Corona: Die Sorge
vor der zweiten Welle

Derzeit ist das Coronavirus in Österreich unter Kontrolle. Wie das so bleiben und ein zweiter Lockdown verhindert werden kann.

von Pandemie - Corona: Die Sorge
vor der zweiten Welle © Bild: APA/Picturedesk.com/Alex Halada

Bestes Frühlingswetter und erste Lockerungen der Ausgangssperren: An manchen Orten scheint es so, als wäre nie etwas gewesen, als würde das Coronavirus nicht existieren. Doch der Schein trügt: Zwar ist die Zahl der Neuinfektionen deutlich zurückgegangen, verschwunden ist Sars-CoV-2 damit aber nicht.

"Das Virus ist nicht plötzlich weg -auch nicht, wenn wir uns alle so verhalten, als wäre es verschwunden und wegschauen", warnt Heinz Burgmann, Infektiologe und Tropenmediziner an der Meduni Wien. "Ich muss davor warnen, zu glauben, es ist jetzt vorbei. Die Situation bei uns ist derzeit so gut, weil große Teile der Bevölkerung die Maßnahmen der Regierung mitgetragen haben. Dadurch hat man das Virus deutlich zurückdrängen können. Diesen Vorsprung darf man sich jetzt nicht nehmen lassen."

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Mit dem Shutdown ist es gelungen, das exponentielle Wachstum des Virus zu stoppen. "Das war sehr wichtig", sagt Burgmann. "Wir waren zuvor in einer Phase des Reagierens. Denn die Zahl der Infektionen ist exponentiell gestiegen. Jetzt können wir endlich wieder agieren."

Dass sich die Zahl der Erkrankten wieder erhöhen wird, davon ist Burgmann jedoch überzeugt. Das sei aber "nicht dramatisch, solange die Situation kontrollierbar bleibt".

Es sei daher entscheidend, die Beschränkungen stufenweise zurückzunehmen, erklärt der Mediziner. Damit könne genau erkannt werden, wodurch die Infektionszahlen wieder stärker steigen. Denn eines dürfe nicht mehr passieren, sind sich alle Experten einig: dass die Anzahl der Covid-19-Infektionen wieder exponentiell zunimmt.

Niedriger Reproduktionsfaktor

Das Coronavirus hat eine gewisse Trägheit. Die Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen ist relativ lang. Dann vergeht nochmals Zeit von der Testung, bis schließlich das positive Testergebnis vorliegt.

Zu den wichtigen Kennzahlen bei der Lagebeurteilung zählt der Reproduktionsfaktor. Liegt dieser bei eins, so steckt ein Infizierter im Schnitt eine weitere Person an. Die Zahl der Infizierten bleibt also gleich. Ein Faktor unter eins ist daher das angestrebte Ziel. Denn dann sinkt die Zahl jener Menschen, die sich mit dem Virus angesteckt haben. "Alles über eins ist ein Problem. Dann breitet sich die Epidemie aus", erklärt Burgmann.

Der deutsche Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité befürchtet unterdessen eine zweite Welle im Herbst. "Es kommt viel Unsicherheit auf uns zu in den nächsten Wochen", sagte er in einem "ZiB2"-Interview. "Wir stehen mitten in einer Entwicklung, wenn nicht am Anfang."

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Für Drosten ist der Sommer eine Phase der Entspannung. Denn es gibt Hinweise, dass sich das Virus durch höhere Temperatur und UV-Strahlung langsamer verbreitet. Außerdem halten sich die Menschen mehr im Freien auf, wo das Risiko einer Ansteckung geringer ist als in geschlossenen Räumen. Dann im Herbst allerdings könnten die Fallzahlen wieder rapide ansteigen.

Das Team um den Simulationsexperten Niki Popper von der TU Wien warnt davor, dass eine zweite Welle nicht sofort erkannt werden könnte. So berechneten die Wissenschaftler, dass der Höhepunkt der ersten Welle schon länger zurückliegt, als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen. Das bedeute aber umgekehrt, auch ein Anstieg der Infektionen werde nur mit einer deutlichen Zeitverzögerung bemerkt -und dann könnte die Zahl der noch unerkannten Infektionen bereits stark gestiegen sein.

Wurden die Maßnahmen also zu früh gelockert? Nein, meint Burgmann. "Wir haben die Wahl: Leben wir einsam oder lassen wir die Infektion kontrolliert über die Bevölkerung laufen? Das ist eine Gratwanderung. Aber es kann nicht sein, dass alle über 70-Jährigen über Monate weggesperrt werden. Das würde zur Vereinsamung führen und ist auch keine Lösung." Außerdem, gibt der Mediziner zu bedenken, habe Österreich ein sehr gutes Gesundheitssystem: "Das kostet aber und kann nur aufrecht erhalten bleiben, wenn die Wirtschaft funktioniert."

Testen und Quarantäne

Singapur, das einstige Vorzeigeland in der Bekämpfung der Corona-Epidemie, erlebt gerade eine zweite Welle. Zunächst blieben alle Schulen und Geschäfte offen. Es wurde viel getestet und per Handy-Tracking wurden die Menschen digital überwacht, um Infektionswege lückenlos nachzuverfolgen. Das funktionierte bis Mitte April. Dann stiegen die Infiziertenzahlen plötzlich rapide.

Wie kann eine solche zweite Welle verhindert werden? Einerseits kommt es darauf an, ob sich die Menschen weiterhin an die Vorschriften halten. Denn je weniger persönliche Kontakte, desto geringer natürlich die Ansteckungsgefahr. Außerdem werde es immer wieder Hotspots geben, ist Burgmann überzeugt. "Infizierte müssen rasch wahrgenommen werden. Dann gilt es, innerhalb von 24 Stunden alle Kontaktpersonen zu ermitteln und großzügig unter Quarantäne zu stellen", so der Infektiologe. Damit könnte es gelingen, eine zweite Welle und einen neuerlichen Lockdown des ganzen Landes zu vermeiden.

Ursprünglich ist der Beitrag in der Printausgabe von News (18/2020) erschienen!