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Was wirklich gegen
Nägelbeißen hilft

Und warum Nägelbeißer nicht einfach aufhören können - Tipps vom Experten

Ein Mann beißt Nägel © Bild: Shutterstock.com

Nägelbeißen - ein weit verbreitetes Phänomen. Es wird geknabbert, was das Zeug hält. Auch wenn der Nagel schon bis zu seinem Ansatz zurückzuweichen scheint. Das muss doch weh tun, denken wir uns dann. Und dennoch wird weiter gebissen. Warum können Betroffene nicht einfach aufhören? Hilft es, wenn man sie ermahnt? Und woher kommt diese Angewohnheit überhaupt?

"Wir alle haben bestimmte Angewohnheiten", erklärt der Grazer Verhaltenstherapeut Dr. Alois Kogler. "Wenn man zum Beispiel in einem Café sitzt, kann man immer irgendjemanden beobachten, der es mit den Fingernägeln zu tun hat. Das kann ganz nüchterne Ursachen haben. Einen eingerissenen Nagel etwa." Während die einen also ihren Daumen über die Fingernägel gleiten lassen, fahren sich die anderen mit den Händen durch die Haare, und wieder andere zucken mit den Schultern.

Grundsätzlich handelt es hier um ein normales Verhalten, das der Selbstkontrolle dient. "Wir beobachten uns ja andauernd selbst", erläutert der Experte. Um zu kontrollieren, ob alles passt. Ob die Fingernägel in Ordnung sind, die Frisur okay ist und das Hemd richtig sitzt. "Meistens machen wir das automatisiert", sagt Kogler. "Dieses Verhalten ist sozial akzeptiert. Im Großen und Ganzen stört es niemanden."

Wenn die Gewohnheit zum Tick wird

Wenn aus der Gewohnheit aber eine sehr häufige Gewohnheit wird, der Automatismus überhandnimmt und der Leidensdruck des Betroffenen steigt, wird die Sache klinisch relevant. "Wenn zum Beispiel die Fingernägel zu stark abgebissen werden. Wenn aus dem Verhalten ein Dauerverhalten und dieses sozial auffällig wird. Oder wenn es der Person bereits selbst unangenehm ist." In diesem Zusammenhang spricht man von Ticks.

»Es gibt nicht den Persönlichkeitstypus Nägelbeißer.«

Wobei es den "Persönlichkeitstypus Nägelbeißer" nicht gebe. Vielmehr handle sich hier um eine Gewohnheit, die automatisiert und dann oft mit negativen Gedanken gekoppelt wird. Dementsprechend häufiger tritt das Verhalten auch in Stresssituationen auf, in Situationen der Schwäche oder des negativen Selbstgesprächs, also wenn man grübelt, sich Sorgen macht.

"Generell ist es so, dass wir, wenn wir Stress haben oder Spannung spüren, unseren Körper nicht mehr wie gewohnt unter Kontrolle haben", erklärt Kogler. Nägelbeißen wäre in dem Fall ein Versuch, Kontrolle über etwas zu gewinnen, von dem man oft nicht einmal weiß, was es ist. Gleichzeitig ist es ein typisches Zeichen von Anspannung oder Stress. Wobei sich Personen, die ein derartiges Verhalten aufweisen, oft über das normale Maß hinaus zu kontrollieren versuchen.

Das hilft gegen Nägelbeißen & Co.

Hat sich die unangenehme Gewohnheit erst einmal verfestigt, kann man sie ohne professionelle Unterstützung nur schwer wieder loswerden. Was aber hilft, ist Therapie. "In der Therapie werden die Selbstbeobachtung und das Unterbrechen der unerwünschten Verhaltensweisen trainiert. Gleichzeitig werden neue, alternative Verhaltensweisen aufgebaut", erklärt Kogler. "Man übt die befreite, entspannte Körperhaltung. Man übt Entspannung im weitesten Sinn. Das ist die eine Seite der Therapie."

Auf der anderen Seite wird Verhaltensmotivation aufgebaut. "Wir sprechen die negativen Konsequenzen des Verhaltens durch. Und wir versuchen, auch andere Personen in die Therapie miteinzubeziehen." Hier handelt es sich meist um eine enge Kontaktperson. Sie soll den Betroffenen im Alltag unterstützen. "Wir entwickeln dann gemeinsame Regeln." Damit die unterstützende Person in den Augen des Betroffenen nicht die Rolle des Bösewichts einnimmt und der Betroffene umgekehrt keine Schuldgefühle entwickelt.

So können Außenstehende helfen

"Gemeinsame Regeln" heißt, dass die Kontaktperson den Betroffenen auf das unerwünschte Verhalten aufmerksam macht, mitunter sagt: "Versuche dich, wie abgesprochen, zu entspannen." Oder aber es wurde vereinbart, dass die Kontaktperson dem Betroffenen, wenn das Verhalten auftritt, die Hand hält. Mit anderen Worten: Das Regelwerk wird stets individuell auf die Beteiligten abgestimmt. Wobei die Kontaktperson nie die Rolle des Therapeuten einnehmen, sondern immer nur im Rahmen der vereinbarten Regeln handeln sollte.

»Nägelbeißen ist ein Versuch Kontrolle über etwas zu gewinnen, von dem man oft nicht einmal weiß, was es ist.«

Apropos Entspannung: "Die tut dem Betroffenen besonders gut. Nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige. Zum Beispiel indem man ihm sagt 'Hey, komm, Du bist okay'. Hier baut man etwas Positives auf, das der Person bisher gefehlt hat." Eine weitere wichtige Ingredienz der Therapie ist Humor. "Humor verleiht dem Ganzen mehr Leichtigkeit. Und Leichtigkeit ist ja der Kontrapunkt zur Spannung." Außerdem ginge es dem Therapeuten zufolge immer auch um Wertschätzung, womit wir wieder beim Thema "geistige Entspannung" wären.

Das hilft im Alltag

Was dem Betroffenen auch helfen kann, ist das unerwünschte Verhalten aktiv zu unterbrechen. Etwa indem er ein Glas Wasser trinkt, sich ausschüttelt oder einfach nur die Arme hängen lässt. Dabei wird der Reiz, beispielsweise an den Fingernägeln zu knabbern, umgelenkt. Nicht umsonst nennt sich die hier beschriebene therapeutische Methode "Habit Reversal Training". Kogler zufolge würde der Therapieerfolg hier besonders schnell eintreten und nachhaltig wirken. Besonders schnell heißt, dass nur wenige Therapiesitzungen notwendig sind. Oft würden schon fünf reichen.

Natürlich könne der Betroffene in der Therapie noch einen Schritt weiter gehen und den Fokus auf seine Lebensgeschichte, seine Persönlichkeit, auf die Themen Selbstwert, Selbstbewusstsein und Umgang mit Stress richten. "Der eigentliche Wert der Therapie liegt aber im Unterbrechen der Handlungskette. Das wirkt am besten", betont Kogler. Immer vorausgesetzt natürlich, dass der Betroffene auch tatsächlich etwas verändern will.

Was tun, wenn der Tick zurückkommt?

Was aber, wenn sich das unerwünschte Verhalten wieder einschleicht, wenn die Fingernägel wieder zum Mund wandern, die Schultern wieder zu zucken beginnen? Beim Habit Reversal Training bekommt man - wie in jeder anderen Verhaltenstherapie auch - bestimmte Werkzeuge an die Hand, die man auch auf andere Situationen anwenden kann. "Sollte das unerwünschte Verhalten nach, sagen wir, einem halben Jahr wieder auftauchen, weil es nun mal eine sehr intensive Gewohnheit war, weiß man bereits, was man zu tun hat." Dann reicht es meist auch schon, wenn man nur zum Auffrischen noch mal zur Therapie geht.

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