Krankheit oder nicht? von

ADHS: So lebt es sich als
erwachsener "Zappelphilipp"

Wie äußert sich das Syndrom bei Erwachsenen und wie geht man damit um?

ADHS © Bild: iStockphoto

ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Ein Begriff, der stets mit dem Bild des zappeligen Kindes, das nicht still sitzen kann, assoziiert wird. Dabei ist ADHS ein Syndrom, das bei weitem nicht nur Kinder betrifft. Doch wie äußert sich das umgangssprachliche „Zappelphilipp-Syndrom“ bei Erwachsenen? Wie gehen Betroffene damit um und kann es überhaupt geheilt werden?

Innere Unruhe, nicht still sitzen können, sich schwer konzentrieren können und auch noch impulsiv sein. Das sind eher einschränkende Eigenschaften, mit denen Menschen wie Agnes K. jeden Tag leben müssen. Sie hat ADHS, eine Diagnose, die sie erst im Alter von 39 Jahren erhalten hat. Davor war sie einfach ein „quengeliger, quirliger Mensch, der mit einem Hintern auf hundert Kirtagen getanzt hat“, wie sie im Gespräch mit News.at erzählt. Erst im Zuge eines schweren Burnouts habe eine Ärztin all diese Eigenschaften in Zusammenhang mit der als psychische Erkrankung eingestuften Aufmerksamkeitsstörung gebracht.

Die drei Kernthemen

Kein Wunder, denn die drei Kernbereiche von ADHS - die Konzentrationsproblematik, die Impulsivität und die Hyperaktivität, wie Mag. Dr. Robert Wechsberg, Facharzt für Psychiatrie erklärt – werden klassischerweise mit unruhigen Kindern, die etwa dem Schulunterricht kaum folgen können, weil sie nicht still sitzen können,in Verbindung gebracht.

ADHS und Erwachsene: Spät bekannt

So kam auch Agnes K. ADHS nicht in den Sinn, selbst wenn ihr schon als Kind im Schulunterricht, als das Thema angeschnitten wurde, manche Symptome bekannt vorkamen. Diese Tatsache erklärt zwei wichtige Fakten zu ADHS und Erwachsenen: Einerseits ist es eine Voraussetzung für die ADHS-Diagnose, dass die Krankheit schon in der Kindheit (vor dem siebten Lebensjahr) vorhanden war. „Das ist nichts, was kommt und geht“, so Wechsberg. Andererseits wurde ADHS im Erwachsenenalter überhaupt erst Mitte der 90er-Jahre einer breiten Öffentlichkeit bekannt und erst nach 2003 in Österreich wissenschaftlich anerkannt.

"Syndrom bei Kindern einfach so offensichtlich"

Warum das so lange gedauert hat, ist auch für den Facharzt „eine gute Frage“. Psychische Erkrankungen seien jedoch generell von der Akzeptanz her schwierig, erklärt er. Zudem sei das Syndrom bei Kindern einfach so offensichtlich – im Gegensatz zu Erwachsenen. Gerade die Konzentrationsthematik führe in der Schule oft zum Problem und dadurch entstünde in Folge ein Bewusstsein für ADHS. Erwachsene hingegen können ihr Leben führen, ohne dass es groß auffalle. Allerdings nur dem Umfeld nicht, denn „die Betroffenen leiden selbst und denken etwa, sie sind dumm und schaffen nichts“, so Wechsberg.

Die Schwierigkeiten im Alltag

Gelitten hat Agnes K. auch. Sie arbeitete lange in einem Büro, aber die sitzende Tätigkeit empfand sie als extrem belastend und nutzte deshalb jede Chance, aufzustehen. Natürlich kein Optimalzustand bei einer Bürotätigkeit, wie sie hinzufügt. Aber nicht nur diese Hyperaktivität macht der heute 41-Jährigen immer wieder zu schaffen. Es falle ihr schwer, sich kurz zu fassen aufgrund der vielen Impulse im Kopf sowie gezielt Dingen zu erledigen - und sei es nur etwas so Simples wie Geschirr abzuwaschen. „Währenddessen fällt mir ein, dass dies und jenes noch zu machen ist und ich eigentlich auch Gitarre üben sollte“, erzählt sie. „Die Gedanken schwimmen dahin und sind fast nicht zu stoppen.“ Sich auf ein Gespräch zu konzentrieren, wenn die Umgebung unruhig ist, empfinde sie ebenfalls oft als schwierig: „Wenn ich mit jemandem in einem Lokal spreche, mache ich immer gleichzeitig einen Rundumblick und sehe, dass der Gast am rechten Nebentisch ein rotes T-Shirt trägt und der links eine Extrawurstsemmel isst. Die Konzentration auf den Gesprächspartner und zugleich das, was nicht relevant ist, wegzufiltern, ist für mich eine Zusatzleistung.“

Hitzige Debatte: Krankheit oder Wesenszug?

Diese Symptome schränken mitnichten das Zurechtkommen im täglichen Leben ein, aber ist ADHS deshalb eine Krankheit? Oder nicht vielmehr einfach eine stark ausgeprägte Charaktereigenschaft? Eine Streitfrage, bei der sich Facharzt und Patientin einig sind. „Es wird zwar als Krankheit diagnostiziert, aber es ist keine Krankheit in dem Sinne, die man heilen kann“, so Wechsberg. Für ihn persönlich ist ADHS eher eine „biologische Eigenheit“, die Definition hänge aber dennoch von der Gesellschaft ab: „Was abnormal ist, wird natürlich durch den Standard der Gesellschaft definiert.“ Und gerade im Kinderbereich, wo die Debatte mitunter hitzig ausfällt, sei das Problem natürlich zu einem gewissen Teil das Schulsystem und nicht das Kind, so der Experte. Trotzdem helfe es dem Kind nicht, wenn ihm gesagt wird: „Es ist zwar die Schuld des Schulsystems und nicht deine, aber du kannst leider nicht die Matura machen.“ Damit sei auch niemandem geholfen, reüssiert Wechsberg.

Für Agnes K. ist ADHS „definitiv eine Art von Persönlichkeit“ mit der man umgehen könne, wie mit einem gebrochenem Bein. „Das gehört zu mir, das bin ich“, sagt sie und fügt nach kurzer Pause hinzu: „Mittlerweile.“

Was hilft

In den zwei Jahren seit ihrer Diagnose musste Agnes K. vieles lernen. Zunächst einmal herauszufinden, was sie stresst und wann, um daraus abzuleiten, was sie braucht – und das zu artikulieren. So helfen ihr inzwischen ein sehr durchstrukturierter Tagesablauf sowie Listen zum Abhaken dabei, den Alltag besser zu bewältigen. Ebenso stehen Meditations- und Entspannungsübungen in der Früh auf dem Plan, um den Tag in Ruhe zu beginnen – und dieses ruhige Tempo auch zu halten. Gelernt hat sie auch, sich Spielräume im eigenen Zeitmanagement einzuräumen, denn sie wisse inzwischen einfach, dass sie durch das ständige Abdriften für eine Zwei-Stunden-Tätigkeit in der Regel drei Stunden brauche.

Wie das Umfeld helfen kann

Und wie können Familie und Freunde Betroffenen helfen? „Durch Verständnis in erster Linie“, erklärt der Arzt. Agnes K. konkretisiert dies auf das Verständnis für Ruhe. Wenn die Reize überhand nehmen, sei der Rückzug in einen ruhigen Raum die einzige Option für sie. Und dieses Anliegen sei nicht immer so einfach zu formulieren, Mitmenschen fühlen sich dadurch leicht gekränkt. Auch in der Beziehung liefere das Syndrom natürlich Streitpunkte, aber mit Humor, Geduld sowie der Fähigkeit, ihre Bedürfnisse zu artikulieren, funktioniere auch das, freut sich die junge Frau.

Medikamente einsetzen?

Externe Hilfe braucht Agnes K. trotzdem, und zwar in Bezug auf die Konzentrationsproblematik. Hier kommen Medikamente zum Einsatz. Das vielzitierte Ritalin habe sie jedoch abgelehnt, denn sie „möchte das selbst hinkriegen im Alltag.“ „Meine Medizin ist kein Wundermittel. Ich muss an mir arbeiten“, erklärt sie. Ihre Medikation soll nur dabei helfen, etwas aufzubauen, um die Konzentrationsfähigkeit an sich zu stärken. Auch Psychiater Wechsberg erklärt: „Wir können hier nicht heilen, sondern nur die Symptome reduzieren.“ Was aber gerade bei ADHS sehr gut sei, da es hier sehr wirksame und verträgliche Medikamente gäbe.

"ADHS ist nicht heilbar"

Also keine „Heilung“ des Syndroms? „Nein, durch Behandlung ist ADHS nicht heilbar“, so Wechsberg. Es könne zwar im Laufe der Pubertät besser werden, was bei einem Drittel etwa passiert. In den meisten Fällen bliebe die Diagnose aber ein Leben lang bestehen.

Positive Seiten des Syndroms

Eine niederschmetternde Aussicht? Keinesfalls, geht es nach der Betroffenen. Denn die „Erkrankung“ bringe auch positive Seiten mit sich: „Ich bin sehr begeisterungsfähig und glaube, mir durch das Sprunghafte, die Fantasie und das Kindliche ein bisschen mehr bewahrt zu haben als andere.“ Außerdem empfinde sie es als schön, sehr viel wahrzunehmen.

ADHS in der Arbeitswelt

Auch den Drang nach ständig Neuem verspüre sie ebenso wie viele andere ADHS-Patienten des Facharztes. Dieser Drang sei sogar ein großer Vorteil etwa bei der Gründung eines Start-Ups, erklärt Wechsberg nach den optimalen Berufen gefragt. „Man muss dafür die Energie haben, über den Tellerrand hinauszuschauen und im Chaos gut zurechtkommen.“ Diese Anforderungen seien bei Menschen mit ADHS oft gegeben. Neben Start-Up-Gründer eignen sich laut Wechsberg auch Berufe, die mit körperlicher Betätigung zu tun haben, gut für Betroffene, wie etwa Gärtner. Auch Agnes K. gab ihren Bürojob nach der Diagnose auf, um sich komplett umzuorientieren. So absolviert sie derzeit eine Ausbildung zur persönlichen Assistenz von Menschen mit Integrationsbedarf. Mit ADHS lässt es sich für sie mittlerweile gut leben. Dennoch rät sie jedem, der sich betroffen fühlt, sich helfen zu lassen: Denn nur „wenn man die Hilfe hat, die mach braucht, wird vieles im Alltag leichter.“