Warum fällt Bewunderung für Mick Jagger so viel leichter als für Madonna? Die 67-Jährige lebt die Antwort seit vier Jahrzehnten im öffentlichen Experiment. Sie hat mehr mit Macht zu tun als mit Sex.
Als Madonna im Sommer 2023 nach einer lebensbedrohlichen Sepsis auf der Intensivstation lag, war das scheinbar Unmögliche für einen Moment denkbar. Eine Welt nach Madonna. Die meistverkaufte weibliche Künstlerin aller Zeiten zählt zu den Wenigen, die größer geworden sind als ihr Werk. Nur die Beatles, Michael Jackson, Elvis Presley, Elton John und Queen haben mehr Tonträger verkauft.
Doch Zahlen erklären ihren Einfluss nur unzureichend. Madonna war nie bloß Sängerin. Seit ihrem Debüt mit „Everybody“ im Jahr 1982 ist sie zur kulturellen Idee geworden, zur Projektionsfläche für Ehrgeiz, Selbstermächtigung, Feminismus und Provokation. Kaum eine Frau der Popgeschichte hat die Vorstellung davon, wie weibliche Macht aussehen kann, nachhaltiger verändert.
Ruhm und Glanz zum Selbermachen
Drei Jahre nachdem die Welt sie beinahe verloren hätte, kehrt Madonna an den Ort zurück, der sinnbildlich für ihre Karriere steht. Diese markanteste Bühne für westliche Popkultur liegt in ihrer liebsten Wahlheimat New York: Am Times Square öffnet sich Anfang Juni die Fassade eines Wolkenkratzers. Die Hauswand wird zur Bühne. Im pinkfarbenen Korsett und silbernen Stiefeln singt Madonna Songs ihres neuen Albums „Confessions on a Dancefloor: Part II“, ihr erstes Studioalbums seit sieben Jahren. Die monumentalen LED-Flächen der umliegenden Gebäude werden Teil der Inszenierung. Für 15 Minuten gehört ihr einer der sichtbarsten Orte der Welt.
Klotzen, nicht kleckern, wie es die Popkultur gebietet. Ein Spektakel für die Geschichtsbücher, das nicht zufällig zum Auftakt des Pride Month inszeniert wird. Das Datum betont, dass hier eine der wichtigsten Verbündeten der LGBTQ+-Community den Verkehr zum Stillstand bringt. Sie tut es als Künstlerin, die mit 67 Jahren wie eh und je entscheidet, wie Öffentlichkeit aussieht.
Das neue Album versteht sich als Manifest. „Confessions on a Dancefloor: Part II“ erzählt von Selbstermächtigung in einer düsteren Gegenwart. „I Feel So Free“ handelt davon, gesellschaftliche Rollen abzustreifen. Die Tanzfläche beschreibt Madonna als einen rituellen Ort, „an dem Bewegung die Sprache ersetzt“ und Menschen sich „als Gemeinschaft erleben“, „wie seit Tausenden von Jahren“. Es geht um Heilung nach Verlusten, um das Weiterleben nach Krisen, um familiäre Trauer – um Madonnas Bruder Christopher und ihre Stiefmutter – und um Nähe. Auf „The Test“ singt Tochter Lourdes mit ihrer Mutter.
Man könnte diese positive Kraft feiern, diese Beharrlichkeit.
Skandalös? Ein richtiges Zeichen!
Stattdessen bleibt die weltweite Berichterstattung großteils nüchtern. „Madonna performte am Times Square“, wird geschlagzeilt. Als wolle man ein Ereignis registrieren, ohne ihm Bedeutung zuzugestehen. Der Kontrast zu den enthusiastischen Besprechungen, mit denen wenige Wochen zuvor die neuen Alben der Rolling Stones oder von Paul McCartney gefeiert wurden, könnte kaum größer sein. Statt über Musik wird über Äußerlichkeiten gesprochen.
Madonna wirke steif, heißt es. Sie halte sich zu lange am Mikrofonständer fest. Sie bewege sich unsicher. Dann folgen die vertrauten Kategorien: das Gesicht, der Po, das Korsett. Eine preisgekrönte Journalistin des Schweizer Tages-Anzeigers schreibt, das Outfit wäre nur akzeptabel, „wenn die darin steckende 67-jährige Madonna vor Energie vibrieren würde wie eine 27-Jährige“. Würdevolles Altern sehe anders aus. „Ab einem gewissen Alter geht es weniger darum, wie viele Falten man hat. Wie man sich trägt, Haltung, Stil und Eleganz sind viel wichtiger.“ Diese Kritik stützt die Erwartung, dass Frauen altern dürfen, solange sie sich altersgerecht verhalten.
Bei Madonna verschwinden künstlerische Botschaften immer wieder hinter Diskussionen über Wangenknochen und Falten. Zuletzt war es nach der Grammy-verleihung 2023 soweit. Sie hatte ein Plädoyer für Nonkonformismus, künstlerischen Mut und Menschen, die gesellschaftliche Grenzen verschieben, gehalten (zu Ehren von Sam Smith und Kim Petras). In der Rede sagte sie: „Nach vier Jahrzehnten in der Musikbranche habe ich Folgendes gelernt: Wenn man dich als schockierend, skandalös, unbequem, problematisch, provokativ oder gefährlich bezeichnet, bist du definitiv auf der richtigen Spur.“
Diese Erkenntnis bewahrheitete sich – auch damals – in Madonnas Definition von „richtig“: als laute Debatte über ihr Aussehen. Madonnas Beurteilung als „falsch“ alternde Frau ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom.
Ihr Outfit zur Met Gala 2026 ist eine Hommage an ein surrealistisches Gemälde von Leonora Carrington.
© Getty ImagesIm Alter: doppelt diskriminiert
Für das Phänomen gibt es seit Jahrzehnten den wissenschaftlichen Begriff: Gendered Ageism. Gemeint ist die doppelte Diskriminierung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts und ihres Alters, wenn Sexismus und Altersdiskriminierung zur Doppel-Mühle werden. Frauen werden früher als Männer als alt wahrgenommen. Sie verlieren gesellschaftlich früher an Sichtbarkeit, Attraktivität und Autorität. Männer profitieren mit den wachsenden Jahren von Eigenschaften, die als männlich gelesen werden: Erfahrung, Reife, Souveränität.
Bereits 1972 beschrieb die US-Kulturkritikerin Susan Sontag diesen doppelten Maßstab in ihrem Essay „The Double Standard of Aging“. Männern, so Sontag, gestatte die Kultur zwei Lebensentwürfe: Sie dürfen Jungs sein und Männer. Letztere können ihre Attraktivität im Alter steigern, weil Erfahrung, Macht und Kompetenz wachsen. Frauen dagegen werde nur eine gesellschaftlich akzeptierte Rolle zugestanden: die des Mädchens. Verlieren Frauen Jugend und Schönheit, ist damit ein wesentlicher Teil ihres kulturellen Werts fort.
Auch sexuelle Selbstbestimmung folgt dieser Logik. Männern wird Begehren bis ins hohe Alter selbstverständlich zugestanden. Frauen gelten dagegen oft schon lange vor dem Alter als asexuell. Oder als peinlich, wenn sie sich dieser Erwartung widersetzen. Madonna ist mit dem 38 Jahre jüngeren Profifußballer Akeem Morris liiert und teilt offensiv Fotos, die sie gemeinsam in erotischen Posen zeigen.
Die größte Provokation ist nicht Sex
Grenzen zu verschieben, scheint rückblickend das eigentliche Projekt von Madonnas Karriere. Als sie Ende der 70er-Jahre aus einem Vorort von Detroit nach New York zog, besaß sie kaum Geld. Sie war obdachlos, wurde überfallen und vergewaltigt. Mehrfach dachte sie daran, aufzugeben. Doch sie blieb. Später beschrieb sie die harten Zeiten als Lehrstücke, an denen es zu wachsen gelte. „Was mir damals in New York passiert ist, war noch immer besser als mein Leben davor“, sagte sie 2025 im Gespräch mit Podcaster Jay Shetty. „Wäre meine Kindheit nicht so unglücklich gewesen, wäre ich zurück in ein komfortables Zuhause geflüchtet.“ Aus Kontrollverlust wurde Kontrolle.
Als Madonna Anfang der 1980er-Jahre ihre Karriere begann, war weibliche Popmusik weitgehend ein von Männern kontrolliertes Produkt. Männer produzierten Alben, schrieben Songs, entschieden über Images und Karrieren. Madonna wollte selbst bestimmen. Sie entwickelte ihre Ästhetik, entschied über ihre Skandale und machte ihren Körper zum Gegenstand von Erzählungen. Jahrzehnte bevor Taylor Swift dafür gefeiert wurde, bestand Madonna darauf, als Frau in der Popindustrie Kontrolle zu haben.
Größer als die Provokation durch nackte Haut oder Sex war die Frage, wer darüber bestimmt.
Madonna live auf der „The Girlie Show Tour“ 1993.
© Getty ImagesAls „Akt der Feindlichkeit“ verurteilte der Vatikan die Kreuzigungsszene in Madonnas „Confessions-Show“ 2006.
© Getty ImagesSelbstbestimmung als oberstes Ziel
Mit „Like a Virgin“ (1984) reklamierte Madonna weibliche Sexualität als etwas Eigenes statt als Fantasie männlicher Beobachter. „Like a Prayer“ (1989) verband Religion, Rassismus und weibliche Selbstbestimmung zu einem der umstrittensten Popvideos seiner Zeit. Mit „Erotica“ und dem Bildband „Sex“ (1992) sprach sie offen über Sadomasochismus, Fetisch und Bisexualität.
Themen, die davor fast ausschließlich aus männlicher Perspektive erzählt wurden. 2003 küsste sie Britney Spears bei den MTV Video Music Awards und löste erneut weltweite Empörung aus. Madonna verschob damit die Besitzansprüche auf patriarchale Narrative: Nicht länger erzählten Männer von weiblicher Lust, weiblichen Körpern und Fantasien. Sie tat es selbst.
Britney Spears und Madonna küssen einander bei den 2003 MTV Video Music Awards.
© Getty ImagesMadonna als Überraschungsgast von Sabrina Carpenter beim Coachella Festival im April 2026.
© Getty ImagesSchönheit als Machtinstrument
Dass Frauen mit zunehmenden Jahren mehr Freiheit haben als früher, lässt sich nicht bestreiten. Greta Garbo musste sich noch im Alter von 49 Jahren aus der Öffentlichkeit zurückziehen, um ihren Mythos zu erhalten. Isabella Rossellini erlebte schroff den Wandel: Mit über 40 Jahren wurde sie als Kosmetik-Testimonial gekündigt – zu alt ! – und zwei Jahrzehnte später zurückgeholt.
Cher trägt ihre Schönheitsoperationen mit demonstrativer Selbstverständlichkeit. Helen Mirren verzichtet auf Filler & Co. und wird auch gefeiert. Pamela Anderson erscheint gänzlich ungeschminkt und macht daraus eine wieder neue Form öffentlicher Souveränität. Die Möglichkeiten sind gewachsen. Warum nicht auch für Madonna?
Die in den 90er-Jahren für ihren Bestseller „The Beauty Myth“ gefeierte feministische Autorin Naomi Wolf beschrieb die gesellschaftliche Fixierung auf Äußerlichkeiten als eine Form sozialer Machtausübung: Je mehr Frauen gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Macht gewinnen, desto stärker werden Schönheitsideale als Instrument eingesetzt, um Frauen zu kontrollieren, so die Kernthese.
„Bow down bitches!“
Wer sein Schönheitsideal entgegen den gesellschaftlichen Normen selbst bestimmt, entzieht sich dieser Kontrolle. Wie Madonna. Nach dem Shitstorm, den ihr der Grammyauftritt einbrachte, antwortete sie Kritikern via Instagram: „Wieder einmal stehe ich im Licht von Altersdiskriminierung und Frauenfeindlichkeit, die unsere Welt durchdringen. Eine Welt, die sich weigert, Frauen zu feiern, die älter als 45 Jahre sind. Ich freue mich auf viele weitere Jahre mit subversivem Verhalten. Ich werde Grenzen verschieben, dem Patriarchat entgegentreten und mein Leben genießen. Bow down bitches!“
Madonnas eigentliche Provokation war jedoch nie nur der Sex. Es war ihr Anspruch auf Macht und Kontrolle, den patriarchale Strukturen kaum verzeihen können.
Die CD
Mit „Confessions II“ gelingt Madonna und Produzent Stuart Price die Fortsetzung des Klassikers ohne zur Kopie zu werden. Sie greifen den euphorischen House-Sound auf, doch die neue Musik wirkt dunkler, persönlicher und reifer. Wo früher Hedonismus regierte, geht es heute um Verlust, Überleben und Selbstbehauptung. In Balance zwischen elektronischer Wucht und emotionaler Offenheit zeigt Madonna, wie Pop altern kann ohne Dringlichkeit zu verlieren
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.
