Der britische Schauspieler Stephen Graham hat mit seiner Erfolgsserie „Adolescence“ eine Debatte über toxische Männlichkeit ausgelöst. Nun lässt er in einem Buch Väter an ihre Söhne schreiben. Ihre Briefe erzählen von Liebe, Schuld, Versäumnissen und darüber, was heute alles bedeuten kann, ein Mann zu sein.
Stephen Graham kennt sich aus mit Männern, die nicht über Gefühle sprechen und Unsicherheit hinter Härte verbergen. Der britische Schauspieler hat viele von ihnen dargestellt: den rassistischen Skinhead in „This Is England“, den brutalen Mafiaboss Al Capone in „Boardwalk Empire“, den überforderten Küchenchef in „Boiling Point“.
In der preisgekrönten Netflix-Serie „Adolescence“ hat der 53-Jährige seine Auseinandersetzung mit männlicher Härte vertieft. Die Serie stellt die Folgen eines toxischen Männlichkeitsbilds, das in sozialen Medien forciert wird, in den Mittelpunkt. Welche Auswirkungen kann eine zunehmend misogyne Gesellschaft auf heranwachsende Jungs haben?
Dieser Frage ging Graham als Co-Autor des Drehbuchs nach und übernahm auch die Hauptrolle des Vaters, dessen 13-jähriger Sohn wegen des Mordes an einer Mitschülerin angeklagt wird. Die Debatte, die „Adolescence“ anstieß, wurde weltweit geführt: Wie groß ist der Einfluss einer frauenfeindlichen Onlinewelt auf junge Männer? Wie viel bekommen Eltern über die Gedanken der Kinder überhaupt noch mit? Mit „Adolescence“ schuf Graham Raum für Gespräche über Männlichkeit.
Was bedeutet es, ein guter Mann zu sein?
Welche Rolle vor allem Väter von Söhnen dabei spielen, beschäftigte den zweifachen Vater – Tochter Grace ist 21, Sohn Alfie 19 Jahre alt – nachhaltig. Was können Männer ihren Söhnen mitgeben, damit diese einen guten Umgang mit ihren Gefühlen finden? Aus dieser Frage entstand die Briefesammlung „Letters to Our Sons“, die auf der Idee von Co-Autorin, Psychologin Orly Klein, basiert.
Gemeinsam riefen Klein und Graham Männer dazu auf, Briefe an ihre Söhne zu schreiben und Gedanken zu teilen, für die im Alltag oft die Worte fehlen.
Was bedeutet es, ein guter Mann zu sein? Welche Fehler hat der Vater gemacht? Wofür schämt er sich? Was hätte er sich vom eigenen Vater gewünscht? Es sind Antworten auf Frage wie diese und viele Liebesbekundungen, die sich auf den über 400 Seiten finden.

Letters to Our Sons: Was wir unseren Söhnen unbedingt sagen sollten - Vom Autor und Star des Netflix-Hits Adolescence - mit Briefen von Javier Bardem, Stephen Graham, Riz Ahmed, u.v.m.
„Letters to Our Sons. Was wir unseren Söhnen unbedingt sagen sollten“ vom Autor und Star des Netflix-Hits „Adolescence“, Stephen Graham mit Psychologin Orly Klein, ist am 21. Oktober 2026 erschienen. 416 Seiten, Goldmann.
Prominente Briefeschreiber
Die Idee dazu hatte Orly Klein, als ihr Sohn 13 Jahre alt wurde. Sie bat Männer aus ihrem Umfeld, für ihn aufzuschreiben, was ihrer Meinung nach einen guten Mann ausmacht. Gemeinsam mit Graham entstand daraus das Buchprojekt, an dem sich mehr als 1.600 Väter aus aller Welt beteiligten: Schauspieler, Sportler, Handwerker, Ärzte, auch Männer im Gefängnis.
Zu den prominenten Briefschreibern zählen die Schauspieler Javier Bardem und Riz Ahmed, Olympiasieger Tom Daley und Journalist Louis Theroux. News gibt hier Einblick in drei der Briefe: Stephen Grahams Gedanken für Sohn Alfie, 19. Musikproduzent Goldies Brief an seinen Sohn Jamie, 39, der 2010 wegen eines gang-bezogenen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Und ein anonymer Brief.
„Wir müssen Fehler nicht wiederholen“
Was einen guten Vater ausmacht, fragt sich Stephen Graham seit seiner Kindheit. Er wuchs die ersten zehn Lebensjahre mit seiner alleinerziehenden Mutter auf. Der Vater war selten da. Als prägend beschreibt er seinen Stiefvater „Pops“, der danach in sein Leben trat und ihm Zuneigung und Verlässlichkeit vorlebte. Auf seinen abwesenden Vater kann der Schauspieler heute ohne Bitterkeit blicken, weil er – wie er beschreibt – viel an sich selbst gearbeitet hat. Die Beschäftigung mit dem Thema half ihm zu akzeptieren, dass der Vater selbst vaterlos aufwuchs und vieles nie gelernt hatte. Und viel wichtiger: Es half ihm zu sehen, was der Vater später bei Grahams jüngeren Halbgeschwistern lernte und besser machen konnte.
Es wurde zur prägenden Erkenntnis, die „Letters to Our Sons“ beflügelt: „Ich habe daraus gelernt, dass wir nicht in Teufelskreisen gefangen sind, sie über die Generationen nicht wiederholen müssen“, sagt Graham.
Stephen Graham, 53, Schauspieler
Na, Champ, was soll ich sagen? Seit dem Moment, als du und deine Schwester geboren wurdet, ist mein Herz voller Liebe, von der ich nie gedacht hätte, dass sie menschenmöglich ist. Als Baby warst du voller Staunen und so viel Energie. Und du hattest eine wunderbare, schelmische und neugierige Art, die mich immerzu lächeln ließ. Du bist überall herumgeklettert, bist gerannt und gesprungen. Du bist in einen Raum reinspaziert mit Schuhen, die vier-, fünf-, zehnmal zu groß für dich waren … manchmal waren es die deiner Mutter. Der Klang deines Lachens gehört zu den schönsten Kompositionen der Natur.
Ich schätze mich glücklich, ein Teil deines Lebens zu sein, und unsere Freundschaft liegt mir sehr am Herzen. Aus dem wunderbaren, lebhaften Jungen ist ein Mann geworden, der Licht in jeden Raum bringt, den er betritt. Ich hatte das Vergnügen, dich aufwachsen zu sehen und mitzubekommen, wie du die Lektionen des Lebens gelernt hast, etwa, wie du dich verhalten hast, als dir das erste Mal das Herz gebrochen wurde. Wie du diesen Schmerz mit Mitgefühl überwunden hast und daraus mit gestärktem Selbstwertgefühl und ohne Groll hervorgegangen bist, wie du mich und deine Mutter deine Verletztheit hast spüren lassen und uns erlaubt hast, dich an die Hand zu nehmen, das war wirklich bewundernswert.
Du bist der Kitt, der Freundschaften zusammenhält. Du gibst in all deinen Beziehungen 110 Prozent. Du bist ein fantastischer Zuhörer, niemals verurteilend, du hast diese Bodenständigkeit, mit einem Prinzen genauso wie mit einem armen Mann zusammenzusitzen und beide gleichermaßen mit Bescheidenheit und Respekt zu behandeln. Ich glaube, eine Sache, die ich dir mitgegeben habe, ist die Kunst einer richtig festen, echten Umarmung, und jeder, der dich kennt, würde dem sofort zustimmen.
Du hast das komische Talent im Blut. Die kleinen Stimmen, die du machst, deine spaßigen Imitationen, und ich liebe es, dieses Duo zu beobachten, das du mit deiner Mutter bildest – besonders, wenn ihr euch über mich lustig macht (ja, ich bin nun mal ein Meter achtundsechzig).
Eine meiner liebsten Erinnerungen ist, wie du und ich zusammen Fußball spielten. Wir sind über das Schultor geklettert, haben die Tore rausgerollt und die beste Runde gekickt, die die Welt je gesehen hat (ich glaube, ich habe 10:9 gewonnen). Als wir nach Hause kamen und an die Haustür klopften, waren wir von Kopf bis Fuß dreckig. Ich werde nie Mums Reaktion vergessen: »Was zum Teufel habt ihr beide angestellt?!« Wir sahen einander an und prusteten los.
Alle meine Hoffnungen, Träume und Pläne für dich haben sich erfüllt. Bleib, wie du bist, denn du bist brillant. Du verkörperst, was deine Nana immer gesagt hat: »Niemand steht je über dir, und niemand steht je unter dir.« Bleibe immer dir selbst treu. Der einzige Rat, den ich dir jemals geben könnte, ist, weiter das zu tun, was du tust, und immer lernbereit, offen und ehrlich zu bleiben. Ich liebe dich so sehr, du bist einer meiner besten Kumpel. Ich liebe dich bis zum Mond und zurück – für immer.
Alles Liebe, Dad
DJ, Musikproduzent und Graffitikünstler Goldie, 61, schrieb an Sohn Jamie, der wegen Mordes verurteilt wurde.
© Gonzales Photo, Michael Hornbogen, www.imago-images.deGoldie, 61, Musikproduzent & Künstler
Lieber Jamie, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, mein Sohn. Ich habe dir nie einen Brief ins Gefängnis geschrieben. Es hat sich nie richtig angefühlt. Vielleicht, weil ich tief in meinem Inneren nicht wusste, wie. Vielleicht weil ich nie wirklich gelernt habe, ein Vater zu sein. Meine Mum und mein Dad waren nie für mich da, und ich schätze, ich habe das ungewollt fortgeführt.
Aber eines muss ich klar sagen. Ich war immer stolz auf dich. Immer. Seit dem Tag deiner Geburt. Als wir dich bekamen, war das Leben ein Chaos, aber es gab auch sehr schöne Momente. Wie du in diesem kleinen Jeans-Outfit in der Siedlung herumgelaufen bist, mit der Beanie auf dem Kopf und dem Babyschmuck, den ich aus Miami mitgebracht hatte, das passte perfekt, richtig cool. Vielleicht lag das auch an meinem Ego, aber du warst der kleine Star der Siedlung.
Als ich und deine Mutter uns verkrachten, veränderte sich alles. Es war ein Chaos, und ich bin nicht gut damit umgegangen. Ich dachte, es wäre richtig, nach Amerika zu gehen, dort Frieden zu finden und mich der Kunst zu widmen. Aber tatsächlich war ich auf der Flucht. Ich dachte, du wärst sicher bei deiner Mum in der Siedlung, aber mir entging, wie schnell sich alles wandelte.
Ich erinnere mich immer noch daran, wie ich etwas auf den Fußweg bei deiner Schule, auf dem du jeden Tag gelaufen bist, gemalt habe. Als diese Schule geschlossen wurde, zerbrach etwas in mir. Sie war das Herz der Siedlung, und man konnte sehen, wie mit ihr die Seele dieses Ortes starb. Und weißt du was, Jamie, ich glaube, das brachte so viele dieser Probleme ins Rollen. Den Druck. Den Wahnsinn. Wie die Kids verschiedener Siedlungen plötzlich übereinander herfielen. Davor waren es ein paar Raufereien, ein blaues Auge, eine aufgeplatzte Lippe, und damit war alles vergessen. Aber das veränderte sich.
Irgendwann wurden daraus Kämpfe auf Leben und Tod. Von null auf hundert. Er oder ich. Ich habe es nie wirklich als das erkannt, was es war, bis du es aussprachst: Entweder er oder ich, Dad. Das traf mich hart. Weil mir klar wurde, dass es nicht nur um Gewalt ging oder um eine Wahl, die man hatte. Es gab keine Alternative. Keinen Spielraum. Keinen Ausweg. Als ich in deinem Alter war, hatten wir Jugendclubs, Breakdance, Graffiti, Musik. Wir hatten Orte, an denen wir diese ganze Energie und den ganzen Schmerz rauslassen konnten. Das hat mich gerettet, Jamie. Die Kunst hat mich gerettet. Sie erlaubte mir, das ganze Chaos in mir loszuwerden. Deshalb bin ich immer noch hier.
Aber was haben die erwartet, was passieren würde, wenn sie die Schulen und die Jugendclubs schließen und die Finanzierung streichen? Sie rissen diesen Gemeinschaften das Herz heraus und schoben anschließend die Schuld für das ganze Blut auf den Herzschlag. Ja, an unseren Händen klebt Blut. Aber es ist nicht nur deines, mein Sohn. Eine ganze Generation hat versagt. Ein Land hat euch Jungen den Rücken zugekehrt und war dann schockiert, dass es auf den Straßen brannte.
Ich sage das nicht als Ausrede. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich jetzt das Gesamtbild sehe. Und ich sehe dich darin nicht als Monster, nicht als Fehler, sondern als Teil von etwas viel Größerem, das schiefgelaufen ist. Dann kam der Anruf. Der mir mitteilte, dass mein Sohn jemanden umgebracht hatte. Jamie, das brach mir das Herz. Ich konnte nur noch an diese beiden Türen denken – eine wurde von deiner Mutter geöffnet, die erfuhr, dass ihr Sohn wegen Mordes gesucht wurde; die andere von einer Mutter, der gesagt wurde, dass ihr Sohn tot war. Für zwei Mütter war an diesem Tag alles vorbei. Das lastet bis heute auf mir.
Ich habe dich lange nicht besucht, weil ich wütend war – nicht nur auf dich, sondern auf mich selbst. Denn wenn ich dich ansah, erblickte ich das schlaue Kind, das immer mit mir zusammen malte, das Funkeln in deinen Augen, das Lachen. Es gibt ein Foto von uns, auf dem ich über dich gebeugt bin, während du deinen kleinen Schlafanzug anhast und malst. Es berührt mich immer noch.
Als du zu mir nach Hertfordshire kamst, um bei mir zu bleiben, habe ich versucht, dir meine Welt zu zeigen: die Schallplatten, die Hunde, die Kunst. Ich dachte, ich könnte dich vielleicht aus Schwierigkeiten raushalten und auf neue Ideen bringen. Aber der Ruf der Straße war immer stärker, so wie bei mir in meiner Jugend. Und als die Polizei kam und fragte, ob ich dich gesehen hätte, und sagte, du seist auf der Flucht – dieses Gefühl kann ich gar nicht beschreiben. Der ganze Erfolg, das Haus, das Geld … nichts davon zählte.
Ich hatte beim Wichtigsten versagt. Du kennst den alten Spruch: Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber man kann es nicht zum Trinken zwingen. So fühlte ich mich. Ich habe es versucht, aber vermutlich nicht auf die richtige Art. Vielleicht habe ich einfach nicht gewusst wie. Aber ich habe gesehen, dass du dich da drinnen veränderst, Jamie. Ich habe es gespürt, als wir miteinander sprachen. Du bist innerlich ruhiger geworden und verstehst mehr. Die Gruppen, die du besuchst, und die Bücher, die du liest, helfen dir, das merke ich. Deshalb möchte ich dir mehr Bücher schicken. Sie können zu dir sprechen, wie es die Kunst mit mir getan hat.
Du hast kürzlich etwas gesagt, das mir naheging: Du hast Angst vor deiner Entlassung. Ich verstehe das jetzt. Nach einer so langen Zeit der Gefangenschaft ist die Vorstellung seltsam, wieder in Freiheit zu leben. Es wird ungewohnt sein, aber du wirst wieder auf die Füße kommen. Einen Schritt nach dem anderen, Sohn. Du wirst es schaffen.
Du glichst mir schon immer aufs Haar. Jeder sagt das. Das Aussehen, das Lachen, die Art, wie du dich bewegst. Du bist durch und durch mein Sohn. Und ich liebe dich. Ich habe dich immer geliebt. Auch wenn ich es nicht gesagt oder gezeigt habe. Vielleicht sollte ich meinen nächsten Brief damit beginnen, anstatt ihn damit zu beenden.
Ich liebe dich, Jamie, aus tiefstem Herzen.
Anonym
Tom. Ich habe nie eine Umarmung von meinem Dad bekommen, und ich bin sicher, dass auch er nie eine Umarmung von seinem bekam. Ich liebe ihn sehr, aber er war kalt und zeigte nie seine Gefühle. Es ist nicht sein Fehler, so war es eben. Leider scheine ich das geerbt zu haben.
Ich habe in den letzten Jahren versucht, ihn zu umarmen. Er mag es nicht, ich auch nicht, es fühlt sich alles falsch an, deshalb geben wir uns weiter die Hand. Als du dich nach Weihnachten verabschiedet hast, wolltest du mir die Hand geben. Nach einer unangenehmen Pause umarmte ich dich. Es war unangenehm, aber ich musste es tun. Ich erinnere mich nicht, wann wir das zum letzten Mal getan haben.
Es beschämte mich, nicht zu wissen, wie ich meinen eigenen Sohn umarmen sollte. Ich werde dich wieder umarmen und nicht damit aufhören. Eines Tages wird es sich hoffentlich normal anfühlen. Es ist nicht deine Schuld, sondern meine. Halte die Menschen, die du liebst, nah bei dir. Zeig ihnen deine Gefühle, keine Schutzmauern, wie ich sie um mich herum errichtet habe.
Dad
Steckbrief
Stephen Graham
Stephen Graham, geboren 1973 in Kirkby bei Liverpool, ist ein britischer Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler. Bekannt wurde er durch „Snatch“, „This Is England“, „Boardwalk Empire“, „The Irishman“ und „Yes, Chef!“.
Seinen bislang größten Erfolg feierte er als Hauptdarsteller, Co-Autor und Produzent der Miniserie „Adolescence“, für die er unter anderem drei Emmys, einen Golden Globe und zwei BAFTA TV Awards erhielt. 2023 wurde Graham für seine Verdienste um das Theater zum Officer des Order of the British Empire ernannt.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 43/2026 erschienen.
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