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„Carmen“ bei den Salzburger Festspielen: Die Seele ist ein dunkles Land

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Asmik Grigorian als Carmen und Jonathan Tetelman als Don José

©Salzburger Festspiele / Virginia Rota

Die erste Opernpremiere von Markus Hinterhäusers Programm, gerät mit Asmik Grigorian und Teodor Currentzis am Pult zum Triumph.

Carmen, eine Partie für Mezzosopran, ist eigentlich nicht das Fach der Sopranistin Asmik Grigorian. Das wurde auch einst auch von Maria Callas behauptet. Aber sie hob die Rolle in eine andere Dimension. So geschieht es auch bei der Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele.

Frei von allen Klischees

Grigorian befreit die Titelfigur in Georges Bizets „Carmen“ von allen Klischees. Sie ist eine der vielen Arbeiterinnen, die aus einem Werk in einer öden Berglandschaft auftreten. Man sieht sie in Gabriela Carrizos düsterer Inszenierung zunächst nicht, wenn sie die Habanera anhebt.

Erst im Gesang tritt sie aus der Masse. Diese Arie intoniert sie mit einer Innigkeit, die ihresgleichen nicht so leicht finden wird. In herkömmlichen „Carmen“-Inszenierungen stellt sich die Sängerin dabei wie ein Vamp aus, die männliche Blicke auf sich zieht. Hier ist sie von Kindern umringt. Grigorian trägt diese Melodie sublim, feinst nuanciert wie ein Kunstlied vor.

Verstörend schöne „Karten-Arie“

So gestaltet sie diese Frauenfigur auch, die verhaftet wird, weil sie eine andere Arbeiterin verletzt hat. Sie betört den Korporal Don José, damit er sie befreit. Bei der Seguidilla, dem Lied, mit dem sie ihn in der Taverne von Lillas Pastia verführen will, wirft sie präzise zum Takt der Musik mit Tellern.

Verstörend schön gerät ihre „Karten-Arie“, in der sie ihre Todesahnung besingt. Der Effekt wird verstärkt, indem bei ihrem Abgang über Lautsprecher eine Aufnahme dieser Arie ausgestrahlt. Markus Hinterhäusers Vorhaben ist wieder aufgegangen, wie 2018, als er Grigorian als Richard Strauss‘ Salome besetzte und diese ihre Weltkarriere begann.

Bitterer Realismus und albtraumhafte Passagen

Gabriela Carrizo verlegt Bizet Oper in eine düstere Seelandschaft, symbolisiert durch ein karges Szenario (Bühne: Christof Hetzer). Das Geschehen changiert zwischen bitterem Realismus und albtraumhaften Passagen, diese entwirft die Regisseurin und Choreographin mit ihrer Kompagnie Peeping Tom.

Das Setting wirkt zunächst wie von Calixto Bieito und Jan Lauwers inspiriert. Während jedoch bei Lauwers meistens die Tanzeinlagen vom Wesentlichen, nämlich von der Musik ablenken, ist hier jede Geste präzise auf die Partitur abgestimmt. Carrizo führt mit einer Unerbittlichkeit in menschliche Abgründe. Soldaten quälen eine seltsame Gestalt, Kinder müssen auf Kinder schießen.

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Balder Hansen von der Kompagnie Peeping Tom

 © Salzburger Festspiele / Virginia Rota

Übertriebene Dunkelheit

Ein Hauch von Geborgenheit ist nur in der Taverne von Lillas Pastia (Amparo Cortés) zu spüren. Diese kocht und singt ein melancholisches Volkslied, sie wirkt wie eine Vertraute von Carmen. Dort lässt Carrizo auch Don Josés Mutter als stumme Beobachterin in braunem Anzug auftreten.

Den einzigen Einwand, den man gegen diese Inszenierung erheben kann, ist die übertriebene Dunkelheit, die vieles verdeckt. Man kann die Gesichter der Personen kaum sehen. Erst in der finalen Szene, wenn Carmen und Don José einander gegenüberstehen, wird es hell. Der Eifersuchtsmord wird verrätselt. Carmen erliegt hier nicht den Messerstichen. Sie erringt sich ihren Weg in die Freiheit, wie weit sie kommt, bleibt offen.

Ovationen für eine denkwürdige Aufführung

Tenor Jonathan Tetelmann bringt für den Don José alles mit, ein warmes Timbre, großartige Phrasierungen. Nuanciert intoniert die „Blumenarie“ verstörend schön. Davide Luciano ist ein solider Escamillo, der in der Tiefe blass wirkt. Kristina Mkhitaryan singt die Micaëla mit ihrem satten Sopran hervorragend. Liviu Holender lässt in der kleinen Rolle des Morales mit vokaler Präsenz aufhorchen.

Teodor Currentzis führt seine Utopia-Formation aus Chor, verstärkt vom Bachchor Salzburg, und Orchester furios durch die Partitur. Auch der Kinderchor klingt sehr gut. Elektronische Klänge setzt er als Übergänge ein, das passt zur Inszenierung. Beim Vorspiel setzt Currentzis schärfste Akzente. Atemberaubend geraten die kammermusikalischen Passagen. Besonders hervorzuheben die Flöte und der Klang der Streicher. Das Publikum würdigte diese denkwürdige Aufführung mit Ovationen.

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