Wenn gesund essen
zum Zwang wird

Wo hört gesunde Ernährung auf? Wo fängt die Essstörung an?

Morgens Reisflocken mit Mandelmilch und Chiasamen, mittags ein Bulgur-Kichererbesen-Salat und abends zwei Schnitten Dinkel-Vollkornbrot mit Grünkernaufstrich. Alles bio und regional oder zumindest fair trade, versteht sich. Gesund essen ist gut. Solange es aber nicht in einen Zwang ausartet. Warum manche Menschen regelrecht davon besessen sind, sich gesund zu ernähren, woran man erkennt, wann die Grenze zwischen gesund und zwanghaft überschritten ist, und was Orthorexie wirklich bedeutet.

von Orthorexie - Wenn gesund essen
zum Zwang wird © Bild: iStockphoto.com

Haben Sie überhaupt schon mal von Orthorexie - in der Fachsprache Orthorexia nervosa - gehört? Noch nicht? Hierbei handelt es sich um eine Essstörung, genauer gesagt um ein - wie Wikipedia schreibt - "auffallend ausgeprägtes Verlangen danach, sich möglichst gesund zu ernähren". Oder, wie die u.a. auf Essstörungen spezialisierte Psychotherapeutin Mag. Martina Bienenstein gegenüber News.at erklärt: "Der Betroffene kann nur mehr gesunde Nahrungsmittel zu sich nehmen." Kann oder will? Nun, genau hier liegt wohl die Grenze.

Die Grenze zwischen gesund und zwanghaft

Solange man die natürliche Freude am Essen nicht verliert und auch immer wieder Kompromisse eingehen kann, wäre es völlig in Ordnung, sich der gesunden Ernährung zu verschreiben. Schwierig wird es allerdings dann, wenn man jedes Lebensmittel akribisch auf seinen Gesundheitswert hin kontrollieren muss. "Es reicht nicht, dass das Zucchini aus biologischem Anbau stammt. Man muss auch wissen, woher genau es kommt und was der Hersteller unter 'biologisch' versteht. Das ist das Zwanghafte."

»Es geht um den Versuch, Dinge unter Kontrolle zu bringen, die man sonst nicht unter Kontrolle zu haben glaubt«

"Essen wird zum Lebensthema. Man hat es dauernd im Kopf", beschreibt Bienenstein die Orthorexie. Wobei der Begriff "gesund" immer wieder aufs Neue zerpflückt. wird. Bis schließlich kaum noch Lebensmittel übrig blieben, die man essen kann. Und wird doch einmal gegen die eigens erstellten Regeln verstoßen, plagt das schlechte Gewissen, ist man sich selbst böse. Mit der Zeit entwickelt sich hier eine Eigendynamik. Dementsprechend schwierig ist es auszusteigen. Warum aber kann es überhaupt so weit kommen, dass das Thema gesunde Ernährung das Leben derart dominiert?

Woher kommt die Orthorexie?

"Es geht um den Versuch, Dinge unter Kontrolle zu bringen, die man sonst nicht unter Kontrolle zu haben glaubt. Und das wird dann in puncto Essen ausgelebt", erklärt die Expertin. Wobei man im Glauben, die Kontrolle über seinen Körper zu erlangen, eben diese verliert - was mitunter fatale Folgen haben kann. Dabei käme es natürlich auf die Intensität der Erkrankung an. Es sei aber nicht auszuschließen, dass Orthorexie ein lebensbedrohliches Ausmaß annimmt. Nämlich dann, wenn der Körper bereits extrem abgemagert ist und der Betroffene unter starken Mangelerscheinungen leidet.

»Eine gemeinsame Mahlzeit wird als Bedrohung wahrgenommen«

Hinzu kommt die soziale Komponente. "Man kann nicht mehr mit anderen zusammen essen", so Bienenstein. "Eine gemeinsame Mahlzeit wird als Bedrohung wahrgenommen." Die Gefahr, von seinem Ernährungsplan - wenn auch nur kurzzeitig - abweichen zu müssen, ist zu groß. Letztlich kann die Orthorexie, wie jede andere Essstörung auch, in die Isolation führen. Kann, muss aber nicht. Denn "nicht alle, die mit dieser Störung konfrontiert sind, sind ein Leben lang mit ihr beschäftigt", weiß die Therapeutin. Manche hätten auch nur Episoden.

Wer ist gefährdet?

Besonders hoch sei das Erkrankungsrisiko jedenfalls bei jungen Mädchen. "Weil Essen von null an Thema ist." Und weil der Gesundheitswahn der Eltern - so vorhanden - vor den Kindern nicht Halt macht. "Gesunde Ernährung, eine gesunde Jause ... nicht, dass das nicht gut wäre. Aber diese Entwicklung hat gesellschaftlich bereits Auswüchse angenommen, die von gesund weit entfernt sind", warnt Bienenstein.

Apropos Gesellschaft: Einerseits bekämen wir von ihr permanent gesagt, was wir alles tun müssten, um gesund zu leben. Anderseits ginge es heute mehr darum, wie man es schafft, dem Mainstream zu entsprechen, als darum, wer man ist, was man mag und was einem gut tut. So rät die Expertin, immer wieder innezuhalten und sich sich damit auseinanderzusetzen, worum es im eigenen Leben wirklich ginge, was man möchte und wie man einen Weg durch den Dschungel an Ge- und Verbogen finden kann. Einen Weg, der lustvoll und entspannt ist.

Mag. Martina Bienenstein ist in Wien als Psychotherapeutin tätig. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit sind u.a. Essstörungen, Panikattacken, Depressionen, Burn out, Partnerschaftskonflikte und Erziehungsberatung.
Weiterführende Links:
Website von Mag. Martina Bienenstein
My Child - Elternberatung

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