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Rudolf Buchbinder: „Ich bekomme die Bilder der Hamas nicht aus dem Kopf“

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Rudolf Buchbinder

Zum Interview meldet er sich aus Tel Aviv, wo der Kosmopolit Rudolf Buchbinder gerade gefeiert wird. Anschließend beginnt für den Festivalgründer die Abschiedssaison in Grafenegg. Allerdings nur als Intendant, denn er bleibt als Präsident im Zentrum der Ereignisse. Zum nahen Achtziger bereist er in Spitzenkonstellationen Asien, Europa und die USA.

Andere seines Berufs würden das anstehende Wiegenfest mit vergangenheitsseligen Interviews an verborgenen Altersruhesitzen verbringen. Der österreichische Weltpianist Rudolf Buchbinder hingegen bricht zum Achtziger zu Aktivitäten auf, die Jüngere erschauern ließen: Asien-Tournee unter Thielemann, ein philharmonischer Marathon und alle 32 Beethoven-Sonaten in Wien, dann zwei Mal die fünf Beethoven-Konzerte in Los Angeles.

Von seiner Gründung, dem Festival in Grafenegg, verabschiedet er sich mit der nun beginnenden Saison zwar als Intendant, bleibt aber als Präsident und maßgeblicher Mitwirkender – auch im eben eröffneten Buchbinder-Saal. Ihm folgt sein Wunschkandidat Johannes Neubert, ein Konzertmanager von Rang.

Herr Buchbinder, wie erleben Sie gerade Israel? Spüren Sie die Angst vor Terror und Krieg, den Widerstand gegen die Regierung?

Es hat sich gegenüber früher absolut nichts geändert, nicht auf der Straße und schon gar nicht im Konzert. Die Menschen genießen die Musik, und die Konzerte sind voll. Was sich an den Grenzen abspielt, weiß ich nicht. Dort wird man aber auch sinnvollerweise nicht hinreisen.

Wobei sich im Westen ein vollkommen einseitiger Hass gegen Israel aufbaut, als wäre am 7. Oktober nichts gewesen.

Ja, den vergisst man, unglaublich ist das. Ich kann die Bilder der hingemetzelten Menschen nicht aus dem Kopf bekommen. Die Hamas hätte wissen müssen, dass die Rache Israels kommen wird.

Der Mensch ist so konstruiert, dass er nie ausstirbt und deshalb sogar mit den furchtbarsten Ereignissen leben kann, indem er sie vergisst und verdrängt

Rudolf Buchbinder

Und dass sich gerade unter dem Titel des Antiisraelismus seitens der europäischen Linken ein verkappter Antisemitismus aufbaut, wie erklären Sie sich das?

Der Mensch ist so konstruiert, dass er nie ausstirbt und deshalb sogar mit den furchtbarsten Ereignissen leben kann, indem er sie vergisst und verdrängt. Wer denkt denn nach einer vergleichsweise kurzen Zeit noch an den Zweiten Weltkrieg und sechs Millionen ermordete Juden? Ich habe das schon vor längerer Zeit erlebt, als Ioan Holender in der Oper auf die Nazi-Verstrickungen des Hauses verwiesen hat. Da sind Leute neben mir gesessen, die sich aufgeregt haben: Schon wieder, das ist doch alles längst vorbei! Das waren keine Jungen, sondern Alte. Das war für mich das noch Schlimmere.

Dann lassen Sie uns zu Grafenegg kommen. Hatten Sie vor 20 Jahren gedacht, dass dieses Festival einen solchen Weg nehmen könnte?

Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, dass wir heute das wahrscheinlich größte Orchesterfestival in Europa sind.

Wie war das denn möglich?

Ganz einfach, wir hatten Glück. Die Politik mischt sich nicht ein, sondern steht zu uns. Von Beginn an und bis zum heutigen Tag.

Mit dem blauen Koalitionspartner gibt es keine Schwierigkeiten? Man sieht ja, wie es der Kultur in der Steiermark ergeht.

Nein, der Koalitionspartner hat mit Grafenegg nichts zu tun. Johanna Mikl-Leitner führt das genauso weiter wie unter Erwin Pröll. Man hat nicht nur alle Freiheiten, sondern wird auch unterstützt. Wir haben auch keinerlei Budget verloren. Ich bin mir aber genauso bewusst, dass der Buchbinder-Saal heute nicht mehr gebaut werden könnte. Im allerletzten Moment haben sich da Johanna Mikl-Leitner und Paul Gessl von der NÖ-Kultur durchgesetzt.

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 © Julia Wesely

Kein Schüler nimmt heute mehr das Fach Musik. Warum? Weil es kaum noch Lehrer dafür gibt

Rudolf Buchbinder

Im Bund und ebenso in Wien verliert die Kultur aber schon jetzt viel Geld. Woran liegt das?

Wie wollen Sie in einem Land, das im Gegensatz zu Aserbaidschan und Osttimor das Unterrichtsministerium abgeschafft hat, Kultur verlangen?

Das heißt jetzt Bildungsministerium und ersetzt kulturelle Inhalte systematisch durch Fächer wie Computer und KI.

Richtig, wobei schon wir uns seinerzeit zwischen Musik und Zeichnen entscheiden mussten, ein Wahnsinn! Heute müssen sich meine Enkelkinder immer noch entscheiden, aber niemand nimmt mehr das Fach Musik. Warum? Weil es kaum noch Lehrer dafür gibt. In Deutschland gibt es an den Gymnasien überhaupt keinen Musikunterricht mehr.

Warum ist das so?

Mangel an Professoren, Mangel an Interesse. Können Sie sich vorstellen, dass in Korea die Volksschulen eigene Orchester haben? Es gibt bei uns eben andere Prioritäten, zum Beispiel die KI.

Haben Sie da Prognosen, was die Gefährlichkeit betrifft?

Die Auswirkungen kennen wir noch nicht. Aber wenn man versucht, den Menschen zu ersetzen, kann man sich die Folgen für den Arbeitsmarkt schon vorstellen.

Jetzt verlieren auch die Universitäten schwer an Budget, man spricht mittelfristig von einer Milliarde. Wie sehen Sie denn das?

Als ich aufgewachsen bin, hieß die Musik-Universität noch Musikakademie. Und natürlich gab es Studiengeld, was ich auch richtig finde. Talentierte, die es sich nicht leisten konnten, so wie ich, haben ein Stipendium bekommen. Und das wäre für mich die Lösung dieses Dilemmas.

Gilt das auch für Ausländer? Oder sollen die prinzipiell bezahlen, wie jetzt gefordert wird?

Das ist bitteschön ein großer Blödsinn. Es gibt ja bekanntlich auch begabte Ausländer.

Ein gutes Stichwort. Unsere Akademien bilden hervorragende Leute aus, aber aus Österreich kommen nur sehr wenige.

Das ist eben die Internationalisierung. Jaap van Zweden, der Chef von Hong Kong Philharmonic und New York Philharmonic war, hat mir vor Kurzem gesagt, als wir bei beiden aufgetreten sind: Du wirst es nicht glauben, bei den New Yorkern sitzen mehr Chinesen als in Hongkong. Die Orchester sind Vielvölkerstaaten geworden, was sich leider oft auf die Unverwechselbarkeit des Klangs auswirkt. Aber die Vorteile überwiegen, und unsere europäischen Dünkel gehen mir immer mehr auf die Nerven. Stellen Sie sich vor, Shanghai Symphony wurde 1879 gegründet und die Wiener Symphoniker 1900!

Stellen Sie sich vor, Sie sagen einem Kind, die Schule ist nicht so wichtig, und dann klappt es mit dem Talent nicht! Was tun Sie da?

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 © Lukas Beck

Aber warum spielen österreichische Talente nur in minimalem Ausmaß mit?

Vom Schulsystem in Asien haben wir schon gesprochen. Und im Osten war es immer so, dass man die Talente unterstützt hat. Nicht die Schule war die Nummer eins, sondern das Talent, auch im Sport.

Und warum geht das bei uns nicht?

Die Verantwortung ist zu groß, auch für die Eltern. Stellen Sie sich vor, Sie sagen einem Kind, die Schule ist nicht so wichtig, und dann klappt es mit dem Talent nicht! Was tun Sie da?

Mit Ihrem Nachfolger Johannes Neubert in Grafenegg sind Sie zufrieden?

Mehr als das! Er war ja schon bei der Gründung mein Mitarbeiter, und ich habe jetzt seine Bestellung auch sehr befürwortet.

Man wird Sie, den Identitätsstifter, dort regelmäßig weiter hören?

Zumindest für die nächsten Jahre steht das fest.

Wie geht es Ihnen denn insgesamt? Ist ihnen vor dem wahnwitzigen Programm zum Achtziger nicht bang?

Nein, gar nicht. Aber gewaltig ist es schon. Ich bin im November mit Thielemann und seinen Berlinern in Asien unterwegs. Dann habe ich sechs Konzerte mit den Wiener Philharmonikern zu meinem Geburtstag: das Philharmonische unter Alain Altinoglu, dann als Solist und Dirigent. In Los Angeles sollte ich zwei Mal alle fünf Beethoven-Konzerte unter Zubin Mehta spielen. Das musste er gesundheitshalber leider absagen, jetzt dirigiert die Konzerte Gustavo Dudamel. Und dann mein Zyklus aller 32 Beethoven-Sonaten im Konzerthaus.

Aber Sie haben kürzlich in München wieder unter Mehta gespielt. Wie lässt sich denn seine ungeheure Zähigkeit erklären?

Das ist das vollkommen falsche Wort. Er lebt für die Musik und könnte ohne sie nicht leben. Alle Orchester, alle Solisten, mit denen er arbeitet, spielen für ihn. Das ist sehr berührend. Ich hoffe, er hält noch eine Weile durch.

Sie selbst wollen sich nach dem Jubiläum nicht etwas Ruhe gönnen?

Ich spiele ja gar nicht viel! Ich habe Kollegen, die machen das Doppelte. Ich verbringe sieben Monate zu Hause, 24 Stunden und in vollkommener Ruhe. Aber die restlichen fünf Monate spiele ich dafür fast täglich. Das Reisen ist für mich eine Erholung, und den Jetlag kenne ich kaum. Man kann mit dem Hirn viel steuern, und im Flugzeug entspanne ich mich.

Hände und Kopf …

… sind in Bestverfassung. Auch deshalb, weil ich mir die Hände nicht zerstöre, indem ich sechs Stunden täglich übe. Dafür arbeitet die Musik in meinem Kopf. Auch 24 Stunden.

Das Festival von Grafenegg

Steckbrief

Rudolf Buchbinder

Geboren am 1. Dezember 1946 in Leitmeritz, Tschechoslowakei, aufgewachsen in Wien, wurde er mit fünf Jahren jüngster Student der Wiener Musikakademie, gewann mit 15 den ersten großen Wettbewerb und etablierte sich zunächst als Kammermusiker, ehe er eine Weltkarriere als Solist begann. Als Haydn- und Beethoven-Interpret erreichte er Referenzstatus, sein Repertoire reicht von Bach über die Klassik und die Romantik bis Gershwin. 2007 bis inkl. 2026 Intendant der Festspiele Grafenegg, wo er als Präsident verbleiben wird. Buchbinder ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er lebt in Wien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 28+29/2026 erschienen.

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