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Salzburg: Hinterhäusers Festspiele haben mit Glanz begonnen

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Markus Hinterhäuser

©Franz Neumayr

„Carmen“ ist sensationell, „Faust“ höchst anregend gelungen. Der skandalös abgesetzte Intendant wird in der Stadt gefeiert. Auf die Provinzpolitik kommen Kosten in Millionenhöhe zu.

Draußen vor den Festspielhäusern scheint sich eine Besatzungsmacht zu inszenieren. Eine gescheckte Militärkapelle, nicht mehr in Gala-, sondern schon offen in Kampfmontur, begleitet das Eintreffen der Staatsmacht mit Bundeshymne und „O du mein Österreich“.

Demonstriert wird zur Festspieleröffnung auch: von der Gewerkschaft VIDA, mit Kochmützen und Luftballons für bessere Bezahlung in der Gastronomie.

Stiller Widerstand

Die andere, notwendige Kundgebung findet allerdings im stillen Widerstand statt: Mehrere Zuseher auf der Straße haben sich Anstecker mit dem Konterfei des Ex-Intendanten Markus Hinterhäuser gebastelt, der Ende März in einer skandalösen Willkürdemonstration der Politik abgesetzt wurde.

Bis heute hat niemand den Grund erfahren. Mangelndes „Wohlverhalten“ war es jedenfalls, angeblich hat sich der Intendant halböffentlich über Landeshauptfrau Edtstadler lustig gemacht. Man möchte ihm darin gern folgen, lauscht man drinnen den Mutmaßungen der Politikerin zu Stefan Zweigs „Welt von gestern“.

Die ist als Restbestand sogar leibhaftig anwesend: in der Gestalt des 2023 vom Volk gewählten Wilfried Haslauer, Repräsentant der wertkonservativen und kulturaffinen ÖVP, die von Sebastian Kurz 2017 liquidiert wurde. Und der von der schrillen Quereingrätscherin Edtstadler jetzt regional der Garaus gemacht wird, gegen Haslauers Willen, der an einen ganz anderen hatte übergeben wollen.

Groteske Situation

Die Situation könnte jedenfalls grotesker nicht sein: Die von Hinterhäuser zu 100 Prozent programmierten Festspiele werden interimistisch von Karin Bergmann geleitet, aus deren Favorisierung als Schauspielchefin man ihm zuerst den Strick drehen wollte, ehe sich die juristische Haltlosigkeit des Versuchs herausstellte.

Bei der Eröffnung wird seine Name schäbigerweise nicht einmal erwähnt, aber der namhafte Pianist probt für seine beiden vereinbarten Höchstkaratkonzerte, besucht Proben und Premieren, wird auf der Straße und in Restaurants mit Applaus und Umarmungen begrüßt. Nur zu seiner Nachfolgerin hat er jeden Kontakt abgebrochen.

Kostet Hinterhäusers Abberufung eine Million?

Und für die Politik – peripher auch den sich bei der Eröffnung mit Ingeborg Bachmann abmühenden Kunstvizekanzler Babler – wird es Zeit, sich Sorgen zu machen. Die nötige Sanierung der Festspielhäuser ab 2028 dürfte angesichts der wirtschaftlichen Weltlage im vorgegebenen Rahmen von 519 Millionen nicht realisierbar sein. Aber nach einem lancierten Rechnungshof-Rohbericht wurden die Kosten gedeckelt.

Im September beginnt Phase eins, die nur das Große Festspielhaus betrifft. Zusätzlich soll zwecks Gewinnung neuer Räumlichkeiten der Mönchsberg angebohrt werden, aber dieses Unternehmen erscheint vielen unter den gegebenen Umständen hypertroph.

Rechnet man nämlich die Kosten der widersinnigen Abberufung Hinterhäusers zusammen, kommt man auf gigantische Summen

Nun muss dringend entschieden werden: Sowie sich nach den Festspielen die erste Maschine in den Berg bohrt, ist die Sache unumkehrbar. Und ob es nach 2031 überhaupt zu Phase zwei kommt, zur Sanierung der Felsenreitschule und des Hauses für Mozart: Das wird zusehends angezweifelt.

In der volatilen finanziellen Situation gerät nun auch die Landeshauptfrau samt Provinz-Satrapen in Bedrängnis. Rechnet man nämlich die Kosten der widersinnigen Abberufung Hinterhäusers zusammen, kommt man auf gigantische Summen. Seine einvernehmlich vereinbarte Abfertigung ist dabei Gegenstand der Geheimhaltung. Doch kommen dazu Bergmanns zwei Jahre lang ausgezahltes Intendantengehalt und die Bezüge ihrer persönlichen Referentin Miriam Lüttgemann (vormals Peymanns Vertraute), dazu die Kosten für die Anwälte, die Findungskommission und die gleichfalls bemühte Personalberatung. Kundige errechnen einen Aufwand jenseits der Million.

Gleichzeitig wollte Edtstadler den Bonus für Pflegekräfte kappen und musste nach Protesten zurückstecken. All das lässt die Aussichten für die Landtagswahl in zwei Jahren nicht hellbelichtet erscheinen. Schon jetzt verharrt laut Erhebung des Portals „PolitPro“ der Abstand zum Koalitionspartner FPÖ fast innerhalb der Schwankungsbreite: Die ÖVP führt mit 33, die Blauen folgen mit 29 Prozent. Wobei allerdings beide gegenüber der Landtagswahl 2023 zugelegt haben, die FPÖ stark, die ÖVP geringer. Das kann sich indes rasch ändern, wenn die für das ganze Land wohlstandssichernden Festspiele finanziell abstürzen.

Schallenberg sagt ab

Nun laufen auch noch im kommenden März die Verträge des für den Umbau zuständigen Kaufmännischen Direktors Lukas Crepaz und der Präsidentin Kristina Hammer aus. Während sich auf den Posten des allseits geschätzten Crepaz schon allerhand Intriganten Hoffnungen machen, scheinen Hammers Tage gezählt: Angeblich auf Befehl der Landeshauptfrau wurde ihr das traditionelle Grußwort bei der Festspieleröffnung abgedreht! Und da das Amt, über das Repräsentative hinaus, auch mit der nötigen Sponsorenpflege und -rekrutierung verbunden ist, schießen die Mutmaßungen über die Hammer-Nachfolge zum Himmel.

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Alexander Schallenberg

 © Imago / Martin Bertrand

Zuletzt ruhten viele Hoffnungen auf dem früheren Außenminister, Interimskunstminister und -bundeskanzler Alexander Schallenberg. Doch der sagt, von News befragt, glatt ab: Abgesehen davon, dass er sich auf die obligate Ausschreibung gar nicht beworben habe, fühle er sich zur Beschaffung von Sponsorgeldern nicht berufen. Auch sehe er sich eineinhalb Jahre nach seiner zweiten Kurzzeitkanzlerschaft – er übernahm das Amt nach Nehammers Abgang zwischen Jänner und März 2025 – nicht als Festspielpräsident, habe schlicht andere Pläne und wolle zudem in Wien bleiben.

Das ist eine wahre Hiobsbotschaft, denn als einer der letzten Repräsentanten der wählbaren ÖVP hat Schallenberg im Expertenkabinett Bierlein zum Außen- auch das Kunstministerium geleitet. Er hat dabei eine Art Bildung und Verfeinerung vorgewiesen, die manchem seiner Nachfolger nur Satiriker attestieren könnten.

Wird es Kosky?

So ist man in der Causa Präsidentschaft also so klug wie zuvor. Und das ist noch nichts gegen das Dilemma, im Gefolge eines millionenteuren politischen Dilettantenakts für einen idealformatigen Intendanten einen Nachfolger finden zu müssen.

Die Findungskommission unter dem früheren Bundestheater-General Christian Kircher präferiert dabei offensichtlich den altösterreich-australischen Theater- und Opernregisseur Barrie Kosky

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Barry Kosky

 © Jan Windszus

Doch könnte die Weltläufigkeit des Vielgebuchten mancher Provinzlerpräferenz entgegenstehen. Auch soll Kosky von Wiener politischer Seite betont unbeholfen kontaktiert worden sein. Wozu noch ein weiterer Vorbehalt kommen kann: Allseits erwarteterweise wird die gelernte Juristin Edtstadler 2028 entweder ins kleine Bezirksgericht oder in eine dubiose KI-Firma ihres Erfinders Kurz abgewählt. Dann kommt allerdings Marlene Svazek von der FPÖ. Und ob deren Wirken mit dem des jüdischen Intellektuellen Kosky kompatibel ist, müsste noch erkundet werden.

„Faust“ als Ereignis

Die noch komplett von Hinterhäuser programmierten Festspiele sind dabei mit Glanz angelaufen. Über die fabulöse „Carmen“-Premiere unter Teodor Currentzis informiert Sie meine Kollegin Susanne Zobl. Und der „Faust“ vom Vortag hat mich in kontrollierte Begeisterung versetzt. Den ersten Teil des vielleicht größten Textes der deutschsprachigen Kulturgeschichte dem wortversessenen Regisseur Ulrich Rasche anzuvertrauen, war Hinterhäusers Königsidee.

Rasche trägt die Sprache förmlich auf Händen, er ritualisiert und rhythmisiert jedes Wort, und eine rotierende Bühnenscheibe hält die Schauspieler am pausenlosen, expressiv choreografierten Gehen. Dieses Rasche’sche Alleinstellungsmerkmal scheint wie für „Faust“ erfunden: Geht es hier doch darum, dass dem genialen Menschen jede Untat nachgesehen wird, solange er nicht im Vorwärtsstürmen innehält.

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Anna Drexler als Margarete und Valery Tscheplanowa als Mephistopheles in „Faust“

 © Salzburger Festspiele / Jörg Brüggemann

Steven Scharf wütet sich virtuos durch die Wortgebirge des greisen Faust, nach der Verjüngung verdoppelt ihn Johannes Nussbaum. Valery Tscheplanowas Mephisto ist der Coup, ein Wunder an katzenhafter Zerstörungs- und Verführungskraft. Anna Drexlers Gretchen und Max Rothbart als Valentin gefallen.

Alles kreist hier in der Kopfwelt des Sturm-und-Drang-Genies Faust. Doch geht, ein ernster Einwand, in der radikalen Strichfassung Goethes herrlicher Sarkasmus verloren. Für den akademischen Zwerg Wagner, die Kupplerin Schwerdtlein, die Hexe hätte man gern auf die endlosen Videozuspielungen verzichtet. Nicht zu reden vom Studierzimmermonolog mit Fasts Übersetzungsprovokation von Johannes 1:1 – „im Anfang war die Tat“, nicht das Wort! Hier ist schon der Übergang vom Sturm und Drang zur Tüchigkeitsallmacht des bürgerlichen Zeitalters angelegt.

Das Programm des nächsten Jahres

Das nächstjährige Opernprogramm trägt noch zur Gänze Hinterhäusers Handschrift, erste Details dringen schon umrisshaft durch: Raphael Pichon und sein Originalklang-Ensemble Pygmalion sollen sich „Fidelio“ vornehmen, Robert Carsen, dessen trefflichen „Jedermann“ ebenfalls Hinterhäuser erfunden hat, sollte mit einem Verdi der mittleren Phase vertreten sein, Debussys impressionistisches Wunder „Pelleas und Melisande“ harrt verbindlich der Umsetzung. Über ein zeitgenössisches Projekt muss aus Kostengründen erst entschieden werden.

Hinterhäuser selbst wird dann auch im Konzertprogramm nicht mehr auftreten.

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