AstraZeneca: Der angeschlagene Hoffnungsträger

Der Corona-Impfstoff von AstraZeneca hat einen schlechten Ruf. Viele Ärzte wollen sich damit nicht impfen lassen, und das einfache Volk sieht auch nicht ein, warum es herhalten soll. HInzu kommt der Umstand, dass immer mehr EU-Staaten die Impfung mit diesem Vakzin aussetzen. Dabei ist die Wirksamkeit des Impfstoffs deutlich höher als bisher angenommen. Über ein PR-Debakel mit gefährlichen Folgen.

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Impfstoff - AstraZeneca: Der angeschlagene Hoffnungsträger © Bild: Johan Nilsson/TT News Agency/picturedesk.com

Offiziell heißt er AZD1222. Er wird aus Erkältungsviren von Schimpansen hergestellt. In der schematischen Darstellung sieht er ein wenig wie eine zerbrochene Heizspirale aus. Er sollte der Welt Hoffnung bringen, jetzt ist der Corona-Impfstoff von AstraZeneca ihre Lachnummer: Immer mehr Ärzte weigern sich, mit ihm geimpft zu werden, die Berichte über Nebenwirkungen mehren sich, und es ist seit Wochen unklar, wann wie viel davon geliefert werden kann.

Das Fazit scheint eindeutig: Österreich wird bald auf einem Berg unbrauchbaren oder zumindest ungeliebten Impfstoffs sitzen. Aber ist die Sache wirklich so einfach? Und wie konnte es mitten in einer Pandemie, in der jede verfügbare Impfdosis Leben retten kann, zu einer so verfahrenen Situation kommen?

Die Geschichte beginnt im Sommer 2020. Die Welt genießt die wiedergewonnene Freiheit nach dem ersten Lockdown und beobachtet halb argwöhnisch, halb hoffnungsvoll die Aktivitäten der internationalen Pharmaunternehmen. Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Auf Erfolgsmeldungen folgen relativierende Einschätzungen und zwischendurch verspricht der Kanzler "Licht am Ende des Tunnels". Die längste Zeit ist unklar, wann wirklich mit zuverlässigen Corona-Impfungen zu rechnen sein wird.

© Quelle: AGES, News Infografik: Karin Netta Entwicklung von Corona-Impfstoffen

Im Juli geht die britisch-schwedische Firma AstraZeneca, die gemeinsam mit der Universität Oxford an einem Corona-Impfstoff arbeitet, an die Öffentlichkeit: Die ersten Tests sähen gut aus. Der Impfstoff soll weltweit zum Selbstkostenpreis verkauft werden. "Unser Ziel ist es, den Impfstoff allen Menschen zugänglich zu machen", sagte AstraZeneca-Chef Pascal Soriot. Das klingt vertrauenerweckend, human und ethisch superkorrekt, das ist, netter Nebeneffekt, auch sehr günstig. Mitte August schließt die EU-Kommission einen Rahmenvertrag über den Kauf von 300 Millionen AstraZeneca-Impfdosen ab, mit der Option auf weitere 100 Millionen.

Doch schon kurz darauf beginnt die Pleiten-Pech-und-Pannen-Serie, die die Welt bis heute in Atem hält. Im September werden die Tests gestoppt, weil es zu gesundheitlichen Problemen bei einem Teilnehmer gekommen ist. Eine Routinemaßnahme, teilt das Unternehmen mit. Im Oktober kursieren Berichte über den Tod eines brasilianischen Probanden, eine "sorgfältige Analyse" des Vorfalles ergibt keine Anhaltspunkte für Sicherheitsprobleme. Im November gehen Moderna und BioNTech/Pfizer mit Erfolgsmeldungen über die Wirksamkeit ihrer Impfstoffe an die Öffentlichkeit, und AstraZeneca gerät unter Zugzwang. In einer übereilten Schnellschussaktion, so sehen es Experten, kommuniziert das Unternehmen die Zwischenergebnisse erster Wirksamkeitsstudien.

Geringere Wirksamkeit

Die Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffs wird dabei mit 70 Prozent angegeben, diese Zahl setzt sich tatsächlich aus zwei Studien zusammen. Bei der einen wurde eine Effektivität von 90 Prozent ermittelt, allerdings waren alle Teilnehmer unter 55 Jahre alt und keine Risikopersonen. In der zweiten, in Brasilien durchgeführten Studie wurden auch ältere und gefährdete Personen getestet, die Wirksamkeit betrug nur 62 Prozent. Außerdem hatte die erste Gruppe bei der ersten Impfung nur die halbe Dosis erhalten. Eigentlich ein Fehler, der aber zunächst nicht als solcher kommuniziert wurde; AstraZeneca hatte das Studiendesign kurzerhand verändert. Das Vertrauen der Fachwelt wächst durch diese Vorgehensweise nicht. Beobachter sprechen von einem "PR-GAU" und bedauern den bereits absehbaren Imageschaden für den Impfstoff.

Nur wenige Wochen später kommt Astra-Zeneca erneut in die (europäischen) Schlagzeilen, diesmal wegen eines Streits über die Anzahl der in die EU zu liefernden Impfdosen. Wieder kursieren irreführende Zahlen. Der Impfstoff erziele bei über 65-Jährigen nur eine Wirksamkeit von acht Prozent, berichten deutsche Zeitungen mit Verweis auf Informationen "aus Koalitionskreisen". Komplett falsch, dementieren daraufhin AstraZeneca und das deutsche Gesundheitsministerium. Ein Missverständnis, wie später behauptet wird, oder gezielte Desinformation, um dem günstigen Kleine-Leute-Impfstoff universitärer Provenienz zu schaden? Tatsächlich wies schon damals alles darauf hin, dass der AstraZeneca-Impfstoff bei älteren Personen genauso gut wirkt wie bei jüngeren, es lagen eben nur noch nicht die entsprechenden Studien vor. Jetzt gibt es endlich ausführliche Daten aus Großbritannien: Ursula Wiedermann-Schmidt, wissenschaftliche Leiterin des nationalen Impfgremiums, will den Impfstoff nun auch in Österreich für über 65-Jährige zulassen.

Passend dazu: Die klinische Pharmazeutin Dr. Doris Haider über den AstraZeneca-Impfstoff

Die Hiobsbotschaften für AstraZeneca reißen auch im Februar nicht ab. Der Impfstoff wirke nur eingeschränkt gegen die Südafrika-Mutation, wird bekannt. Südafrika beschließt daraufhin, die bei AstraZeneca bestellten Dosen zurückzugeben und stattdessen auf den Impfstoff von Johnson &Johnson (auf den auch Österreich hofft) zu setzen. Die Studie, die dieser Entscheidung zugrunde liegt, untersuchte 1.011 vorwiegend jüngere Personen in Südafrika und kommt zu dem Schluss, dass der Impfstoff weniger gut gegen leichte und mittlere Verläufe hilft. Schwere kamen in der - sehr kleinen - Testgruppe allerdings gar nicht vor. Und fast die Hälfte der untersuchten Personen waren Raucher.

Der bekannte deutsche Virologe Christian Drosten warnte im NDR-Corona-Podcast davor, zu voreilige Schlüsse zu ziehen: "Südafrika ist eben wirklich ein ärmeres Land als bei uns. Da ist die Grundkonstitution der Bevölkerung auch nicht so gut. Solche Dinge muss man hier schon auch mit einfließen lassen." Auch die erste Wirksamkeitsstudie aus England hätte bessere Ergebnisse gezeigt als jene aus Brasilien. Im Grunde, argumentiert Drosten, leiste der AstraZeneca-Impfstoff nach derzeitigem Wissensstand genau das, was man von einem Impfstoff erwartet, er verhindert schwere Verläufe, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle, und zwar mit einer weitaus höheren Wahrscheinlichkeit als etwa eine Grippeimpfung.

Seitdem der AstraZeneca-Impfstoff in Europa breit verimpft wird, häufen sich Meldungen über starke Nebenwirkungen. Krankenhäuser in Deutschland und Schweden setzten die Impfungen tageweise aus, weil sich so viele Mitarbeiter nach der Impfung krankmeldeten. Besorgniserregend klingen auch die Zahlen, die das österreichische Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) bis 19. Februar sammelte: Diesem zufolge kamen auf 1.000 AstraZeneca-Impfungen 60 Meldungen über Nebenwirkungen, bei den Impfstoffen von BioNTech/Pfizer bzw. Moderna waren es nur 4,87 bzw. 7,64. Allerdings: Auch hier relativiert sich die Schreckensmeldung bei genauerem Hinsehen. Die berichteten Impfreaktionen entsprechen in Art und Häufigkeit genau den Erwartungen laut Zulassungsstudie, verlaufen mild bis moderat und verschwinden nach wenigen Tagen. Es gibt keine Berichte über schwerwiegende Impfreaktionen. Was allergische Reaktionen betrifft, schneidet der AstraZeneca-Impfstoff sogar deutlich besser ab als die anderen bisher verfügbaren Impfstoffe.

Akademischer Impfstoff

Für Christian Drosten hängen die Imageprobleme des AstraZeneca-Impfstoffs mit seiner Eigenschaft als "halb akademischer" Impfstoff zusammen. Zahlreiche in die Entwicklung des Impfstoffs involvierte Personen dokumentieren immer wieder Teilergebnisse ihrer Forschung, anstatt sie, wie bei den anderen Pharmafirmen üblich, gebündelt vorzustellen. Was in der Wissenschaft normal und im Sinne der Transparenz wünschenswert ist, sorgt in der Öffentlichkeit allerdings für Verwirrung. Experten und Erklärer kamen mit der Richtigstellung diverser Missverständnisse und Halbwahrheiten nicht mehr hinterher. "Leider ist es in der Situation, in der wir uns befinden, so, dass schon die allererste kleine Studie, die häufig dann noch nicht einmal begutachtet ist, gleich in der breiten Medienöffentlichkeit diskutiert wird, und am Ende soll so etwas übrig bleiben wie Daumen hoch, Daumen runter über diese Vakzine. Und das geht einfach nicht", klagt Drosten im NDR-Podcast.

Fast alle Expertinnen und Experten, die sich zuletzt öffentlich zu Wort gemeldet haben, sind sich einig, dass der AstraZeneca-Impfstoff deutlich besser ist als sein ramponierter Ruf. Grob aus dem Sprichwörtlichen übersetzt: lieber eine Dosis AstraZeneca im Arm als BioNTech/Pfizer in Aussicht. Jüngste Meldungen stimmen zusätzlich optimistisch. Wenn zwischen erster und zweiter Impfdosis mindestens zwölf Wochen liegen, steigt die Wirksamkeit auf über 80 Prozent, schrieb der Chefentwickler des Impfstoffs, Andrew Pollard, jüngst im Fachjournal "The Lancet". Netter Nebeneffekt: Es können mehr Menschen geimpft werden. Wenn sie wollen.

Der Beitrag erschien ursprünglich im News der Ausgabe 08/2021.