Heute fast persönlich und trotzdem in der Kultur zugange: Der niederösterreichische Maler Franz Kaindl ist im 94. Lebensjahr verstorben. Er war ein mehr als beachtlicher Künstler und zudem mein Schwiegervater, dem ich hier in großer Zuneigung Adieu sage.
Das Gartentor, ein leuchtend ultramarinblaues Rechteck inmitten der grau-gelben Straßenzeile, war das Erste, das einem auffiel, wenn man sich dem Haus näherte. Dann durchquerte man den sommerduftenden Garten mit den alten Obstbäumen und dem kleinen, vom gefräßigen Reiher belagerten Goldfischteich, und beim Schritt durch die Tür änderte sich die Atmosphäre. Jeder, der einem Maler verbunden ist, kennt diesen schockartigen Glücksmoment beim Betreten des Ateliers.
Beim Schwiegervater war stets eine Leinwand aufgespannt, auf der im Duft trocknender Ölfarben ein Akt Form, Persönlichkeit, Selbstbewusstsein und Innensicht annahm. Mir waren die Landschaften stets näher, weil sie, der Struktur der Felder und Wälder um den Weinviertler Ort Gaweinstal folgend, Gegenständlichkeit und Abstraktion miteinander versöhnten.
Als es im Atelier still geworden war, weil die Kräfte zum Malen nicht mehr reichten, übernahm dafür in den Wohnräumen die Musik. Die Mutter meiner Frau hat als pädagogische Instanz mehrere Generationen ambitionierter Weinviertler ins Klavierspiel eingewiesen. Und der kleine, alte Herr mit dem weißen Oberlippenbärtchen machte sich zum Geigenspiel auch noch das Cello gefügig, nachdem er mit der ihm eigenen Dezidiertheit schon den Kirchenchor und die Blaskapelle konkurrenzfähigem Niveau verpflichtet hatte.
Werte und Unwerte
Warum ich Ihnen all das erzähle, wo ich doch dem namhaften, am 17. Juni verstorbenen Maler Franz Kaindl die letzte Ehre zu erweisen habe? Weil meine Schwiegereltern etwas verkörpert haben, worauf man sich in den konservativen, oft auch quälend reaktionären Bundesländern doch prinzipiell verlassen konnte: Man wurde – aus den Blaskapellen rekrutierten sich Generationen des philharmonischen Nachwuchses – Traditionen verpflichtet, die spätestens mit dem Farbwechsel von Schwarz auf Türkis obsolet zu werden begannen und heute mit bösen Folgen in die Geiselhaft der Blauen geraten sind.
Der Vater meines Schwiegervaters war von den Nazis aus kommoder Lehrerposition ins unwirtlichste Waldviertel versetzt worden, weil er von seinen christlich-konservativen Prinzipien nicht lassen wollte und an der Gründung einer Dollfuß-Gedächtniskirche beteiligt gewesen war. Der Familienfama zufolge rettete ihn nur ein Zufall davor, mit Leopold Figl nach Dachau verbracht zu werden. Nach dem Krieg hatte er es dafür leicht: Pädagogen ohne braune Gebrauchsspuren waren rar, und so wurde er Hauptschuldirektor in Gaweinstal. Das wiederum verdankt den synthetisch anmutenden Namen altvorderen Bedenken, das tradierte Gaunersdorf, immerhin Verhandlungsmasse im „Rosenkavalier“, sei nicht elegant genug.
Boeckl als Lehrer
Aus diesem Familienbiotop entwickelte sich mein späterer Schwiegervater auf beträchtliche künstlerische Höhe. An der Wiener Akademie formierten scheinbar Konservative wie Herbert Boeckl, Sergius Pauser und Josef Dobrowsky eine goldene Pädagogengeneration, der die Vermittlung inspirierten Handwerks das Höchste war.
Der Student Franz Kaindl arbeitete ohne väterliche Unterstützung als Nachtportier im Kolpinghaus und durchlief eine fundamentale Schule der Gegenständlichkeit, in der die Kenntnis jedes anatomischen Details gefordert war. Die Prüfungsmodalitäten waren rigoros: Wer einen tückisch ins Lehrmaterial manövrierten Pferdeknochen nicht vom menschlichen Gebein unterscheiden konnte, hatte sich Probleme eingehandelt.
Die bildende Kunst erholte sich erst langsam vom Diktat des Abstrakten und Performativen
Der junge Künstler Franz Kaindl absolvierte mit Glanz, heiratete eine Gaweinstalerin und wurde jemand, in Niederösterreich und darüber hinaus. Ab 1972 stand er den niederösterreichischen Kunstvereinen vor, saß ab 1974 im Kultursenat des Landes und gründete das Dokumentationszentrum für moderne Kunst, in dem heute 4.000 Biografien des 20. Jahrhunderts vor dem Versinken bewahrt werden.
Er war, so lässt sich zusammenfassen, mächtig geworden, organisierte Stipendien und Gemeinschaftsausstellungen, stattete Kirchen aus, half, wo es nötig war, und folgte einem auch marktwertsteigernden Schaffensprinzip, das Form und Farbe ins Zentrum aller Bemühungen rückte: Ein „klassischer Moderner“ sei er, ein „bedingt Abstrakter“, ein malender Poet, in dessen Kopf sich das fertige Bild schon forme, kaum dass er des Sujets ansichtig geworden sei. So lobt man heute seine Arbeit in Katalogen und dem verdienstvollen Werkverzeichnis aus der Bibliothek der Provinz.
Das letzte Wort
Er hat damit in gewisser Weise das letzte Wort behalten, das man ihm über lange Zeit entziehen wollte. Denn als der kulturpolitische Visionär Erwin Pröll sein Land in den frühen Neunzigerjahren mit beispielloser Konsequenz der Avantgarde verpflichtete, erholte sich die bildende Kunst erst langsam vom Diktat des Abstrakten und Performativen. Nitsch und Rainer gaben den Standard vor.
Die großen Gegenständlichen mussten die Akademien systematisch verlassen (Arik Brauer hat sich dagegen verzweifelt gewehrt). Es dauerte lang, bis man begriff, wie nahe einander die explizit körperliche Performancekunst Nitschs und Kaindls sinnlich provokante Akte sind: eins in nichts Geringerem als der Qualität.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.







