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Ahmad Osso: „Ich male mir den Frust von der Seele“

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©Patrick Schuster

Zwischen Malerei und Grafik eröffnet Ahmad Osso in einem emotionalen Malprozess vielschichtige Bildwelten. Seine reflexive Kunst ist ein malerisches Austragen von Konflikten. Eine Suche nach Lösungen, die vor allem eines vermitteln soll: Hoffnung.

Atelierbesuch bei Ahmad Osso

© VGN | Osama Rasheed

Als die Tür ins Souterrain hinter ihm ins Schloss fällt, beginnt für ihn Freiheit. „Hier sind alle Sorgen vergessen“, stellt sich Ahmad Osso demonstrativ an seinen Malplatz in einem Gründerzeithaus in der Josefstadt. Gleich links vom Eingang, wenige Treppen unter Straßen­niveau, seien die Lichtverhältnisse am besten. Durch die mit schnörkeligem Gusseisen vergitterten Oberlichten fällt ausreichend Tageslicht – manchmal begleitet von den Blicken neugieriger Passanten. Gänzlich unbeirrt frönt „OSSO“, so der Künstlername des 44-Jährigen, hier seiner Malerei. Seit Kindheitstagen ist sie für ihn eine Art Medizin – gegen fast alles. Nachhaltig entfaltet sie ihre Wirkung gleichermaßen bei Traurigkeit, Ärger oder Frust. Und die Dosis scheint zurzeit eine hohe zu sein: Die ans Gemäuer getackerte Leinwand ist gerade in Arbeit. Die jüngste der vielen Schichten Acrylfarbe ist noch nicht einmal vollständig getrocknet. Eine geplante Ausstellung rückt näher. Von Gemütsverstimmung also weit und breit keine Spur. Denn gemalt wird beinahe rund um die Uhr. Umso praktischer, dass die Wohnräumlichkeiten direkt ans Atelier angrenzen.

Osso ist es auch nicht anders gewohnt: 1982 in der syrischen Stadt Al-­Hasaka geboren, wächst der kurdische Künstler inmitten von Farben auf. „Die sind in einer Künstlerfamilie allgegenwärtig“, konkretisiert er das Bild seiner frühen Sensibilisierung. Obwohl ihm die Kunst somit ins Genom geschrieben ist, war sie für ihn nie selbstverständlich: „Der Drang, sich künstlerisch zu entfalten, war immer schon da gewesen – ihn jemals ausleben zu können, war jedoch ungewiss.“ Ein Buch über Egon Schiele besiegelt im Alter von 15 Jahren einmal mehr seinen Berufswunsch und wird zum Start einer künstlerischen Reise – auf Umwegen. „Ich habe damals zwar kein Wort verstanden, weil das Buch auf Deutsch war, aber die Abbildungen seiner Werke haben mich in ihren Bann gezogen und nie mehr wieder losgelassen.“

Künstler auf Umwegen

Dass er Jahre später ausgerechnet in Wien landen soll, sei Schicksal gewesen. „Aber die gute Sorte“, fügt er freudig hinzu. Mit 16 Jahren zieht Osso zunächst in die syrische Hauptstadt Damaskus – „damals das Ziel vieler Kunstschaffender oder jener, die es werden wollten“. Doch die Pläne seines Vaters waren andere: Zu unsicher wäre dessen Meinung nach das Leben als Künstler. So studiert Osso – um seines Vaters Willen – Journalismus. Aber auch, um dem Militärdienst zu entgehen. Nach drei Jahren bricht er ab und verlässt das Land, um an der Akademie in Beirut doch noch an der Wahrwerdung seines Traums zu arbeiten. Gerade einmal ein Jahr wird er bleiben, vertieft grundlegende Fertigkeiten und sein kunstgeschichtliches Wissen. Die Sehnsucht nach Entfaltung wächst indes weiter: „Kunst muss man erleben, um sie begreifen und selbst schaffen zu können“, ist der Künstler überzeugt. „Der Umzug nach Beirut hat mir verdeutlicht, dass es da draußen noch mehr geben muss, als ich bisher gewohnt war – das Ende des Horizonts war noch lange nicht in Sicht.“ Sein neues Ziel: die künstlerische Vielfalt Europas.

Drei Jahre vor Ausbruch des Syrien-­Kriegs bricht er auf und verlässt seine Heimat, die als staatenloser Kurde gefühlt nie eine solche war. Über die Ukraine und Russland führt ihn das Schicksal letztlich nach Wien. Geplant war das nicht. Viel lieber wäre er damals – auf seiner Suche nach Heimat – in Italien oder Paris gelandet. Heute ist er glücklich, in Wien gelandet zu sein. Abseits von der Malerei, die ihm von Kindheitsbeinen an eine Art Zufluchtsort war, verspürt er 2008 erstmals das Gefühl tatsächlich „angekommen“ zu sein. „Wien ist eine Kunststadt mit fast schon unendlicher Weite – sie ist weder groß, noch klein. Aber das kulturelle Angebot ist überwältigend.“ Dabei war der Start alles andere als einfach: Um ein Dach über dem Kopf zu haben, jobbt Osso zunächst fernab der Kunst. „Nach meiner Ankunft habe ich erst einmal Teller gewaschen – von der erhofften künstlerischen Freiheit war nicht viel zu spüren“, erinnert er sich. Trotz seiner Anfänge als Tellerwäscher ist er heute kein Millionär. Dafür war die Stadt die falsche. Aber sein Traum war auch nicht der amerikanische, sondern jener von der Kunst. Und der soll über die Jahre in Erfüllung gehen.

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Inspiriert von Schiele und Modigliani, nutzt Osso die menschliche Figur als Ausdrucksform.

 © Beigestellt

Autobiografische Reflexion

Schließlich hat er – all der widrigen Jobs, die er zur Finanzierung seines Traums in Kauf nahm, zum Trotz – immer an ihm festgehalten: „Wenn ich nach einer langen Schicht abends oder frühmorgens heimkam, habe ich mich erst mal vor die Leinwand gestellt und meinen Emotionen freien Lauf gelassen“, so der Künstler. „Ich habe mir den Frust von der Seele gemalt.“ Ein Zugang, an dem sich bis heute wenig verändert hat. Sein künstlerischer Schaffensprozess? Nach wie vor ein von Emotionen getriebener. Eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Und mit seinen Wurzeln: Obwohl Osso nicht vor dem Krieg geflohen ist und ihn nie aktiv miterleben musste, haben Krieg und Flucht deut­liche Spuren in seinem autobiografischen Œuvre hinterlassen. „Als Kurde weißt du, was Unterdrückung bedeutet – wenn du deine Sprache nicht sprechen darfst, deine Werte in einer Gesellschaft, die auch die deine ist, keine Bedeutung haben“, berichtet er vom frühen Erfahren von Ausgrenzung und Hass. Beides war Mitgrund für seinen Aufbruch aus Syrien. Dabei spricht er bewusst von Flucht: „Wenn du Vertrautes hinter dir lässt, dich alleine und ohne Geld oder Handy auf den Weg machst, um dir an einem anderen Ort – wo du niemanden kennst und dich nicht verständigen kannst – ein neues Leben aufzubauen, dann bist du auf der Flucht.“

Der Mensch in der Mitte

So sind es die Aufarbeitung von Erlebtem, aber eben auch die bewusste Reflexion der Geschichte sowie der Gegenwart seiner Kultur, die sein Narrativ formen. Themen wie Liebe und Hass, Nähe und Distanz ebenso wie Vergangenheit und Zukunft sind in seinen Arbeiten immanent. Seine Kunst ist ein malerisches Austragen von Konflikten. Mit einer Vision: Gegensätzliches auf einen Nenner zu bringen. „Es geht mir darum, in meinen Bildern eine Lösung zu finden. Zumindest da kann für einen kurzen Augenblick Friede herrschen.“

Früh findet dazu die menschliche Figur Einzug in Ossos Œuvre und wird zum Sinnbild seines künstlerischen Ausdrucks. „Alle drei bis vier Jahr schleicht sich eine Landschaft ein“, zeigt er auf ein Kleinformat an der weiß gekalkte Ziegelmauer. Und konkretisiert: „Um Abstand zu gewinnen und meist ein neues Thema einzuleiten.“ Spätesten damit kehrt der Mensch auf den Bildträger zurück. „Er ist imstande, Geschichten zu erzählen, ohne dabei zwingend sprechen zu müssen.“ Gestik, Mimik und Körperhaltung verbalisieren und geben Aufschluss darüber, was im Inneren vor sich geht. Nicht selten ist er dabei selbst Teil seiner biografischen Bildwelten. „Eigentlich bin ich das immer“, hält er fest. „Auch dann, wenn ich nicht zu sehen bin.“ Schließlich ist seine Malerei eine höchst emotionale: In einem intrinsischen Schaffensprozess macht er sich ohne konkrete Bildidee an die Arbeit. „Ein paar Gedanken sind zwar in meinem Kopf, wenn ich vor die Leinwand trete – das Ergebnis entwickelt sich letztlich aber erst im Prozess.“ Wie ein emotionaler Seismograf verleiht er Empfundenem darin Ausdruck. Die Emotion steuert die Pinselgesten seiner Hand. „Und die Musik“, ergänzt er. Im Hintergrund laufen französische Chansons. „Damit die Liebe Einzug findet“, tänzelt er mit einem Pinsel vor dem Bildträger und trägt eine weitere Schicht Acrylfarbe auf. Die Vielschichtigkeit seiner Bilder kommt nicht von ungefähr: „Komplex wie der Mensch“, erklärt Osso.

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Die abstrakte Auflösung der Figur in Ossos jüngsten Arbeiten ist Sinnbild von Bewegung und Dynamik.

 © Beigestellt

Suche nach Hoffnung

Den Pinsel beiseitelegend, greift er zu einem Stück Zeichenkohle und zieht eine der Konturen nach, die unter der dünnen Farbschicht zu verschwinden droht. Die menschliche Silhouette tritt wie eine Art gesichtslose Körperhülle erneut hervor, der Künstler einen Schritt zurück. „So kann das funktionieren“, pflichtet er sich kritisch bei. Sein Strich hat beinahe Schiele’eskes. Die stilisierten Proportionen erinnern an Modigliani. Um eine konkrete Wiedergabe der Realität ging es ihm nie und geht es ihm zusehends weniger. Als er vor drei Jahren das erste Mal seit seinem Aufbruch zurück zu seinen Wurzeln reist, findet die Abstraktion Einzug in sein Œuvre. Sie treibt die Auflösung der Figur rapide voran. Nicht im Sinne einer Auslöschung, sondern als Zeichen von Dynamik und Bewegung. „Das Leben in Syrien geht weiter“, erzählt er von seinen Eindrücken. „Krieg war immer Teil meiner künstlerischen Reflexion. Aber erst meine Reise hat mir gezeigt, was es tatsächlich für die Menschen vor Ort bedeutet. Sie verharren nicht in ihrer Traurigkeit, sondern sind ständig in Bewegung. Auf der einen Seite hörst du Bomben, auf der anderen Hochzeits­glocken. Und dazwischen fühlst du dich auf unbeschreibliche Art sicher.“

Die Kohle hat er einstweilen wieder gegen den Pinsel getauscht. „Jetzt vielleicht ein wenig Blau.“ Der Unterton ist ein fragender, als er den Pinsel in gleißendes Gelb taucht. Wie jetzt? „Das ist völlig normal“, lacht er. Je mehr die malerische Manie übernimmt, desto freier wird Osso in seinen Gedanken. Es gehe ihm darum, das Denken abzustellen; die Kontrolle abzugeben. „Wenn ich male, male ich – in diesen Momenten bin ich frei.“ Die dadurch entstehende Offenheit seiner Bildwelten ist Ausdruck der heute empfundenen künstlerischen Freiheit. Außerdem folgt seine expressive Palette keiner Ikonografie. „Viele meiner Bilder erzählen eine traurige Geschichte“, stellt er fest. „Die Farbigkeit hilft, die Schwere eine Spur erträglicher und für Betrachtende greifbarer zu machen – sie gibt Ausblick auf eine buntere Zukunftsvision.“ Und transportiert, was Osso durch seine Bilder vermitteln möchte: Hoffnung.

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