer Gesamtheit jedoch nicht. Immerhin: Wer sich der Ernsthaftigkeit der Lage bewusst ist, unterstützt die Maßnahmen. Und verzichtet bewusst auf ein Stück individuelle Freiheit.

© APA/Gert Eggenberger

Wir können die Pandemie zwar nicht vollends verstehen, hören aber nicht auf zu lernen. Bereits aufgehobene Maßnahmen kehren wieder und neue Hilfsmittel kommen hinzu. "Dass wir in Österreich das Ampelsystem einführen und damit präzise auf lokale Entwicklungen reagieren können, ist nur ein Beispiel von vielen", veranschaulicht Kogler. "Wir lernen, mit der Krise umzugehen" und werden dabei immer flexibler. "Weil wir die Möglichkeiten dazu haben" - angefangen von den demokratischen Strukturen bis hin zu unserem gut ausgebauten Gesundheitssystem. Allesamt Voraussetzungen, wie es sie zur Zeit der Spanischen Grippe noch nicht gab. Ein Lernprozess findet aber auch noch auf einer ganz anderen Ebene statt.

So gibt es jene, die freiwillig lernen, und die, die es allemal widerwillig tun. Maske tragen? Nur, wenn es sein muss. Abstand halten? Wozu das!? Allzu ungern will sich diese Gruppe in ihrer persönlichen Freiheit beschneiden lassen. "Natürlich ist das eine Zumutung", sagt der Therapeut, wenn Maßnahmen ignoriert und gefeiert wird, als gebe es kein Morgen. "Und natürlich verstehe ich auch die Leute in Velden und auf Mallorca. Wir Menschen sind ja keine Heiligen. Auch das gehört zum Lernprozess dazu." Anstatt die Regelbrecher zu verurteilen, gelte es ihre Beweggründe zu verstehen. Wir alle haben unterschiedliche Lebensweisen, und diese gelte es zu akzeptieren. "Das zu lernen ist ein enormer Gewinn für unsere Gesellschaft."

Woche 17: Wie uns das Virus entzweit

6. bis 12. Juli 2020

Wochenlang mussten wir unsere sozialen Kontakte auf ein Minimum herunterschrauben. Dann, endlich, durften wir wieder hinausgehen. Freunde treffen, die Familie besuchen. "Die Gruppe besitzt enorme Heilkraft", weiß Kogler. Wie gut wir in ein soziales Netz eingebettet sind, beeinflusst unser Wohlbefinden mehr als alles andere. Unser psychisches wie auch unser physisches. "Ich hab schon gewusst, dass ich die anderen vermisse. Aber wie sehr, das ist mir erst aufgefallen, als ich sie wiedergesehen habe", zitiert der Psychologe einen Betroffenen. So viel steht fest: Wir brauchen einander. Doch birgt das Miteinander auch Gefahren. "Die Gruppe schafft Anonymität", sagt Kogler. "Und Anonymität führt zu Verantwortungslosigkeit."

»Die Gruppe schafft Anonymität. Und Anonymität führt zu Verantwortungslosigkeit«

Man gibt die Verantwortung an die Gruppe ab und fühlt sich gleichzeitig durch sie gestärkt. In unserem Fall bedeutet das, man pfeift aufs Abstandhalten und Maskentragen. Oft handle es sich hier um Personen, die mehr im Moment leben und weniger ans Morgen denken. Hinzu kommt eine hohe physiologische Erregung, die eine Zeit, in der man sich ständig auf neue Situationen einstellen muss, naturgemäß mit sich bringt. Wird dann noch das eine oder andere Gläschen getrunken, geht bald einmal das Gefühl für Regeln verloren. Gleichzeitig beobachtet der Psychologe einen Anstieg an Aggression, der nicht zuletzt in der Rückkehr der Masken wurzelt. Viele fühlen sich durch die Maskenpflicht eingeschränkt. In ihrer Individualität und in ihrer persönlichen Freiheit.

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"Die Kämpfer für die sogenannte individuelle Freiheit vergessen, dass die Maske in erster Linie dem Schutz der anderen dient." Die anderen, dazu gehören jene, die die Maßnahmen nach wie vor ernst nehmen. So unterschiedlich beide Gruppen auch sind - eine Sache haben sie gemein, nämlich das Bedürfnis nach Zusammenhalt. So wird auch die in der eigenen Gruppe vorherrschende Meinung strikt vertreten, wodurch die Kluft zwischen Maßnahmen-Gegnern und -Befürwortern stetig wächst. "Gleichzeitig sollten wir anerkennen, dass auch die anderen Recht haben könnten. Das ist einer der wichtigsten Lernprozesse gerade in Krisenzeiten." Wiewohl sich die Frage nach dem Richtig und Falsch ohnehin nicht allzu bald beantworten lassen wird.

»Der Nachtflug im Nebel hält immer noch an«

"Die Krise hat ja etwas Unvorhersagbares." Unser Wissen wächst, jedoch erst nach und nach. Welche Rolle spielen Kinder bei der Übertragung? Schädigt das Virus das Gehirn? "Der Nachtflug im Nebel hält nach wie vor an." Vor zwei Jahren, so viele Experten, werden wir keine Sicherheit haben. "Bis dahin gibt es ein Auf und Ab. Das wurde in dieser Woche besonders deutlich." Doch lernen wir langsam, mit dem Virus umzugehen. Steigt die Zahl an Infektionen, muss nicht gleich das ganze Land heruntergefahren werden. Wir können differenzieren, sind, was die Maßnahmen betrifft, örtlich und zeitlich flexibel. Differenzieren sollten wir schließlich auch in den eigenen Reihen. Denn selbst dort, wo der Uniformitätsdruck groß ist, sollte Raum für Meinungsverschiedenheiten sein.

Woche 16: Wo sind die letzten Wochen hin?

29. Juni bis 5. Juli 2020

Fragen Sie sich in letzter Zeit auch öfter, warum Sie permanent müde sind? Das Wetter ist dran schuld? Möglich. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass unser Gehirn derzeit auf Hochtouren läuft. "Im normalen Alltag sind 80 bis 95 Prozent der Entscheidungen automatisiert", erklärt Kogler. Aufstehen, frühstücken, Zähne putzen, zur Arbeit gehen ... allesamt Entscheidungen, die wir nicht bewusst treffen müssen. Zum Glück! Anderenfalls würde es wohl eine Weile dauern, bis wir das Haus endlich verlassen könnten. In einer Ausnahmesituation wie der jetzigen sind wir allerdings gezwungen, ständig bewusste Entscheidungen zu treffen. Soll ich eine Maske tragen oder nicht? Halte ich genügend Abstand? "Das ist verdammt anstrengend. Deshalb sind wir auch so müde."

Dann wäre da noch die Sache mit den Doppelbotschaften. Jemand sagt etwas - und signalisiert das Gegenteil. Derlei Botschaften führen in der Regel zu einem inneren Dilemma. Weil wir nicht wissen, was wir mit ihnen anfangen sollen. Für gewöhnlich empfangen wir Doppelbotschaften von anderen. Jetzt aber geben wir sie uns selbst. Wir freuen uns, dass der Sommer endlich da ist, hoffen, dass er schön sein und unser Leben im Herbst wieder in gewohnten Bahnen laufen wird. Gleichzeitig gehen wir insgeheim davon aus, dass eine zweite Corona-Welle auf uns zurollt. "Das ist eine paradoxe Situation. Unser Gefühl lässt uns hoffen, unsere Vernunft sagt: Das wird nichts", veranschaulicht Kogler den inneren Widerspruch.

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Und während wir noch auf einen schönen Sommer hoffen, fällt uns auf, dass uns die letzten Monate auf unerklärliche Weise abhandengekommen sind. "Als ob die Zeit stehengeblieben wäre", gibt der Psychologe die Wahrnehmung eines Betroffenen wieder. "Und plötzlich war der Sommer da. Ich weiß nicht, was mich die ganze Zeit über beschäftigt hat. Ich weiß nur, dass es eine sehr intensive Zeit war." Die Erinnerungen an die Wochen nach Ostern sind wie weggeblasen. Dieser empfundene Verlust wiederum speist die Hoffnung, dass nun alles besser wird. Die Vorfreude ist groß, die Enttäuschung umso größer. Etwa dann, wenn der bereits gebuchte Urlaub gecancelt werden muss, weil das Zielland plötzlich wieder als Risikogebiet gilt.

»Und plötzlich war der Sommer da«

Nach und nach formt sich in unseren Köpfen das Bewusstsein, dass sich die Situation so schnell nicht wieder normalisieren wird. Wenn überhaupt. "Tief drinnen wissen wir das. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen", so Kogler. Jeden Schritt mit Bedacht gesetzt, gehen wir in die nächsten Monate hinein. Auch das kostet eine Menge Energie. Gedanklich, emotional und körperlich. Wir können nicht sorglos einen Fuß vor den anderen setzen. Die Unsicherheit hemmt uns. In unserem Handeln, in unserer Emotion. Und wer nicht ausdrücken darf, was er empfindet, wird krank. Verspannungen und Kopfschmerzen sind mögliche Folgen, bis hin zu Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. "Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns freuen." Trotz der widrigen Umstände. Oder gerade wegen ihnen. Weil uns die Freude guttut - jetzt mehr denn je.

Woche 15: Warum der Tod jetzt kein Thema ist

22. bis 28. Juni 2020

Schon William Shakespeare sinnierte über Sein und Nicht-Sein. Wolfgang Ambros huldigte dem Wiener Zentralfriedhof – und sprengte mit seinem Song 1975 die Charts. Und sobald wir heute den Fernseher aufdrehen, sind wir mit Mord und Totschlag konfrontiert. "Manche Menschen schlagen in der Morgenzeitung als erstes die Todesanzeigen auf", weiß der Psychologe. Das Thema Tod übt eine schaurige Faszination auf uns aus. Es macht uns Angst und weckt gleichzeitig unsere Neugier. Kein Wunder also, dass es allgegenwärtig ist. Normalerweise. Denn sobald uns der Tod zu nahe kommt, uns selbst oder den Kreis unserer Liebsten betreffen könnte, beginnen wir, ihn geflissentlich beiseite zu schieben. So auch jetzt.

»Hätte man in den letzten Wochen 'Es lebe der Zentralfriedhof' im Radio gespielt, hätte es einen Aufschrei gegeben«

Aus Italien, den USA und Brasilien erreichten uns grauenvolle Bilder von übervollen Friedhöfen und Lkws, in denen sich Särge stapeln. "Hätte man in den letzten Wochen im Radio 'Es lebe der Zentralfriedhof' gespielt, hätte es einen Aufschrei gegeben", gibt Kogler zu bedenken. Weil es pietätlos wäre, in Zeiten wie diesen einen Song wie diesen zu spielen. "Man hatte jetzt nicht den lockeren, befreiten, unvoreingenommen Umgang mit dem Tod." Stattdessen haben wir in den letzten Wochen und Monaten begonnen, uns über grundlegende Werte Gedanken zu machen. Die einen wollen der Konsumwelt eine Absage erteilen, die anderen fortan mehr für ihre Mitmenschen da sein.

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Was auch immer aber wir uns vorgenommen haben: "Über Werte nachdenken heißt immer auch, über den Sinn des Lebens nachzudenken", so der Therapeut. Und obgleich der Tod in den letzten Wochen präsenter denn je war, haben sich dem Psychologen zufolge die wenigsten Menschen bewusst mit ihm auseinandergesetzt. Mit Ausnahme von zwei Personengruppen: kleinen Kindern und alten Menschen. Letztere nahmen die Coronakrise möglicherweise zum Anlass, sich jener Angelegenheit zu widmen, der sie sich ohnehin seit einiger Zeit widmen wollten: ihrem letzten Willen. "Bei vielen war der Gedanke schon vorher da." Die aktuelle Situation führte ihnen lediglich die Notwendigkeit vor Augen, sich früher oder später mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Passend dazu: So erklären Sie Ihrem Kind den Tod

Kinder wiederum hatten Angst, für den Tod ihrer Großeltern verantwortlich zu sein, wurde man vonseiten der Regierung doch nicht müde zu betonen, dass sie für ältere Personen eine Gefahr darstellen. Nun ist es zwar so, dass sich kleine Kinder naturgemäß stärker mit dem Tod beschäftigen. "Im Alter von vier bis sechs und dann noch einmal mit acht, neun Jahren denken Kinder vermehrt darüber nach, was passiert, wenn man nicht mehr lebt. Das ist normal", so Kogler. Durch Corona seien diese Gedanken aber in eine bestimmte Richtung gelenkt worden. Ein Phänomen, das sich vermutlich nicht nur bei den Kleineren, sondern bei Kindern aller Altersstufen breit gemacht hat. Denn wer will schon am Tod von Oma und Opa schuld sein?!

Woche 14: Die drei Stimmungstypen

15. bis 21. Juni 2020

Im einen Moment strahlt die Sonne, im nächsten schüttet es wie aus Eimern. "So sprunghaft, wie das Wetter derzeit ist, so schnell kann auch unsere Stimmung wechseln", erklärt Kogler. Vom einen Moment auf den nächsten können wir von einem Hochgefühl in eine depressive Stimmung verfallen. Oder umgekehrt. Ausgelöst wird die jeweilige Stimmung in erster Linie durch Ereignisse des Alltags. "Es sind vorrangig die äußeren Umstände, die Stimmungen erzeugen." Vorrangig, aber eben nicht nur. Wie wir als Erwachsene mit dem, was um uns herum passiert, umgehen, hängt nämlich auch davon ab, welche Erfahrungen wir in unserer Kindheit gemacht haben. Wer häufiger belohnt wurde, ist später eher positiv gestimmt, wer häufiger bestraft wurde, eher negativ.

»Jetzt können wir wieder durchatmen«

Während vorrangig positiv gestimmte Menschen eher freudig, wenn nicht gar enthusiastisch, und aktiv auf die Geschehnisse um sie herum reagieren, zeichnen sich negativ gestimmte eher durch nervöse, ängstliche und verhaltene Reaktionen aus. Nun zeigt der Blick in andere Länder, dass wir uns nach wie vor mitten in einer Pandemie befinden. Gleichzeitig werden die Maßnahmen hierzulande Schritt für Schritt gelockert. Weil die Infektionszahlen sinken. Den Mund-Nasenschutz müssen wir nur mehr in den Öffis, medizinischen Einrichtungen und Apotheken tragen. "Viele hatten das Gefühl, dass sie mit der Maske nicht richtig atmen konnten. Jetzt können wir wieder durchatmen", so der Psychologe. Dabei kommen ganz unterschiedliche Stimmungen auf.

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Die eine ist geprägt von Freude, die andere von Angst. Wobei sich Erstere wiederum unterteilen lässt in die eher nach innen gerichtete entspannte und die eher nach außen gerichtete unentspannte Form. Personen, die positiv-entspannt auf die aktuellen Geschehnisse reagieren, kosten die schönen Seiten des Lebens nun wieder in vollen Zügen aus. Sie treffen Freunde, fahren auf Urlaub ... Das tut auch die Gruppe der unentspannten positiv Gestimmten - allerdings mit erhobenem Zeigefinger. Nach dem Motto "Jetzt erst recht" lebt sie ihre Absage an die Maßnahmen demonstrativ aus. Nicht zuletzt, um den Maßnahmen-Befürwortern zu beweisen, dass sie im Unrecht waren. "Diese Form der guten Stimmung erleben Menschen, die weiterhin vorsichtig sind, als bedrohlich", sagt Kogler.

»Wer sich jetzt noch an die Pandemieregeln hält, ist fast ein Außenseiter«

Womit wir bei der dritten Gruppe - den negativ Gestimmten - wären. "Das sind die, die auch jetzt noch im Supermarkt einen Mund-Nasenschutz tragen." Wobei es sich hier keineswegs um grundlegend ängstliche Personen handelt. "Das sind meist sehr nüchterne Menschen", die sich aber nun mal der Gefahr gewahr sind. Dementsprechend verhalten sie sich - was ihnen nicht selten schiefe Blicke einbringt. Und zwar von jenen, die unentspannt-positiv - "man könnte auch sagen aggressiv-positiv" - gestimmt sind. "Wer sich jetzt noch an die Pandemieregeln hält, ist fast ein Außenseiter." Angefeindet von jenen, die vor der potenziellen Gefahr lieber die Augen verschließen. Aus Angst. Was über kurz oder lang aber keine Lösung ist. Denn "Angst bahnt sich immer ihren Weg".

Woche 13: Keine Spur von Nostalgie

8. bis 14. Juni 2020

Der Mensch ist von Natur aus nostalgisch. Er verklärt die Vergangenheit und wünscht sich die guten alten Zeiten zurück. Normalerweise. Im Moment ist das allerdings anders. "Niemand, den ich gefragt habe, ob er sich nach der Zeit vor Corona zurücksehnt, hat gesagt, dass er es wieder so haben möchte wie zuvor", berichtet Kogler. "Die Zeit vor Corona war überhaupt nicht schön. Es war hektisch und das wird es auch jetzt wieder. Während Corona hatten wir Zeit", blickt ein Befragter zurück. Auf die Frage, wie es denn zuvor gewesen sei, fasst eine Andere zusammen: "Stressig. Ständige Terminkollisionen, allen alle Wünsche erfüllen, keine Zeit für mich." Dazu der Psychologe: "Derzeit ist keine Sehnsucht nach der Vergangenheit zu spüren."

»Es ist keine Sehnsucht nach der Vergangenheit zu spüren«

Wundert uns das? Eigentlich nicht. Und dennoch widerspricht diese Beobachtung der Forschung über Nostalgie. Warum also verklären wir die Zeit vor Corona nicht? Vielleicht, so Kogler, weil sie noch nicht lang genug zurückliegt. Vielleicht aber auch, weil im Moment nicht der richtige Zeitpunkt für nostalgische Gedanken ist. "Jetzt an die goldenen Zeiten zu denken, bringt nicht viel. Wir müssen im Hier und Jetzt sein." Nur so können wir die Herausforderungen, die die gegenwärtige Situation mit sich bringt, bewältigen. "Da kann man sich keine Nostalgie erlauben", bringt es der Psychologe auf den Punkt. Vielleicht aber will man die Vergangenheit auch deswegen nicht verklären, weil die jüngsten Ereignisse etwas mit sich gebracht haben, das gar nicht so schlecht ist: das Homeoffice.

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Laut einer Studie des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation wünschen sich sieben von zehn Befragten künftig mehr Homeoffice. Bei einer Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gaben 60 Prozent an, daheim leistungsfähiger und produktiver zu sein. Auch schon frühere Studien zeigten, dass die Produktivität dann am größten ist, wenn die Mitarbeiter zwei bis drei Tage im Homeoffice verbringen. Natürlich sieht die Sache anders aus, wenn man nebenher die Kinder zu betreuen hat. Alles in allem befürwortet der Großteil der Betroffenen aber das Arbeiten zuhause. Nicht zuletzt deshalb, weil man hier mitunter mehr Ruhe findet, sich einen möglicherweise langen Anfahrtsweg spart und die Arbeitszeit seinem Biorhythmus anpassen kann.

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Wer nicht mehr klar denken kann, legt eine Pause ein und arbeitet später weiter. "Der Nine-to-five-Schraubstock wird ein Stück weit gelockert", sagt Kogler. Der Arbeitstag damit tendenziell in die Abendstunden hinein verlagert. Für die meisten Befragten aber kein Problem. Im Moment befinden wir uns in einer Phase des Umbruchs. "Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Vieles ist noch unklar." Richtig zur Ruhe kommen können wir demnach erst dann wieder, wenn zukunftsfähige Lösungen gefunden und neue Rituale entwickelt worden sind. Wenn es aber erst einmal soweit ist, dann haben wir auch wieder Ressourcen frei, um auf die Vergangenheit zu blicken und sie zu verklären. "Dann können wir wieder nostalgisch sein."

Woche 12: Hat die Regierung unser Vertrauen verspielt?

1. bis 7. Juni 2020

Die Arbeitslosenzahlen steigen, das Vertrauen in die Managementfähigkeiten der politischen Hauptakteure sinkt. Derzeit liegt die Arbeitslosenquote in Österreich - inklusive der knapp 44.000 Schulungsteilnehmer - bei über 517.000. Und während die Regierung milliardenschwere Hilfspakete für große Unternehmen schnürt, werden in denselben Arbeitsplätze abgebaut. "Wissen Sie, Herr Doktor, ich habe all meine Hoffnungen im Kästchen 'unerfüllte Versprechen' abgelegt. Und dort werden sie wohl noch lange liegenbleiben", gibt Kogler die Einschätzung eines Betroffenen wieder. In Zeiten wie diesen einen Job zu finden, ist für viele trotz größter Anstrengungen ein Ding der Unmöglichkeit.

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Die Sicherheit schwindet und mit ihr das Vertrauen. Letzteres ist schließlich an gewisse Voraussetzungen gekoppelt. Eine davon ist das Handeln. "Damit mir der Andere vertrauen kann, muss ich etwas tun." Zwar kann die Regierung ein Hilfspaket nach dem anderen schnüren, ihre Mittel, die Zahl an Arbeitslosen in absehbarer Zeit deutlich zu reduzieren, sind aber begrenzt. Ein weiterer Grundpfeiler des Vertrauens ist die Freiheit. "Wenn wir nicht in einer freien Gesellschaft leben, brauchen wir von Vertrauen gar nicht zu reden", gibt der Psychologe zu bedenken. Nun wurden die von der Regierung getroffenen Maßnahmen von vielen als enorme Beschneidung der persönlichen Freiheit erlebt.

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Eine derartige Einschränkung wiederum kann zweierlei Prozesse auslösen: "Die einen vernadern diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten, die anderen gehen in den Widerstand und kämpfen gegen genau diese Regeln an. Genau das passiert auch jetzt." Ebenso relevant wie das Handeln und die Freiheit ist der Aspekt der Zukunft. "In einer bewegungslosen, statischen Gesellschaft, einer, in der der Bürger nichts mitzureden habt, braucht man sich keine Gedanken über die Zukunft zu machen, da sie ohnehin bereits geregelt ist." Anders in einer dynamischen Gesellschaft, wie es unsere ist. Im Moment aber steht vieles still. Unternehmen fahren ihren Betrieb auf ein notwendiges Minimum herunter. Von Zukunft keine Rede, geht es doch gerade einmal darum, im Jetzt zu überleben.

»Viele kämpfen, aber man wird erst in ein paar Monaten sehen, ob sich der Kampf gelohnt hat«

"Viele kämpfen, aber man wird erst in ein paar Monaten sehen, ob sich der Kampf gelohnt hat. Da kann man nicht vertrauen. Da kann man nur Kampfgeist zeigen. Und Kampfgeist bedeutet immer: Ich muss mich um mich kümmern." Die Kooperation, ebenso ein Eckpfeiler des Vertrauens, bleibt demnach auf der Strecke. Letztlich hat Vertrauen auch mit Erwartungen und Hoffnungen zu tun. Jenen Hoffnungen, die derzeit im Kästchen "unerfüllte Versprechen" verwahrt werden. "Vertrauen ist ein Sicherheitsgurt der Gesellschaft", veranschaulicht Kogler. Damit unsere Gesellschaft funktioniert, müssen wir ineinander ebenso wie in das politische System vertrauen können. Im Moment aber ist der Sicherheitsgurt gelockert. Und uns bleibt nichts Anderes übrig, als auf Risiko zu fahren.

Woche 11: Willkommen in der VUCA-Welt

25. bis 31. Mai 2020

Vor rund 30 Jahren mussten große Teil der Welt neugeordnet werden. Der Kalte Krieg war zu Ende, nichts war mehr wie zuvor. Jahrzehnte lang bestehende Strukturen lösten sich auf, Feinde waren plötzlich Verhandlungspartner. Das war die Geburtsstunde der VUCA-Theorie. Anfangs im militärischen Bereich eingesetzt, fand das Konzept bald Eingang in die Arbeitswelt. Dort umschreibt es auch heute noch schwierige Rahmenbedingungen für die Führung eines Unternehmens. Rahmenbedingungen, die von Unbeständigkeit (volatility), Unsicherheit (uncertainty), Komplexität (complexity) und Mehrdeutigkeit (ambiguity) geprägt sind.

"Viele konnten diesen Zustand in der letzten Woche hautnah erleben", sagt Kogler. Die Coronakrise zwang Österreichs Wirte zum Schließen. Wochenlang mussten sie ausharren, bis ihnen schließlich der Startschuss für die Wiedereröffnung gegeben wurde. Und dann die quälenden Fragen: Werden denn Gäste kommen? Ganz abgesehen von: Ist der Fortbestand meines Lokals überhaupt möglich? Die Unsicherheit könnte kaum größer sein. Das hat die Lokalbetreiber aber nicht daran gehindert, die Sache in die Hand zu nehmen. Bereits vor der Eröffnung wurden viele von ihnen tätig. Die Zeit des Wartens wurde zum Renovieren der Räumlichkeiten genutzt.

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Und damit nicht genug. "Vor der Öffnung haben wir tagelang ausgemessen und Tische verstellt. Wir haben Abläufe simuliert und sind alle möglichen Wege der Kellner und der Gäste abgegangen", erzählt die Grazer Wirtin Resi Schmitzer. Nichts wurde in einer Situation, die kaum komplexer und unbeständiger sein könnte, dem Zufall überlassen. "Das Schlimmste sind die immerwährenden Änderungen der Regeln." Wo ist der Mundschutz zu tragen und wo nicht? Wie viele Leute dürfen nun an einem Tisch sitzen? Man muss stets am neuesten Stand der Dinge sein, sich anpassen und darauf achten, dass auch die Gäste die Regeln befolgen.

»Viele Menschen haben in der letzten Woche enorme Stärke gezeigt«

Und das in einer Situation, die keine eindeutigen Schlüsse zulässt. "Die Menschen sind gefordert, mit der Mehrdeutigkeit, der Widersprüchlichkeit umzugehen", erklärt der Psychologe. Man arbeitet auf etwas hin in dem Bewusstsein, dass man dabei ein hohes Risiko eingeht. Vielleicht zahlt es sich nicht aus, dass ich das Lokal wieder aufsperre. Aber ich tue es trotzdem. Man sieht nicht zu und wartet ab, sondern packt an. Man nimmt die Unsicherheit in Kauf und glaubt ans Überleben. Denn schaffen werden es nur die, die es auch wirklich wollen. "Viele Menschen haben gerade in der letzten Woche enorme Stärke gezeigt."


Woche 10: Zwischen Hoffnung und Fatalismus

18. bis 24. Mai 2020

Nach monatelanger Pause rollte in Deutschland vor rund einer Woche erstmals wieder die Kugel. Die Ränge waren leer, die Begeisterung jedoch ungebrochen. Millionen Zuschauer verfolgten die Geisterspiele über den Bildschirm. Es ist nicht der Fußball, wie wir ihn kennen. Und daran können wir im Moment auch nichts ändern. Wir können nur warten. Darauf, dass die Pandemie abebbt und wir auch wieder in den Zuschauerreihen Platz nehmen dürfen. Nichtsdestotrotz waren die Spiele ein erster Schritt, der uns hoffen lässt. Auf eine Zeit, in der sich die Stadien wieder füllen dürfen und unser Leben wieder seinen gewohnten Lauf nimmt.

Urlaub: Wo können wir heuer hinfahren?

Dabei ist der Fußball nicht das einzige Feld, in dem uns derzeit die Hände gebunden sind. Denken wir nur einmal an den Urlaub. Haben Sie schon genaue Pläne? Vermutlich nicht. Weil wir schlicht und einfach nicht wissen, was möglich ist. Wir hoffen, aber so richtig freuen können wir uns noch nicht. Weil wir noch kein konkretes Ziel vor Augen haben. Und selbst wenn, so könnte uns das Virus immer noch einen Strich durch die Rechnung machen. Ähnlich im Alltag, in dem wir uns von einem Tag zum nächsten hanteln. Es ist ein Zustand zwischen Fatalismus und Hoffnung, was, so der Therapeut, aber auch sein Gutes hat, setzt er doch viele Gedanken, Gefühle sowie Handlungen in Gang.

Urlaub 2020
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Nach einer langen Phase des Durchhaltens erlauben wir uns nun, erste Urlaubsüberlegungen anzustellen. Bleibt man zuhause oder fährt man weg? Wird es ein Urlaub in Österreich oder wagt man sich ins Ausland? Und wo kann man derzeit - trotz Corona - unbeschwert urlauben? "Die Urlaubsaufbereitung ist in diesem Zustand der Schicksalsergebenheit viel aufwendiger", weiß der Psychologe. Weil wir nicht frei entscheiden und handeln können. Gleichzeitig wirkt dieser Zustand sehr aktivierend. Denn schließlich bleibt uns, sofern wir nicht daheimsitzen und Trübsal blasen wollen, ja auch gar nichts anderes übrig, als nach einem gangbaren Weg zu suchen.

Die besten Ausflugstipps in Österreich

Und noch etwas Gutes hat diese Zeit: Sie bietet uns die Möglichkeit, unsere selektive Unaufmerksamkeit trainieren. Soll heißen: Wir lernen, Situationen, die uns Angst machen, auch mal zu übersehen. "Das ist gut für unsere Persönlichkeitsentwicklung", erklärt Kogler. Denn wer ständig Angst hat, kommt nicht ins Handeln. Und während wir unseren Blick von potenziellen Gefahren abwenden, öffnen wir ihn für neue Eindrücke. Neu beziehungsweise anders wir heuer wohl auch der Urlaub werden. Ob es ein schöner wird, liegt letztlich an uns. Zu 80 Prozent, wie man aus der Psychologie weiß. Sich das Erhoffte vorzustellen hilft bei der Umsetzung. "Damit wird das Werk auch gelingen."

Woche 9: Die Mühen der Ebene beginnen

11. bis 17. Mai 2020

Müdigkeit ist mittlerweile zu unserem ständigen Begleiter geworden. "Die Leute waren schon vor acht Wochen müde und sind es jetzt. Sie haben sich damals Sorgen gemacht und tun es jetzt", so Kogler. Insofern hat sich nicht allzu viel verändert. Bis auf eine Sache: "Bisher hat man sich zusammengeduckt, stillgehalten. Sich de facto selbst Denkverbot gegeben, weil man wusste: Es geht ums Überleben." Jetzt, wo die ersten Lokale wiedereröffnen und die Leute nach und nach an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, wo klar wird, dass das befürchtete Massensterben ausbleibt und der herannahende Sommer dem Virus vielleicht sogar ein zusätzliches Schnippchen schlagen wird, jetzt beginnen wir, uns Gedanken über die Zukunft zu machen.

»Bisher haben wir uns Denkverbot gegeben. Nun beginnen wir, über die Zukunft nachzudenken«

Mit der vorsichtigen Rückkehr zur Normalität geht die Notwendigkeit einher, ein erstes Resümee aus den vergangenen Wochen zu ziehen. Vor welche Probleme hat mich die Krise gestellt? Kann ich mit meinem derzeitigen Job einen möglichen weiteren Lockdown überstehen? Oder muss ich mich, um finanziell überleben zu können, beruflich neuorientieren? "Die Menschen stellen sich viele Fragen. Und alle wollen Lösungen, Lösungen, Lösungen", schildert der Therapeut. Die Zukunft ist ungewiss, die Unsicherheit groß. "Wir tasten uns in die neue Normalität hinein, von der wir nicht wissen, wie sie aussehen wird."

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Und gleichzeitig gelangt der eine oder andere zu der ernüchternden Erkenntnis, dass die Tage der Unbekümmertheit ein für allemal vorbei sind. Denn eines steht fest – und das wird vielen erstmals bewusst: Die nächste Krise kommt bestimmt. Zuerst aber müssen wir diese überwinden. Und das ist alles andere als leicht. Zwar dürfen wir, nachdem wir über Wochen hinweg mit angezogener Handbremse fahren mussten, endlich wieder ein bisschen Gas geben. Zudem wäre es an der Zeit, neue Pläne zu schmieden. Genau das wollen wir auch, können es aber nicht. Denn vielen ist mittlerweile der Sprit ausgegangen.

»Jetzt sind wir erst richtig in der Krise angekommen«

So könnte man meinen, das Schlimmste sei überstanden - der eigentliche Kraftakt steht uns aber noch bevor. "Wir haben uns etabliert, uns in die neue Situation eingefunden. In Wahrheit sind wir aber erst jetzt richtig in der Krise angekommen", sagt Kogler. Nach acht Wochen geht uns langsam, aber sicher der Atem aus. Dabei wird es jetzt erst so richtig anstrengend. "Vielen wurde in den letzten Tagen klar, dass sie jetzt sehr lange sehr hart arbeiten müssen, um sich wieder eine gewisse Sicherheit, einen gewissen Polster zu schaffen", erläutert der Psychologe. "Jetzt erst beginnt die Phase des Dauerstresses. Jetzt kommen die Mühen der Ebene."

Woche 8: Die drei Krisentypen

4. bis 10. Mai 2020

Am Londoner Kings College gingen Forscher der Frage nach, wie die Menschen mit der Coronakrise umgehen. Dabei kristallisierten sich drei unterschiedliche Typen heraus. 46 Prozent der Befragten kommen mit den veränderten Bedingungen gut zurecht. "Sie gehen raus in die Natur, treffen Freunde und kehren auch wieder ins Büro zurück", veranschaulicht Kogler. Während sie die Gegenwart meistern, richten sie ihren Blick in die Zukunft. 44 Prozent werden von existenziellen Ängsten geplagt. "Bei ihnen steht das Thema Arbeitslosigkeit im Vordergrund. Sie müssen jetzt kämpfen." Und dann wären da noch jene, die die aktuelle Situation als ungefährlich einschätzen und die von der Regierung gesetzten Maßnahmen als überzogen kritisieren. "Das ist die Gruppe der Widerständler."

»Für die Widerständler ist Corona ein einziger Fake der Herrschenden«

Wer sich an die vorgegebenen Regeln hält, wird von ihnen belächelt, wenn nicht gar verspottet. Rücksichtnahme ist ihnen fremd. Gleichzeitig braucht es nicht viel, damit sie sich in ihrer Freiheit beschnitten fühlen. Das Credo dieser Gruppe lautet: "Corona ist ein einziger Fake der Herrschenden, um uns niederzuhalten". Und dagegen wollen sie ankämpfen. "Das hat naturgemäß einen Aggressions- und auch einen missionarischen Faktor", so der Therapeut. Nach dem Motto "Wir haben Recht. Ihr werdet es schon sehen" prognostizieren die Angehörigen diese Gruppe das Ausbleiben des Worst Case. Dass dies letztlich aber vielleicht gerade deshalb der Fall ist, weil rechtzeitig gehandelt wurde, lassen sie nicht gelten. "Deshalb haben sie am Ende auch immer Recht", schildert der Psychologe die Problematik des gesellschaftlichen Disputs.

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Angekämpft wird aber nicht nur gegen die Obrigkeit, sondern auch gegen die Müdigkeit, die sich jetzt über viele legt. Und das nicht zum ersten Mal. Doch während sie zu Beginn der Krise dem Schock und der Umstellung auf die komplett neuen Bedingungen geschuldet war, hat sie nun andere Gründe: "Unser soziales Immunsystem wurde geschwächt", sagt Kogler. Binnen kürzester Zeit haben wir verlernt, wie wir anderen gegenübertreten. Hinzu kommt, dass sich die Rahmenbedingungen fürs Miteinander verändert haben. Und nicht nur die. "Wir haben fast keine automatisierten Aufgaben mehr", erklärt der Psychologe. Alltägliche Abläufe, an die wir vor der Krise kaum einen Gedanken verloren haben, müssen jetzt neu bewertet werden. Wo muss ich Maske tragen und wo nicht? Wie verhalte ich mich in den Öffis? Wie im Büro?

Corona - Die Sorge vor der zweiten Welle

Unsere Wachsamkeit ist ständig gefordert. Und das kostet Energie. Bis sich das ändert, dürfte es wohl noch ein Weilchen dauern. Aus der Sportpsychologie weiß man, dass man einen Ablauf 10.000 Mal wiederholen muss, bis man ihn automatisiert hat. "Da haben wir also noch ein bisschen Arbeit vor uns", so Kogler, dem zufolge wir jetzt auch weniger lachen. "Lachen hat ja immer etwas mit Nähe und einem inneren Freiheitsgefühl zu tun." Von Nähe und Freiheit aber keine Spur, müssen wir doch stets darauf achten, Abstand zu halten. Unter derartigen Bedingungen kann man nicht einfach locker drauflos lachen. Ganz zu schweigen vom Mundschutz, der in dieser Hinsicht ein Störfaktor ist, uns nichts desto trotz aber auch eine neue Sichtweise eröffnet. "Wir schauen einander jetzt viel mehr in die Augen."

Woche 7: Von Albträumen geplagt

27. April bis 3. Mai 2020

Nicht umsonst heißt es, Träume seien der Spiegel der Seele. Was sie dieser Tage widerspiegeln, sind oft massive Sorgen und konkrete Befürchtungen – sowohl die Gemeinschaft als auch das Individuum betreffend. "Tagsüber sind wir hoch diszipliniert", sagt Kogler. Wir folgen einem Konglomerat an Normen und Regeln und versuchen unseren Alltag, so gut es geht, zu meistern. Manch einer nimmt die Belastung, die die veränderten Rahmenbedingungen mit sich bringen, gar nicht bewusst wahr. Bis man schließlich zu Bett geht, das Licht ausknipst und die Anspannung, der man den ganzen Tag über ausgesetzt war, nachlässt. "In der Nacht kommt dann die Angst raus."

»Tagsüber sind wir hoch diszipliniert und in der Nacht kommt dann die Angst raus«

Eine Person etwa berichtet, dass sie im Traum ihr Handy verloren hat. Eine andere wiederum träumt, dass sie zwar ein Smartphone bei sich hat, in diesem aber keine einzige Telefonnummer gespeichert ist. Wenn auch nicht auf den ersten Blick erkennbar, verbergen sich hinter diesen Träumen doch tiefgreifende Ängste. Das Telefon steht dabei für die Möglichkeit zu kommunizieren. Tatsächlich brauchen wir es während der Krise mehr denn je, um Kontakt zur Außenwelt zu halten. "Nicht mehr mit der Welt verbunden zu sein - diese Angst tritt jetzt bei vielen auf." Derartige Träume werden dabei als ausgesprochen beängstigend erlebt. "Niemanden konnte ich erreichen", blickt der Betreffende auf seinen Traum zurück.

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Gleichzeitig berichtet er von einem unendlich weiten Feld, aus dessen Boden Strohstoppeln ragen. Auf dem Feld eine Schar fremder Menschen. Einer neben dem anderen, ohne aber auch nur auf irgendeine Weise miteinander verbunden zu sein. "Die Leute haben keine Gesichter mehr. Und auf den Stoppeln kann man kaum gehen", sagt der Therapeut. Bei jedem Schritt läuft man Gefahr, sich zu verletzen. Ein Sinnbild für die Angst vor der Zukunft? So viel steht jedenfalls fest: Kaum jemals waren wir einer derart großen Ungewissheit ausgesetzt wie jetzt. Niedriglöhnern werden die Gehälter gekürzt, Klein- wie auch Großunternehmer wissen oft nicht, ob sie es schaffen, wirtschaftlich die Kurve zu kratzen.

»Die Menschen haben finanzielle Sorgen. Und viele von ihnen haben keine Stimme«

"Ein surrealer Traum mit hohem Realitätsbezug", merkt Kogler an. "Die Menschen haben finanzielle Sorgen. Und viele von ihnen haben keine Stimme. Sie können sich untereinander nicht solidarisieren." Die Krise macht Angst. Und die Angst verursacht Albträume. Diese wiederum beeinträchtigen den Betroffenen nicht nur auf der persönlichen, sondern auch auf der sozialen und beruflichen Ebene. Denn schließlich arbeitet es sich nicht besonders gut, wenn einem noch die Angst der letzten Nacht im Nacken sitzt. Und während wir noch das Bild von tristen Feldern vor Augen haben, stürmen andere die Gartenmärkte. Jetzt ist die Zeit, neue Pflänzchen zu setzen. In der Hoffnung auf eine Zukunft, die trotz allem Früchte trägt.

Woche 6: Wir beginnen aufzubegehren

20. bis 26. April 2020

Krisen bergen immer auch ein gewisses Potenzial, nämlich das, sich weiterzuentwickeln. Im Moment lernen wir, mit einer für uns völlig neuen Situation umzugehen. Wir sehen, wie anpassungsfähig wir in Wahrheit sind. Wir bemühen uns mit aller Kraft, die Krise - zusammen mit den anderen - zu meistern. Dabei begegnen wir unseren Mitmenschen mit mehr Achtsamkeit, als es zuvor oft der Fall war. Wir nehmen uns Zeit für Gespräche, zeigen aufrichtiges Interesse daran, wie es unserem Gegenüber geht. All das ist jetzt möglich. Allerdings nur, solange wir uns sicher fühlen. Sobald die Angst vor der Zukunft, die Angst um unsere Existenz, Oberhand gewinnt, tritt wieder das Eigeninteresse verstärkt in den Vordergrund.

»Viele geraten jetzt schon an ihre Grenzen«

"Viele geraten jetzt schon an ihre Grenzen", sagt Kogler. Dabei ist die Krise noch lange nicht überstanden. Die Menschen spüren, dass da noch einiges auf sie zukommen wird. Gleichzeitig steigt bei vielen der Druck im Job. "Die Leute arbeiten härter denn je und am Ende schaut weniger raus." Trotz allem halten wir aus. Wir halten aus und blicken nach vorne. Dafür aber brauchen wir ein gewisses Maß an Sicherheit. "Sicherheit und Kontrolle zu haben ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen", so der Psychologe. Und die suchen wir nicht zuletzt im Gemeinwesen. Nach der Devise: Ich will einen Staat, der sich um mich kümmert, mir Orientierung gibt.

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Bisher war die Krise, so Kogler, von einer Top-down-Politik geprägt. "Manche sprechen auch vom 'Gottesdienst der Regierung'", deren Handeln nun aber zusehends hinterfragt wird. Juristen sehen demokratische Werte in Gefahr, Bürger ihre individuelle Existenz. So oder so wird langsam, aber sicher der Ruf nach der Rücknahme der von der Regierung gesetzten Maßnahmen laut: "Jetzt muss was passieren! Macht’s die Geschäfte auf, fahrt’s die Wirtschaft wieder hoch. Sonst gehen wir noch alle zugrunde." Die Unsicherheit begleitet uns auf Schritt und Tritt. Und manch einer hat jetzt schon die traurige Gewissheit, dass ihm der finanzielle Boden unter den Füßen wegbrechen wird.

»Wir sind eine berührungslose Gesellschaft geworden«

Doch nicht nur die wirtschaftliche Lage beschäftigt uns derzeit. Vielen macht auch noch etwas ganz anderes zu schaffen. "Wir sind eine berührungslose Gesellschaft geworden", sagt der Therapeut. Zumindest gilt das für jene, die sich ihre vier Wände nicht mit einem Partner oder der Familie teilen. "Dabei ist Berührung die wesentlichste Sinneserfahrung unseres Körpers. Wahrscheinlich sogar die wichtigste Wahrnehmung beim Schlafen und Wachen." Und gerade in Krisenzeiten bräuchten wir soziale Nähe. "Sie trägt dazu bei, gesund zu bleiben." Nun helfen uns zwar Soziale Medien, in Zeiten von Corona Kontakte aufrecht zu erhalten. Berührungen ersetzen können sie aber nicht.

Woche 5: Es beginnt zu brodeln

13. bis 19. April 2020

Die Osterfeiertage sind vorüber und langsam, aber sicher ist eine Rückkehr zur Normalität, wenn auch zu einer "neuen", um es mit den Worten des Bundeskanzlers zu sagen, in Aussicht. Seit Wochenbeginn haben die Baumärkte geöffnet und in wenigen Tagen soll auch der Ordinationsbetrieb wieder hochgefahren werden. Und dennoch beginnt es zunehmend zu brodeln. Auf gesamtgesellschaftlicher wie auf zwischenmenschlicher Ebene. "Mit der Öffnung der Geschäfte steigt das Angstlevel", sagt Kogler. Er unterscheidet zwischen jenen, die Covid-19 ernst nehmen und sich dementsprechend an die von der Regierung vorgegebenen Maßnahmen halten, und denen, die auf die Maßnahmen pfeifen.

»Mit der Öffnung der Geschäfte steigt das Angstlevel «

Immer wieder könne man Menschen beobachten, die Geschäfte ohne Mundschutz betreten und auch den geforderten Mindestabstand nicht einhalten. Vielen macht das Angst. Und einige reagieren mit Aggression. "Hier entstehen neue Konfliktzonen", erklärt der Psychologe. Und während die einen noch vor Ort ihrem Unmut Luft machen, schlucken ihn die anderen hinunter, um ihn letztlich gegen sich selbst zu richten. Nach dem Motto: Warum habe ich nichts gesagt? Schließlich sind, um beim genannten Beispiel zu bleiben, ja auch die Angestellten gefordert. Sollen sie einschreiten oder nicht? "Die Gesamtgesellschaft wird auf die Probe gestellt."

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Aber nicht nur die. Auch für Familien wird die Belastungsprobe immer größer. "Wo Menschen über längere Zeit auf engem Raum ohne die Möglichkeit, sich zu entfalten, beisammen sind, entstehen zwangsläufig Aggressionen", erklärt Kogler. Immerhin kann man den unangenehmen Gewohnheiten des Partners jetzt nicht mehr einfach ausweichen. Es entstehen Konflikte, die man entweder austragen oder in Form von Wut und Ärger in sich hineinfressen kann. Dass die erste Variante der zweiten zu bevorzugen ist, liegt auf der Hand. Allerdings ist das auch nur dann möglich, wenn man auch schon vor dieser Ausnahmesituation in der Lage war, Konflikte zu lösen.

»Die menschliche Klugheit lässt sich nicht unterkriegen«

Während sich in den Familien die Emotionen verdichten, verlieren sie bei Paaren, die sich keinen Haushalt teilen, an Unmittelbarkeit. Viele der Paare können sich jetzt nicht wie gewohnt sehen. Das weckt Ängste. Trennungs- und Verlustängste ebenso wie Erwartungsängste. Wie wird unsere Beziehung nach der Krise aussehen? Wird sie diese Zeit überhaupt überstehen? Ungelöste Konflikte bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche. Doch besteht hier nicht die Möglichkeit, sie von Angesicht zu Angesicht auszuragen. Die ganze Sache mit den Konflikten hat schließlich aber auch etwas Gutes: "Aus den neuen Konfliktfeldern entstehen neue, konstruktive Lösungsideen. Die menschliche Klugheit lässt sich eben nicht unterkriegen."

Woche 4: Zeit zum mentalen Ausmisten

6. bis 12. April 2020

Zum ersten Mal im Leben müssen wir, wenn wir einkaufen gehen, Mund und Nase bedecken. Für unseren Kulturkreis etwas völlig Neues. Dennoch wird diese Umstellung von den meisten widerstandslos akzeptiert. Nicht weil wir müssen, sondern weil wir wollen. Die Informationen, die wir tagein, tagaus erhalten, lassen uns die Notwendigkeit dieser Maßnahme erkennen. Unter dieser Voraussetzung können wir uns – obgleich von der Regierung vorgeschrieben – aus freiem Willen für das Tragen der Schutzmaske entscheiden.

Mund-Nasen-Schutzmaske - das sollten Sie wissen

Der Großteil der Bevölkerung trägt demnach bewusst zum Gemeinwohl bei. Gleichzeitig gibt es aber nach wie vor die – wenn auch kleine – Gruppe jener, die sich über die vorgeschriebenen Maßnahmen hinwegsetzen und ihr Verhalten aggressiv verteidigen. "Ein vor einem Einkaufszentrum positionierter Security musste die Polizei rufen, weil er von Kunden angegriffen wurde", schildert Kogler. "Da kommt eine Brutalität zum Vorschein." Das ist aber nur eine Seite der Krise. So könne man immer wieder beobachten, wie der eine auf dem Gehsteig ausweicht und der andere sich dafür bedankt. Mit anderen Worten: Die Menschen achten aufeinander.

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Vielen macht nach wie vor die Einsamkeit zu schaffen. Gerade zu Ostern, wo normalerweise die Familie zusammenkommt und gemeinsam feiert, ist sie spürbar. "Ich kann zwar videotelefonieren. Aber deswegen bin ich nicht weniger einsam", erklärt der Therapeut. In der Einsamkeit wiederum kommen vermehrt Ängste zum Vorschein. Etwa die Angst, dass die Krise noch länger andauern und die Wirtschaft zusammenbrechen könnte. Und während wir uns sorgen, werden unsere Beziehungen auf den Prüfstand gestellt. Wer ist für mich da? Auf wen kann ich mich verlassen? In Zeiten wie diesen kristallisiert sich das deutlich heraus. Dabei werde vielen bewusst, wie fragil Beziehungen eigentlich sind.

»Das Einzige, was du in deinem Leben gestalten kannst, bist du selbst«

Um in der Spur zu bleiben, brauchen wir jetzt viel Selbstdisziplin. Das fordert viele. Manch einer muss sich auch zwingen, die tägliche Routine aufrecht zu erhalten. Andere wiederum nutzen diese besondere Situation, um sich selbst zu formen. Nach dem Motto "Das Einzige, was du in deinem Leben gestalten kannst, bist du selbst". Man besinnt sich wieder auf das Wesentliche und legt Gewohnheiten, die einem nicht gut tun, ab. Man mistet aus. Nicht nur real, sondern auch geistig. "Ausmisten heißt Befreien, Platz schaffen." So wird der eine oder andere nach der Krise vermutlich um die eine oder andere mentale Last ärmer sein.

Woche 3: Wie wird es nachher sein?

30. März bis 5. April 2020

"Die Menschen beginnen jetzt, mehr an die Zukunft zu denken", sagt Kogler. Während der ersten beiden Wochen waren die meisten von uns damit beschäftigt, sich der veränderten Situation anzupassen, einen neuen Lebensrhythmus zu finden, neue Rituale zu etablieren. Woran wir uns anfangs erst gewöhnen mussten, läuft mittlerweile mehr oder weniger automatisiert ab. Und was automatisiert abläuft, darüber brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Also wenden wir uns Neuem zu, nämlich der Zukunft. Unserer Zukunft. "Jeder fragt sich, wie es nachher ausschauen wird."

»Jeder fragt sich, wie es nachher ausschauen wird«

Die meisten sind mit ihren Gedanken bereits im Herbst, wenn das Leben, wie wir hoffen, wieder in gewohnten Bahnen verlaufen wird. Dabei treten existenzielle Themen in den Vordergrund. Die Arbeitslosenrate steigt, viele fragen sich, ob sie in ein paar Monaten noch ihren Job haben werden. "Wenn erst einmal jemand, den man kennt, in Konkurs geht - ein Nachbar oder ein Bekannter -, dann wird die Gefahr sichtbar. Und was sichtbar ist, wird irgendwann auch spürbar." Die Bedrohung wird unmittelbarer. Und während unsere Gedanken um unsere existenzielle Sicherheit kreisen, steigt die Furcht vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

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"Furcht hat immer etwas mit einer echten Gefahr zu tun", erklärt der Therapeut, demzufolge aus der Furcht weitere Emotionen hervorgehen können. Eine davon ist Aggression. Und dann wäre da noch die Angst. Die Regierung versucht die wirtschaftlichen Folgen der Krise so gut als möglich abzufedern. Das von ihr geschnürte Hilfspaket wird aber früher oder später aufgebraucht sein. Und irgendwann werden wir das Geld, das wir jetzt bekommen, auch wieder einarbeiten müssen. "Es werden viele Verlierer übrigbleiben. Das ist jetzt schon zu sehen. Und das ist Futter für die unterschwellige Angst, die wir spüren."

»Es werden viele Verlierer übrigbleiben«

Bei all den Herausforderungen, vor die uns die Krise stellt, ist aber auch Hoffnung zu spüren. "Die Menschen tun sich zusammen und denken gemeinsam darüber nach, wie sie konkrete Probleme lösen können." Viele kleine - und auch größere - Initiativen schießen wie Pilze aus dem Boden. Man überlegt, wie man andere unterstützen kann und bietet seine Hilfe an, ohne eine Gegenleistung zu fordern. Um die, die Gefahr laufen, auf der Strecke zu bleiben, kümmert man sich besonders. Es entsteht ein neuer Gemeinschaftssinn. Und der gibt den Menschen Hoffnung.

Woche 2: Das Umdenken beginnt

23. bis 29. März 2020

Viele haben mittlerweile ihre ersten Erfahrungen im Homeoffice gemacht. Das gewohnte Arbeitsumfeld ist nicht mehr Teil ihres Alltags. Andere wiederum können ihrem Job derzeit gar nicht nachgehen. "Den Menschen wird auf einmal bewusst, wie wichtig Ziele sind", sagt der Therapeut. Wer sich bisher über sein getaktetes Leben echauffiert hat, merkt, dass ihm die Struktur gut getan hat. Er sie vielleicht sogar braucht. Das setzt einen Lernprozess in Gang: "Wenn wir wollen, können wir unser Leben jetzt aus einem völlig anderen Blickwinkel sehen", erklärt Kogler.

»Wenn wir wollen, können wir unser Leben jetzt aus einem völlig anderen Blickwinkel sehen«

Dinge, die wir zuvor gar nicht bewusst wahrgenommen haben, gehen uns ab. Viele vermissen ihr Arbeitsumfeld, den morgendlichen Plausch mit dem Kollegen. "Uns wird bewusst, wie wichtig diese alltäglichen Kleinigkeiten sind." Darunter möglicherweise auch Dinge, über die wir uns vorher geärgert haben. Denken Sie nur an den Kollegen, der immer viel zu laut telefoniert. Nun aber werden wir toleranter. Uns selbst und auch unserem Umfeld gegenüber. Und: Wir lernen die vermeintlichen Banalitäten, die unseren Alltag bunter machen, zu schätzen. "Das ist eine grundlegende Erfahrung."

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Viele nutzen jetzt vermehrt die Sozialen Medien. Das ist aber nicht jedermanns Sache. Vor allem älteren Alleinstehenden macht das Alleinsein zu schaffen. Und während sie gegen ein Gefühl der Einsamkeit ankämpfen, laufen junge Familien Gefahr, in die Überforderung zu kommen. "Das ist ein Minenfeld", warnt der Therapeut. Kinder zuhause. Arbeit zuhause. Und keine Ausweichmöglichkeit. Das fordert die Eltern mehr denn je. Wichtig dabei sei, sich darüber im Klaren zu sein, dass es zur Explosion kommen kann - und sich im Vorfeld zu überlegen, welche Strategien bei Aggression, Wut, Zorn und Hilflosigkeit helfen.

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Dann wäre da noch die Angst. Hier lässt sich derzeit ein interessantes Phänomen beobachten: Ängstliche Menschen werfen ihre Angst über Bord und kommen ins Handeln. "Angstmenschen sind in Angstsituationen, in der Krise, immer super Problemlöser. Das sieht man auch jetzt", berichtet Kogler. Der Grund: Die Menschen beschäftigen sich plötzlich nicht mehr mit ihren Ängsten, sondern mit konkreten Umsetzungsmöglichkeiten. Wenn sie dann ins Tun kommen, vergessen sie ihre Angst. Sie handeln, gewinnen an Kontrolle und dadurch schließlich auch an Sicherheit.

Woche 1: Weltuntergangsstimmung

16. bis 22. März 2020

Und plötzlich war alles anders. Im letzten Moment wurden noch schnell die wichtigsten Besorgungen gemacht. Oder aber Vorräte für die nächsten Wochen angelegt. Welchem Typ auch immer man angehörte - eines war vielen gemein: das Gefühl, als würde die Welt bald untergehen. Oder sich zumindest derart verändern, dass danach nichts mehr so sein würde wie zuvor. "Diese Weltuntergangsstimmung ruft ein ähnliches Körpergefühl hervor, wie man es bei einer Depression hat", erklärt der Therapeut. "Man weiß nicht genau, was los ist. Aber der Körper wird auf einmal verdammt schwer."

»Man weiß nicht genau, was los ist. Aber der Körper wird auf einmal verdammt schwer«

Freitag, der 13. Der Tag, an dem alles begann. "Das war ein Schock. Für viele vielleicht sogar traumatisierend", blickt Kogler zurück. Mit dem Schock machte sich bei vielen eine Müdigkeit breit. Denn ein körperlicher Zustand wie dieser erschöpft. Die Müdigkeit hatte aber auch noch einen ganz anderen Grund. Für viele ist das gesamte Arbeitsumfeld von einem Tag auf den anderen weggebrochen. Man war zuhause und hatte deutlich weniger zu tun. "Wenn wir kein Ziel haben, dann sinkt unsere Stimmung. Und wir werden müde." Auch wenn - oder gerade weil - wir nichts tun, keine Struktur, keinen Plan haben.

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Mit den fehlenden Aufgaben kam dann auch das schlechte Gewissen. Das traf vor allem leistungsorientierte Menschen. Und dann wäre da noch die Angst. Hier ließen sich anfangs zwei Extreme beobachten: Die, die große Angst hatten, und jene, die kaum Angst zeigten. Vielleicht weil sie die Situation bagatellisierten. Vielleicht aber auch, weil sie sich tatsächlich nicht sorgten. Und weil eine Emotion selten allein auftritt, machte sich bei dem einen oder anderen auch ein Gefühl der Hilflosigkeit breit, gefolgt wiederum von Aggression. Kurz gesagt: Die Österreicher hatten alle Hände voll zu tun, mit dieser neuen Situation zurechtzukommen.