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Sloterdijk: „Der Liberalismus, wie wir ihn kannten, wird nicht zurückkommen“

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Peter Sloterdijk

Der Philosoph Peter Sloterdijk spricht über die neue Ordnung des Welthandels, das Ende des Liberalismus – und erklärt, wie die Tech-Konzerne Verlierer der eigenen Disruption werden könnten.

News auf Google bevorzugen

Ein Dorf im südfranzösischen Département de la Drôme, dort, wo die Region langsam in die Provence übergeht. Peter Sloterdijk, 78, bewohnt dort im Sommer ein Landhaus, irgendwo weit im Hinterland. Kein Meer, kein Jetset, keine Palmen. Stattdessen Hügel, Lavendel, Sonnenblumen. Nur ab und an will er – Die Ärzte! Die Post! – kurz seine Berliner Wohnung aufsuchen. Und mal nach Paris, die Füße vertreten.

Erholung sei in diesem Sommer, findet Sloterdijk, ganz besonders nötig. Die Zeiten sind aufgewühlt. Und das macht auch was mit einem Philosophen, der sich immer wieder gern an den aktuellen Verhältnissen reibt.

Gerade hat er eine viel beachtete Rede im Pariser Pantheon gehalten. Dort, wo Frankreichs Große ruhen, sollte er sich – einer der wenigen Deutschen, denen diese Ehre zuteilwurde – mit dem Wirken Victor Hugos beschäftigen. Sloterdijk hat es geschafft trotz verzwickter Zeiten, auch in diesen Kontext ein Zeichen unerschütterlicher Zuversicht zu senden, was in dem Satz gipfelte: „Auch in einer Welt von Rückfällen setzt eine Realpolitik der Humanität sich geduldig durch.“

Zuvor war er drei Monate in Deutschland auf Diskussionsreise. Im März hatte er sein neues Buch veröffentlicht, das voll hineinkam in die Aktualität. Es geht um die Neigung moderner Herrscher zum brutalen Fürstensein. Sloterdijk hat dafür in Niccolo Macchiavelli gelesen, dessen Werk „Der Fürst“ als Standard für alle bösartigen Führermenschen dient und auch für solche, die es werden wollen. Aufs Cover hat der Suhrkamp Verlag, der Sloterdijk seit Menschengedenken verlegt, einen Donald Trump gedruckt – in der Renaissance-Kleidung des skrupellosen Papstsohnes Cesare Borgia. Das Buch verkauft sich entsprechend gut – mehr als 35.000 Mal, sagt Sloterdijk, als er das Handelsblatt in seinem französischen Domizil empfängt.

Die Menschen hatten viele Fragen an ihn. Auch einige, die ihn erstaunt haben. „Es wird hochselektiv gelesen“, sagt Sloterdijk, während er am Wohnzimmertisch des Hauses sitzt. Draußen pfeift der Mistral und macht ein Terrassengespräch unmöglich. „Dass Menschen aus einem überschaubaren Buch nur jenen Seiten Eingang in sich selbst erlauben, die zu ihrem Mindset passen“, das finde er schon verwunderlich.

Dabei überrascht es nicht, dass sich die Deutschen den Geistesmenschen Sloterdijk als Referenzpunkt zur Meinungsbildung suchen. Seit dem Tod von Hans Magnus Enzensberger und von Jürgen Habermas fehle der deutschen Debatte ein intellektuelles Kraftzentrum, beklagte Die Zeit jüngst. Außer Sloterdijk bleibt da nicht viel.

Das viel diskutierte Thema seines Fürstenbuchs, der Aufstieg der Autoritären in aller Welt, hat Sloterdijk innerlich schon abgehakt. Auch die innenpolitischen Wirren der Bundesrepublik scheinen hier im französischen Sommerexil weit weg, Sloterdijk winkt bei Fragen nach Merz oder gar Klingbeil ab. Zu klein das alles, signalisiert er. Grundsätzlich wird er im Gespräch dann doch darauf zurückkommen. Eigentlich aber treiben ihn die großen Themen unserer Zeit um: die Schwäche der Demokratie, das Comeback der Geopolitik und die Auswirkungen der KI-Revolution. Darauf will er Antworten finden, aber anders als so viele Betrachter in diesen Tagen nie der Versuchung zur apokalyptischen Weltsicht erliegend.

In der Wirtschaft, vor allem bei der älteren Arbeiterschaft, sammelt sich psychopolitischer Sprengstoff an

Peter Sloterdijk

Herr Sloterdijk, die Deutschen erleben gerade gravierende Gründe für Verunsicherung: Das deutsche Geschäftsmodell erodiert, der Glaube an die bisherige Friedensordnung schwindet, Künstliche Intelligenz definiert das Verhältnis von Arbeit und Kapital neu, und aufsteigende autokratische Tendenzen gefährden Demokratien. Welches der Probleme würden Sie priorisieren?

Man muss sich erst einmal klarmachen, dass die Erzählströme, die vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die Gegenwart reichen, die lokalen Identitäten stark geprägt haben. Dabei ging es, aufgrund der Kriegsniederlage, von Anfang an auch um ein traumatisches Erbe.

Das ernsthaft bis heute reicht?

Es war ein sehr tiefer Einschnitt, als im November 1918 auf französischem Boden die Kapitulationsurkunde unterschrieben wurde, während man in Berlin die Republik ausrief. Die meisten Deutschen hatten keinen einzigen feindlichen Soldaten auf heimischem Boden gesehen, für sie war die Niederlage weiterhin schwer vorstellbar. An dieser Verlegenheit konnte die „Dolchstoßlegende“ anknüpfen, wonach meuternde Matrosen in Kiel und andere Rebellen das Land um den nahen Sieg betrogen hätten. Um diese absurde Kernspule wurden die faschistischen Fäden gesponnen. Niederlage-Leugnung ist der Stoff, aus dem Faschismus gemacht ist.

Eine Erzählung dieser Art wird seit einer Weile auf die deutsche Wirtschaft übertragen: Arbeiter und Unternehmer fühlen sich um die Früchte eigener Anstrengungen gebracht, weil deutsche Verbrenner-Autos, Maschinen oder Chemikalien global nicht mehr so gefragt sind.

In der Wirtschaft, vor allem bei der älteren Arbeiterschaft, sammelt sich psychopolitischer Sprengstoff an. Man denkt unweigerlich an Friedrich Dürrenmatt: „Die Welt ist eine Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht verboten ist.“

Und durch die neue Rechte gibt es in den meisten westlichen Ländern ausreichend Kandidaten, die mit der glimmenden Zigarette durch die Fabrik laufen.

In diesen Kreisen ist nach wie vor protofaschistisches Material am Werk. Durch ressentimenthaltige Erzählungen wickeln sie die Spule wieder auf.

Was wäre ein geeignetes Mittel der politischen Mitte, um gegenzusteuern?

Politiker müssten heute mehr psychopolitische Grundkenntnisse vorweisen. Doch das gehört nicht zu ihrer Ausstattung.

Woran machen Sie das etwa konkret fest?

Vergessen Sie nicht das Dilemma der Einwanderung. Es zeigt, dass das Nötige zugleich das Unmögliche ist. Nach jahrzehntelangem Lavieren haben wir uns offiziell dazu bekannt, ein Einwanderungsland zu sein. Jetzt stellt sich heraus, dass man in das Trauma der Einheimischen und in die Schuldkomplexe eines Kollektivs schlecht einwandern kann. So haben wir es plötzlich mit fröhlichen Holocaust-Ignoranten zu tun, die uns auf den Kopf zusagen: „Das ist doch allein euer Problem!“ Andererseits haben sie nicht wenige Anhaltspunkte für mitgebrachten Antisemitismus in ihren Einreisepapieren …

In Ihrem neuen Buch schildern Sie, mit Verweis auf den Machttheoretiker Niccolò Machiavelli und sein Buch „Der Fürst“, dass politische Führer dieser Tage es lernen müssten, bewusst nicht gut zu sein, um so ihre Spielräume zu erweitern und zu festigen. Ist die Fähigkeit, „das Böse“ zu begehen, als ein allgemeines Regierungskonzept zu verstehen?

So direkt kann man das wohl nicht sagen. Machiavelli weiß, dass er in einer christlich codierten Zivilisation lebt, in der der Mensch als erbsündiges Wesen vorverstanden wird …

Sie meinen die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies?

In der christlichen Anthropologie wird der ursprüngliche Mangel durch ein Heils- und Erlösungsangebot kompensiert. Bei Machiavelli wird Heil fast kommentarlos durch „Erfolg“ ersetzt. Der kaltblütige Florentiner lässt die religiöse Dimension beiseite. Für Politiker reklamiert er sogar eine Sonderportion an Bösesein-Können. Das ist bemerkenswert: Setzt man die korrupte Natur des Menschen voraus, wozu dann noch so eine Art von Diplom-Bosheit für Politiker? Jedenfalls hatte Machiavelli begriffen, dass ein neues Kapitel in der Geschichte der fürstlichen Künste begonnen hatte. Nicht mehr nur Könige aus alten Häusern, sondern auch Neuankömmlinge, Arrivisten, Eroberer aus dem Nichts können künftig im Staat den oberen Pol der Machtvertikale besetzen.

In modernen Gesellschaften galt durchweg, dass Macht nur auf Zeit verliehen wird – auf der Basis demokratischer Mehrheiten. Nun kommen aber Leute wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan, die sich mit demokratischen Mitteln Mehrheiten organisieren, dann aber zur Selbstkrönung auf Lebenszeit übergehen möchten. Spricht das nicht eher für Defizite der Demokratie als fürs Überhandnehmen der Bosheit?

Solange man sich an der Doktrin orientierte, wonach alle Obrigkeit von Gott ist, musste man bei den persönlichen Antrieben der Herrschenden nicht allzu genau hinsehen. Mit Hobbes, Locke und Rousseau* und ihren Vertragstheorien hat sich das geändert. Fortan arbeitet man mit der Fiktion, der Herrscher habe mit seinen Untertanen, die selbst die primären Träger von Souveränität wären, eine Summe von einzelnen Verträgen geschlossen.

Dieser Vorgang der fiktiven Souveränitätsabtretung trägt das Potenzial zu einer Diktatur in sich. Schon das alte Rom hatte die „Diktatur auf Zeit“ gekannt, vor allem wenn das Vaterland in Gefahr war. Man stattete einen einzelnen Feldherrn für drei oder sechs Monate mit dem Oberbefehl („Imperium“) aus, der nach der Erfüllung des Auftrags wieder zurückgelegt wurde – die Pflicht zur Rückgabe der Macht gehörte von Anfang an zum Amt des Diktators. Als sich in der Kaiserzeit der Titel Cäsar durchgesetzt hatte, war den Herrschenden klar geworden, dass man sie nicht mehr zum Rücktritt zwingen konnte – und niemand trat mehr zurück. Ermordet wurde so mancher, freiwillig abgetreten ist keiner mehr.

Demnach gäbe es eine historische Achse: Cäsar-Napoleon-Trump?

Wenn man historische Achsen sucht, müsste man früher beginnen, genauer: bei den persischen Königen. Aber der Weg von den orientalischen Despoten zu einer Figur wie Trump läuft in neuerer Zeit vor allem über Benito Mussolini, das heißt über das moderne Delirium, das seit anderthalb Jahrtausenden zerstückelte Italien wieder zu einem Imperium zu machen. So gut wie immer ist es das große kaiserliche „Imperium Romanum“, das aus der Antike grüßen lässt.

Die Losung „Make America great again“ steht wohl für eine analoge Ambition.

Seit 1922 konnte man wissen, dass Italien eher von einem Clown als von einem neuen Cäsar regiert werden würde. Das hätte man auch von der Episode Berlusconi erneut lernen können. Er war das europäische Analogon zu Trump. In puncto Clownokratie hatten wir Europäer ein Prius: Berlusconi hat Trump vorweggenommen.

Der wirkte, rückblickend gesehen, im Vergleich zu Trump nahezu seriös-professionell.

Er besaß das Privat-TV im Land, während der Amerikaner nur ein glückloser Bauunternehmer war, den es als Entertainer ins Fernsehen verschlagen hatte. Beide sind hochvirulente Beispiele für Machiavellis Grundentdeckung, dass der obere Pol der Machtvertikale zu einer sehr variablen Position geworden ist. Für die stehen inzwischen viele Namen zur Verfügung, von „Autokrat“ bis „Großmogul“. Man diskutiert mittlerweile sogar wieder, wie einst bei dem Hitler-freundlichen Staatsrechtler Carl Schmitt, ob ein Diktator nicht auch als ein authentisch moderner Souverän verstanden werden könne, das heißt der Herr des Ausnahmezustands.

Auch Trump argumentiert bei seinen vielen Dekreten mit dem „Ausnahmezustand“. Und er zeigt zunehmend monarchische Züge, etwa wenn er einen Triumphbogen plant und zum 80. Geburtstag vor dem Garten des Weißen Hauses Extremkämpfer antreten ließ.

Wenn man Bilder aus Washington sieht, sollte man wissen: Dort läuft seit einer Weile eine politische Oper im klassizistischen Stil. Auch die Kulisse macht den großen Mann. Im Übrigen hätte Emmanuel Macron den US-Präsidenten nicht durch Paris führen dürfen, er hätte vorhersehen sollen, dass sein Gast auf das imperiale Dekor eifersüchtig werden würde. Als Trump den Arc de Triomphe de l’Étoile sah und den großen Ballsaal im Elysée, hat ihn der Blitz getroffen. Das alles musste er nun auch haben.

Aber das Oval Office im Weißen Haus galt doch auch so als mächtigste Schaltzentrale der Welt.

Das Weiße Haus war nie ein ernst zu nehmender Palast, sein bescheidenes Format war ein Manifest der amerikanischen Verfassung in ihrem ursprünglichen Design. Anfangs war auch das Amt des US-Präsidenten eher ein Überbaueffekt – ein Schattenspiel nach der Abschaffung der monarchischen Funktion. Die politische Musik spielte in den Bundesstaaten, nicht in Washington. So haben es die Verfassungsväter gewollt. Geht man von diesen Beobachtungen aus, bedeutet das ganze 20. Jahrhundert einen in Zeitlupe ablaufenden Staatsstreich Washingtons gegen die Staaten: Die Bundeshauptstadt wurde übermächtig, ihre Präsidenten, ihre Steuereintreiber, ihre Währungshüter, ihre Richter und der ganze Federal-Apparat wurden wichtiger, als sie anfangs sein sollten.

Trump kommt wie ein zufällig angeworbener Provinzschauspieler daher, der eine zu große Rolle bekleidet

Peter Sloterdijk

Trump gab vor, das alte Amerika von Washington aus zurückerobern zu wollen.

Aber er kommt wie ein zufällig angeworbener Provinzschauspieler daher, der eine zu große Rolle bekleidet. Er hat den Unterschied zwischen einem König und einem Präsidenten nie verstanden. Im Übrigen ließ das im 18. Jahrhundert erbaute, 1863 erweiterte Kapitol von Washington mit seiner rhetorisch vielsagenden Kuppel schon früh protoimperiale Reflexe ahnen. In dieser Tradition ist Trumps Agieren zu verstehen: Er sieht in Washington nicht die erste Stadt eines paritätisch gesinnten Staatenbundes, sondern die Residenz eines Monarchen.

Ist es nicht eine starke Ironie, dass Trump vor allem von Leuten gewählt wurde, die genau dies nicht wollten?

Europa hat solche Effekte am Beginn des 19. Jahrhunderts vorexerziert: In allen Ländern, in die Napoleons Armeen eingedrungen waren, kamen in der Folge antiliberale Tendenzen obenauf, allenthalben spaltete sich das nationale Motiv vom liberalen ab. Man kann die Liste durchgehen: Spanien, Italien, Österreich, Preußen, Russland – egal, wo französische Truppen gewesen waren, dominierten später die lokalen Rückstoßbewegungen. Man könnte diesen Effekt ins 21. Jahrhundert übertragen. Wo die amerikanischen Truppen anwesend waren oder sind, regen sich Aversionsbewegungen. Der Charme des American Way of Life, wenn er nicht ganz gebrochen ist, wirkt stark rückläufig.

Das Ende des Westens, wie wir ihn kannten?

Aus dem Niedergang Amerikas könnte bei uns eine Re-Europäisierung folgen. Amerika hat seine beste Zeit offensichtlich hinter sich, damals, als sich die Globalisierung mit liberaler Freihandelspolitik noch gereimt hat. Das Land, das von dieser Weltordnung am meisten profitierte, zeigt nun am schnellsten seine Erschöpfung.

Zum Ende der liberalen Ordnung gehört auch, dass einstige Verfechter der freien Wirtschaft sich um Trump drängen wie um den „hohlen Thron“, um Sie zu zitieren.

Dieser Pakt ist erst nachträglich entstanden. Eigentlich war Trump ein Showmaster, der einem breiten TV-Publikum bekannt war, bevor er dem ersten Tech-Milliardär die Hand schüttelte. Seine Macht beruhte zunächst auf einem Sog innerhalb der Republikanischen Partei – er führte zur Unterwerfung unter ein pseudo-charismatisches Führungsmodell. US-Parteien waren ja immer schon Präsidentenwahlvereine; hier aber hat die Partei, von einigen nennenswerten Ausnahmen abgesehen, eine Art von politischem Selbstmord begangen, indem sie sich den Launen ihres zugelaufenen neuen Anführers unterwarf.

Die Tech-Industrie spendete reichlich Geld für Trumps Wahlkampf*, sie ließ den nach dem Sturm aufs Kapitol im Januar 2021 gesperrten Trump wieder auf Social Media vorkommen und brachte sogar eine wichtige Zeitung wie die Washington Post, die Amazon-Gründer Bezos gehört, auf Kurs.

Das Bündnis mit der Großtechnologie folgte in der zweiten Runde. Jemand wie Elon Musk war ein Trump-Verächter, bevor er den Beweis für seine Wendigkeit lieferte. Trump ist kein Mann des Silicon Valley, kein Kind Kaliforniens, eher ein Südstaatler …

… der lieber auf seinem Golfresort in Mar-a-Lago in Florida residiert als im Weißen Haus.

Für ihn ist eine ganz andere Psychologie zuständig. Politik und Tech-Welt arbeiten jetzt im Übrigen nach dem Marionetten-Modell zusammen. Die Tech-Milliardäre haben sich dem Präsidenten angebiedert unter der Prämisse, dass es ihnen gelingen werde, bei ihm die Schnüre zu ziehen, ohne dass er es merkt. Sie haben die Gesetze des Magnetismus unterschätzt, des metallischen wie des politischen – dass man zwei Pluspole nicht zusammenzwingen kann. Je näher sie sich kommen, desto stärker stoßen sie sich ab.

Ein folgenschwerer Irrtum also?

Eher ein Irrtraum. Wer sich zum Tech-Magnaten erhoben hat, kommt leichter auf die Idee, man könne auch den trägen Apparat einer Weltmacht zu einem Werkzeug, ja zu einem Spielzeug machen. Da liegt ein Hauch von Doktor-No-Fantasien in der Luft.

Weil Leute wie diese generell zu Allmachtsfantasien neigen?

Ich meine eher, die mentalen Exkursionen der Silicon-Valley-Bengel hängen von einer Erfahrung ab, die man als eine Art „Positiv-Trauma“ beschreiben könnte. Man wird aus der gemeinsamen Realität herauskatapultiert, wenn sich die eigenen Aktien ein ganzes Jahr lang Woche für Woche an Wert verdoppeln – das ist der Paypal-Effekt. Danach bist du kein gewöhnlicher Mensch mehr, du bist ein von einem mathematischen Blitz gestreiftes Monstrum, ein Auserwählter der Zahlen.

Sie reden von Musk, der schon wiederholt zur Wahl der AfD aufgerufen hat, sowie vom Investor Peter Thiel, der den Vizepräsidenten J.D. Vance finanzierte und im Sinne des französischen Philosophen René Girard die These propagiert, ein klug geführtes Monopol sei eine gute Sache, der Wettbewerb hingegen am Ende nur etwas für Verlierer.

Alles hochverschraubte Übersetzungen! Die Gedanken Girards sind bei Thiel nicht leicht wiedererkennbar. Man merkt nur, dass er sich in einer von fern betrachtet ähnlichen mentalen Landschaft bewegt. Immerhin gibt es bei Thiel ernst zu nehmende Motive.

Der Mann gilt in ganz Europa als gefährlich …

Thiel ist auf dem Umweg über Girard zu dem Thema der mimetischen Konkurrenz gekommen …

… wonach jeder einen anderen Erfolgreichen nachahmt, sodass es unweigerlich zu Rivalitäten kommt, und aus diesen fließt dann unvermeidlich die Gewalt. Girard meinte allerdings, durch eine christliche Aufklärung ließen sich die Gewaltmechanismen aufheben.

Bei Girard-Epigonen geht es um die Dynamik von Eifersuchtswettbewerben, die das Niveau der Weltpolitik und damit der möglichen apokalyptischen Endkämpfe erklommen haben. Mit Blick auf Thiel und Musk darf man sagen: Der eine hat in einen theologischen Spiegel geschaut, der andere in einen mathematischen. Beide haben düstere Visionen, sie geben die Sache der Menschheit in ihrer bisherigen Form verloren, sie halten den Humanismus für eine Mystifikation. Sie bilden eine kleine diabolische Minderheit, die es mit ihrem schwarzen Realismus fertigbringt, den Rest der Welt zu irritieren.

Wirklich nur eine kleine diabolische Minderheit? Bei Peter Thiel und J.D. Vance wird doch das Religiöse als Machtkategorie wieder so dominant, dass man in ihnen eher Vorboten einer neuen, explosiven Vermischung von Politik und Religion sehen sollte.

Vermischungen dieser Art hat es im frühen 20. Jahrhundert häufig gegeben, sie waren in den USA chronisch virulent – man muss ja nur Conor Cruise O’Briens Buch „God Land“ von 1988 zur Hand nehmen. Auch andere haben politische Theologie getrieben. Von dem christlichen Faschisten Iwan Iljin – einem Russen, der im Schweizer Exil lebte – stammt die Idee, jeder, dem es mit der Rechtgläubigkeit ernst ist, solle seinen „inneren Kreml“ befestigen. Die vormaligen Schwärmer von Eurasien, diesem Block aus Großrussland mit dem europäischen Annex, sind wieder aktiv, für sie bildet die Landmasse auf der Nordhalbkugel das kulturelle und spirituelle Kernland der Welt. Eine Figur wie der vorgeblich Putin-nahe Alexander Dugin ist allerdings bloß ein Epigone von Halford John Mackinder und Carl Schmitt, den Vertretern der guten alten Geopolitik.

Das wäre eine philosophische Zeitenwende, die Sie beschreiben.

Figuren wie sie sind zur Stunde in aller Welt wieder am Mikrofon – sie dozieren wie am Ende des 19. Jahrhunderts, dass die Erde eine verfluchte Kugel ist – man muss sich beeilen, sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen zu sichern. Sie hatten Erfolg mit ihrer Suggestion, dass die Erde, als endlicher Planet, für die unendliche Gier ihrer mächtigsten Bewohner zu klein ist. Ihre schlechte Nachricht hat nie ganz aufgehört zu wirken: „Es reicht nicht für alle.“ Schon Zbigniew Brzezinski hatte in seiner ominösen Schachbrett-Theorie beschrieben, wie die maritimen Mächte, zuerst das britische Empire, dann die USA, die Territorialmächte im eurasischen Kernland einkreisen und bei ihnen unvermeidlich eine defensive Paranoia auslösen – mitsamt den entsprechenden Fantasmen vom nötigen Gegenangriff. Dieses Spiel wird in unseren Tagen von umlackierten Akteuren wiederaufgenommen.

Mit welchen Konsequenzen?

Jetzt müssen auch die Macher in Kalifornien schnell Geopolitik lernen – und Schmitt oder Karl Haushofer lesen.

Weil die technologische Macht nur so groß ist wie die hinter ihr stehende geopolitische Agentur?

Die geopolitische Debatte wird seit jeher vor dem Hintergrund einer Endlichkeitspanik geführt. Der Imperativ heißt immer: rechtzeitig die eigenen Zeichen aufstellen, bevor die anderen da sind. Die Zeichen, das waren bei den alten Portugiesen ihre Padraos, die steinernen Totempfähle mit einem christlichen Symbol darauf. Andere haben die Fahnen ihrer Monarchen an den Küsten der Kolonien aufgepflanzt, um Besitznahme zu symbolisieren. Als die Monarchien begriffen hatten, dass die Erde keine Scheibe ist, sondern wirklich eine Kugel mit endlicher Oberfläche, kam die panische Sorge auf, in den Wettläufen um Beute und Ressourcen zu kurz zu kommen. Heute platzieren die Milliardäre ihre diskreten Fähnlein auf jedem Hektar Territorium, der noch zu haben ist …

Oder stellen sie auf den Mars.

Andernfalls platzieren sie ihre Fahne 4.000 Meter unter der Meeresoberfläche, so wie die Russen am Nordpol*. Zudem wird aufgekauft, was das Zeug hält. Land vermehrt sich aber nicht, es sei denn, es wird eine künstliche Insel aufgeschüttet, was an kontinentalen Dimensionen gemessen nicht mehr als eine Anekdote bedeutet. Das Ergebnis ist eine erneute Endlichkeitspanik. Im Grundbuch der Erde ist derzeit sehr viel Bewegung. Die luftigen Milliarden der Investoren und des Tech-Business wollen irgendwo angelegt werden, als ob es echtes Geld wäre.

Die Rationalität der neoliberalen Ära hatte sich aus der Globalisierung ergeben: Sie predigte die Verbesserung der Wachstumschancen für alle Marktteilnehmer. Inzwischen ist die Logik der Geopolitik wieder dominant geworden. Staaten wie China setzen im Kampf um die Weltherrschaft ihre Wirtschaft konsequent als Waffe ein.

Mit dieser Art von Nachahmung hat die nach 1945 von den USA gelenkte Sphäre, oft „der Westen“ genannt, nicht gerechnet. Inzwischen musste man begreifen, dass die viel gelobte und viel gescholtene Globalisierung das letzte goldene Zeitalter des Liberalismus war …

… der zurzeit pausiert oder an sein Ende gelangt ist?

Der Liberalismus, wie wir ihn kannten, ob „neo“ oder nicht, wird nicht zurückkommen. In seiner Blütezeit sollten im Zuge des allgemeinen Wachstumsglaubens auch zurückgebliebene Nationen aufholen. Er beruhte, freundlich gedeutet, auf einem Akt interessierter Generosität der USA, der während einiger Jahrzehnte viele Anhänger fand. Alle, bis auf ein paar Neomarxisten, waren froh über die Konjunktur des Glaubens an Wachstum ohne Grenzen. Sie half, die latent weiterwirkende Knappheitspanik zu überspielen, die der Ära der Fossilenergetik ihre Antriebe lieferte.

Das änderte sich nicht zuletzt durch Xi Jinping, der seit 2013 als „überragender Führer“ der Volksrepublik China firmiert und wohl der erste Chef einer Großmacht war, der kein Interesse an ökonomischer Generosität mehr zeigen wollte.

Bis vor zehn Jahren wusste niemand – ein paar Physiker und Chipfabrikanten ausgenommen –, was das Wort „seltene Erden“ bedeutete. Die einzige seltene Erde, die wir kannten, war unser Planet. Nun hat sich bei den umkämpften Metallen die Endlichkeitspanik zurückgemeldet. Seltenheit wird zur scharfen Waffe im geopolitischen Gefecht.

Schutzgeld-Gefechte sind im Begriff, die Welt neu aufzuteilen – doch Politologen sagen lieber „ordnen“, wenn aufteilen gemeint ist

China kontrolliert global 90 Prozent der Produktion und Aufbereitung der seltenen Erden, die in wichtige Produkte wie Handys, Autobatterien oder Windkrafträder eingehen.

Es zeigt sich ein neuer Engpass-Mechanismus. Man kann jetzt geradewegs sagen: Hormus ist überall. Im Rückblick sollte man eher vom Suez- oder Panama-Paradigma sprechen. Man fuhr ja nie umsonst durch solche Kanäle. Schon früher war zu erahnen, dass es auf eine Bottleneck-Weltwirtschaft hinauslaufen wird, wenn nötig mit militärischen Mitteln. Trotzdem musste man den Ernstfall abwarten, um definitiv daran zu glauben. Die Amerikaner haben die Iraner darauf gebracht, dass sie die Atombombe gar nicht brauchen. Mit knappen Gütern macht man bessere Geschäfte, auch mit dem knappen Gut Durchfahrtsrecht.

Das Panama-Paradigma gehörte zur alten Weltordnung: Die Passage kostete zwar einiges, aber sie folgte transparenten Regeln. Steht der Hormus-Effekt für die neueren Verhältnisse, in denen die willkürliche Flaschenhalskontrolle zum machtpolitischen Hebel wird?

Schutzgeld-Gefechte sind im Begriff, die Welt neu aufzuteilen – doch Politologen sagen lieber „ordnen“, wenn aufteilen gemeint ist. Der Welthandel als Ganzes war immer politisch gelenkt, er wird heute offen mafiotisiert, militarisiert, zur Waffe gemacht. Man wird Handelskonvois künftig kaum ohne militärischen Geleitschutz losschicken können. Für Deutsche hat diese Einsicht einen bitteren Beigeschmack.

Wir hatten mit dem 2025 verstorbenen Horst Köhler einen Bundespräsidenten, der im Jahr 2010 laut darüber nachdachte, ob nicht Bundeswehrschiffe deutsche Handelsschiffe in der Region am Golf eskortieren könnten*. Damals galt das als militaristische Entgleisung, heute wäre es eine luzide Bemerkung. Man darf hierbei an Talleyrand erinnern: Wie er einst bemerkte, „Hochverrat ist nur eine Frage des Datums“, darf man jetzt anmerken, Skandale sind nur Produkte der Opportunität.

„Gewöhnliche Leute“ müssen angesichts der neuen Autokratien „Helden im Ertragen von Widersinn werden“, sagen Sie in den Schlussbemerkungen Ihres Buchs über die großen Männer unserer Zeit. Was heißt das? Weniger Nachrichten lesen, weghören, den Freundeskreis pflegen?

Ich denke an eine Regel alteuropäischer Lebensklugheit wie „Bene vixit, qui bene latuit“ – wer sich gut verborgen hielt, hat gut gelebt. Das hat sich von den Tagen Epikurs an bewährt. Wer es geschafft hat, sich in einer Lage „gemäßigter Missgunst“ bei Hof oder bei den Regierenden einzurichten, ist aus dem Schlimmsten heraus. Das impliziert: Keine Freundschaft mit amtierenden Politikern! Ein etwas anzüglicher Rat für Hauptstadtjournalisten.

Was kann denn Philosophie in unruhigen Phasen leisten?

Der Philosoph gleicht einem Lehrer, der Kindern das Zählen beibringt: Um eine Zahl zu erhöhen, wird er erklären, gibt es kein besseres Verfahren als die Operation „Plus eins“. Auf die Philosophie bezogen hieße das, immer um eine Dimension umfangreicher denken als bisher. Friedrich Nietzsche nannte es das Hauptgeschäft der Philosophie, der Dummheit zu schaden. Etwas vornehmer gesagt: gegebene Problembeschreibungen durch Erweiterung des Rahmens ändern.

Was sollte man demgemäß lesen und gelesen haben?

Es wäre gut, einmal im Jahr zu dem Aufsatz „Circles“ von Ralph Waldo Emerson aus dem Jahr 1841 zurückzukehren. Er beschreibt das lernende Leben als eine endlose Serie von sich ausdehnenden konzentrischen Kreisen. Das ergibt die Operation „Plus eins“ auf existenziellem Gebiet und erweist sich als eine anregende geistesmoralische Gymnastik. Zudem muss man mindestens alle zwei Jahre Kierkegaard lesen, vor allem seinen kleinen Essay von 1848 über den Unterschied zwischen einem Genie und einem Apostel.

Und schließlich Franz Kafka, um besser zu begreifen, worin die schwierige Lage von Nachrichtenüberbringern besteht. In der Parabel „Eine kaiserliche Botschaft“ stellt man Personen vor die Wahl, König oder Kurier des Königs zu werden. Nach Art der Kinder wollen alle Kuriere werden, und so laufen sie durcheinander und rufen, weil es keine Könige gibt, sich gegenseitig ihre sinnlos gewordenen Meldungen zu. Kafka lesen – das ist meine Empfehlung für Leute, die das Unglück haben, als Journalisten zu arbeiten.

In unserer Gesellschaft gibt es das Verlangen nach einer großen Erzählung, die den richtigen Weg in die Zukunft aufzeigt. Die Politik, sei es unter Olaf Scholz, den Sie gelegentlich als „taube Nuss“ bezeichneten, oder unter Friedrich Merz, hat bisher zu einer solchen Erzählung wenig beigetragen. Wäre sie, im Sinne einer Arbeitsteilung, nicht eher die Aufgabe von Philosophen?

Eher die von Aposteln. Doch fürs Apostolische sind unsere Theologen heute zu matt.

Papst Leo XIV. versucht in seiner jüngst erschienenen Enzyklika, den Leuten Wege zu zeigen, wie sie mit dem Voranschreiten der Künstlichen Intelligenz zurechtkommen.

Eine meiner Thesen lautet, dass die KI bei uns ja schon seit dem 18. Jahrhundert regiert. Man hat sie damals nur anders benannt: Bürokratie. Alexis de Tocqueville verdankt man den Nachweis, dass die bürgerliche Revolution lediglich die Tendenz des alten Staates vollendet hat, sich selbst allgegenwärtig zu machen. Nach der Revolution konnte er um ein Vielfaches besser durchgreifen als zuvor, er war nun bis hinunter ins kleinste Dorf präsent.

Plötzlich waren die Polizei und die Steuerbehörden überall um die Ecke. Die ältere KI regierte im Modus von staatlichen Institutionen. Über dieser Basis stocken wir eine weitere Stufe auf. Und plötzlich sehen wir uns selbst und unsere Seelen im Spiegel und fühlen uns anfangs nicht recht wohl. Irgendwann lesen wir einen KI-generierten Entwurf, den ein Computer im Nu ausspuckt, und geben zu: „Das könnte fast von mir selbst stammen.“

Sagen Sie sich das auch manchmal?

Kürzlich hat mir ein Freund einen fiktiven Katalogtext zu einer Kunstausstellung gesendet. Der war so gut gemacht, dass ich ihn beinahe akzeptiert hätte. Vielleicht hat ein allerletzter Lichtfunke gefehlt, das machte mich skeptisch.

Ist es nicht eine Illusion, dass die statistisch wahrscheinliche Reihenfolge von Buchstaben „intelligent“ sein soll? Nivellieren wir so nicht einfach alles zu Mittelmaß?

Man muss darauf gefasst sein, dass das Mittelmaß dank der Mitwirkung artifizieller Hilfen auf beachtliche Höhen steigen wird.

Nicht wenige befürchten, dass die KI irgendwann mehr weiß als Menschen und übergebührlichen Einfluss bekommt. Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn meint, der Transhumanismus sei einer der vier „apokalyptischen Reiter“.

Die neueren Entwicklungen betrachte ich eher wie ein Kind im Zirkus, das über Zauberkunststücke staunt. Meine Grundempfindung sagt mir, dass wir in das Zeitalter der universellen Parodie eintreten: Alles, was nachgeahmt werden kann, wird nachgeahmt werden. Entziehen kann man sich diesem Schicksal allenfalls durch Unauffälligkeit. Sobald man die Nase herausstreckt, kommt die intelligente Parodiemaschine und zeigt dir, wie es noch besser ginge. Offen bleibt die Frage, ob wir am Ende noch lachen werden.

Und: Werden wir lachen?

Wahrscheinlich nicht. Der Zwang, sich selbst zu steigern, bisher eine Sache von Kunst und Sport, bricht ins gewöhnliche Leben ein. Ab sofort sind wir alle nur noch Ausgangsmaterial für Enhancement-Prozeduren. Keiner genügt mehr sich selbst. Jeder bekommt eine Art Privat-Jenseits zugewiesen, in das hinein er sich mithilfe von KI steigern soll – doch nicht mehr wie ein Zehnkämpfer alten Stils, sondern wie ein junger Unternehmer, der Data-Mining mit sich selbst betreibt.

Alle, die nicht in Kalifornien sitzen und KI programmieren, werden auf die Rolle des Datenlieferanten reduziert?

Amerikareisende kennen den Begriff der „Fly-over-States“. Große Teile der Menschheit werden künftig, mental und kulturell, in solchen „Fly-over-Zonen“ leben – abgehängt von den Entscheidern. Die avanciertere Menschheit spielt jetzt im Achtelfinale der Intelligenz, die Deutschen sind im Sechzehntelfinale ausgeschieden.

Sie waren in diesem Deutschland drei Monate auf Diskussionsreise rund um Ihr Buch „Der Fürst und seine Erben“. Was haben Sie dabei gelernt?

Dass Menschen nur den Seiten eines Buchs Eingang in ihre Wahrnehmung erlauben, die zu ihrem Mindset passen, sogar bei einem ziemlich dünnen Werk. Ich hätte völlig andere Fragen erwartet, auch anderen Widerspruch. Zum Beispiel: Warum – wenn man die Ideen von Immanuel Kant ganz ernst nähme – wäre Demokratie nur in einem Kollektiv von Königen möglich?

Die Antwort, die ich nie geben musste, wäre gewesen: Sollte das Volk wirklich als Souverän gelten, müsste jeder erwachsene Einzelne sich auch hinreichend souverän verhalten können. Homöopathisch gedacht: In jedem Wähler sollte sich noch ein Molekül der königlichen Urtinktur nachweisen lassen – sonst hätte er sein Wahlrecht verspielt. Die Königsfunktion sitzt ja in der individuellen Urteilskraft.

Was aber, wenn die Urteilskraft durch eine Reihe von Verlusten verzerrt wird – Verlust des Arbeitsplatzes, der Aufstiegschancen, der Deutungshoheit?

Dann nimmt die Desidentifikation gegenüber den politischen Schicksalen des eigenen Gemeinwesens zu. Diese Art innerer Abwendung vom Öffentlichen ist in modernen Massengesellschaften ohnehin stark verbreitet. Das muss die Gesellschaft nicht unmittelbar beunruhigen: Oft ist Politik ohnehin nur erträglich, wenn nicht alles durchpolitisiert wird. Ohne die neutralen Räume wäre der Bürgerkrieg überall.

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Peter Sloterdijk

Das Gebilde „Demokratie“ ist ohne Zweifel fragiler geworden. Können wir uns da politikfreie Räume noch leisten?

Ohne solche Räume würde alles überpolarisiert, übermoralisiert, überagitiert. Glücklicherweise gibt es noch immer eine starke Partei von Nichtwählern. Für sie herrscht kein Fraktionszwang im Kopf. So bringen sie ein Element von Entpolarisierung ins gemeinsame Leben.

Sie gestalten aber auch nicht aktiv mit.

Es gibt eine prekäre Verbindung zwischen Aktivismus und Panik. Die Stimmung im Westen ist wieder präapokalyptisch. Die Leute, die die Disruption suchen, suchen letztlich die Befreiung durch die Katastrophe. Sie finden bloße Realität banal. Sie spekulieren auf den Zusammenbruch. Hingegen tun die braven Leute weiterhin alles, um das Schlimmste zu verhindern.

Woher rührt diese gespaltene Grundstimmung?

Ich führe sie – zumindest in einer stark gekürzten Fassung der Dinge – auf das Coronajahr 2020 zurück. Was damals zunächst im Trippelschritt herankam und vielen hysterisch überbewertet erschien, forderte in der Bilanz mehrere Millionen Tote. Die Menschheit hat sich damals in Corona-Leugner und Corona-Gläubige gespalten. Spaltungen dieser Art haben seither nie wieder aufgehört, sie haben nur ihre Gegenstände gewechselt.

Sind Sie selbst frei von apokalyptischen Neigungen?

Ich bin ein später und kritischer Angehöriger einer im alten Europa entstandenen Zivilisation, vormals „Abendland“ genannt. Um das Jahr 500 hatte der Bischof von Rom einem Mönch namens Dionysius Exiguus („der Geringe“) den Auftrag gegeben, einen einheitlichen christlichen Kalender „post Christum natum“ zu erstellen. Mit seiner Hilfe konnte man der neuen spirituellen Weltlage gerecht werden. Längst hatte man aufgehört, an die baldige Wiederkehr Christi und „eo ipso“ an das baldige Ende der Welt zu glauben. Es war höchste Zeit, von Kollektiv-Apokalyptik auf Individual-Apokalyptik umzustellen, das heißt auf einfache Sterblichkeit in der ersten Person Singular. Heute sind die Individual-Apokalyptiker oft keine Christen mehr, sie schließen sich eher der Longevity-Bewegung an.

Was folgt daraus?

Ob die Welt untergeht – dazu haben sie keine Meinung. Ihnen genügt es, das eigene Ende so lange wie möglich aufzuhalten.

Herr Sloterdijk, vielen Dank für das Interview.

Steckbrief

Peter Sloterdijk

geboren
25.06.1947

Peter Sloterdijk wurde am 26. Juni 1947 als Sohn einer Deutschen und eines Niederländers geboren. Von 1968 bis 1974 studierte er in München und an der Universität Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. 1971 schrieb Sloterdijk seine Magisterarbeit mit dem Titel „Strukturalismus als poetische Hermeneutik“.

Seit den 1980er-Jahren arbeitet Sloterdijk als freier Schriftsteller. Das 1983 im Suhrkamp Verlag publizierte Buch „Kritik der zynischen Vernunft“ zählt zu den meistverkauften philosophischen Büchern des 20. Jahrhunderts. Von 2001 bis 2015 war Sloterdijk Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. 2024 war er mit einer Vorlesungsreihe am Collège de France (Paris) zu Gast mit dem Thema „Le continent sans qualités: des marque-pages dans le livre de l'Europe“.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 35/2026 erschienen.

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