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Schizophrenie: "Dahinter
ist immer noch der Mensch"

Psychologie - Schizophrenie: "Dahinter
ist immer noch der Mensch" © Bild: iStockphoto.com

Rund ein Prozent der Weltbevölkerung leidet an Schizophrenie. Das sind immerhin 76,6 Millionen Menschen. Und trotzdem wird die Erkrankung immer noch viel zu häufig missverstanden. Wie sich ein Betroffener fühlt, womit er zu kämpfen hat und wie man ihm am besten gegenübertritt, erklärt Prof. Dr. Siegfried Kasper, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, im Gespräch mit News.at.

"Wenn einem Politiker im österreichischen Parlament etwas nicht gefällt, sagt er 'Das ist ja schizophren'. Er sagt nicht 'Das ist Diabetes' oder 'Das ist Rheumatismus'. Er sagt 'Das ist schizophren'", kritisiert Kasper. Ursprünglich vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler geprägt, wird der Begriff heute allzu oft missbraucht. Jemand, der das Wort "schizophren" verwendet, um Missstände aufzuzeigen, diskriminiert im selben Atemzug Betroffene. "Dabei handelt es sich um eine der schwersten Erkrankungen überhaupt", betont der Experte von der MedUni Wien.

»In der Nazizeit hat man sie umgebracht«

Die schizophrene Erkrankung gibt es, seitdem es die Menschheit gibt. Je primitiver die Kultur, in der Betroffene leben, desto schlechter werden sie behandelt. "In der Nazizeit hat man sie umgebracht", so der Psychiater. "Heute werden sie Gott sei Dank nicht mehr vergast." Dennoch fehle es der breiten Masse an Verständnis für die Erkrankung. Auf Unverständnis folgt oft Ausgrenzung. Mit der Folge, dass Betroffene zusehends in die Isolation gedrängt werden. Wie soll man demnach mit ihnen umgehen? Und vor allem: Wie kommt es überhaupt zur Erkrankung?

Wie kommt es zur Erkrankung?

Ursache der schizophrenen Erkrankung ist eine Störung der Nervenübertragungsbotenstoffe, allen voran des Dopamins. "Das Dopaminsystem ist bei diesen Patienten übersensibel. Es reagiert zu stark", erklärt der Facharzt. Eine überhöhte Dopaminausschüttung in bestimmten Gehirnarealen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die Folge. Eine ungünstige psychosoziale Umgebung im Kindesalter trägt ihr Übriges dazu bei. "Die Erkrankung entsteht nicht, weil der Mensch falsch erzogen wurde oder eine schlechte Kindheit hatte." Die biologische Komponente ist und bleibt ausschlaggebend.

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Jedoch können beispielsweise ein Mangel an elterlicher Zuwendung oder ein permanentes Klima des Streits den Ausbruch der Erkrankung begünstigen. Ebenso wie der Konsum von Drogen. "Das Gehirn durchläuft verschiedene Reifungsschritte", so der Psychiater. Um das fünfte, sechste Lebensjahr herum kommt es, so wie auch in der Pubertät, zu einem regelrechten Schub. "Ganze Gehirnfunktionen müssen sich neu organisieren." Wenn man in dieser sensiblen Phase dann noch Drogen nimmt, steigt die Risiko, dass sich die im Verborgenen schlummernde Krankheit manifestiert. Dafür reicht schon der Konsum von Cannabis, ganz zu schweigen von härteren Drogen.

Wie verläuft die schizophrene Erkrankung?

Zum Ausbruch kommt es für gewöhnlich im Alter von 18 bis 20 Jahren. Doch auch schon davor macht sich die Erkrankung bemerkbar. Wenn auch nicht so deutlich, was die Zuordenbarkeit für Angehörige oft erschwert. "Viele Eltern sagen dann: 'Das ist nicht unser Kind. So kennen wir es gar nicht'", veranschaulicht Kasper und spricht von einem "Knick in der Lebenslinie". Zuvor Musterschüler, geht der Betroffene plötzlich nicht mehr regelmäßig zum Unterricht. Freundliche, aufgeschlossene Kinder ziehen sich zusehends zurück. Meist wird auch die Körperpflege vernachlässigt.

»Viele Eltern sagen: 'Das ist nicht unser Kind. So kennen wir es gar nicht'«

Darüber hinaus leidet der Jugendliche oft an Konzentrationsstörungen, Angst- und leicht depressiven Symptomen, begleitet von einer inneren Unruhe und Schlafstörungen. Die Vorzeichen der schizophrenen Erkrankung zeigen sich meist zwei, drei Jahre, bevor die ersten handfesten Symptome zutage treten, also zwischen dem 16. und 18. Lebensjahr. "Erstmals richtig auffällig wird es, wenn es zu Halluzinationen oder paranoischen Gedanken kommt", erläutert Kasper. Mädchen erkranken in der Regel zweieinhalb bis drei Jahre später als Buben. Offenbar übernimmt hier das weibliche Sexualhormon Östrogen eine schützende Funktion.

Wie äußert sich die Schizophrenie?

Zu den grundlegenden Symptomen zählen kognitive Störungen. Es treten Konzentrationsprobleme auf, darüber hinaus ist die Assoziationsfähigkeit beeinträchtigt. Der Experte spricht von einer assoziativen Lockerung. "Das kann bis hin zum Wortsalat gehen." Gesagtes ergibt oft keinen Sinn, logische Zusammenhänge fehlen. "Wenn man sich mit dem Menschen unterhält, ermüdet man schnell. Man fragt sich: 'Was hat der eigentlich gesagt?'. Patienten werden in dieser Phase als sehr anstrengend erlebt. Und anstrengenden Personen geht man lieber aus dem Weg", schildert Kasper.

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Betroffene werden zusehends isoliert. Und ziehen sich auch selbst immer mehr zurück, "weil die anderen so komisch reagieren". Hinzu kommen für gewöhnlich Halluzinationen und paranoische Gedanken. Der Patient fühlt sich verfolgt. Oft bringt er auch Ereignisse oder Dinge, die in keinerlei Zusammenhang stehen, miteinander in Verbindung. "Draußen ist ein Geräusch. Das bedeutet, dass ich bald abgeführt werde", veranschaulicht der Experte die sogenannten abnormen Bedeutungszumessungen. Oder aber: "In der Fernsehsendung bekomme ich Hinweise, dass ich dieses oder jenes machen muss."

Wie geht man mit Patienten richtig um?

Betroffene erleben diese Situation als extrem belastend. "Stellen Sie sich vor, Sie müssen alle Steckdosen abmontieren, weil da Stimmen rauskommen." Was sie hören und was sie sehen, ist für sie real. Dementsprechend wenig Sinn macht es zu versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Das würde allenfalls dazu führen, dass sie sich unverstanden fühlen und sich noch mehr zurückziehen. Keinesfalls sollte man Druck auf Erkrankte ausüben - nach dem Motto "Jetzt reiß dich mal zusammen". Denn, so der Experte, "sie können nicht anders".

Viel mehr gehe es darum, die Wahrnehmung des Erkrankten zu akzeptieren. So könne man zum Beispiel entgegnen: "Für dich ist das die Wahrheit. Für mich gibt es das nicht." Da der Patient die Halluzinationen nicht als solche wahrnimmt, sei es auch nicht zielführend ihn zu fragen, ob er welche erlebt. Stattdessen könne man ergründen, ob es in seiner Umgebung etwas gebe, das ihm unangenehm sei, ihn ängstige. Denn auch wenn die kognitive Ebene beeinträchtigt ist - die emotionale funktioniert nach wie vor. Und: "Verfolgt zu werden ist ja nichts Angenehmes."

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Wie wird Schizophrenie diagnostiziert?

Weltweit gibt es zwei führende Klassifikationssysteme - die ICD-10 im europäischen und den DSM-5 im US-amerikanischen Raum. Die beiden unterscheiden sich dem Experten zufolge nicht wesentlich voneinander. Die Diagnose wird anhand der vorhandenen Symptome, darunter etwa die bereits beschriebenen Halluzinationen und die sogenannte assoziative Lockerung, gestellt. "Das Ganze muss mindestens ein halbes Jahr bestehen, sonst spricht man von Vorläufersymptomen", so Kasper. "Der geübte Psychiater erkennt, dass das in die Richtung geht."

Wie wird die Erkrankung behandelt?

Die Medikation ist bei einer schizophrenen Erkrankung unerlässlich. "Wenn ein Patient keine Medikamente nimmt, liegt die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls bei rund 85 Prozent", warnt der Facharzt. Mit der richtigen Behandlung dagegen sinkt besagtes Risiko innerhalb von drei Jahren auf zehn bis 15 Prozent. Die Medikamenteneinnahme erfüllt aber noch einen ganz anderen Zweck. "In den 1950er Jahren gab es auf der Baumgartner Höhe rund 3.000 Patienten. Wenn man da ein halbes Jahr eingesperrt ist, wird man zwangsläufig komisch. Das bezeichnet man als Institutionalismus", erklärt Kasper.

»Schizophrenie ist eine tödliche Erkrankung«

Die Medikamente ermöglichen es dem Patienten, in sein psychosoziales Umfeld - seine Familie, seine Nachbarschaft - zurückzukehren. Und damit das Zusammenleben gut funktionieren kann, ist es wichtig, alle Beteiligten möglichst umfassend über die Erkrankung aufzuklären. Welche Beschwerden gehen mit ihr einher? Wo schränkt sie ein? Manche Eltern etwa müssen erst lernen, erhöhte Erwartungen an ihr erkranktes Kind herunterzuschrauben. "Viele sagen: 'Mein Sohn muss studieren.' Vielleicht ist das aber gar nicht so gut für ihn. Vielleicht ist eine regelmäßige Tätigkeit, die nicht allzu hohe Anforderungen mit sich bringt, besser."

Wie gefährlich ist Schizophrenie?

15 bis 20 Prozent der Erkrankten nehmen sich das Leben. "Schizophrenie ist eine tödliche Erkrankung", sagt Kasper. Das müsse man den Angehörigen zum richtigen Zeitpunkt behutsam beibringen. Ein Suizidrisiko bestehe vor allem dann, wenn die Erkrankung nicht adäquat behandelt wird. In dem Fall könne der Patient auch andere Menschen gefährden - vor allem dann, wenn zusätzlich Drogen im Spiel sind. Abgesehen davon aber, so der Experte, stelle ein Erkrankter für andere keine größere Gefahr dar, als es die Allgemeinbevölkerung tut.

Wie funktioniert ein Leben mit Schizophrenie?

Ein von Schizophrenie betroffener verfügt nicht über dieselbe Filterleistung wie ein gesunder Mensch. Er ist nicht in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem schnell zu unterscheiden. Was hat Priorität? Was kann warten? Fragen wie diese stellen ihn mitunter vor eine große Herausforderung. Das spiegelt sich auch im Alltag wider. Simple Aufgaben können ihn schnell überfordern. Ein Schubladensystem, das einzelne Handlungsschritte strukturiert vorgibt, hilft, geordnet durch den Tag zu kommen. Mit psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung, im Idealfall kombiniert mit einem wohlwollenden, die Erkrankung verstehenden Umfeld, ist aber ein relativ normales Leben möglich.

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Einige Patienten gehen auch einem Beruf nach. Dieser sollte allerdings ein Minimum an psychosozialen Auseinandersetzungen bergen. So bringt etwa eine einfache Tätigkeit im Labor gute Voraussetzungen mit sich, während ein Job an einer Rezeption denkbar ungünstig ist. "Je stressreicher die Umgebung, desto schlechter für den Patienten", erklärt der Psychiater. Vor allem eines dürfe man aber nicht vergessen, nämlich dass sich hinter der Mauer der Erkrankung jener Mensch befindet, den man einst gekannt hat. "Den Menschen gibt es nach wie vor! Nur ist er durch die Krankheit etwas verändert."

© MedUni Wien

Zur Person: Dr. Siegfried Kasper ist Professor und Ordinarius für Psychiatrie an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie als Psychotherapeut (Psychoanalyse) in die Psychotherapeutenliste in Österreich und in Deutschland eingetragen.

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