Derya Özkaya
Wann wird aus einer Demonstration eine Protestbewegung? Die Grazer Sozialwissenschaftlerin Derya Özkaya erklärt, welche Rolle gemeinsame Gefühle, digitale Medien und generationsübergreifender Aktivismus spielen – und warum Proteste heute zwar schnell Millionen Menschen mobilisieren können, aber oft nur schwer langfristig Wirkung entfalten.
Derya Özkaya ist Postdoktorandin und Senior Lecturer am Zentrum für Südosteuropastudien der Universität Graz. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf sozialen Bewegungen, politischem Aktivismus und kollektiven Emotionen. Sie spricht darüber, wie Protestbewegungen definiert werden, über aktuelle Trends und generationsübergreifenden Protest.
Ab wann spricht man von Protestbewegungen und nicht mehr von einzelnen Aktionen?
Von einer Protestbewegung spricht man nicht einfach dann, wenn es viele einzelne Aktionen gibt, sondern dann, wenn sich eine gemeinsame Orientierung und eine gewisse Kontinuität über die Zeit herausbilden. Es werden einzelne Aktionen durch gemeinsame Narrative, Forderungen und Identifikationen miteinander verbunden. Dazu gehören der Aufbau von Netzwerken, wiederholte Mobilisierungen und das Gefühl der Beteiligten, Teil von etwas Größerem zu sein als nur eines einzelnen Ereignisses.
Ebenso wichtig ist die affektive Dimension: Bewegungen werden durch geteilte Gefühle wie Solidarität, Wut oder Hoffnung getragen, die Bindungen zwischen den Beteiligten schaffen und weiteres Engagement motivieren. Gleichzeitig stellen gegenwärtige Protestformen klassische Definitionen von Bewegung auch infrage. Selbst lose verbundene und eher kurzlebige Mobilisierungen können bewegungsähnliche Qualitäten entwickeln, wenn sie kollektive Erfahrungen hervorbringen und politische Wirkungen hinterlassen – auch ohne stabile organisatorische Strukturen.
Lassen sich globale Trends in Protestkulturen erkennen, oder sind sie stark kulturell geprägt?
Beides ist der Fall: Protestkulturen sind immer in spezifische politische und kulturelle Kontexte eingebettet, zugleich lassen sich aber auch transnationale Muster erkennen, die sich über Bewegungen hinweg verbreiten.
Wir können von unterschiedlichen Protestkulturen sprechen, die in nahezu jedem Land von politisch, kulturell oder sozial marginalisierten beziehungsweise stigmatisierten Gruppen mitgeprägt werden – etwa entlang ethnischer, religiöser, klassenbezogener oder geschlechtlicher Positionierungen. Diese Protestkulturen sind jedoch nie rein lokal, sondern stehen immer in Beziehung zu regionalen und internationalen gesellschaftspolitischen Entwicklungen.
Wir beobachten seit einigen Jahren zunehmend fragmentierte und dezentralisierte Formen politischer Organisierung
Welche Beispiele gibt es für globale Trends?
In den 2010er Jahren konnten wir globale Trends in Protestkulturen besonders deutlich beobachten, als Aufstände, Massenmobilisierungen und Besetzungsbewegungen in unterschiedlichen Teilen der Welt entstanden und sich wechselseitig beeinflussten. Die Aufstände in der MENA-Region spielten dabei eine besonders wichtige Rolle.
Was hat sich seit dem verändert?
Wir beobachten seit einigen Jahren zunehmend fragmentierte und dezentralisierte Formen politischer Organisierung. Viele gegenwärtige Bewegungen agieren ohne starke politische Organisationen oder klare Führungsstrukturen und stützen sich stattdessen auf flexible, netzwerkartige Verbindungen. Das ermöglicht zwar schnelle Mobilisierung und kann inklusiv wirken, erschwert aber häufig die langfristige Stabilität und Kontinuität von Protest.
Hinzu kommt, dass viele aktuelle Proteste als Reaktion auf akute Krisen entstehen – etwa Krieg und Gewalt, den Aufstieg autoritärer Politik oder die Klimakrise. Solche Proteste können Millionen Menschen auf die Straße bringen und ein kollektives Gefühl von Vertrauen, Zugehörigkeit und Solidarität erzeugen. Gleichzeitig erschweren die weltweite Repression politischen Dissenses und das Fehlen tragfähiger alternativer politischer Organisationen oft eine längerfristige Dynamik. Dadurch entstehen Zyklen intensiver Mobilisierung, auf die Phasen von Erschöpfung oder Enttäuschung folgen.
Bei welchen Themen findet häufig generationsübergreifender Protest statt?
Generationenübergreifender Protest entsteht besonders häufig bei Themen, die gemeinsame Zukünfte und kollektive Lebensbedingungen betreffen, von unterschiedlichen Altersgruppen aber unterschiedlich erfahren werden. Ein wichtiges Beispiel sind Frauenbewegungen und feministische Kämpfe weltweit. Proteste gegen die Unterdrückung von Frauen, gegen geschlechtsspezifische Gewalt oder Femizide bringen sehr oft Aktivistinnen unterschiedlicher Generationen in gemeinsamen Widerstand zusammen.
Auch Klimagerechtigkeit ist ein zentrales Beispiel. Umweltaktivismus wird häufig vor allem mit Jugendbewegungen verbunden, doch in den letzten Jahren sind auch ältere Aktivist:innen stärker sichtbar geworden. Sie bringen langfristige Perspektiven, historische Erfahrungen und andere Formen politischen Engagements in diese Auseinandersetzungen ein. Außerdem sehen wir generationsübergreifende Dynamiken in Bewegungen für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und im Widerstand gegen autoritäre Entwicklungen. Ältere Generationen bringen dabei oft Erfahrungen aus früheren Kämpfen mit, während jüngere Aktivist:innen neue Aktionsformen und Kommunikationsweisen einbringen.
Wichtig ist allerdings, dass generationsübergreifender Protest nicht automatisch harmonisch ist und nicht von selbst Solidarität zwischen den Generationen erzeugt. Häufig gibt es Spannungen, Widersprüche und unterschiedliche zeitliche Perspektiven – etwa zwischen Dringlichkeit und Geduld oder zwischen radikalem Wandel und schrittweisen Reformen. Gerade diese Unterschiede können aber auch produktiv sein, weil sie den Horizont politischer Vorstellungen und Strategien erweitern.
Wie wichtig sind Kunst, Musik und Popkultur in Protestbewegungen – früher wie heute?
Kunst, Musik und Popkultur waren schon immer zentrale Bestandteile von Protestbewegungen, doch ihre Rolle ist heute noch sichtbarer geworden. Sie sind nicht nur wichtig, um politische Botschaften auszudrücken, sondern auch, um die emotionale und kollektive Erfahrung von Protest zu formen. Musik, Slogans, visuelle Symbole und performative Ausdrucksformen schaffen ein Gefühl von Zugehörigkeit und gemeinsamer Identität – und das ist entscheidend dafür, Beteiligung aufrechtzuerhalten. Sie helfen dabei, individuelle Gefühle in kollektive Emotionen zu verwandeln und Menschen miteinander zu verbinden, zu bestärken und zu ermutigen.
Gleichzeitig haben digitale Medien die Reichweite dieser kulturellen Ausdrucksformen enorm erweitert. Protestsymbole, Lieder oder Bilder können sich heute innerhalb weniger Stunden weltweit verbreiten und transnationale Resonanzen erzeugen. Zugleich wirft das aber auch Fragen nach Kommerzialisierung und Entpolitisierung auf, weil Protestästhetiken mitunter vom Mainstream aufgenommen und entschärft werden.
Steckbrief
Derya Özkaya
Dr. Derya Özkaya ist Postdoktorandin und Senior Lecturer am Zentrum für Südosteuropastudien der Universität Graz. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf sozialen Bewegungen, politischem Aktivismus, Affektpolitik, kollektiven Emotionen, der Politik des Alterns, intersektionalen Theorien und Methoden, Ungleichheit, urbanen Bewegungen, kollektivem Gedächtnis, politischer Ethnographie und der aktuellen Politik der Türkei.
