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2nd Opinion: Doppelmoral zum Quadrat

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Michael Fleischhacker

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Der frühere deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) musste als Fraktionschef zurücktreten, weil er und sein Mann eine Leihmutterschaft in den USA in Anspruch genommen haben. Doppelmoral, lautet das brutale und scheinheilige Verdikt. Über die Rolle des Hypokriten im Theater und auf der politischen Bühne.

Wenn einer nicht tut, was er von anderen fordert, nennt man ihn einen Heuchler, oder, wenn man dem gehobenen Bildungsbürgertum angehört, einen Hypokriten. Als der Begriffin der griechischen Antike entstand, war er übrigens eine total neutrale Berufsbezeichnung: Der Mensch, der auf der Bühne steht und eine Maske vor dem Gesicht trägt, um nach Vorgabe des Bühnenautors einen zu spielen, der er nicht ist.

Hypokrites heißt einfach Schauspieler, und natürlich legt die Beschreibung des Berufsbilds nahe, dass die Bezeichnung genauso auch auf den zeitgenössischen Politiker zutrifft: Ein Mensch, der auf der öffentlichen Bühne steht und eine Maske vor dem Gesicht trägt, um nach Vorgabe des Parteivorstands, des Spendenvereins oder des Fellners einen zu spielen, der er nicht ist.

Heuchelei

Der Politiker als Heuchler, das ist ein altes Motiv, und dass es sich in der öffentlichen Wahrnehmung so umfassend durchgesetzt hat, liegt wohl daran, dass es so sehr stimmt. Die Beispiele dafür, dass Politiker privat ziemlich genau das Gegenteil von dem tun, was sie als Politiker fordern, sind Legion.

Manche sprechen in diesem Zusammenhang nicht von Heuchelei, sondern von Scheinheiligkeit. Das sind die, die sich noch an die Zeiten erinnern können, in denen in unseren Breiten die allgemeinen Moralvorstellungen sowohl privat als auch politisch durch die katholische Kirche vorgegeben wurden.

Scheinheiligkeit

Heuchelei ist gewissermaßen die säkulare Variante der Scheinheiligkeit, und wenn der Vorwurf konservative Politiker trifft, deren Partei noch immer den Namen „christlich“ trägt, kann es schon mal passieren, dass man als scheinheiliger Heuchler oder als heuchlerischer Scheinheiliger beschimpft wird, gewissermaßen als weißer Schimmel auf der Moral.

Heuchelei ist das, was niemand mag und jeder tut. Denn selbstverständlich ist auch die Idee, dass jeder nur Moralvorstellungen vertreten darf, die er 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche uneingeschränkt lebt, eine Form der kollektiven Hypokrisie. Wir wissen alle aus eigener Erfahrung, dass wir auch die Verhaltensregeln, an deren Sinnhaftigkeit und Wichtigkeit wir uneingeschränkt und bedingungslos glauben, nicht immer lückenlos einhalten, egal, ob wir in unseren ethischen Prinzipien Aristoteles folgen oder Kant oder den Engländern.

Groß-Heuchelei am Beispiel Spahn

Der jüngste Fall politischer Groß-Heuchelei ist der Fall Spahn: Der frühere deutsche CDU-Gesundheitsminister und spätere Fraktionsvorsitzende musste zurücktreten, weil sich herausgestellt hat, dass das Kind, das er kürzlich stolz mit seinem Ehemann präsentierte, von einer amerikanischen Leihmutter zur Welt gebracht worden war. Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, aber es wird toleriert, wenn sie in Ländern in Anspruch genommen wird, in denen sie legal ist.

Weil aber der damalige Gesundheitsminister Spahn das deutsche Verbot der Leihmutterschaft wortreich verteidigt hatte, wirft man ihm jetzt zurecht Hypokrisie vor. Also musste er zurücktreten. Seine Begründung, dass nämlich sein privates Lebensglück und die politische Funktion nicht länger miteinander in Einklang zu bringen seien, ist ein bisschen dings, aber das ist eine andere Geschichte.

Spahn musste also zurücktreten, weil er im privaten Leben die moralischen Grundsätze, für die er sich als Politiker stark gemacht hatte, nicht lebte. Ist das wirklich so? Oder musste Spahn zurücktreten, weil er vielen in der CDU seit Langem ein Dorn im Auge ist, weil der Wackelpudding Merz sich durch eine Fokussierung der Ablehnung auf Jens Spahn ein kleines bisschen Stabilität erhofft, und weil bisher jeder Versuch, ihn loszuwerden, gescheitert ist? Verspricht der Vorwurf der heuchlerischen Scheinheiligkeit – alle Fragen des Fortpflanzungsrechts sind immer noch sehr eng mit religiösen Moralvorstellungen verbunden – in einer pseudochristlichen Partei einfach noch immer am ehesten Erfolg?

Natürlich kann man jede Form der Doppelmoral verhindern, wenn man die Moral überhaupt abschafft

Ich würde ziemlich sicher davon ausgehen, dass Zweiteres der Fall ist, denn das Wesen der öffentlichen Hypokrisie-Debatten ist inzwischen zu hundert Prozent das Wesen der Scheinheiligkeit. Wenn einem Politiker etwas egal ist, dann, dass der politische Gegner genauso scheinheilig agiert wie er selbst. Es sei denn, er sieht eine Chance, die relative Scheinheiligkeit des anderen im Vergleich zur eigenen in einem bestimmten Moment politisch zu monetarisieren.

Besonders naive Gemüter, also zum Beispiel sogenannte Linksliberale in der österreichischen Tageszeitung Der Standard, haben auf die Causa Spahn mit der Forderung reagiert, endlich all das, was in den Bereich des Lebensschutzes gehört, von der Leihmutterschaft bis zur Sterbehilfe, zu liberalisieren. An sich eine brillante Idee: Natürlich kann man jede Form der Doppelmoral verhindern, wenn man die Moral, also die kollektive Regelung von Verhalten per Norm und Sanktion, überhaupt abschafft. Ohne die Vorstellung der Heiligkeit gibt es keine Scheinheiligkeit, ohne verbindliche Regelungen keine Hypokrisie.

Man kann die schlechte Schauspielerei natürlich dadurch bekämpfen, dass man keine Stücke mehr schreibt. Aber wie dumm müsste man sein, um das zu wollen?

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 30+31/2026 erschienen.

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