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Asperger-Syndrom:
Einfach nur anders?

Psychologie - Asperger-Syndrom:
Einfach nur anders? © Bild: iStockphoto.com

Ein simples Gespräch ist für sie oft der reinste Kraftakt. Veränderungen bringen sie mitunter komplett aus dem Konzept. Dafür erzielen sie auf speziellen Gebieten, sei es die Mathematik, die Musik oder eine andere Richtung, unter Umständen Höchstleistungen. Die Rede ist von Menschen mit dem Asperger-Syndrom. Vor welchen Herausforderungen stehen Betroffene? Und wie tritt man am ihnen am besten gegenüber? Die klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin Dr. Kathrin Hippler klärt auf.

Nicht selten zeichnen sich vom Asperger-Syndrom betroffene Personen durch hohe Intelligenz und herausragende Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet aus. Gleichzeitig könnten sie im Umgang mit anderen oft ungeschickter nicht sein. Warum spricht er in einer Tour ohne zu merken, dass ich an dem, was er sagt, gar nicht interessiert bin? Warum grüßt sie mich nicht, gibt mir nicht die Hand? Spezielle Handlungen oder aber das Unterlassen sozial erwünschter Verhaltensweisen können das Gegenüber schnell einmal irritieren.

Das Verhalten von Menschen mit dem Asperger-Syndrom wird mitunter als arrogant, als besserwisserisch, wenn nicht sogar als boshaft gedeutet. Zumindest aber unterstellt man den Betreffenden, dass hinter ihrem Tun eine gewisse Absicht steckt. "Was nicht so ist", betont die auf das Autismus-Spektrum spezialisierte Psychologin. Umso bedeutender ist es daher zu verstehen, welche Besonderheiten das Asperger-Syndrom mit sich bringt. Wir liefern die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Woran erkennt man das Asperger-Syndrom?

Das Asperger-Syndrom äußert sich durch Auffälligkeiten im Bereich der sozialen Interaktion und Kommunikation einerseits und durch eingeschränkte Interessen, bestimmte Aktivitäten und Verhaltensweisen anderseits. "Betroffene haben in vielen Bereichen Stärken: Sie haben zum Beispiel ein tolles Gedächtnis, sehen Details, die unserer Wahrnehmung entgehen. Gleichzeitig gelingt es ihnen oft nicht, eine ganz normale Beziehung einzugehen, Freundschaften aufzubauen", erklärt die Psychologin. Dabei würden sich viele, so Hippler, Sozialkontakte wünschen.

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"Sie verstehen nicht, dass man sich in verschiedenen Situationen unterschiedlich verhalten muss. Dass man zum Beispiel der Frau Lehrerin anders gegenübertritt als dem besten Freund. Sie sagen gerade heraus, was sie sich denken - ohne es böse zu meinen. Und bringen sich damit unter Umständen in große Schwierigkeiten." Ein Verhalten, das in der Außenwelt oft auf Unverständnis stößt: Wie kann ein Kind, das so gescheit ist, mathematische Gleichungen lösen oder sich irrsinnig gut ausdrücken kann, nicht wissen, dass es wichtig ist, "Hallo" zu sagen?

Die Antwort lautet: Betroffenen fehlt es hier an intuitivem Knowhow. Während unsereins mehr oder weniger automatisch lernt, wie man sich sozial angemessen verhält, müssen sich Menschen mit dem Asperger-Syndrom dieses Wissen erst kognitiv erarbeiten. "Das passiert meist unter einem enormen Kraftaufwand. Stellen Sie sich vor, was es bedeutet, wenn man sich immer erst überlegen muss: Wie hat der jetzt dreingeschaut? Wie könnte er das gemeint haben?", veranschaulicht Hippler. Dies zu bewerkstelligen sei eine enorme Leistung.

»Sie verstehen nicht, dass man sich in verschiedenen Situationen unterschiedlich verhalten muss«

Während wir anhand von Mimik, Gestik und Tonfall erkennen können, welche Bedeutung der Gesprächspartner seinen Worten beimisst, fehlt Menschen mit dem Asperger-Syndrom diese Fähigkeit großteils. "Es fällt ihnen schwer, anhand von äußeren Signalen zu erkennen, was der andere denkt, fühlt oder beabsichtigt." Folglich können Betroffene auch nicht angemessen auf ihr Gegenüber reagieren. Dabei erleben sie selbst die ganze Bandbreite an Gefühlen - oft sogar sehr intensiv.

Dann wäre da noch die Sache mit den Spezialinteressen. "Viele haben eine oder mehrere Interessen, bei denen sie absolute Experten sind", so die Psychologin. Nicht selten seien Betroffene Spezialisten für Fahrpläne öffentlicher Verkehrsmittel. "Es geht um Informationen, die systematisch geordnet werden können", erklärt die Expertin. Ebenso wie um vorhersehbare Sachverhalte, die sich gut mit dem Verstand erfassen lassen. Thematisch sind den Bereichen dabei keine Grenzen gesetzt. Sie reichen von Comics bis hin zu Kirchenglocken oder Hydranten.

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Worauf auch immer Betroffene aber fokussieren - eines ist ihnen allen gemein: Sie widmen sich ihrem Interessensgebiet mit außergewöhnlicher Hingabe. Wobei die soziale Komponente für sie dabei meist keine Rolle spielt. So wird man sie, nur um ein Beispiel zu nennen, vermutlich nicht beim Tauschen von Sammelkarten beobachten können. "Sie teilen ihr Interesse selten", nützen es nicht, um an einem sozialen Prozess teilzunehmen. Und: "Es hängt nicht davon ab, was andere toll finden."

Wie entsteht das Asperger-Syndrom?

Man geht davon aus, dass mehrere hundert Gene an der Entstehung des Asperger-Syndroms beteiligt sind. Durch deren Zusammenspiel kommt es bei der Entwicklung des Gehirns zu einer Abweichung. Um welche Gene es sich dabei handelt, ist Gegenstand der aktuellen Forschung. Gewisse Faktoren wie etwa das Alter der Eltern oder Infektionen während der Schwangerschaft können die Entstehung beeinflussen. Auch Umweltbelastungen werden in diesem Zusammenhang immer wieder diskutiert. Ausschließen kann dagegen, dass Impfungen zur Entstehung des Asperger-Syndroms führen.

Was sind die ersten Anzeichen?

"Das Kind spielt mehr für sich allein, geht nicht in Kontakt mit anderen oder beschäftigt sich schon von klein auf intensiv mit einem bestimmten Thema", umschreibt Hippler erste mögliche Anzeichen. "Die Eltern merken meist schon recht früh, dass es anders ist." Dennoch ist der Weg bis zur Diagnose oft ein langer, was für alle Beteiligten mit viel Leid verbunden sein kann. Spätestens im Kindergarten kommt es zu sozialen Auffälligkeiten. Diagnostiziert wird das Asperger-Syndrom für gewöhnlich aber erst im Volksschulalter, genauer gesagt zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr.

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"Durch mehr Bewusstmachung könnte das schon viel früher passieren", mahnt die Psychologin, der zufolge die Kinder im Unterricht nicht nur durch sozialen Rückzug, sondern auch durch Impulsausbrüche, sprich durch Stören, auffallen können. In einigen Fällen bleibt die Diagnose im Kindesalter auch aus. "Derzeit gibt es ganz viele Erwachsene, die unter großer Anstrengung ihr Leben gemeistert haben und erst durch Informationen aus dem Internet erkennen, dass sie betroffen sind." Diese Erkenntnis bringt in der Regel eine enorme Erleichterung. "Das erklärt ihr ganzes Leben."

Wer ist am häufigsten betroffen?

Wer glaubt, dass nur oder fast nur Buben bzw. Männer betroffen sind, irrt. Tatsächlich sind rund ein Viertel der Patienten weiblich. "Bei ihnen äußert sich das Asperger-Syndrom nur anders", so Hippler. Weil sie es auf eine andere Art und Weise kompensieren. Ein Beispiel: Merkt ein Mädchen, dass es anders ist und sich schwer tut, Freundinnen zu finden, so stellt es sich in die Klasse, schaut, welches Mädchen die meisten Freundinnen hat, und imitiert dessen Verhalten. "Das können sie oft so gut, dass sie jahrelang nicht auffallen", erklärt die Expertin.

»Die Eltern merken meist schon recht früh, dass ihr Kind anders ist«

Diese Strategie kostet aber enorm viel Kraft. So viel, dass es früher oder später - meist in der Pubertät - zu einem Zusammenbruch kommt, der mitunter auch eine psychische Erkrankung, so zum Beispiel eine Depression, eine Ess- oder Angststörung, nach sich zieht. Diese wird dann auch diagnostiziert. Dagegen wird oft übersehen, dass in Wirklichkeit das Asperger-Syndrom hinter dem Leiden steckt. "Die diagnostischen Kriterien sind eindeutig auf männliche Betroffene zugeschnitten", kritisiert die Psychologen. Aus diesem Grund bleibt das Asperger-Syndrom bei Frauen häufiger unentdeckt.

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Auch hinsichtlich ihrer Interessen sind weibliche Betroffene weit weniger auffällig als männliche. Viele interessieren sich für Pferde, andere für Psychologie. Eine beträchtliche Anzahl setzt sich thematisch mit dem Asperger-Syndrom auseinander, verfasst autobiografische Bücher. Einige werden Psychologin oder Ärztin. Und obgleich sich weibliche Betroffene von männlichen in vielerlei Hinsicht unterscheiden, ist ihnen allen doch die Hingabe, mit der sie sich ihrem Interesse widmen, gemein. Ebenso wie die Tatsache, dass sie es selten teilen.

Was erleichtert Betroffenen den Alltag?

"Wissen", so die Psychologin, "ist die halbe Miete". Wer um das Asperger-Syndrom Bescheid weiß, kann seinen Alltag ganz anders meistern. Apropos Alltag: Betroffene bevorzugen ritualisierte Abläufe. Das liegt daran, dass sie die Umwelt oft als überwältigend erleben. Lärm und visuelle Eindrücke können sie, ebenso wie Berührungen, schnell überfordern. Darüber hinaus sind Menschen mit dem Asperger-Syndrom permanent damit beschäftigt, soziale Abläufe zu deuten. Da kommen Regelmäßigkeiten nur allzu gelegen, geben sie doch Sicherheit.

»Bei einem Telefonat wissen sie oft nicht, wann sie dran sind«

Während also die Routine dabei hilft, den Alltag zu strukturieren, bringen unvorhergesehene Ereignisse und Veränderungen Betroffenen mitunter völlig aus dem Konzept. Ebenfalls Schwierigkeiten bereiten kann ein Telefonat. "Da wissen sie oft nicht, wann sie dran sind", erklärt Hippler. Dagegen bringt die Kommunikation via Chat oder Email eine enorme Erleichterung, entfällt hier doch die Ebene von Mimik und Gestik. Wer mit einem Betroffenen spricht, sollte übrigens auf Metaphern und Ironie verzichten. Diese zu verstehen fällt ihnen schwer. Je klarer die Kommunikation, desto besser.

Wie behandelt man das Asperger-Syndrom?

"Eine Therapie ist durchaus möglich", so Hippler. Anders als bei der Behandlung psychischer Störungen ginge es hier aber nicht darum, das Asperger-Syndrom loszuwerden. Zum einen ist dies gar nicht möglich, zum anderen, so die Expertin, auch nicht notwendig. "Es handelt sich ja nur um eine andere Wahrnehmung." Mit dieser gut leben zu können sei folglich das Ziel der Therapie. Dafür müsse der Betroffene zuerst seine Situation akzeptieren. Sodann kann er Strategien erlernen, die ihm dabei helfen, den Alltag zu bewältigen.

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Das reicht vom Einsatz einfacher Hilfsmittel wie Noise-Cancelling-Kopfhörer bis hin zur Förderung der sozialen Kompetenzen. "Wir üben zum Beispiel, wie man Smalltalk macht", erzählt die Expertin. Ebenfalls geübt wird, Gesichtsausdrücke zu erkennen. "Was bedeutet es, wenn der Mund offensteht und die Augenbrauchen hochgezogen sind? Ah, das ist Überraschung." Hat sich die Person im Laufe der Zeit ungünstige Bewältigungsstrategien, wie etwa Rückzug oder Aggression, angeeignet, so werden diese in Angriff genommen und Schritt für Schritt durch andere ersetzt.

Ist das Asperger-Syndrom eine Krankheit?

Das Asperger-Syndrom ist Teil des Autismus-Spektrums. Eine Krankheit ist es der Expertin zufolge aber nicht. Viel mehr handle es sich um eine bestimmte Art und Weise, die Umwelt wahrzunehmen und Informationen zu verarbeiten. Problematisch wird diese erst dann, wenn der Betroffene auf ein nicht verständnisvolles Umfeld stößt. Oft werden Betroffene aufgrund ihrer Andersartigkeit gemobbt. Sie versuchen sich anzupassen - und scheitern. Die damit einhergehende Belastung wiederum kann zu einer psychischen Störung, etwa zu einer Angststörung oder einer Depression, ebenso wie zu vermehrter Aggression führen.

Abgesehen davon kann das Asperger-Syndrom auch von vornherein mit einer Erkrankung gepaart - bei Buben häufig mit ADHS - auftreten. So oder so: "Mit einem guten Selbstwert und einer verständnisvollen Umwelt kann es durchaus gelingen, dass sich das Kind mit seiner Andersartigkeit gut entwickeln und ein glückliches, zufriedenes Leben führen kann." Sein Gehirn arbeitet anders, aber nicht schlechter. Und genau darum geht es letztlich auch: Die Unterschiedlichkeit zu erkennen und den Menschen so zu akzeptieren, wie er ist.

Zur Person: Dr. Kathrin Hippler ist klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin. Darüber hinaus ist sie als Lehrbeauftragte unter anderem an der Universität Wien und an der Medizinischen Universität tätig. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Autismus-Spektrum, Ängsten und Zwängen, emotionalen und sozialen Schwierigkeiten bei Kindern und Jugendlichen, Depression, Lebenskrisen sowie Familien- und Erziehungsberatung. Hier geht's zur Homepage von Dr. Kathrin Hippler.

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