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Spitzentöne: Kulturauftrag in Gefahr

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Wie man eine kulturelle Institution besser nicht rettet, zeigt zum Fürchten der Kunstvizekanzler vor: ORF III besteht zwar auf Geheiß weiter, wird aber budgetär zerstört. Dagegen protestiert die einflussreiche Autorenvereinigung. Und: In Salzburg bewegt es sich zögerlich, in kleinen Schritten.

Leidenschaft war es nicht, die aus den Antworten des Kunst- und Medienvizekanzlers sprach, als er mir vor einem Jahr nach endlosem Insistieren Entwarnendes übermittelte. Aber leben konnte man schon damit: Der ORF habe sich sein Orchester und seinen Kultursender ORF III verbindlich bis mindestens 2029 zu leisten.

Dafür dürfe er auf seine gesperrten Reserven zugreifen, eine Voraussetzung für den halbwegs unbehelligten Weiterbetrieb des Staatsfunks. Als sich zuletzt die halbe Führungsspitze samt Entourage im Triebstau entmaterialisierte, waren meine Bedenken entsprechend. Aber Bablers Büro beruhigte mich: An der Anweisung des Vizekanzlers habe sich nichts geändert.

Reduktion auf einen Abspielsender

Zwei Tage später wurde ORF III das Budget halbiert: eine existenzsichernde Maßnahme der dritten Art, die weitgehende Reduktion auf einen Abspielsender zur Folge haben dürfte. Jetzt frage ich mich, ob womöglich auch das Radiosymphonieorchester gerettet wird, indem man es auf eine Miet-Combo für Maturafeiern redimensioniert (Sie verzeihen, dass ich hier der Dringlichkeit halber meinen Newsletter repetiere).

Bablers SPÖ und ihre Emissäre haben schon zuletzt auffallend versagt, als Edtstadlers Säuberungsaktionen gegen die Salzburger Festspiele entgegenzutreten gewesen wäre. So geht es, wenn sich politische Inkompetenz durch Desinteresse am Gegenstand legitimiert.

Die Autoren mahnen

Die Konsequenzen des Ausfallschritts gegen den Kulturauftrag formulierte kürzlich die einflussreiche IG Autoren: „Die Reduktionspläne beabsichtigen letztlich die Abschaffung aller Eigenproduktionsanteile in ORF III, darunter fallen Sendungen wie ,Kultur heute‘ und das Büchermagazin ,erLesen‘, die beiden Kulturausweise auf ORF III. Eine ganz besondere Bedeutung kommt dabei ,erLesen‘ zu, weil es nirgendwo sonst im ORF noch eine so intensiv sich auf Literatur konzentrierende Sendung gibt.“

Ich kann hinzufügen: „erLesen“ ist das mittlerweile einzige Buchformat aller hiesigen Fernsehanstalten. Als ich es 2010 mit dem visionären Sendergründer Peter Schöber auszuprobieren begann, war ORF III noch der Wettersender TW1 und schwenkte in Endlosschleife über teils sonnenüberflutete, teils nebelverhangene Tourismusregionen. Mancher Kollege, dessen journalistisches Wirken mich nicht restlos überzeugen konnte, fände hier als Schwenker seine Bestimmung, dachte ich mir oft. Man hätte sich nur vom Automatik- auf den bewährten Handbetrieb rückbesinnen müssen.

Ehe ich diesbezüglich noch vorfühlen konnte, war ORF III gegründet. Jetzt ziehen in Scharen die Toten der Sendungsgeschichte vorbei, Gerhard Roth, Christine Nöstlinger, Jean Ziegler, Otto Schenk, Gert Voss, Helmuth Karasek, Christiane Hörbiger, Willi Resetarits …

Die Quasi-Abwicklung des Kultursenders ORF III wird von Autorenseite beeinsprucht

Mittlerweile einmal monatlich als Spezialausgabe des halbstündigen Nachrichtenformats „Kultur heute“ gesendet, prunkte „erLesen“ seit September 2025 mit Robert Menasse, Norbert Gstrein, Dimitre Dinev, Marc Elsberg, Laura Freudenthaler, Julya Rabinowich, Frank Schätzing, Verena Gotthardt, Valery Tscheplanowa, Robert Pfaller, Anna Felnhofer …

Damit genug der Halbprivatheiten, dafür ein scharfer Hinweis zum sich anbahnenden bundesweiten Kulturrückbau: Wie unangenehm beredsam Künstler werden können, musste anno Corona die grüne Kulturstaatssekretärin und alsbaldige Pensionistin Lunacek erfahren. Auf die Abwicklung einer weiteren Kunstkoryphäe wird es der reizbaren Klientel prognostizierbarerweise nicht ankommen.

Und Salzburgs Zukunft

Aus Salzburg, wo zum Schaden der Festspiele bis Spätherbst ein Nachfolger für den idealbesetzten Intendanten gefunden werden muss, gibt es indes überschaubar Neues. Ein Aufatmen schenkt uns Volksoperndirektorin Lotte de Beer, deren Abwerbung zwar allseits begrüßt würde. Aber sie die Festspiele in den Regen mit Option auf Traufe befördern zu lassen, das wollen sich maximal Zyniker vorstellen. Als mir das Gerücht vor Wochen zu Ohren kam, konnte ich es gleich falsifizieren. Jetzt hat sie sich selbst aus der Diskussion genommen.

Gesucht wird erklärtermaßen eine in Musik- und Theaterbelangen firme Person. Wenn wir uns diesbezüglich nicht ins labyrinthische Minimundus mehrheitlich provinzieller Dreispartentheater verirren wollen, legt das Anforderungsprofil immer ersichtlicher den gebürtigen Australier Barrie Kosky nahe. In seinen Genen arbeitet das alte ostjüdische Europa. Er hat mit Bravour in Wien das Schauspielhaus und in Berlin die Komische Oper geleitet und ist in beiden Disziplinen an ersten europäischen Häusern beschäftigt. In London arbeitet er gerade am „Ring“, in Salzburg kann man als Übernahme von den Pfingstfestspielen ab 31. Juli Rossinis „Il viaggio a Reims“ mit Cecilia Bartoli begutachten.

Sollte man den Fokus doch auf die Oper legen, dünnt sich das Angebot schon aus: Stefan Herheim, im Theater an der Wien von der Kulturpolitik drangsaliert, wurde nicht angesprochen und hat via News abgesagt. Elisabeth Sobotka (Berlin) und Matthias Schulz (Zürich) können ihre Wirkungsstätten nicht fluchtartig verlassen. Die Politik kapriziert sich aber auf überstürzten Dienstantritt im Sommer 2028, obwohl die Interima Karin Bergmann gewiss noch zu weiteren Übergangsjahren überredbar wäre.

Umso konsequenter wird die Abwehr von Mittelgrößen aus der deutschsprachigen Zeitgeistprovinz zu beobachten sein.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 28/2026 erschienen.

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