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Die Salzburger Phantomschmerzspiele

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Carmen. Asmik Grigorian übernimmt mit Premierendatum 26. Juli die Titelrolle, die Musikwelt wartet mit Spannung auf das riskante Rollendebüt. Regisseurin Gabriela Carrizo ist auch Choreografin und will mit filmischen Mitteln ins Innerste der Personen leuchten. Das Foto zeigt Asmik Grigorian mit „Don José“ Jonathan Tetelman©Franz Neumayr

Das Programm trägt in allen Details die Handschrift des Intendanten Markus Hinterhäuser. Doch der hat nach seiner Absetzung durch die politische Provinz den Kontakt zu Nachfolgerin Karin Bergmann abgebrochen. Wir haben den Kontinent der Salzburger Festspiele bereist. Bei Elfriede Jelinek, die uns von ihrer Tierliebe erzählte, bei Valery Tscheplanowa, dem Mephisto in Ulrich Rasches „Faust", und dem Direktorium Karin Bergmann und Lukas Crepaz durften wir innehalten.

Phantomschmerzen. So benennt einer aus dem Herzen des Festspielbetriebs die kollektive Befindlichkeit. Der Betrieb mit sommers 4.500 Beschäftigten rotiert in hektischer Hochaktivität. Der „Jedermann“ ist wie jedes Jahr schon vor der Eröffnung am Werk. An allen Spielorten wird geprobt, es singt und klimpert, hämmert und kommandiert aus allen Fenstern. Die Gastronomie, die sich zehneinhalb Monate des Jahres an strategische Gästevermeidung verschwendet, hat sich ins Me­tropolen-Mimikry geworfen.

Etwas fehlt

Aber etwas fehlt den sich gerade anbahnenden Salzburger Festspielen. Der Intendant Markus Hinterhäuser war um diese Jahreszeit ein Allgegenwärtiger im Festspielbezirk, ein umgänglicher Oberkommandierender, dessen Nähe Künstler und Besucher schätzten.

Bis ihn nach zehn glückhaften Sommern ein Politbüro überforderter Salzburger und Wiener Kulturprovinzler absetzte: Trotz aufrechten Vertrags bis 2031 wurde er im März wegen mangelnden „Wohlverhaltens“ beurlaubt, weshalb tatsächlich, weiß bis heute niemand. Angeblich soll er sich über Landeshauptfrau Edtstadler lustig gemacht haben.

Die Handschrift einer Koryphäe

Dabei trägt das Programm, das hier den ersten Premieren entgegenwächst, die Handschrift seines Schöpfers wie keines davor: Nach dem Verschleiß zweier unzulänglicher Spartenchefinnen hat Hinterhäuser heuer auch das Schauspielprogramm entworfen. So wie schon vor zwei Jahren den formidablen neuen „Jedermann“ mit Philipp Hochmair.

Was sich da zwischen den Uraufführungen der Nobelpreisträger Peter Handke („Schnee von gestern. Schnee von morgen“ mit Jens Harzer) und Elfriede Jelinek anbahnt, ergänzt durch Ulrich Rasches „Faust I“: Das klopft mit vielerlei Assoziationen am Konzept der Festspielgründer Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt.

Auf diese Weise sind die Festspiele in eine denkbar paradoxe Situation geraten: Hinterhäuser ist Geschichte, aber sein Programm erreicht Rekordvorverkäufe. Prominente Besucher und bedeutendste Künstler unterzeichnen Protestaufrufe. Aber Karten zurückzugeben oder gar Auftritte abzusagen, fiele niemandem ein: Es ist ja Hinterhäusers Programm, seine Ära wird mit einer Plakatausstellung gewürdigt, und man hofft bis heute, dass er seine beiden Konzerte am 29. Juli und am 11. August spielen wird. Dennoch überdröhnt seine Abwesenheit alles Künstlerische. Wiens künftiger „Ring“-Regisseur Ersan Mondtag, der in Salzburg mit Premierendatum 2. August Richard Strauss’ „Ariadne“ auf den Mars verlegt, sprach via News für viele: „Dass Salzburg eine Schlangengrube ist, habe ich schon gehört, und wenn man sieht, was da passiert ist, kriegt man Angst. Wenn Markus weg ist, habe ich keine Grundlage mehr, dort später weiterzuarbeiten. Ich habe null Verständnis dafür, kurz vor Probenbeginn den für die Mitwirkenden so wichtigen künstlerischen Leiter abzusägen. Der Schaden ist irreparabel.“

Die Unerreichbaren

Die Stimmung ist entsprechend. Die Sopranistin Asmik Grigorian, die unter Hinterhäusers Intendanz über Nacht ins Weltformat aufbrach, probt mit Premierendatum 26. Juli ihre erste Carmen. Aber obwohl sie an prominenter Stelle gegen Hinterhäusers Absetzung protestiert hat, wollen alle Vertiefendes. Nun hat sie die Medientermine abgesagt und huscht mit Gesten der Abwehr über die Hofstallgasse: „No interviews, please!“

Unerreichbar ist auch der stets freundliche australische Altösterreicher Barrie Kosky, dessen Rossini-Inszenierung „Il viaggio a Reims“ am 5. August Festspielpremiere feiert. Auch das verwundert nicht, wird er doch allseits als Hinterhäusers Nachfolger genannt, wenn die frühere Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann nach dem Sommer 2027 die Interimsintendanz zurücklegt. Die Fin­dungs­kommission arbeitet, die Entscheidung fällt im Herbst.

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Karin Bergmann (73, Mi.) übernimmt bis inkl. Sommer 2027, könnte interimistisch länger bleiben, falls der Nachfolger noch nicht frei wäre. Der Vertrag des kaufmännischen Direktors Lukas Crepaz, 45, endet wie jener der Präsidentin Kristina Hammer, 57, im März. Zumindest sein Verbleib wird vielerorts befürwortet. Hammers Chancen gelten als überschaubar

 © Franz Neumayr

Um die Verhältnisse noch zu verkomplizieren, war die höchstqualifizierte Bergmann Hinterhäusers Wahl als Schauspielchefin und schon diskret an der Erstellung des diesjährigen Theaterprogramms beteiligt! Dass sie nach dem Trump-formatigen politischen Willkürakt an seine Stelle trat, wurde zunächst mit Verwirrung aufgenommen.

Elfriede Jelinek damals auf Nachfrage: „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich schätze, wir alle schätzen die Karin Bergmann sehr, da wird keiner was an­dres sagen. Sie ist einfach großartig, das hat sie längst bewiesen. Aber die Tragödie von Markus wird bleiben. Es ist eine Schande, wie man mit ihm umgesprungen ist. Sie kann nichts dafür, aber es wird Karin Bergmann sicher auch belasten, könnte ich mir vorstellen. Das Niedrigste sind diese Salzburger Lokalpolitiker (und andre genauso schwachen Kräfte, die sich jetzt besorgt geben wie Wackeldackel, aber sie wissen gar nicht, wer und was dieser Mann überhaupt war!), die jemand wie Markus vom Hof gejagt haben wie einen streunenden Hund. Das ist unverzeihlich und wird die Festspiele beschädigen, auch wenn Karin das großartig machen wird.“

Mittlerweile ist man erleichtert, dass Hinterhäusers Programm von einer fachlich tadellosen Instanz umgesetzt wird: Wer weiß, welcher Politkommissär den Festspielen unter den obwaltenden Umständen sonst gedroht hätte.

Alles wäre besser planbar, wenn es eine Überdachung des Domplatzes gäbe – über den ,Jedermann‘ hinaus

Karin Bergmann plant offenbar dauerhaft einen neuen Spielort

Bergmann und die Zukunft

Der Interima frontal nahezutreten, fiel bisher nur dem scheidenden Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger ein. Er erblickte via News im fliegenden Amtswechsel Niedertracht. „Männern fällt es oft schwerer als Frauen, mit dem Verlust von Macht und Bedeutung umzugehen. Das halte ich ihm zugute“, erwidert Karin Bergmann.

Das Gespräch in der Intendanz führt sie mit dem Kaufmännischen Direktor Lukas Crepaz, der selbst einiges auszustehen hat: Die Festspielhäuser werden ab 2028 generalsaniert, und ein Rohbericht des Rechnungshofs befürchtet Gesamtkosten von 635 statt der kommunizierten 519 Millionen. „Das ist bloß die Schwankungsbreite“, erwidert Crepaz, dessen Vertrag wie jener der Präsidentin Kristina Hammer Ende März ausläuft. Und zu seinem allseits erhofften Verbleib: „Ich setze alles daran, dass ich hier der neuen Kollegin oder dem neuen Kollegen in der Intendanz einen möglichst guten Einstieg gewährleisten kann.“

© Lukas Beck

Steckbrief

Karin Bergmann

Karin Bergmann, geboren 1953 in Recklinghausen, Deutschland, in eine Bergarbeiterfamilie, begann als Claus Peymanns Assistentin in Bochum, kam mit ihm 1986 als Pressesprecherin an die Burg und geleitete ihn durch Tumulte. 1993 wurde sie Direktionsmitglied der Vereinigten Bühnen Wien, ging dann mit Klaus Bachler an die Volksoper und an die Burg, die sie nach Matthias Hartmanns Zwangsausstieg 2014 übernahm. Sie war mit dem Designer Luigi Blau verheiratet und lebt kinderlos in Wien.

Um diese Person geht es nun vordringlich. Die Bewerbungsfrist ist abgelaufen, im September beginnt die Findungskommission unter dem früheren Bundestheaterchef Christian Kircher die Gespräche.

In welchem Ausmaß Karin Bergmann hier die Schlüsselfigur bleibt, begreift man langsam im Verlauf des Gesprächs. Zwar strebe sie kein Amt mehr an, stehe dem Nachfolger bloß auf Wunsch mit ihrer Expertise zur Verfügung. Dennoch deutet sich etwas wie eine Ära an: Den heurigen Sommer hat noch Hinterhäuser entworfen, ebenso das nächst­jährige Opernaufkommen. Aber das Schauspielprogamm 2027 – Informationen zufolge mit Karin Beier als Regisseurin und Sven-Eric Bechtolf als Schauspieler, im erträumbaren Fall sogar mit der Weltmeisterin Andrea Breth – trägt schon komplett die Handschrift der Intendantin.

Die überdies, was kaum jemand wahrnimmt, auch zur Gänze das Gesamtprogramm 2028 entwerfen wird. Auch wenn der Neue dann schon amtiert! „Alles andere wäre fahrlässig“, verweist Karin Bergmann auf die enormen Vorlaufzeiten, was die Verträge der singenden Welt­elite betrifft. „Ich nehme an, der nächste Intendant wird froh sein, dass er in Ruhe eine neue Ära begründen kann.“ Wobei sie, anders als der diesbezüglich rigide Vorgänger, Verständnis aufbringen werde, sollte ein Sänger der Höchstliga während der Probenzeit auch anderswo beschäftigt sein.

Viel spricht für Kosky

Was man dabei nicht übersehen darf: Sie genießt das Vertrauen der Politik. Umso auffallender, wie eng ihr Anforderungsprofil des Nachfolgers mit jenem übereinstimmt, das Kircher kürzlich via News skizziert hat: Der Neue müsse mehrere Genres beherrschen, nicht nur als Musiker mit einem Auge auf das an einen Dramaturgen ausgelagerte Schauspiel blicken! Eine „stärkere Säule“ müsse das Sprechtheater werden, sagt Karin Bergmann. „Warum nicht einmal Tanz im Haus für Mozart, Schauspiel in der Felsenreitschule oder im Landestheater eine kleine Oper?“

Und Crepaz unwidersprochen zum Gesamtprofil: „Es ist eine zentrale Frage, ob die Festspiele eine künstlerische Intendanz brauchen oder eine weitere Managerpersönlichkeit. Ich meine auf jeden Fall Ersteres.“

Steckbrief

Barrie Kosky

Geboren am 18. Februar 1967 als Nachkomme jüdisch-osteuropäischer Emigranten in Melbourne, war er dort 1990 bis 1997 künstlerischer Leiter der jüdischen Gilgul Theatre Company. 1996 übernahm er die künstlerische Leitung des Adelaide Festivals. Von 2001 bis 2007 leitete er mit Airan Berg das Wiener Schauspielhaus, von 2012–2022 die Komische Oper in Berlin. 2019 debütierte er mit Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ in Salzburg. Kosky ist einer der gefragtesten Opernregisseure. Er lebt in Berlin.

All das verweist wie mit der Wünschelrute auf Barrie Kosky, der in Wien das Schauspielhaus und in Berlin die Komische Oper geleitet hat, durch Glücksumstände gerade keine Intendanz bekleidet und mit Premierendatum 5. August seine Inszenierung von Rossinis „Il viaggio a Reims“ von Pfingsten in den Sommer transferiert. Sodass man in optimaler Harmonie gleich den Übergang von Intendanz zu Intendanz disponieren könnte Er soll allerdings, auch mit Verweis auf seine langfristigen Regieverpflichtungen, alles andere als entschlossen sein.

Den Spielplan wird indes vor allem die umbaubedingte Teilsperre des Großen Festspielhauses im Sommer 2028 bestimmen. Auch der „Jedermann“ weicht sonst im Schlechtwetterfall dorthin aus. Was also tun mit dem Prasser vom Domplatz? „All das wäre besser planbar, wenn es eine Überdachung des Domplatzes gäbe“ – die diesbezüglichen Visionen gingen über den „Jedermann“ hinaus. Und das Dach würde das Schlechtwetter wie die mörderische Hitze abhalten, ohne den Blick auf den Dom zu stören, ergänzt Crepaz.

Jelinek und die Liebe zum Tier

Wenn sich die Tauben auf Elfriede Jelineks Balkon zum frühen Brunch verabreden, klopfen und scharren sie dem Kapitalismus die Leviten: „Bangkok Bank Public Company, Raiffeisen International, Julius Bär, Bayerische Landesbank, APS Bank in Malta, deutsche Sparkasse, Graubündner Kantonalbank, Südtiroler Volksbank wie üblich auch dabei, das waren keine Sicherheiten, das war alles Luft für Luftschlösser.“ So beginnt der Theatertext „Unter Tieren“, der von den Festspielen am 16. August als Koproduktion mit dem Burgtheater uraufgeführt wird.

Caroline Peters und Mavie Hörbiger repräsentieren das Beste des Verfügbaren, und was sie zu transportieren haben, ist viehische Gier. Affe, Hase, Kuh, Esel, Ratte, Rabe, Schwein, Für und Widder, Bärenklau und toter Hund monologisieren auf gigantischer Höhe des Absurden. René Benko und der zombiehafte Jungaltkanzler spuken durch kalt funkelnde Wortgebirge, begleitet vom wieder hoch aktiven Gesindel der Rüstungsprofiteure und den pervertierten Religionen: „Krieg, Haß, Begierde, Gier“, agierend in Namen des höheren Wesens, während das Lamm Gottes verputzt und das Wahre durch Ware ersetzt wird.

Das Schwein wird in einem nie endenden Stirb und Werde geschlachtet und durch sich selbst ersetzt, „weil der Transporter schon so voll ist, daß wir aus den Ritzen quellen“. Die Ära der Philosophie ist abgelaufen, die Demokratie beim Teufel.

Wir können in die Tiere alles hineinprojizieren, über sie alles drüberstülpen. Und dann bringen wir sie um

Elfriede Jelinek über ihre Tierliebe

„Die Tiere sind meine ganze Liebe“

Hier mitzuphilosophieren, wäre Verschwendung und Hybris in einem. Besser man umkreist das Thema zum Besten der Literaturgeschichte im Biografischen.

„Die Tiere sind meine ganze Liebe“, beantwortet Elfriede Jelinek in obligat alter Schreibung die Frage nach dem Personal des Stücks, „weil sie sein können, ohne ein Bewußtsein dafür, was sie sind. Wir können alles in sie hineinprojizieren, alles über sie drüberstülpen, und dann bringen wir sie um. So wie wir Lemminge mit der Natur umgehen (die Tiere sind ja reine Natur, sie sind unschuldig wie wir nicht), verdienen wir es nicht besser und werden unser eigener Untergang werden. Bei mir aber sind die Tiere vernünftig und können über sich selbst reflektieren. Das müssen sie, weil wir diese Aufgabe nicht übernehmen wollen, es wäre uns vielleicht peinlich, weil wir sie ja töten wollen. Wir wissen nicht, was oder wer wir sind, aber hier sagen es aus meinem Mund die Tiere selbst, könnten aber auch was ganz an­dres sagen. Sie sind mein Medium, durch das ich selbst sprechen kann, ohne ich sein zu müssen, denn wenn ich wüßte, wer ich bin, würde ich mich sofort wieder meiden.“

Für die Literaturgeschichte

Oder das? Der damals ganz junge Theaterkritiker, dessen Einlassungen Sie gerade lesen, im Jelinek’schen Elternhaus an der Hütteldorfer Peripherie die Hündin Wutzl beaufsichtigend, während die spätere Nobelpreisträgerin beim „Volksstimme“-Fest die werktätige Klasse ermutigte. Später die Wendung ins Tragische: „Floppy, mein letzter Hund, mit dem ich auch nicht mehr fertiggeworden bin. Ich glaube, sie hat mich nicht gemocht, weil ich eine zu schwache Persönlichkeit bin. Hunde brauchen ein Alphatier als Rudel-ChefIn. Und sie selbst hat nicht in die Welt gefunden, weil auch ich nie hineingefunden habe.“ Floppy fand neue Unterkunft und wurde des Lebens auch dort nicht froh. Die verdienstvolle Jelinek-Forschungsstelle könnte auf der Basis all dieser Informationen schon ein neues Forschungsprojekt einreichen.

Nicht zu reden von den stückeröffnenden Tauben, die beim Brunch als Referenz an den konservativ-progressiven französischen Ökonomen „picketty, picketty“ morsen. „Bin selbst ein Opfer der Tiere“, erhellt die Nobelpreisträgerin den Hintergrund der Passage. „Ich habe, was ich nicht gedurft hätte, Tauben auf meinem Balkon gefüttert, und jetzt geht es dort zu wie auf dem Markusplatz. Sie wachsen mir über den Kopf. Ich weiß nicht, ob man von einem Tag zum andren mit Füttern aufhören kann. Sie sitzen draußen und schauen mich anklagend an. Ich weiß nicht, was ich machen kann oder soll oder beides. Es geht mir jedenfalls inzwischen an die Substanz, obwohl ich sie andrerseits ja auch liebhabe ... Also die Tauben haben mich fest im Griff, ich trau mich nicht einmal mehr aus dem Fenster schauen. Und weiß, daß ich selber schuld bin.“

Der Teufel trägt Tscheplanowa

Gedämpftbelichtete meinen, das Theaterleben der Schauspielerin Valery Tscheplanowa, 46, habe anno 2019 in der Buhlschaft auf dem Domplatz seine Erfüllung gefunden. Hellere erinnern sich begeistert an Expeditionen, die unter der Anleitung des Regisseurs Ulrich Rasche von der Salzach auf Achttausender der Weltliteratur führten: Euripides’ „Perser“ 2018, sechs Jahre später, quasi Tage vor der Premiere mit Glanz von einer resignierenden Kollegin übernommen, die Titelrolle in Lessings „Nathan“.

Und jetzt, mit Premierendatum 25. Juli, der Mephisto aus „Faust 1“ auf der Pernerinsel. Abermals meldet sich schicksalhaft die Tierwelt zu Wort: Der Familienpudel Yury drängt sich, keinen Widerspruch duldend, ins Gespräch und die Viertelstunde mit dem Fotografen. In Pudelgestalt läuft auch der Hilfsteufel Mephisto dem altersresignierten Gelehrten Faust zu.

Hier scheint allerhand zueinander gefunden zu haben, und in der Tat: Die Lektüre des „Faust“, sagt die 1980 in die alte Sowjetunion Geborene, habe sie im Alter von 14 Jahren überwältigt. „Es war, als wehte mich die vollk0mmene Freiheit an, als würde eine Tür aufgeschlagen, die sich nie wieder geschlossen hat.“ Personifiziert hat sich dieses Gefühl im Satz des Mephisto: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Das wird jetzt die Herausforderung unter dem Grenzwanderer Rasche, der die Schauspieler während der gesamten Aufführungslänge auf einer Weltscheibe in Bewegung hält. Alle simplen Gut-Böse-Zuschreibungen seien mit dem Satz deaktiviert, Mephisto könne über seine ausersehenen Opfer auch nicht bestimmen, sie nur zu verführen versuchen, indem er sie in unablässige Bewegung versetze. „Es ist ein ungeheures Geschenk, dass ich keinen Menschen darstelle, sondern ein unpsychologisches, energetisches Kraftzentrum. Da muss ich bar zahlen. Der Blick des Publikums“, fährt sie fort, „macht aus mir eine destruktive oder positive Kraft. Der jeweilige Zuschauer wird mich beschriften.“ „Faust“ wurde zum Lebensprojekt, von Kindheit an. In Frankfurt unter Günter Krämer war sie die Helena, und dann in Berlin das Gretchen unter dem Oberbefehl Frank Castorfs, der nie diskutiert, sondern seinen eigenen Text geschaffen, seinen eigenen Brocken Zeit gemalt hat. So beschreibt Valery Tscheplanowa, die auch zwei formidable Romane veröffentlicht hat, den bisherigen Höhepunkt ihres Künstlerlebens.

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Das betörende Gesicht des Teufels: Valery Tscheplanowa

 © Franz Neumayr

Steckbrief

Valery Tscheplanowa

geboren am 7. März 1980 in Kasan (Russland), kam mit acht Jahren nach Deutschland. 2018 Debüt bei den Salzburger Festspielen in Aischylos’ „Die Perser“, 2019 folgte die Buhlschaft. 2023 erschien ihr autobiografischer Roman „Das Pferd im Brunnen“, 2024 der Roman „Ist es Liebe“. Valery Tscheplanowa lebt in Berlin.

Die Gretchenfrage, die nach der Religion? Da kann sie nicht dienen, sie glaubt mehr an das Chaos. Ungeachtet der Bemühungen der Urgroßmutter, die Jahre gespart hat, um das sechsjährige Kind in einer sowjetischerseits verbotenen Kirche nachts heimlich taufen zu lassen.

Und dass sie zuletzt ständig Männerrollen spielt? „Ich gehe immer von der Musik aus. Ich sehe die Autoren wie Komponisten. Auch der Autor hat männliche und weibliche Anteile, und ich sehe mich wie einen Geiger oder Cellisten. Ich bin in der Lage, viele Instrumente zu spielen, Alte, Junge, Männer, Frauen. Deshalb bin ich so dankbar, dass wir uns von der Lesart männlich-weiblich befreit haben.“

Hinterhäuser? „Fehlt mir sehr.“ Sie wird in Salzburg aber hochrechenbar willkommen sein, solange Karin Bergmann hier das Kommando führt. Und in Wien? „Mich ruft niemand an. Wenn Sie Beziehungen haben, lassen Sie sie spielen.“ Was hiermit geschieht.

Das Programm

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 30+31/2026 erschienen.

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