Die Faktenprüfplattform Mimikama hat sich weiterentwickelt. Fakten werden weiterhin überprüft. Mehr noch geht es den Betreibern um die größeren Geschichten hinter einzelnen Meldungen. Und darum, zu vermitteln, dass Medienachtsamkeit ein Gebot der Stunde ist. Denn: Social Media haben uns zu Getriebenen gemacht.
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Alles begann mit Farmville. 2010 beschloss der Werbegrafik-Designer Tom Wannenmacher, sich auch einmal auf der Social-Media-Plattform Facebook umzusehen und stieß dort bald auf die virtuelle Bauerncrowd.
Die einen versuchten dort, Spielgeld zu scheffeln, andere erschufen Märchenareale. Wannenmacher hatten es die optischen Täuschungen angetan, die er mit den von den Spielemachern zur Verfügung gestellten Deko-Elementen erschuf: So wurde etwa aus blauen Heuballen ein Fluss.
Ein falscher Klick
Das gefiel vielen, immer mehr Spielerinnen sahen sich auf seiner Online-Farm um. Doch dann ein falscher Klick und Wannenmacher war in eine Abo-Falle getappt. Damit es anderen nicht ergehen sollte wie ihm, schuf er binnen zwei Tagen eine Webpage, die vor dieser Art von Abzocke im Netz warnte. Das war der Startschuss für Mimikama – der Begriff ist übrigens ein Fantasiename.
Richtig los mit der heute als Faktencheck-Plattform bekannten Seite ging es dann 2011. Im Vordergrund stand Betrug im Internet, den es zuhauf gab. Gewinnspielfallen, Trickbetrügereien und eben Abo-Fallen: Unachtsames Klicken und Ansteuern von unbekannten Webpages hatte oft seinen Preis. „Diese Betrugsgeschichten gibt es ja heute gar nicht mehr so“, sagt Wannenmacher. „Die Leute haben ja auch gelernt.“ Auch auf WhatsApp-Kettenbriefe fällt heute kaum jemand mehr herein.
Uns geht und ging es immer darum: Was ist Fakt, was ist Fake? Was kann ich mit einer Quelle belegen? Nicht mehr oder weniger

Tom Wannenmacher
© Matt ObserveFakt oder Fake?
Bald wurden dem Team, das sich inzwischen um Wannenmacher gebildet hatte, von Usern und Userinnen ganz andere Fragen gestellt. Es war 2015 und die Zeit der Flüchtlingskrise. Stimmte es, dass Syrer und Afghanen gratis Handys bekamen? Oder gar einen Besuch in einem Bordell bezahlt? Was politisch anmutet, sehen die Mimikama-Betreiber bis heute nicht als politisch. „Uns geht und ging es immer darum: Was ist Fakt, was ist Fake? Was kann ich mit Quellen belegen? Nicht mehr und nicht weniger“, betont Wannenmacher.
Es kam mit Beginn 2020 die Covid-Krise und Verschwörungstheorien feierten fröhliche Urständ. Für die nächste Disruption sorgte der Angriffskrieg Russlands ab 2022 gegen die Ukraine. Der Überfall der Hamas auf Israel 2023 sorgte für insgesamt weniger Fragenaufkommen im Netz, als angesichts des Medienechos zu diesem Thema erwartbar gewesen wäre. Und nun? Das Hantavirus auf einem Kreuzfahrtschiff. Allerdings: Was die Mimikama-Crew über die Jahre auch gelernt hat: Neues kommt da nichts. Es sind die immer selben Mechanismen, die sich abspulen.
Pre- und Debunking
Andre Wolf ist bei Mimikama heute für die Schiene Education verantwortlich. Das ist neben regelmäßigen Unterstützern auch die zweite Einnahmequelle der Plattform – öffentliche Gelder erhält man keine. An die 150 Mal im Jahr ist Wolf an Schulen, in Firmen, in NGOs zu Besuch und macht Workshops zum Thema Medienachtsamkeit. Irgendwann war nämlich der Punkt, da wurde den Mimikama-Betreibern klar: Es geht nicht um die einzelne Falschmeldung. Es geht immer um die Geschichte dahinter, das Narrativ. Dieses muss man erkennen.
Jahrelang haben die Faktenchecker nach Erscheinen von Berichten im Netz geprüft. Debunking nennt sich das im Fachjargon. Heute zählt bei Mimikama aber auch das Pre-Bunking zum Tagesgeschäft: das vorbeugende Entkräften von Falschinformation. Und eben das Vermitteln eines achtsameren Umgangs mit der Online-Welt.


Alle Jahre wieder
„Ich weiß jetzt schon, dass irgendeine Zeitung im Oktober eine St.-Martins-Geschichte im Blatt haben wird“, so Wolf – wider besseren Wissens. Worum es dabei geht? Das Thema zieht immer wieder aufs Neue – und schafft Reichweite. „Nur diese Jagd nach Reichweite, die macht auch krank, die macht auch physisch krank, das wissen wir beide“, sagt Wolf und schaut zu seinem Mimikama-Partner Wannenmacher. „Wir haben beide Bluthochdruck gehabt. Wir waren beide irgendwann mal große, stämmige Menschen mit einer schweren Krankheit. Und wir haben beide gemerkt, so geht es nicht weiter.“
Auch deshalb agiert Mimikama heute anders. Da kommt einerseits viel KI zum Einsatz – aber ohne dass Wannenmacher, Wolf und die anderen im Team, insgesamt umfasst es heute fünf Personen – die Kontrolle über Inhalte verlieren. Die KI sucht zum Beispiel, wenn User Fragen zum Wahrheitsgehalt einer Nachricht oder eines Postings im Netz stellen, zunächst in den bisher an die 40.000 bereits von Mimikama erstellten Artikeln, ob sich hier bereits eine Antwort findet.
Wenn ja, schickt ein Bot diesen Beitrag sofort als Antwort. Mit extra für die Plattform designter KI lassen sich andererseits manche Anfragen in Sekundenschnelle recherchieren und verifizieren oder falsifizieren. Wichtig ist hier immer, dass die zugrunde liegenden Quellen passen, betont Wannenmacher.
Zahlen & Fakten
35.000 Faktenchecks hat Mimikama seit seiner Gründung bereits durchgeführt. Geprüft werden Aussagen, die im Netz kursieren und anhand von Beweisen als wahr oder falsch beurteilbar sind.
95 Prozent der 1.892 Befragten für den Mimikama-Report 2025 begegnen regelmäßig Falschinformationen im Netz, vor allem in Sozialen Netzwerken.
KI sorgt aber auch dafür, dass Anfragen thematisch geordnet und bei größerer Anzahl von Fragen zu einem Thema daraus eine Priorität abgeleitet wird. So erkennt das Team schneller, was aktuell relevant ist. Und was sich zu einer größeren Geschichte auswachsen könnte. Aber auch das Schreiben selbst hat KI vereinfacht, wie Wolf erzählt.
Er spricht seine Ideen beim Laufen über Gemini ein, die macht daraus einen Text, der einerseits rechtschreibfehlerfrei ist und andererseits genau das wiedergibt, was er sagen wollte. Online gehen diese Beiträge aber erst, nachdem Wolf nochmals drübergelesen und etwaige falsche Einordnungen oder Formulierungen bereinigt hat. Am Ende muss immer der Mensch entscheiden, so die beiden Faktenchecker.
„Für mich ist Google tot“
Was Wannenmacher inzwischen eingestellt hat: das Optimieren der Mimikama-Inhalte für die jeweils unterschiedlichen Algorithmen auf Social Media, aber auch in puncto Schlagworten für die Suchmaschinen, SEO genannt. Google habe hier massiv an Relevanz verloren, sagt er. „Für mich ist Google tot.“ Es sei heute auch nicht mehr möglich, hier so zu optimieren, dass man in den Suchergebnissen nach vorne gereiht werde. Die Spielregeln dafür würden ständig geändert. „Es ist sinnlos, der Reichweite hinterherzuhecheln. Wir machen das nicht mehr.“
Wir haben nicht zu wenig Informationen. Wir haben zu viele. Wir haben nur gelernt, zu filtern

Das gilt übrigens auch für die Interaktion mit Usern. Bevor etwas ausufert, wird die Kommentarfunktion gesperrt. „Ich brauche keine Million Follower, darunter Bots und Trolle, Leute die bewusst Desinformation betreiben wollen, aber auch solche, die ihre Themen groß machen wollen. Ich brauche meine tausend Leute, die die richtigen sind. Die wirklich nach Information suchen“, betont Wannenmacher.
Auch hier setzt das Mimikama-Team also auf Medienachtsamkeit. „Wir alle sind übersättigt und müde“, formuliert es Wannenmacher. „Wir haben nicht zu wenig Information. Wir haben zu viel. Wir haben nur nie gelernt zu filtern“, sagt Wolf. Da sei es leichter gesagt als getan, einfach zu sagen, es brauche mehr Aktivitäten in der analogen Welt. „Als Offline-Welt müssen wir mit einer abhängig machenden Online-Welt konkurrieren“, so Wolf. Es sind Zusammenhänge wie diese, die heute – neben den Basis-Faktenchecks – im Mittelpunkt der Aufklärungsarbeit von Mimikama stehen.
Wirksamer als Verbote: Omis auf Tiktok
Ihnen ist dabei ein mündiger Umgang mit Medien aller Art ein Anliegen. Wer sich hier selbst ein bisschen Kompetenz aneignen möchte: auf der Webpage der Plattform findet sich auch das Tool „Social-Media-Führerschein“. Von Verboten, wie nun von Social Media für unter 14-Jährige halten sie dagegen wenig. Da sei einerseits die schwierige Umsetzbarkeit, da sei andererseits das sich ständig verändernde Nutzungsverhalten. TikTok verliere zum Beispiel aktuell an Attraktivität bei den Jungen – weil nun „auch die Omis dort sind“, sagt Wolf.
Er sieht Kinder und Jugendliche derzeit vor allem auf Snapchat, mit ihren Freunden videotelefonierend über Teams oder WhatsApp – und im Gespräch mit Chatbots wie ChatGPT. Die Bots würden jede Frage der Heranwachsenden in freundlichem Ton beantworten. Gesetzliche Regelungen würden der Realität hier immer nur hinterherhinken.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.








Social Media als Dauerstress
Was Social Media zunächst boten: das Vernetzen mit Leuten aus Schule und früheren Lebensphasen, die man aus den Augen verloren hatte. „Aber Social Media haben sich massiv verändert. Inzwischen sind die Plattformen komplett algorithmusgesteuert“, sagt Wolf. Das hat auch das Nutzungsverhalten verändert. Seit Mitte der 2010er-Jahre stieg die Bildschirmzeit der meisten Menschen massiv an. Vor dem Einschlafen abends im Bett wird noch am Smartphone gescrollt. Damit einher geht Dauerstress.
Die Empörungskultur treibt immer neue Blüten und ist doch vorhersehbar. Es gibt Geschichten, die sich Jahr für Jahr wiederholen – und doch immer wieder hochgekocht werden. Etwa, dass es an Kindergärten oder Volksschulen keinen Laternenumzug mehr zu St. Martin geben soll. Oder ein Weihnachtsmarkt nicht mehr Weihnachtsmarkt heißen darf.