Humanoide Roboter sollen uns daheim und im Job das Leben erleichtern, das Wettrennen um die ersten Modelle für den Massenmarkt hat begonnen. Doch noch gibt es etliche offenen Fragen.
Das seltsam geformte Ding fährt zielstrebig durch das Restaurant, bleibt vor einem Tisch stehen und die Gäste dürfen sich die Teller herunternehmen. Dann kehrt der Kellner auf Rollen in die Küche zurück, um die nächsten Speisen auszuliefern.
Was bis vor wenigen Jahren nach Science-Fiction geklungen hätte, ist heute nichts Ungewöhnliches mehr: In etlichen österreichischen Gaststätten bringen Roboter das Essen und räumen das Geschirr ab; in Hotels und auf Kreuzfahrtschiffen begrüßen Roboter die Gäste und weisen ihnen den Weg. Damit soll das Personal entlastet werden, ein vollwertiger Ersatz für Menschen sind die Roboterkellner noch nicht.
Die Roboterrevolution
Doch das ist erst der Beginn. Schon bald sollen Roboter daheim, im Büro, in der Fabrik, auf Flughäfen, in Krankenhäusern und an vielen anderen Orten selbstverständliche Helfer sein – so zumindest das Versprechen der Hersteller. Fakt ist: Die Roboterrevolution hat längst begonnen. In Produktionshallen – etwa in der Automobilindustrie – werden Roboter ja bereits vielfach eingesetzt.
Nun befinden sich aber humanoide, also menschenähnliche Roboter, kurz vor der Serienreife. So hat das junge US-Unternehmen Sunday Robots ein Modell namens Memo entwickelt, das eigenständig das Geschirr abräumen und es in den Geschirrspüler räumen soll.
Es sieht aus wie eine überdimensionale Lego-Figur mit klobigen Händen und einem Bein, das in einer Box mit Rollen steckt. Noch sieht es etwas hoppatatschig aus, wenn das Ding Kaffee kocht, Handtücher faltet oder Teller in den Spüler stellt. Der Preis beträgt derzeit 20.000 Dollar, Ende dieses Jahres soll eine erste Beta-Version erhältlich sein, dafür anmelden kann man sich jetzt schon.
Rasante Entwicklung
Weltweit gibt es derzeit 200 bis 250 Unternehmen, die sich intensiv mit der Entwicklung solcher Maschinen für Haushalt, Freizeit und Beruf beschäftigen. Noch ist nicht sicher, welche Roboterform sich letztlich durchsetzen wird. Werden die Dinger Beine haben oder doch eher Rollen? Werden sie Finger oder Greifzangen haben? Generell ist die menschliche Form deshalb interessant, weil solche Roboter in für Menschen geschaffenen Umgebungen – etwa Wohnungen oder Büros – agieren können.
Trotz vielfacher Rückschläge – Videos von stolpernden Roboter gibt es in Hülle und Fülle – schreitet die Entwicklung rasant voran, wie aktuelle Beispiele zeigen:
Tesla hat seinen Roboter Optimus Ende Dezember in einem Einkaufszentrum in Berlin Popcorn servieren lassen, schon Ende dieses Jahres soll Optimus zu Preisen ab 20.000 Euro für Privatpersonen kaufbar sein. Tesla-Chef Elon Musk sieht ihn und Konsorten für die nächsten Jahre als größeres Geschäft als Elektroautos.
Das Modell „Figure 03“ der US-Firma Figure AI hat im Dezember bewiesen, dass schnelle Bewegungen inzwischen möglich sind: Der Roboter läuft, springt und dreht sich wie ein Mensch. Das sieht dermaßen natürlich und zugleich unheimlich aus, dass vielfach vermutet wurde, es handle sich um einen Menschen in einem Roboterkostüm. In einem für Testzwecke eingerichteten Haus in Nordkalifornien hebt das Modell jedenfalls verstreutes Spielzeug auf, serviert das Essen, wäscht Geschirr ab, leert Mistkübel, steckt Schmutzwäsche in die Waschmaschine und faltet Pyjamas.
Der chinesische Hersteller Unitree hat sein neues Modell H2 in einem Video tanzen und boxen lassen. Das Gesicht des 70 Kilogramm schweren und 180 Zentimeter großen Modells zeigt zwar keinerlei Regungen, aber die Bewegungsabläufe wirken human.
Boston Dynamics, bekannt durch seine Laufroboter, hat mit dem Modell „Atlas“ ebenfalls eine menschenähnliche Maschine entwickelt, die als „Superhuman Robot“ bezeichnet wird. Sie soll in Minen und auf Bohrinseln schwere Arbeiten übernehmen, aber auch die Einkäufe aus dem Supermarkt ins Haus tragen. In einer Fabrik von Hyundai wird gerade die Praxistauglichkeit von Atlas erprobt.
Der humanoide Roboter „Digit“ von Agility Robotics kann in Warenhäusern Pakete schlichten. Seine Fortbewegung erinnert zwar an eine rachitische Heuschrecke, doch in Tests hat sich der automatisierte Mitarbeiter bereits bewährt: Dank seiner Beine kann er verschiedene Tätigkeiten übernehmen, etwa Waren sortieren und auf ein Laufband legen.
Das Modell NEO des norwegisch-amerikanischen Herstellers 1X Technologies soll ebenso haushaltstaugliche Fähigkeiten haben, aber nicht nur Putzen und Aufräumen, sondern auch Einkaufslisten führen und an Geburtstage erinnern. Der 30 Kilogramm schwere Roboter kann bereits bestellt werden: Einmalig 20.000 Dollar oder knapp 500 Dollar pro Monat wird das Vergnügen kosten, die Maschine die lästige Arbeit machen zu lassen; in den USA sollen die Modelle bereits heuer ausgeliefert werden, in Europa ab nächstem Jahr. In Praxistests stellte sich der Helfer aber bisweilen etwas ungeschickt an und benötigte selbst für einfachere Tätigkeiten mehrere Minuten.
In Deutschland hat sich Neura Robotics als spannendes Jungunternehmen in diesem Sektor positioniert: Serviceroboter Mipa hat einen Touchscreen und zwei Arme und kann unter anderem in der Gastronomie und in Gesundheitseinrichtungen wie Pflegeheimen eingesetzt werden.
Angst vor der KI- und Roboter-Blase
Humanoide Roboter versprechen ein riesiger Markt zu werden, entsprechend groß ist das Interesse der Investoren. Im Vorjahr betraf die Hälfte der weltweiten Risikokapital-Investitionen den KI-Bereich, wobei die Robotik darin der am schnellsten wachsende Teilbereich war.
Doch nun wächst die Angst vor einer Blase, Experten ziehen bereits Vergleiche zur Dotcom-Krise der frühen 2000er. Im November vorigen Jahres hat etwa die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission Chinas – die wichtigste Planungsbehörde des Landes – vor einer drohenden Spekulationsblase gewarnt. Im Wettlauf um die ersten massentauglichen Produkte würden viele Firmen bestehende Modelle kopieren oder übereilt Prototypen herstellen. Auch aus den USA und Europa kommen Warnungen, denn derzeit liegt der Fokus vielfach auf dem Marketing statt auf echten Anwendungen.
Und wenn sich die ersten Modelle in der Praxis nicht bewähren, sinkt das Interesse von Investoren und Käufern rasch. Dennoch schießen weltweit die Roboter-Start-ups aus dem Boden, doch nur die wenigsten werden überleben. Während sich mit Industrierobotern bereits Geld verdienen lässt, gibt es für ihre menschenähnlichen Kollegen noch keine zuverlässigen Prognosen, welche Umsätze damit generiert werden könnten. Die Frage des Nutzens rückt in den Fokus: Was bringen solche Roboter wirklich?
Keine Alleskönner
Die Frage ist, ob große Hersteller von Industrierobotern – darunter Siemens, Schneider und ABB – am Markt für humanoide Roboter mitmischen werden. Derzeit sieht es eher so aus, als würden neue Firmen die Hardware entwickeln und bauen, während die etablierten Konzerne die Integration in bestehende Systeme übernehmen könnten.
Je nach Region gibt es auch unterschiedliche Schwerpunkte, was die Aufgaben für Roboter betrifft: Während die USA auf Effizienz in der Logistik setzen und China die Massenproduktion von Servicerobotern forciert, fokussiert sich Japan auf soziale Gefährten für seine alternde Gesellschaft. Laut Weltroboterverband IFR sollten die Erwartungen an einen schnellen Durchbruch im privaten Bereich aber nicht übertrieben werden: Ein massenhafter Einsatz als universelle Haushaltshelfer sei kurz- bis mittelfristig noch nicht zu erwarten.
Auch Sabine Köszegi, Professorin für Arbeitswissenschaft und Organisation am Institut für Managementwissenschaften der TU Wien, bremst die Erwartungen: „Kurz- und mittelfristig sind Roboter, die alles können, nicht in Sicht. Ein solcher Roboter müsste sich in unvorhersehbaren Situationen zurechtfinden und angemessen handeln – das ist nicht absehbar.“ Köszegi beschäftigt sich im Forschungsprojekt „Caring Robots“ (siehe Kasten) mit dem Einsatz von Robotik in der Pflege, der Fokus liegt dabei auf dem normativen, ethischen Anspruch.
Roboter in der Pflege
In der Pflege älterer Menschen könnten Roboter eine wichtige Rolle spielen. Doch welche Einsatzgebiete und Aufgaben kann robotische Technologie in der Pflege konkret übernehmen? Das soll in dem Forschungsprojekt „Caring Robots“ beantwortet werden, an dem verschiedene Fakultäten der TU Wien, Digitaluniversität Linz, Technisches Museum Wien und Caritas beteiligt sind; finanziert wird es vom FWF über die Förderschiene „Connecting Minds“.
Es ist eines der ersten Projekte in der Grundlagenforschung in Österreich, das transdisziplinär arbeitet und neben Forschungspartnern auch solche aus der Praxis einbezieht; so sind Bewohner und Mitarbeiter in Pflegeheimen eingebunden. Es gehe also um den Transfer von der Forschung in die Praxis unter Beteiligung der Betroffenen und der Öffentlichkeit, erklärt TU-Professorin Sabine Köszegi, Koordinatorin des Projekts.
Bisher wurden zwei Prototypen erstellt: Ein automatisiertes System zur Pflegedokumentation, das Pflegefachkräfte in ihrer täglichen Arbeit unterstützen kann, und eine robotische Plattform namens Calls of Care, dabei handelt es sich um ein KI-basiertes Tastentelefon mit einem Gesprächsangebot zur Aktivierung von Menschen mit Demenz. Ein wichtiger Faktor ist Datenschutz, derzeit werden die Prototypen validiert, und es wird Publikumsveranstaltungen etwa im Technischen Museum in Wien geben.
Jedenfalls müssen Roboter nicht wie Menschen aussehen, um in der Pflege sinnvoll eingesetzt werden zu können, meint Köszegi. „In der Pflege könnten humanoide Roboter auch falsche Erwartungen wecken, weil man davon ausgehen könnte, dass sie sich wie Menschen verhalten. Wir sollten uns eher fragen, was die Pflegefachkräfte wirklich brauchen – etwa Unterstützung beim Heben von Menschen.“
Bedenken wegen der Sicherheit
Tatsächlich stehen Roboter für einen Einsatz etwa im Privatbereich vor erheblichen Hürden: Während in Fabriken oder auch in anderen Umgebungen wie Restaurants die Abläufe zumindest grob definiert werden können, ist in Privathaushalten, Gärten oder Einkaufszentren mehr Geschicklichkeit und Flexibilität gefragt, auch im Umgang mit Oberflächen wie Textilien.
Dazu kommt die Sicherheit als Kernfaktor: Wenn ein Roboter, der so groß und schwer ist wie ein Mensch (oder zumindest wie ein Kind) stürzt oder ausrutscht, kann das für die Menschen um ihn herum gefährlich sein. Und man muss kein Fan von Horror-Science-Fiction sein, um die Gefahren von Maschinen zu sehen, die mit Messern, Feuerzeugen oder Scheren hantieren.
Ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Herstellers Figure AI klagte kürzlich vor einem US-Gericht gegen seine Entlassung: Der für Produktsicherheit verantwortliche Angestellte hatte intern gewarnt, dass die Roboter einen menschlichen Schädel brechen könnten; in Tests hätten die Dinger die Türen von Kühlschränken mühelos eingedrückt.
Zahlen & Fakten
9 Billionen US-Dollar soll der Weltmarkt für humanoide Roboter im Jahr 2050 laut einer Analyse der Royal Bank of Canada wert sein
250.000 humanoide Roboter sollen laut Analyse von Goldman Sachs bis 2030 weltweit im Einsatz sein, vor allem in Fabriken und Lagerhäusern
30.000 humanoide Roboter wurden im Vorjahr in China verkauft
1 Million menschenähnliche Roboter sollen laut Managementberatung Horváth in fünf Jahren weltweit in Produktion und Logistik eingesetzt werden
8,2 Milliarden US-Dollar wurden im Vorjahr in den chinesischen Robotik-Sektor investiert, ein Plus von 170 Prozent gegenüber 2024. Die Hälfte der Investitionen betrafen den Bereich der humanoiden Roboter
Auch der Datenschutz bleibt ein heikles Thema: Roboter brauchen Kameras und Audio-Sensoren, um sich orientieren zu können, doch wo landen die Aufnahmen und anderen Dateien – vielleicht gar bei staatsnahen Firmen in China oder US-Technologiekonzernen mit einer Vorliebe für Trump? Und wie wird sichergestellt, dass der Roboter nicht versehentlich etwas filmt, das sehr privat ist?
In der EU gibt es noch keine expliziten Vorschriften für humanoide Roboter, wie sie etwa in Haushalten eingesetzt werden könnten. Für eine Zulassung müssen Hersteller aber unter anderem die Vorgaben zur Produktsicherheit und die Bestimmungen der neuen EU-Maschinenverordnung, die ab Anfang 2027 gelten wird, beachten. Und weil KI eine zentrale Rolle spielt, kommt auch der EU AI Act ins Spiel; ebenso die Datenschutzverordnung (DSGVO) – das ist wichtig, weil ja für eine Weiterentwicklung der Roboter Daten in die Firmenzentralen gesendet werden müssen.
Menschenähnliche Rechenmaschinen
Für Sabine Köszegi steht fest: „Es ist teilweise nur ein Marketing-Gag, wenn Roboter wie Menschen aussehen sollen – damit soll die Akzeptanz der Nutzer erhöht werden.“ Natürlich könne ein Roboter mit Rollen keine Treppen steigen, aber müsste er unbedingt einen Kopf mit Augen und Ohren haben wie ein Mensch? „Es ist immer die Rede von humanoiden Roboter – auch das sind in Wahrheit nur Rechenmaschinen mit Sensoren zur Wahrnehmung der Umgebung, mit Aktuatoren, um mit ihr zu interagieren, und einem Rechner, der die Daten verarbeitet und den Roboter steuert.“
Roboter, die nicht nur in Restaurants aushelfen, sondern Menschen so gut wie überall begleiten und unterstützen, sind dennoch eine Verheißung, der sich viele nicht entziehen können – und entsprechend wird die erhoffte Roboterrevolution noch einige Zeit mit viel Kapital befeuert werden. In Zukunft könnte es dann heißen: Wer das entsprechende Kleingeld parat hat, lässt Roboter für sich arbeiten. Wer sich das nicht leisten kann (oder mag), muss eben alles selbst machen.
Gastroautonomie
Welche Rolle Maschinenhelfer etwa in der Gastronomie spielen werden, zeigt das junge Unternehmen Kaikaku des Linzers Josef Chen: Es entwickelt KI-gesteuerte Maschinen, die repetitive Aufgaben bei der Speisenzubereitung übernehmen. Dabei geht es Chen laut eigener Aussage nicht um den Ersatz des Personals, sondern um dessen Entlastung von Routinearbeiten, damit sich Mitarbeiter künftig auf den Service am Gast konzentrieren können und Restaurants ihre Kosten senken.
Wie das konkret funktioniert, wird in einem Lokal in London – wo Chen jetzt lebt und werkt – sichtbar. Dort können bis zu 360 Portionen pro Stunde autonom gefertigt werden, statt der für Stoßzeiten üblicherweise benötigten zehn Mitarbeiter braucht es dann nur drei - und die können sich um die Gäste kümmern, statt in Fließbandarbeit die Bowls, die Spezialität des „Common Room“, zuzubereiten. Das Robotersystem dahinter heißt Fusion; laut Chen soll es deutlich günstiger sein als bisher übliche Automatisierungslösungen und daher auch für jene Gastronomen leistbar sein, die vor entsprechenden Investitionen zurückschrecken.
Mit seinem Konzept eines „Business in a Box" will Chen in Kürze eine schlüsselfertige Lösung anbieten, die das technologische (und finanzielle) Risiko für Restaurantbetreiber weltweit reduziert. Dazu braucht es auch die Software dahinter. Mittels Analyse von Daten soll ein KI-System namens Alesia den Alltag im Restaurant für die Betreiber vereinfachen, unter anderem durch Prognosen zum Gästeandrang.
Ein weiterer Fixpunkt von Chens Vision einer automatisierten Gastronomie ist eine Art kulinarische KI, die auf Basis wissenschaftlicher Datenmodelle und rund tausend Zutaten passende Geschmackskombinationen berechnet. Es basiert auf der Forschung zum sogenannten „Flavor Network", bei der 2011 erstmals untersucht wurde, weshalb bestimmte Zutaten harmonieren, und auf aktuellen Forschungen zur Verknüpfung von Geschmacksmolekülen mit Rezepten mittels Deep Learning. Laut Chen können per Rezeptgenerator in Sekundenschnelle neue, wissenschaftlich fundierte Gerichte geschaffen werden.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.






