Totenkopf Protest. Eine Flagge, viele Gründe für Wut: Die Totenkopf-Flagge aus dem Kult-Manga „One Piece“ ist zum gemeinsamen Symbol von Protesten geworden, deren Ursachen und Ziele sich stark unterscheiden.
©YASUYOSHI CHIBA, APA-Images, AFPDie Gen Z zeigt, dass sie revoltieren kann. In Frankreich protestieren Hunderttausende Schülerinnen und Schüler für bessere Lernbedingungen. Doch sie sind nicht alleine. Krieg, Klimakrise, der Aufstieg autoritärer Politik oder soziale Ungerechtigkeit bringen junge Menschen weltweit auf die Straßen. Doch wie konsequent und militant ist ihr Widerstand? Was hat es mit dem medialen Begriff der „Gen Z-Proteste“ auf sich und bis zu welchem Grad ist die Situation heute mit der 68er-Studentenbewegung vergleichbar?
Seit Mitte September blockieren Schülerinnen und Schüler in Frankreich hundertfach die Zugänge zu ihren Schulen. Die Forderungen: mehr Geld für Bildung. Der Lehrermangel, kaputte Fenster, zu wenig Stühle, herabfallende Decken und überfüllte Stundenpläne haben das Fass zum Überlaufen gebracht.
Auch wenn die meisten friedlich protestieren, kommt es zu Ausschreitungen mit brennenden Mülltonnen, Angriffen auf Einsatzkräfte oder einer niedergebrannten Eingangshalle am Lycée Nelson-Mandela in Nantes. Von diesen überwiegend friedlichen Schülerprotesten zu unterscheiden sind die gewaltsamen Ausschreitungen am Wochenende.
Ziviler Ungehorsam
Auch in Österreich gibt es Protestierende, die auf Mittel des zivilen Ungehorsams zurückgreifen. „Für uns rechtfertigt die Dringlichkeit der Krisen oft den Regelbruch“, meint Luise, sie ist 17 und in einer politischen Jugendorganisation in Wien aktiv. „Der Rest der Gesellschaft lehnt das meist jedoch als bloße Randale ab. Dieser Gegensatz führt dazu, dass wir zwar krasse Aufmerksamkeit bekommen, aber viele Leute eher abschrecken als gewinnen. Am Ende stellt sich immer die Frage, ob uns die Aktion dem Ziel näherbringt oder nur isoliert.“
„In Österreich war das Verständnis für solche Protestaktionen noch nie wirklich da“, sagt Julia von Hut, die seit mehreren Jahrzehnten die Protestkultur in Kärnten/Koroška begleitet. „Ich glaube, das liegt hauptsächlich daran, dass die Leute schlecht informiert sind. Die letzte Generation zum Beispiel hat mit friedlichem, zivilem Ungehorsam gearbeitet, also auf die Prinzipien Freiheit und Gleichheit hinzuwirken und als Teil einer Gemeinschaft der Verfassungsinterpreten zu handeln. Ohne zivilen Ungehorsam hätten wir heute weder das Frauenwahlrecht noch den Zivildienst.“
Globale Rebellion
Die Rebellion der Gen Z ist längst global zu beobachten. In Nepal, Madagaskar, Peru, der Mongolei, Marokko und auf den Philippinen mobilisierten sich zahlreiche Menschen zu Massenprotesten. Ihr gemeinsames Symbol: eine schwarze Totenkopf-Flagge aus dem Kult-Manga „One Piece“. Die Auslöser, Verläufe und Reaktionen der Machthaber sind je nach Länderkontext völlig unterschiedlich. Kann man da überhaupt von einer neuen Protestbewegung sprechen?
„Ich denke nicht, dass man die ‚Gen Z-Proteste‘ als neues Phänomen bezeichnen kann – zumindest noch nicht“, meint Lura Pollozhani, Forscherin an der Uni Graz, die sich Themen wie soziale Bewegungen und Demokratisierung widmet. „Entscheidend wird sein, ob es tatsächlich ein Thema oder einen Auslöser gibt, der die Menschen über Regionen und Länder hinweg anspricht – meiner Meinung nach fehlt das noch.“
Was ist eine Protestbewegung?
„Von einer Protestbewegung spricht man nicht einfach dann, wenn es viele einzelne Aktionen gibt, sondern dann, wenn sich eine gemeinsame Orientierung und eine gewisse Kontinuität über die Zeit herausbilden“, sagt Derya Özkaya, eine ebenfalls an der Universität Graz forschende Wissenschafterin, die sich mit politischen Bewegungen beschäftigt. Bewegungen werden durch geteilte Gefühle wie Solidarität, Wut oder Hoffnung getragen.
Viele aktuelle Proteste entstehen als Reaktion auf akute Krisen. „Solche Proteste können Millionen Menschen auf die Straße bringen. Gleichzeitig erschweren weltweite Repressionen gegen politischen Dissens sowie das Fehlen tragfähiger alternativer politischer Organisationen häufig eine längerfristige Dynamik“, meint Özkaya.
Gefühl der Machtlosigkeit in Europa
Die Massenproteste, welche sich zuletzt oftmals im Globalen Süden formierten, zeigten ihre Wirksamkeit. In Madagaskar und in Nepal wurden die Regierungen als Reaktion ausgetauscht. In Europa ist so etwas in jüngerer Vergangenheit nicht vorgekommen. Luise macht dafür das starre politische System verantwortlich: „Unsere Forderungen prallen oft an bürokratischen Strukturen und dem Konsens der älteren Generationen ab. Es fehlt uns schlichtweg der Hebel, um gegen die festgefahrenen Machtverhältnisse etwas auszurichten.“
Ein junger Aktivist aus der antifaschistischen Szene in Wien meint: „Der Durchschnitt an Privilegien in Europa ist so hoch, dass es der Generation hier an Motivation fehlen könnte, sich politisch zu engagieren. Damit möchte ich nicht sagen, dass es in Europa keine korrupten Politiker gibt oder Armut nicht ein wesentliches Problem darstellt, jedoch ist das Niveau, auf dem diese Probleme in diesen Ländern die Lebensrealität darstellen, in Europa nicht zu finden.“
Fridays for Future rief Mitte Oktober zu Protesten auf, um der „ganzen aufgestauten Wut dieses Klimakrisensommers“ Ausdruck zu verleihen.
© Isabelle Ouvrard, IMAGOEinfluss von Social Media
Die Generation Z, also Menschen die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden, sind die ersten Digital Natives, also Menschen, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Das spiegelt sich auch in ihrer Protestkultur wider. Die Corona-Pandemie beschleunigte diese Entwicklung. Julia von Hut erinnert sich: „Mit Corona hat sich der Protest dann ausschließlich ins Netz verlagert. Einerseits internationalisierte sich dadurch der Protest, andererseits raubte einem das ständige Online-Sein viel Kraft.“
Social Media ist in diesem Fall Chance und Risiko zugleich. „Digitale Medien können die Reichweite kultureller Ausdrucksformen enorm erweitern. Protestsymbole, Lieder oder Bilder können sich heute innerhalb weniger Stunden weltweit verbreiten und transnationale Resonanzen erzeugen. Zugleich wirft das aber auch Fragen nach Kommerzialisierung und Entpolitisierung auf, weil Protestästhetiken mitunter vom Mainstream aufgenommen und entschärft werden“, meint Özkaya.
Vergleich zu der 68er-Bewegung
Bei generationenbezogenem Protest ist die 68er-Bewegung ein Schlüsselakteur, und es sind tatsächlich Parallelen zu den aktuellen Protestformen junger Menschen zu erkennen. Die Themen Gleichberechtigung und Umwelt waren schon bei den Studentenbewegungen vor über einem halben Jahrhundert präsent.
Doch der Kontext ist ein ganz anderer. „Der Drang zum Widerstand ist zwar da“, meint Luise, „aber er richtet sich nicht gegen die Familie im Privaten, sondern gegen ein globales System, das unsere Zukunft verbaut, das macht den Protest viel ernsthafter und weniger spielerisch.“
Die Rolle der Universitäten
Studentenbewegungen können Hunderttausende Menschen mobilisieren, wie man es zuletzt in Serbien gesehen hat. „Viele entwickeln in den Universitäten ihr politisches Verständnis und ihre Weltansichten eigenständig. Der Einfluss von Familie, Freunden oder der Schule lässt nach.
Darüber hinaus stellen Unis, selbst in Ländern mit halbautoritären Regimes wie Serbien, gewissermaßen eine letzte Bastion des freien und unabhängigen Denkens dar. Auch in Nordmazedonien spielten Universitäten eine zentrale Rolle, die entscheidend dazu beitrug, eine Dynamik des Widerstands zu schaffen“, sagt Demokratieforscherin Lura Pollozhani.
Ich finde, dass es sich die älteren Leute sehr leicht machen. Weil junge Menschen haben eine große Verantwortung zu tragen, sind mit vielen Dingen allein gelassen worden, aber müssen genauso agieren wie Erwachsene
Generationenübergreifender Protest
Viele junge Klimaaktivistinnen und -aktivisten werfen den älteren Generationen einen verantwortungslosen Umgang mit den natürlichen Ressourcen vor. Im Gegenzug kursiert der Vorwurf, dass die Proteste nur ein Vorwand fürs Schulschwänzen seien oder dass es sich schlichtweg um Heuchelei handle. Generationenkonflikte gehen häufig mit politischem Widerstand einher.
Doch es gibt Szenarien, in denen verschiedene Altersgruppen Seite an Seite protestieren. „Das passiert besonders häufig bei Themen, die gemeinsame Zukünfte und kollektive Lebensbedingungen betreffen, von unterschiedlichen Altersgruppen aber unterschiedlich erfahren werden. Beispielsweise feministische Kämpfe, Klimagerechtigkeit, Demokratie oder soziale Gerechtigkeit“, meint Özkaya.
„Ältere machen es sich oft leicht“
Julia von Hut kritisiert die älteren Generationen für ihre Bequemlichkeit. „Ich finde, dass es sich die älteren Leute sehr leicht machen. Weil junge Menschen haben eine große Verantwortung zu tragen, sind mit vielen Dingen allein gelassen worden, aber müssen genauso agieren wie Erwachsene. Das schreckt junge Menschen natürlich ab.“
Insgesamt zeigt sich: Die Gen Z ist nicht protestfaul, im Gegenteil. Die Tatsache, dass die Generation Z nach wie vor den Protest als politische Ausdrucksform wählt, zeigt, dass der Anspruch auf politische Mitsprache nach wie vor lebendig ist – und das ist ein wichtiger Indikator für gesellschaftliche Veränderungen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 43/2026 erschienen.
