Die Bestellung des Direktoriums, der 13 Manager in der zweiten Reihe, gilt als Bewährungsprobe der Unabhängigkeit des bald ORF-Alleingeschäftsführers Clemens Pig. Mit der Internationalisierung des Bewerbungsverfahrens hat er vorerst ein wichtiges Zeichen gegen parteipolitische Packelei gesetzt.
Führungserfahrung statt Freunderlwirtschaft
Für den einen war es ein Befreiungsschlag, für die anderen eine kalte Dusche. Clemens Pig hat am Montag die Hoffnung genährt, dass unter ihm als General Parteien keine ORF-Personalwahl mehr beeinflussen. Zur Bestellung der 13 Direktoren auf dem Küniglberg und in den Regionalfilialen bricht er mit alten Absprachegewohnheiten zu Bundesregierung und Landeshauptleuten.
Externe Berater aus Deutschland und der Schweiz treffen die Vorauswahl im Sinn des EU-Medienfreiheitsgesetzes. Ihr erster Maßstab ist die Erfüllung der Anforderungen in der Ausschreibung. Dort steht u. a., „bestellt werden darf nur, wer (…) eine für die Aufgaben relevante Vorbildung oder eine fünfjährige einschlägige oder hinsichtlich des Aufgabenbereichs verwandte Berufserfahrung nachweisen kann“.
Was in Austro-Realität biegsam wirkt, ist für internationale Recruiter ein Killerkriterium. Also haben manche Möchtegerns ihre Runden auf den Sommerfesten von Medien und Politik umsonst gedreht. Weder Moderatorinnencharme noch Landesfürstennähe ersetzen Führungserfahrung. Doch Außenbewerber haben nun mehr Chancen denn je.
Wie, Frauen auch?
Dass laut Vorgabe des designierten Chefs die Hälfte der Posten an Frauen geht, macht die Auswahl noch komplizierter. Unter Roland Weißmann stand es für sie zwar auf dem Küniglberg 3:1 (Ingrid Thurnher, Eva Schindlauer, Stefanie Groiss-Horowitz vs. Harald Kräuter), aber in den Landessstudios 3:6 – Karin Bernhard (K), Waltraud Langer (S), Esther Mitterstieler (T) sowie Werner Herics (B), Alexander Hofer (NÖ), Klaus Obereder (OÖ), Gerhard Koch (ST), Markus Klement (V) und Edgar Weinzettl (W).
Um diese zweite Reihe sorgfältig neu aussuchen zu können, hat Pig gleich die Urlaubspläne von einigen ORF-Größen zerstört. Er schlägt das Direktorium nicht – wie lange kolportiert – bereits am 21. Juli, also nur eine Woche nach Nennungsschluss vor, sondern lässt es erst Mitte August bestellen. Das ist durchaus als Muskelspiel des Neuen zu verstehen.
Mehr David im Golliath-Poker
Die nächste Machtprobe folgt im September. Während der Zeitungsverband (VÖZ) drängt, sich mit dem gesamten Medienstandort zu befassen, wird die Enquete von Vizekanzler Andreas Babler nur ein ORF-Konvent. VÖZ-Präsident Rainer Nowak sieht die Auslassung privater Anbieter als vergebene Chance und Dünger des Vorwurfs „Staatsfunk“. Pig versteht die Gewichtung angesichts der Sparvorgaben der Republik und will mehr digitale Freiheit. Es gehe darum, nicht zusammen unterzugehen, sondern gemeinsam zu existieren (die Krone hat dazu soeben Ex-McKinsey-Manager Clemens Schwaiger als CEO erhalten).
Die augenscheinliche Konzentration auf die ORF-Reform erleichtert die Aufgabenbewältigung für die Medienpolitik aber nicht. Jede Veränderung des öffentlich-rechtlichen Marktdominators hat unmittelbare Auswirkung auf die privaten Mitbewerber. Das gilt vom Online-Spielraum bis zur Landesstudio-Stärkung.
Je mehr Freiheit der gebührenfinanzierte Riese erhält, desto enger wird es für den Rest. Solch Wettbewerbsverzerrung muss durch Medienförderung ausgeglichen werden. Nicht nachträglich, sondern umgehend. Denn die Bemühungen um den nationalen Medienstandort sind Pipifax im Vergleich zur digitalen Kolonisation. Die Karten dafür werden schneller als je zuvor gemischt. Wenn die Politik ihren Talon nicht ebenso rasch verteilt, kann kein David im globalen Goliath-Poker mehr mitspielen.
Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: pp@plaikner.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.
