Keine Zustellförderung für Gratisblätter: Die schwarze Landbürgermeisterpartei hat den für sie wichtigsten Flächenmedien nicht helfen können. Doch die ÖVP ist insgesamt inkonsequent in ihrer Hinwendung zu ländlichen Gebieten. Sechs der neun Stationen von Kanzler Stockers Sommertour sind große Städte.
Der schwarze Versuch, das rote Medienpaket aufzuschnüren, ist so unspektakulär gescheitert wie der ÖVP-Mediensprecher. Mit diesem Spielbein war Nico Marchetti zwar noch verhaltensauffälliger als mit seinem Standbein als Generalsekretär, doch beide Jobs ist er nun los.
Verachtung des Parlamentarismus und der Medien
Dass Nachfolger Markus Gstöttner auch die Zusatzrolle ohne Mandat im Hohen Haus wahrnehmen sollte, kann als Verachtung des Parlamentarismus oder der Medien oder beidem interpretiert werden. Es wäre auf jeden Fall folgerichtig für eine Kanzlerpartei, die dem stärkeren Juniorpartner diesen Bereich überlassen hat, ihm dort aber in unseliger Koalitionstradition immer wieder hineinzupfuschen versucht.
Beim Medienpaket war es die Forderung nach Vertriebssubvention für Gratistitel. Um Heute und Oe24 zu umgehen, wurde „die letzte Meile“ der Zustellung ausgespielt. Doch gestochen hat die namentliche Adressierung. 22,5 Millionen Zustellförderung gelten für Zeitungsabos, aber nicht Papier „an einen Haushalt“. Die Eigner freut das nicht, doch ihr Protest ist leise, weil vielen zugleich die beglückten Kaufzeitungen gehören. Zu deren Gunsten hatten sie die inhaltliche Relevanz der lokalen Gratistitel schleichend gemindert.
Das „Startklar“-Vorbild
Der gescheiterte Blockadeversuch offenbart den Verlust an Kommunikationskompetenz. Die unter Sebastian Kurz gerade wegen dieser Fähigkeit gefürchtete ÖVP ist 20 Jahre zurückgefallen. 2006 hatte Alfred Gusenbauer mit der „Startklar“-Tour durch alle Bezirke den Grundstein für SPÖ-Wahlsieg und -Kanzlerschaft gelegt. Die in Wien unterschätzte Berichterstattung der regionalen KostNix-Blätter war eine mediale Grundlage dafür.
Mehr noch als die zwischen „Townhall“, „Im Dialog“ und „Frauen-Sommertour“ torkelnde Schicksalsgemeinschaft von Andreas Babler wirkt die regierungsstatt parteifinanzierte Landpartie „Im Gespräch“ von Christian Stocker wie ein Rückgriff auf Gusi – ohne dessen Radlerhosen, aber mit Vera Russwurm. Trotz dieses Personalsignals an die Generation 60+ fällt es schwer, Leute anzulocken. Warum? Weil es 2026 ist – um Justin Trudeau von 2015 aufzuwärmen. Mit Rezepten von damals funktionieren heute weder Politik noch Medien.
Das neue Medienumfeld
Wenn Gratistitel auf dem Land überleben wollen, brauchen sie eine relevante Übersetzung ins Digitale. Das aber benötigt eine inhaltliche Auferstehung vom Vor-allem-Werbeträger zum unverzichtbaren Nahversorger für Information. Aus dieser Perspektive ist die SPÖ-Strategie von Journalismus- statt Medienförderung richtig. Konsequent durchdacht wäre das auch im Sinn der ÖVP: Nur journalistisch fundierte Medien können grundsätzlich respektvoll – konstruktiv kritisch, nicht liebesdienerisch – gegenüber der Politik agieren.
Diese Qualität und Distanz fehlen zusehends auf lokaler Ebene. Doch sie sind essenziell für eine Partei, die in den großen Städten absandelt, während noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern lebt. Stockers Sommertour hat eine Station pro Bundesland, sechs in Top-Ten-Städten mit Nicht-ÖVP-Bürgermeistern. SPÖ-Mann Gusenbauer ging schon 2006 in jeden Bezirk. Das Erfolgsrezept für solche Ochsentouren ist nach wie vor Klein-Klein. Doch die Prioritäten der Medienbegleitung haben sich infolge globaler Plattformen und Social Media komplett verändert.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 30+31/2026 erschienen.
