Das österreichische Budgetloch hat Magnus Brunner hinter sich gelassen, als EU-Migrationskommissar ist er nun in Brüssel für eines der heikelsten, schwierigsten und zugleich wichtigsten Ressorts zuständig. Wie schlägt er sich auf dem ungewohnten Terrain? Reicht das System „freundlich“ als Patentrezept? Eine Annäherung.
Magnus Brunner steht umringt von Journalistinnen und Journalisten in einem Lokal im EU-Viertel in Brüssel. Kurz zuvor hat die EU-Kommission erstmals Gespräche mit einer Delegation der islamistischen Taliban aus Afghanistan geführt. Dabei ging es um Abschiebungen und die Entsendung von Taliban-Diplomaten in europäische Länder.
Von vielen Seiten hagelte es heftige Kritik an dieser Kontaktaufnahme, damit sende die EU ein verheerendes Signal, hieß es von Menschenrechtsorganisationen, aber auch aus dem Europäischen Parlament. Kein Wunder also, dass in dem kleinen Lokal in Brüssel die Fragen auf Brunner nur so einprasseln.
Komme dies nicht einer Anerkennung der radikal islamischen Terrororganisation gleich? Was genau wurde mit den Taliban besprochen? Ist es wirklich notwendig, mit den Taliban, die Menschenrechte mit Füßen treten, zu sprechen? Brunner beantwortet alle Fragen ruhig und geduldig. Als sein Pressesprecher die hitzige Diskussion beenden will und zum Aufbruch mahnt, macht der Politiker keinerlei Anstalten zu gehen. Im Gegenteil, er meint, der Austausch mache ihm Freude, er habe schon noch etwas Zeit und stehe noch für weitere Fragen zur Verfügung.
Auf der Überholspur
Diese Umgänglichkeit ist typisch für Magnus Brunner. Der Vorarlberger, der als Migrationskommissar seit Dezember 2024 in der EU für eines der heikelsten Themen zuständig ist, wird selbst von politischen Gegnern als stets höflich, freundlich und zurückhaltend beschrieben. Das hat wohl dazu beigetragen, dass er auch so manches Skandälchen unbeschadet überstanden hat.
Anfang 2024 musste Brunner seinen Führerschein abgeben, er war auf der Rheintalautobahn in Vorarlberg deutlich zu schnell unterwegs gewesen. Wie schnell er genau war, wurde nie bekannt. Nur so viel: Auf dem Streckenabschnitt galt ein Tempolimit von 80 km/h. Der Führerschein ist weg, wenn außerhalb des Ortsgebiets die Geschwindigkeitsgrenze um mindestens 50 Stundenkilometer überschritten wird. Ein Jahr davor war Brunner nach einer Feier im Parlament zu später Stunde mit dem Scooter so schwer gestürzt, dass er sich ein Schädel-Hirn-Trauma zuzog.
Es gibt allerdings schon eine Sache, die Brunner nachhängt: Das gewaltige Budgetloch, das er als Finanzminister hinterlassen hat. Und vor allem die Tatsache, dass er mit der Wahrheit über das Defizit erst wenige Tage nach der Nationalratswahl 2024 herausgerückt ist. Zuvor hatte Brunner stets versichert, dass beim Budget alles bestens sei, die Neuverschuldung „nur“ 2,9 Prozent ausmache. Nach der Wahl wurde dann offensichtlich, dass das Problem größer, sehr viel größer ist. Ein Umstand, mit dem Österreich nun hart zu kämpfen hat.
Rasanter Aufstieg
Der Weg in die Politik war für Magnus Brunner, der aus der Vorarlberger Gemeinde Höchst stammt, nicht vorgezeichnet, sondern passierte eher zufällig. Nach seiner Promotion absolvierte der Jurist ein Praktikum beim Ausschuss der Regionen in Brüssel, in einer Kaffeebar begegnete er dem damaligen Vorarlberger Landeshauptmann Herbert Sausgruber (ÖVP). Man kam ins Gespräch, Brunner hinterließ offenbar einen bleibenden Eindruck, denn als Sausgruber 1999 einen Büroleiter suchte, rief er seinen Landsmann an.
Nach der Zeit im Bregenzer Landhaus wechselte Brunner in die Energiewirtschaft, im Jahr 2020 wurde er schließlich Staatssekretär im Klimaschutzministerium. Magnus Brunner und die damalige Ministerin Leonore Gewessler wurden einander nie grün, das änderte sich auch nicht, als Brunner im Dezember 2021 die Nachfolge von Gernot Blümel als Finanzminister antrat.
Erst da wurde der Vorarlberger, der bis dahin ein politisch unauffälliges Dasein verbracht hatte, der breiten Öffentlichkeit bekannt. Der Aufstieg in der Beliebtheitsskala erfolgte rasant, Brunner zeigte sich verbindlich, einladend und charmant. Es dauerte nicht lange, da wurde er als Personalreserve der ÖVP für so gut wie jeden Posten, bis hin zum Bundeskanzler, gehandelt.
Misstöne. 2020 wurde Brunner Staatssekretär im Klimaschutzministerium. „Grün“ wurde er mit Ministerin Leonore Gewessler in dieser Zeit nie.
© APA-Images / APA / EVA MANHARTEs wurde nicht der Ballhausplatz, sondern Brüssel. Ganz reibungslos ging die Nominierung nicht über die Bühne, die ehemalige EU-Ministerin Karoline Edtstadler hatte sehr deutlich gemacht, dass sie gern EU-Kommissarin geworden wäre, doch der damals verantwortliche Bundeskanzler Karl Nehammer boxte seinen Wunschkandidat Brunner durch.
Nicht ganz im Sinne von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die von den Mitgliedstaaten ausdrücklich gefordert hatte, sowohl eine Frau als auch einen Mann für den Posten in der Kommission vorzuschlagen. Österreich schickte nur Brunner ins Rennen.
Die große Überraschung folgte mit der Verkündung des Ressorts: Inneres und Migration. „Ich habe kurz gebraucht, um einmal Luft zu holen“, gibt auch Brunner zu. Schnell machten Erklärungsversuche und Analysen die Runde: Von der Leyen habe Österreich bestraft, weil das Land beim Thema Asyl und Migration immer nur Kritik übe, jetzt solle man sich eben darum kümmern. Oder: Von der Leyen habe Brunner ein für ihn völlig fremdes Ressort zugeteilt, weil Österreich keine Frau nominiert habe. Der Kommissar sagt dazu: „Die Präsidentin hat mich dann noch einmal angerufen und erklärt, warum sie mir dieses Ressort gibt. Sie meinte, es brauche jemand, der nicht polarisiert, jemand, der pragmatisch ist und versucht, in der Mitte Lösungen zu finden.“
Auf den Parteifreund ist Verlass
Wer sich in Brüssel umhört, bekommt aber auch zu hören, dass Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen keine starken Persönlichkeiten neben sich duldet und ohnehin den Ton angibt. „Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat die Migrationsagenden an sich genommen, sie hat die Migration zur Chefinnensache erklärt“, sagt auch Svenja Niederfranke, Expertin im Zentrum für Migration der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Tatsächlich hat von der Leyen ihre Macht fest einzementiert, sie trifft die Entscheidungen, die einzelnen Kommissare haben weniger Spielraum als früher.
Politikanalystin und Migrationsexpertin Helena Hahn vom European Policy Centre (EPC) in Brüssel verweist auch noch auf einen anderen Umstand: Mit Brunners Vorgängerin im Migrationsressort, der Sozialdemokratin Ylva Johansson aus Schweden, war Ursula von der Leyen nicht immer einer Meinung, der eine oder andere Krach ist überliefert. Als besonders respektlos wurde etwa empfunden, dass Johansson im September 2023 während der Rede von der Leyens zur Lage der Nation im EU-Parlament in Straßburg seelenruhig strickte. Mit Magnus Brunner setze die Kommissionspräsidentin nun auf einen Parteifreund. Auf ihn, so wohl die Erwartung, könne sich von der Leyen voll verlassen, erklärt Hahn.
Was den Asyl- und Migrationspakt, der im Juni in Kraft getreten ist, anbelangt, hat sich Brunner ins gemachte Nest gesetzt. Das neue Regelwerk war schon vor der Amtszeit des Österreichers so gut wie fertig. Allerdings haben nicht alle Staaten zum Stichtag die Reform umgesetzt, doch genau das wäre, so Niederfranke, die Aufgabe von Magnus Brunner gewesen. Der Kommissar selbst sagt zum Pakt: „Es wird nicht vom ersten Tag an perfekt funktionieren. Aber die Mitgliedstaaten haben sich nach elf Jahren Diskussion auf diese Reform geeinigt. Die Mitgliedstaaten haben selbst ein Interesse daran, dass es klappt, das macht mich zuversichtlich.“
Gescheitert in Ost-Libyen
Magnus Brunner steckt auch in seiner neuen Funktion den einen oder anderen Rückschlag scheinbar leicht weg, er lächelt viel, wirkt nie verbittert oder genervt. Selbst wenn er, so wie
bei der fehlgeschlagenen Mission in Libyen, wohl allen Grund dazu hätte. „Ursula von der Leyen hat Brunner nach Ost-Libyen geschickt, dieser ist dort gescheitert“, so Migrationsexpertin Niederfranke. Sie erinnert an die Reise im Juli 2025: Damals flog der EU-Kommissar gemeinsam mit den Innenministern Italiens, Griechenlands und Maltas nach Libyen, der geplante Besuch im Osten des gespaltenen Landes geriet dann jedoch zum diplomatischen Eklat, die dortige Regierung verweigerte der europäischen Delegation die Einreise.
Brüssel. Die Präsidentin und ihr Migrationskommissar: Ursula von der Leyen hat Magnus Brunner wohl ganz bewusst für den heiklen Posten ausgesucht. Den Ton gibt ohnehin sie an, die EU-Kommissionschefin hat die Zügel fest in der Hand.
© APA-Images / AP / Virginia MayoWas Brunner jedoch als Erfolg verbuchen kann, das sieht auch Svenja Niederfranke so, ist die EU-Rückführungsverordnung, auf die sich Anfang Juni Kommission, EU-Parlament und die Mitgliedstaaten geeinigt haben. Die Verordnung beinhaltet etwa strengere Regeln für Abschiebungen, die gegenseitige Anerkennung von Rückkehrentscheidungen, vor allem aber die Möglichkeit der Schaffung von Rückkehrzentren in Drittstaaten.
Migrationsexperte Gerald Knaus, der als Architekt des Migrationsdeals zwischen der EU und der Türkei im Jahr 2016 gilt, sieht in der Drittstaatenregelung den wirklich sinnvollen Bereich der gesamten Reform. Und er rechnet dies Kommissar Magnus Brunner zu, dieser habe erkannt, wie wichtig der Schritt sei, die Initiative gehe auf ihn zurück. Anders als früher ist ein persönlicher Bezug zu dem aufnehmenden Staat nun nicht mehr notwendig, die Migranten müssen dort also nicht schon eine Zeitlang gelebt haben, auch eine familiäre Anbindung braucht es nicht.
Unter Beobachtung
Ruanda gilt als eines der Länder, die infrage kommen, Flüchtlinge aufzunehmen – natürlich nicht gratis. Aber Knaus ist überzeugt, dass es viel weniger kosten würde als das jetzige System. Und er ist außerdem sicher, dass sich auch andere Länder zur Verfügung stellen. Etwa als Gegenleistung für Entwicklungshilfe oder Erleichterungen bei Visa sowie Stipendien. Knaus betont: „Die Staaten müssen dieses Instrument jetzt nutzen.“
Ohne den Fokus von Magnus Brunner auf diesen Bereich wäre die Bestimmung nicht zustande gekommen, aber der Erfolg hänge nun von den Mitgliedsländern ab, so Knaus. „Das Abkommen mit sicheren Drittstaaten ist der Schlüssel des Asyl- und Migrationspakts, dieser Punkt wird entscheidend sein, wie man später auf die Arbeit dieser EU-Kommission zurückblickt“, sagt der Experte.
Magnus Brunner eckt nicht an. Wenn es Kontroversen gibt, so liegt das mehr am Thema Migration und nicht an der Person des Kommissars
Magnus Brunner betont gern, dass die illegale Migration in Europa in den vergangenen zwei Jahren um 55 Prozent zurückgegangen ist. Das sagte der Vorarlberger auch bei einem Besuch in seinem Heimatbundesland Anfang Juli – und führte den Rückgang auf Reformen in der EU zurück. Expertinnen und Experten verweisen hingegen auf die Beruhigung der Lage in einigen Herkunftsländern, etwa der Regimewechsel in Syrien.
Im neuen Job angekommen
„Magnus Brunner eckt nicht an. Wenn es Kontroversen gibt, so liegt das mehr am Thema Migration und nicht an der Person des Kommissars“, sagt Politikanalystin Helena Hahn. Sie ist jedoch sicher, dass der Druck steigen wird, „sowohl von links als auch von rechts“. In Europa stehen einige heikle Wahlen an, etwa die Präsidentschaftswahl in Frankreich 2027. Marine Le Pen, das Gesicht der französischen Rechten, will, trotz ihrer Verurteilung wegen Veruntreuung von EU-Geldern, in den Kampf um den Élysée-Palast ziehen. Es braucht keine Propheten, um vorherzusagen, dass die Themen Zuwanderung und Asyl spätestens dann wieder forciert werden dürften.
Magnus Brunner sagt, er fühlt sich mittlerweile sehr wohl mit seiner neuen Aufgabe: „Ich habe mich sehr angefreundet mit dem Ressort, weil es ein so politisch wichtiges und entscheidendes ist.“ Und er betont: „Es ist natürlich so, dass sich die EU-Regierungsspitzen immer Zeit für mich nehmen, weil die Themen Migration und Sicherheit wichtig sind. Das wäre bei einem anderen Ressort vielleicht nicht so gewesen.“ Selbst politische Kontrahenten attestieren dem Kommissar, dass er bemüht sei, unauffällig und wohlwollend.
Sein Bemühen, keine Angriffsflächen zu bieten, scheint ihm leicht zu fallen. Brüssel-Insider berichten von einer guten Zusammenarbeit mit den Beamtinnen und Beamten in der Kommission. Manche meinen, er wirke wie ein fleißiger Schüler von Kommissionspräsidentin von der Leyen.
Fleißig scheint er jedenfalls beim Lernen zu sein, Brunner nimmt Französischunterricht, fachlich wird ihm attestiert, dass er sich gut eingearbeitet habe und sich gut auskenne. Mit seinen Englischkenntnissen ist er vielen seiner Kolleginnen und Kollegen um einiges voraus, Brunner absolvierte ein Postgraduate Studium am Londoner King’s College. Schon zu Schulzeiten verbrachte er ein Jahr in London, daher stammt auch seine Begeisterung für Shakespeare – Brunner ist dafür bekannt, oft und gern aus Hamlet zu zitieren.
Mehr als ein zeitliches Ziel geht es mir darum, dass ich in meiner Amtszeit so viel wie möglich weiterbringe
Die Frage nach seiner Zukunft und ob er sich mit seinem Job in Brüssel an seinem Vorgänger Johannes Hahn, der drei Amtsperioden als EU-Kommissar verbracht hat, orientieren will, beantwortet Brunner gewohnt zurückhaltend. Er sei jetzt einmal für diese Periode gewählt, dann komme es darauf an, wer nominiert werde. „Mehr als ein zeitliches Ziel geht es mir darum, dass ich in meiner Amtszeit so viel wie möglich weiterbringe.“
Eingelebt hat er sich jedenfalls, auch einen Tennisclub hat Brunner, selbst begeisterter Spieler und ehemaliger Präsident des Österreichischen Tennisverbands, gefunden. In seinem Büro im Kommissionsgebäude Berlaymont liegen nicht nur unzählige Unterlagen, sondern auch mehrere Tennisbälle.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 30+31/2026 erschienen.
