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2nd Opinion: Maschinenstürmer überall

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Michael Fleischhacker

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Die Diskussion über die Nutzung von KI in Politik und Medien wird aufgeregter: Euphoriker halten sich für die Vorreiter der Geschichte, Skeptiker werden als primitive Maschinenstürmer denunziert. Man unterscheidet kaum noch zwischen Plagiatsverdacht und Selbstabschaffung des Menschen. Das kann ja was werden.

Über die Frage, ob Künstliche Intelligenz irgendwann dazu führt, dass der Mensch zurückbleibt und gewissermaßen zum Gemüse der Maschinen wird, wird nicht erst seit dem Aufkommen der Large Language Models diskutiert, die uns zum Beispiel erlauben würden, einen Text wie diesen zu verfassen, ohne irgendetwas über die Inhalte, um die es hier geht, zu wissen.

Intelligenzexplosion

Aber was heißt schon „wissen“? Der britische Mathematiker Irving John Good veröffentlichte vor mehr als 60 Jahren einen Aufsatz, in dem er beschrieb, was möglicherweise gerade jetzt passiert. Good sagte eine „Intelligenzexplosion“ voraus, die dadurch entstehen würde, dass Maschinen in die Lage kommen, sich selbst zu verbessern, wodurch sie immer bessere Maschinen erzeugen und auf diese Weise die menschliche Intelligenz ziemlich bald und ziemlich weit hinter sich lassen würden.

Goods These war also, dass die erste superintelligente Maschine ungefähr die letzte Erfindung des Menschen vor seiner Obsoletwerdung sein würde. Ungefähr dort verorten Maschinenoptimisten wie der kalifornische Posthumanist Ray Kurzweil den Augenblick der „Singularität“. Sie warten auf ihn, um es in den Worten des Psalmisten zu sagen, wie der Wächter auf den Morgen. Andere fürchten sich naturgemäß vor ihm und bringen das auch recht schnörkellos zum Ausdruck. In ihrem Buch „If Anyone Builds it, Everyone Dies“ argumentieren Eliezer Yudkowsky und Nate Soares ihren „Case Against Superintelligent AI“.

Ach, die Medien

Vielleicht liegt eine der Schwierigkeiten in der Beschäftigung mit den Vor- und Nachteilen der aktuellen Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz darin, dass man die erschwerte Prüfung von dem, was wir im Gutenbergzeitalter „Plagiate“ nannten, und der Frage, ob die Menschheit demnächst den Prozess ihrer Selbstauslöschung angeschlossen haben wird, ungefähr mit der gleichen Inbrunst verhandelt. Ich habe dieser Tage einigermaßen ungläubig das „Morning Briefing“ des deutschen Publizisten Gabor Steingart gelesen.

Es ging darin um ein paar Fälle von KI-Nutzung, die von verschiedenen Menschen und Institutionen problematisiert wurden. Der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt hatte einen namentlich gezeichneten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) offenbar überwiegend unter Zuhilfenahme von KI verfasst, worauf die FAZ den Artikel im Archiv gesperrt hat. Und der ehemalige Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, nunmehr „Editor at Large“ (ich glaube, das ist Neudeutsch für Weißer Elefant), wurde aller seiner Schreibämter enthoben, weil er dasselbe in seinen Kolumnen für den Tagesspiegel getan hatte.

Moderner Journalismus ist mit KI, lernen wir von Professor Steingart, Holzkopfjournalismus ohne. Alles klar

Man kann nun wirklich trefflich darüber streiten, ob es eine vernünftig zu definierende Grenze zwischen der „angemessenen“ und der „überschießenden“ Nutzung von KI-Applikationen gibt, ob es jenseits dieser Grenzen Sanktionen geben soll, welche Arten von Kennzeichnung man sich überlegen soll, und vor allem wer Grenzen und Sanktionen definiert.

Wie überall sonst im Leben sind dabei die einen übervorsichtig und die anderen sturzbegeistert. Herr Steingart hingegen scheint ein bisschen fortschrittsbesoffen zu sein. Er sieht im deutschen Medienwald eine herdenartige Holzkopfpopulation an der Arbeit, die lieber ökonomisch zugrunde geht, als „modernen Journalismus“ zu betreiben. Moderner Journalismus ist mit KI, lernen wir von Professor Steingart, Holzkopfjournalismus ohne. Alles klar.

Maschinenstürmer

Wer ein gewisses Interesse an Wirtschafts- und Ideengeschichte hat, wird sich in der aktuellen Debatte vor allem an zwei Namen erinnert fühlen: Günter Anders und Ned Ludd. Der österreichisch-deutsche Philosoph Anders dachte über die „Antiquiertheit des Menschen“ nach, der seiner eigenen Technik nicht mehr gewachsen und dazu in der Lage ist, Dinge herzustellen, die er in ihren Folgewirkungen nicht mehr erfasst. Anders hatte dabei die Atombombe im Blick, aber schon der Titel „Wenn irgendwer sie baut, sterben wir alle“ von Yudkowsky und Soares lässt nicht zufällig die Ahnung aufkommen, dass es sich bei superintelligenter KI um eine Art Datenatombombe handelt, die uns auslöschen kann und wird.

Ned Ludd hingegen ist wenig bekannt und hat vermutlich nie existiert, fungiert allerdings nach wie vor als Namensgeber für die Maschinenstürmer aller Zeitalter: die Ludditen. Die englischen Maschinenstürmer des frühen 19. Jahrhunderts – Weber, Strumpfwirker und Tuchmacher, die gegen ihre durch die Industrialisierung verschärften Arbeitsbedingungen protestierten – beriefen sich auf diese mythische Figur, die angeblich schon 30 Jahre zuvor Webstühle zerstört hatte, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Mit ihnen vergleicht Gabor Steingart alle Medienleute, die den gegenwärtigen und zukünftigen Einfluss der Künstlichen Intelligenz auf das Medienwesen weniger euphorisch betrachten als er selbst: Vorindustrielle Primitivlinge, die unter das Wagenrad der Geschichte geraten werden, und zwar zu Recht. Vielleicht hat Steingart damit sogar recht. Dass er sich nicht vorstellen kann, nicht recht zu haben, ist das Problem, für das möglicherweise nicht einmal die KI eine Lösung hat.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.

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