Urlaub: Wo können wir heuer hinfahren?

Wörthersee und Mittagskogel statt Adria, Podersdorf statt Côte d'Azur. Oder vielleicht doch zumindest Kroatien? Die Corona-Krise macht vielen einen Strich durch ihre Urlaubsrechnung. Eine Spurensuche rund um die Möglichkeiten, wo und wie Sie heuer Ihre Sommerferien verbringen können.

von Urlaubs-Poker - Urlaub: Wo können wir heuer hinfahren? © Bild: Getty Images

Fritto misto und ein Caffè Corretto an der Adria, Paella und Sangría in Spanien oder Souvlaki und Ouzo in Griechenland -kulinarische Erlebnisse, die zum gewohnten Sommerurlaub vieler Österreicher ebenso dazugehören wie das spezielle südliche Flair und die relaxte Atmosphäre am Meer. Ob das auch heuer möglich sein wird, steht allerdings noch in den Sternen. Seit das Coronavirus unseren Alltag bestimmt, ist vieles anders als noch vor wenigen Monaten. Das Leben der Menschen hat sich in vielerlei Hinsicht drastisch verändert und ist wegen des Kampfs gegen das Virus nach wie vor von einschneidenden Restriktionen bestimmt.

Vor allem die Reisefreiheit, die von uns allen längst als Selbstverständlichkeit betrachtet wurde, ist derzeit weitgehend eingeschränkt. Grenzübertritte sind nur in Ausnahmefällen oder zu beruflichen Zwecken erlaubt -und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Sommerferien bevorstehen. Wie werden die heuer aussehen, müssen wir im eigenen Land Urlaub machen oder dürfen wir vielleicht doch noch ins Ausland fahren, möglicherweise sogar an den heiß ersehnten Meeresstrand? Fragen, auf die es im Moment allerdings nur unbefriedigende Antworten gibt.

Politische Entscheidungen

Auch die Touristiker wissen im Moment nicht wirklich, wie es weitergeht -ihr Motto für den Sommer ist so wie das der potenziellen Urlauber auf die "Hoffnung" fokussiert. Zwar hat Bundeskanzler Sebastian Kurz erst jüngst erklärt, sich für eine möglichst große Reisefreiheit und bilaterale Grenzöffnungen in sichere Länder bzw. Regionen wie Bayern einsetzen zu wollen, das Ansinnen stieß bei den deutschen Nachbarn aber auf wenig Enthusiasmus. Die Bundesrepublik verkündete vielmehr die Verlängerung der weltweiten Reisewarnung und Grenzschließungen bis 14. Juni. Fast jeder zweite Deutsche lehnt aktuell eine Öffnung der Grenzen für den Sommerurlaub im europäischen Ausland ab. Nur 13 Prozent sind für die komplette Reisefreiheit in der EU.

"Solange das Virus keinen Urlaub macht, müssen wir uns mit unseren Reiseplänen beschränken", antwortete Innenminister Horst Seehofer auf das Werben von Tourismusministerin Elisabeth Köstinger um deutsche Gäste. Und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder quittierte es gar unverblümt mit der Aussage "Wer Österreich genießen will, der kann das auch in Bayern tun. Da ist es genauso schön."

© Getty Images/Manuel Breva Colmeiro Die Wahlfreiheit für das gewünschte Urlaubsziel ist wegen dem Coronavirus heuer stark eingeschränkt. Viele Menschen werden im Sommer wohl in Österreich bleiben

Wenig erfreuliche Worte für die heimische Tourismuswirtschaft, für die die deutschen Gäste besonders wichtig sind: 79 Millionen Nächtigungen gab es in der Sommersaison 2019 - und nur 30 Prozent entfielen auf österreichische Gäste. Deutsche Urlauber machten rund 35 Prozent aus, so viel wie alle anderen Länder zusammen. In Summe ist der Tourismus in Österreich für 15,3 Prozent des BIP verantwortlich; inklusive vor-und nachgelagerter Bereiche hängen 675.000 Jobs davon ab. Womit klar ist, welche wirtschaftliche Dimension das Thema Grenzöffnung hat. "Sollten die deutschen Gäste wirklich ausbleiben, wäre das ein ganz harter Schlag für die Hotels, Gastronomen und alle Betriebe, die mit der Tourismuswirtschaft verbunden sind", sagt Spartenobfrau Petra Nocker-Schwarzenbacher: "Die Betriebe haben jetzt schon massive Einbußen und sie hoffen natürlich, dass sich die Situation wieder einigermaßen erfängt und bald auch ausländische Urlauber kommen."

So schnell wird das aber nicht der Fall sein: Ab 29. Mai dürfen in Österreich die Hotels wieder für Urlauber öffnen, die Deutschen können aber frühestens ab 15. Juni kommen -und wie es danach und mit anderen Nationen aussieht, ist unklar.

Wirtschaftliche Motive

Angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise ist jedes Land darauf erpicht, die Urlauber im eigenen Land zu halten. Wenn Deutsche in Deutschland bleiben. Italiener in Italien und Österreicher in Österreich, dann ist das ein Segen für die jeweilige Volkswirtschaft. Freilich: Der Urlaub am Meer gehört für viele Menschen im Sommer einfach dazu; die Frage ist nur, wo? Spanien, Frankreich und Italien sind vom Coronavirus besonders betroffen. Sollten diese Länder zur Gänze oder teilweise geschlossen bleiben, würde sich Kroatien als mit dem Auto leicht erreichbare Alternative anbieten, so auch Ruefa-und Eurotours-Chefin Helga Freund (siehe S. 26). Wenig verwunderlich, dass die Kroaten intern und in bilateralen Verhandlungen intensiv an zumindest einzelnen Grenzöffnungen in Verbindung mit einem Korridor durch Slowenien arbeiten, wie auch Tourismusminister Gari Cappelli erklärt.

"Die Kroaten wollen das unbedingt", weiß auch Nocker-Schwarzenbacher, aber in allen anderen Ländern sei die Linie ähnlich. Es gehe um politische Entscheidungen auf europäischer Ebene. "Jeder schaut, dass möglichst viele Menschen Urlaub im eigenen Land machen", so die Tourismus- Obfrau, die dennoch dafür ist, "die Grenzen zu öffnen, wenn sich die Infektionszahlen in einem erträglichen Maß bewegen." Bis es wieder eine echte Reisefreiheit und eine Annäherung an die alte Normalität gibt, werde es freilich noch dauern.

Offene und geschlossene Hotels

Einstweilen ist für die Österreicher noch der Urlaub in Österreich angesagt. Angebot dafür dürfte es genug geben -insbesondere, wenn die Mehrheit der Deutschen wirklich ausbleiben sollte. Freilich: Auch wenn mit dem Pfingstwochenende die heimischen Hotels wieder aufsperren dürfen, werden das nicht alle tun. Eine aktuelle Branchenumfrage hat ergeben, dass rund 25 Prozent der Hotels erst Ende August oder heuer gar nicht mehr öffnen wollen - entweder weil sie sich auf das Herbstgeschäft verlegen oder aber, weil es sich für sie betriebswirtschaftlich nicht rechnet - zum Beispiel in größeren Städten.

Überhaupt seien harte Verhandlungen zwischen Branchenvertretern und der Regierung nötig gewesen, dass überhaupt am 29. Mai wieder aufgesperrt werden darf, berichten Insider. Das sei auch ein Wunsch von Hoteliers aus den Seeregionen z. B. vom Wörthersee gewesen, die zumindest noch das Pfingstwochenende mitnehmen wollten. Wirtschaftskammerchef Harald Mahrer und Ministerin Elisabeth Köstinger seien persönlich bei Sebastian Kurz gewesen, um die Öffnung durchzubringen. Und auch jetzt gebe es laufend Gesprächsrunden und Task-Force-Treffen; dabei würden Informationen gesammelt, ausgetauscht und auf höchster Ebene mit Virologen über die weitere Vorgangsweise beraten, was schlussendlich von den Tourismusbetrieben lockerungsmäßig umgesetzt werden könne.

Diejenigen Beherbergungsbetriebe, die öffnen, sind so wie ihre Gäste aber weiter mit zahlreichen Unwägbarkeiten konfrontiert: Etwa, dass sie teilweise ausgebucht sind, aber mit Gästen, die vielleicht gar nicht kommen", wie die Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), Michaela Reitterer, mit Verweis auf die geschlossenen Grenzen erklärt: "Das bereitet uns Kopfzerbrechen. Manche Hotels sind daher gezwungen, momentan Wartelisten zu führen."

© Karl Schöndorfer/picturedesk.com Kanzler Kurz und Ministerin Köstinger setzen sich gemeinsam für den heimischen Tourismus und Urlaub in Österreich ein, stoßen damit aber nicht überall auf Enthusiasmus

Viele ungeklärte Fragen

Die Hoteliers bräuchten dringend Planungs-und Rechtssicherheit: "Wir müssen auch wissen, was die Betriebe bei der Öffnung alles beachten müssen - wie geht man mit dem Thema Nähe an der Rezeption oder in Aufzügen um oder was muss an Desinfektionsmitteln bzw. Masken vorhanden sein?", so Reitterer. Ein wichtiger Punkt sei auch die Belegung der Zimmer und die Restaurantkapazitäten. "Wie viele Gäste dürfen einbucht werden oder muss nach der Belegung das Zimmer zur Sicherheit einen Tag freigehalten werden?" Tischabstände oder Markierungen am Boden dürften wohl ähnlich wie in der Gastronomie gehandhabt werden.

Allerdings sei unklar, was passiert, wenn in einem Hotel ein Corona-Fall auftritt, fügt Nocker-Schwarzenbacher an: "Oder auch, ob der Wellnessbereich benutzt werden darf; und wenn ja, unter welchen Auflagen? Oder muss das Frühstück aufs Zimmer serviert werden und wenn nicht, wo können die Gäste im Frühstücksraum sitzen?" Momentan sei alles von Gesundheitsbedenken bestimmt und nicht von wirtschaftlichen Überlegungen, sagt Nocker-Schwarzenbacher: "Österreich ist schön und ein Urlaubserlebnis ist auch mit Einschränkungen durchaus möglich; die Frage ist aber nur, wie weit diese von den Gästen auch akzeptiert werden." Und nach wie vor kämen bei den Betrieben zahlreiche Stornos aus vielen Ländern herein.

Sowohl die Tourismus-Obfrau als auch die ÖHV-Präsidentin betreiben eigene Hotels -in Salzburg bzw. in Wien -und müssen selbst für ihre Betriebe einen Ausweg aus der Krise finden: Nocker-Schwarzenbacher wird ihren Brückenwirt in St. Johann im Pongau erst einige Tage nach Pfingsten öffnen, weil sie auch viele Geschäftsreisende beherbergt und künftig auch Seminare in Kleingruppen bis zehn Personen möglich sind.

Angebote für die Gäste

Denn bei den individuellen Urlaubsgästen hingegen hat sie -so wie viele Branchenkollegen - Absagen hinnehmen müssen: "Es haben beispielsweise zehn Busgruppen à 50 Personen storniert, die zuerst bei den Passionsspielen in Oberammergau gewesen wären. Doch da die ja abgesagt sind, kommen sie auch nicht zu uns." Urlauber aus Israel, den USA oder den Benelux-Staaten hätten ebenfalls storniert, berichtet die Tourismus-Obfrau, die 22 Mitarbeiter zur Kurzarbeit angemeldet hat. Sie geht von Umsatzeinbußen von rund 50 Prozent aus.

Um für die österreichischen Gäste attraktiv zu sein, schnürt sie gerade Angebote, die in Richtung Gesundheit oder Stärkung des Immunsystems in der Natur gehen. Aber auch Familienfeiern für alle jene, die während der Quarantäne ihren Geburtstag nicht feiern konnten, sind ein Thema. Sozusagen Post-Corona-Birthday-Events in gemütlichem Rahmen.

Michaela Reitterer wird ihr Boutiquehotel Stadthalle am 29. Mai "ziemlich sicher aufsperren". Sie musste wegen der Corona-bedingten Schließung herbe Einbußen von "mehr als einer Million Euro" hinnehmen. Von ihren 35 Mitarbeitern sind 21 in Kurzarbeit, von den anderen musste sie sich trennen. "Wir hatten allerdings kurz zuvor neue Mitarbeiter aufgenommen und einen neuen Höchststand", sagt die ÖHV-Präsidentin. Um dem Minus entgegenzuwirken, sperrt sie bereits am 18. Mai ein Gastro-Pop-up in ihrem Innenhof auf. "Das wird eine grüne Oase mitten in Wien, wo man Frühstück und abends Bioprodukte genießen kann", sagt Reitterer, für die das Pop-up auch "einen Team-Building-Charakter angesichts der wenig erfreulichen Situation" hat.

© Getty Images/Westend61 Der Wörthersee zieht immer. Kärnten erfreut sich derzeit auch angesichts der mangelnden Alternativen durchaus guter Buchungsanfragen

Einige Buchungen von österreichischen Gästen hat Reitterer zwar inzwischen wieder bekommen, sie will aber vermehrt auch Einheimische selbst ansprechen und plant eine Kampagne "Urlaub für Wiener in Wien." Für die Bundeshauptstadt, die hauptsächlich von ausländischen Gästen lebt, sieht sie insgesamt aber schwarz: Die Sommersaison sei höchst ungewiss und im Herbst werde es keine großen Kongresse und Konzertveranstaltungen geben, so Reitterer: "Für Wien ist das ein Debakel."

Preisdruck und Schnäppchen

Die ungewisse Situation drückt auf die Preise bei den Hotels - von den Fünf-Sterne-Häusern abwärts -und nährt bei Urlaubern die Hoffnung auf Schnäppchen. "Die gewohnten Preise werden wohl nicht überall durchzubringen sein und es wird sicher Schnäppchen geben", sagt Reitterer, warnt aber vor einer Spirale nach unten: "Eine Preisschlacht wäre betriebswirtschaftlich ein Riesenfehler. Die Hotels müssen nicht nur die Kurzarbeit vorfinanzieren, sondern auch die Qualität halten."

Auch Nocker-Schwarzenbacher hofft, dass keine Preisschlacht stattfinden wird und hat bislang auch noch keine Schleuderangebote registriert: "Auszuschließen sind sie freilich nicht, momentan sind aber alle noch paralysiert." Was es sehr wohl geben wird, seien spezielle Angebote: Da sich heuer Frühbucheraktionen erübrigten, werde es stattdessen eben Last-Minute- Angebote geben, sagt die Sparten-Obfrau: "Für die ist es jetzt jedoch noch zu früh, weil vieles noch unklar ist."

Und wie günstig die Schnäppchen ausfallen, wird auch von der jeweiligen Region abhängen: So sind die Buchungen für Kärntens Seen beispielsweise durchaus gut, wie der Chef der Kärnten Werbung, Christian Kresse, berichtet. Ein Tipp dazu: Wer sich jetzt für einen Inlandsurlaub entschließt, braucht sich nicht zu sorgen, bei einer möglichen zweiten Welle auf der Buchung sitzen zu bleiben. Den Hotels seien verkürzte Stornofristen -auf drei bis sieben Tage vor Urlaubsantritt -empfohlen worden, so Nocker-Schwarzenbacher.

Getrübte Reiselust

Dennoch: Trotz aller Kulanzlösungen und möglicher Schnäppchen werden viele Menschen heuer wohl oder übel auf ihren Urlaub verzichten, weil sie wegen Corona arbeitslos geworden oder in Kurzarbeit sind. Laut aktuellen Umfragen müssen 43 Prozent der österreichischen Haushalte krisenbedingt Einkommenseinbußen hinnehmen. Acht von zehn Haushalten wollen weniger für Urlaub oder Freizeit ausgeben und zwischen 40 und 50 Prozent der Österreicher sagen, dass sie heuer überhaupt keinen Sommerurlaub machen werden. Ihnen bleiben nur Ferien in Balkonien.

Und auch in Deutschland haben fast ein Drittel (31 Prozent) ihre Urlaubspläne für den Sommer bereits über den Haufen geworfen: 22 Prozent haben eine geplante Auslandsreise abgehakt.

Die meisten Menschen werden heuer wohl im eigenen Land Urlaub machen - auch wenn die Grenzen noch rechtzeitig aufgehen sollten. Immerhin erklärte der Tourismusbeauftragte der deutschen Regierung, Thomas Bareiß, jüngst, es würden dazu Gespräche mit Ländern geführt, "wo es kaum noch Neuinfektionen gibt und die medizinische Versorgung funktioniert - etwa in Österreich, Frankreich, Belgien, Polen oder die Niederlande". Ziele, die man mit dem Auto erreichen könne, so Bareiß, der auch die Balearen oder die griechischen Inseln noch nicht abschreiben will.

Ministerin Köstinger erklärt dazu gegenüber News, man stehe "im ständigen Austausch mit benachbarten Staaten, die im Kampf gegen das Coronavirus ähnlich erfolgreich sind wie wir". Es gehe dabei um Zukunftskonzepte, beginnend mit dem Sommer, wie Beschränkungen gemeinsam gelockert und Reisefreiheit gegenseitig wieder ermöglicht werden könne, sagt sie: "Die Gesundheit und Sicherheit der Gäste und Mitarbeiter steht dabei immer an oberster Stelle." Die Reisefreiheit, wie wir sie kennen, werde noch eine Zeit lang eingeschränkt sein. "Wer also einen Urlaub plant, dem empfehle ich, diesen heuer nach Möglichkeit in Österreich zu verbringen", sagt die Ministerin, die selbst mit ihrer Familie hierzulande urlauben wird: "Indem wir den Konsum im eigenen Land unterstützen, helfen wir unseren Wirtshäusern, Pensionen, Hotels und Freizeitbetrieben."

Der Beitrag erschien ursprünglich im News 19/20.