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Spitzentöne: Der nächste späte Triumph eines Bachmann-Opfers

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Vielleicht eine Anregung? In der Sommerfrische ergänze ich konsequent meine kleine Bibliothek erstklassiger Neuerscheinungen, die im Urzustand bei der Jury des Bachmannpreises durchgefallen sind. Derzeit begeistert mich „Luft nach unten“, Tamara Stajners fabulöser Generationenroman.

Die sechs, sieben Urlaubstage zwischen Festwochen, Reichenau und Salzburg haben klarerweise immer etwas mit Literatur zu tun. Als die Töchter noch klein waren, gab ich Nichtschwimmer an französischen und italienischen Stränden den hybriden Odysseus. Ließ sich der Ithaker an den Hauptmast binden, um vom Betörungsgesang der Sirenen nicht ins Tyrrhenische Meer gesogen zu werden, schnallte ich mich an die dicksten Pfosten der Kulturgeschichte – „Ilias“, „Ulysses“ –, um nicht im Ozean der Langeweile zu versinken.

Mit den herangewachsenen Kindern nunmehr auf Wien-naher Sommerfrische, habe ich mir ein amüsantes Nischenprogramm ausgedacht: Ich wandle meine Vorurteile gegen die Jury des Bachmannpreises in Urteile um. Dazu nehme ich mir die mehrheitlich glänzenden Neuerscheinungen vor, die ich schon kannte, als sie noch Fragmente waren und in Klagenfurt gegen Minderausgestattete durchfielen.

Die Bibliothek der Nichterkannten

Die spätere Staatspreisträgerin Anna Baar, Laura Freudenthaler, Anna Felnhofer, Dana Vowinckel, Tamara Stajner, Verena Gotthardt, Henrik Szanto, Sophie Stein, Laura Laabs, Ulrike Haidacher, heuer Kinga Toth … mein Regal mit den Nichterkannten wächst sich zur Bibliothek aus.

Speziell der Frühsommer 2024 pulverisierte alle Rekorde der Urteilsinsuffizienz: Gleich vier der eben Genannten verloren glatt gegen zwei Männerselbstbeschauer. Die Deutsche Sophie Stein wurde für ihren vor Farben und Bildern explodierenden Text juryseitig ausgelacht. Auf ihren für 15. August angekündigten dystopischen Thriller „Der neunte Kreis“ freue ich mich.

Auch Henrik Szanto fing nicht einmal einen Trostpreis ab. Sein vor einem Jahr erschienener großartiger Roman „Treppe aus Papier“ erzählt die Geschichte eines arisierten Hauses, in dessen Mauern die Geister der Opfer und der Täter wispern. Ulrike Haidachers „Malibu Orange“ lese ich mit umso größerem Vergnügen, als ihr so warmherziger wie sarkastischer Wettbewerbstext mit dem dümmsten aller Totschlägeradjektive – erraten: „konventionell“ – aus dem Bewerb befördert wurde.

Und jetzt Tamara Stajner

Womit ich in der mir eigenen Umschweifigkeit endlich beim Anlass dieser Kolumne eingetroffen bin. Vor mir liegt, soeben erschienen, „Luft nach unten“ der in Wien lebenden und deutsch schreibenden Slowenin Tamara Stajner. Sie konnte 2024 zumindest den Trostpreis abfangen, nachdem sie als letzte Teilnehmerin während der Lektüre ihres Textes in Tränen ausgebrochen war.

Man hat dergleichen zuletzt überraschend oft von Frauenhand gelesen. Aber nicht mit solcher vor Hass, Liebe und Sehnsucht glühenden Schmerzensschönheit

Nun wollen wir die Jury keiner sentimentalen Anwandlung bezichtigen, zumal dem Thema eine gewisse Geläufigkeit nicht abzusprechen ist: Die junge slowenische Pop-Künstlerin Iva, die in Wien ihr Leben meistert, besucht die alte Heimat. Anlass ist das Begräbnis einer Unterschichtfrau, die ihr Zuflucht aus der Oberschichtkindheitshölle gewährt hat. Der Oberteufel war die destruktiv lieblose, narzisstische Mutter.

Hass ist Liebe

Man hat dergleichen zuletzt überraschend oft von Frauenhand gelesen. Aber nicht mit solcher vor Hass, Liebe und Sehnsucht glühenden Schmerzensschönheit: „Denn wir sind aneinandergekettet, das weißt du. Feingliedrige Gewalten halten uns zusammen. Ja, irgendwo in mir gibt es diese Synapse, die mich zwingt, dich zu lieben. Ich muss dich lieben, du bist die Mutter. Und auch du bist verdammt. Du hast keine andere Chance: Du musst mich lieben, egal wie. Ich bin deine Tochter. Ich denke an dich. Du gehst mir nicht aus dem Kopf. Wenn im Spätsommer die erste Ahnung einer Wandlung im Wind umhertreibt, da denke ich an dich. Die Luft ist noch heiß, doch anders – wie schwanger: Sie trägt den Herbst in sich.“

Das ist stark erzählt und dazu fühlbar authentisch, weil nah an den autobiografischen Ereignissen. Die Mutter habe die Bachmann-Lesung vor zwei Jahren slowenisch übersetzt im Radio gehört. Empört, zutiefst verletzt sei die Mutter gewesen, erinnert sich die Tochter, habe gleich den Kontakt abgebrochen. Aber ein paar Monate später! Da rief die Mutter auf einmal an und war wie verwandelt, ohne den Text mit einem Wort zu streifen. Dafür habe man endlich vom Übermaß des anderen sprechen können. „Und da denke ich mir, das ist doch irgendwie die Kraft der Sprache, oder?“

Das Buch

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Das Buch
 © Zsolnay

„Luft nach unten“ ist dabei kein bloß depressives, auch ein amüsantes Buch: Die junge Frau pflegt zwei logistisch herausfordernde Parallelverhältnisse. Wobei es der Hauptverbindung nicht zugutekommt, dass sie keine Früchte tragen will und der Mann sich trickreich um den Spermientest drückt.

Und die Musik

Schon im famosen Vorgängerroman „Raupenfell“ sind zwei der drei Protagonistinnen Musikerinnen. Sie verkörpern Tamara Stajners andere Seite: die der in Wien ausgebildeten und beim klassischen Ensemble „Wiener Akademie“ wirkenden Bratschistin.

Die literarisch-musikalische Doppelbegabung ist bemerkenswert selten, nach Wagner und dem Schwarzromantiker und Komponisten E. T. A. Hoffmann zögert man schon. Ja, Ärzte im Dutzend, von Schiller bis Schnitzler, von Büchner bis Döblin und Gottfried Benn, von Tschechow bis Lem: Die schrieben auf olympischem Niveau.

Aber die Musik, die Tamara Stajner auch kreativ als Performerin ausübt, ist die hilfreich? Sie schreibe ihre Texte wie klassische Musikstücke, antwortet sie. Auf Facetten und Farben gerichtet, als Polyphonie der Stimmen und der Sprachen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 28+29/2026 erschienen.

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