Das von ihm geleitete Theater an der Wien ist Opernhaus des Jahres, er selbst wird als Spitzenkandidat für die Salzburger Festspiele geführt: Stefan Herheim scheint die Früchte erstklassiger Arbeit zu ernten. Leider sieht die Realität konträr aus.
So hatte sich der renommierte norwegische Regisseur Stefan Herheim, heute 56, die Ereignisse nicht vorgestellt, als er mit der Leitung des Theaters an der Wien betraut wurde. 2022 sollte er seine Intendanz im renoviertem Juwel eröffnen, doch bespielte er verzögerungshalber zwei Jahre den Betonkobel im Museumsquartier.
Und jetzt ist Wiens Kultur klamm: Der städtische Konzern VBW schließt Herheim die Zweitbühne in der Kammeroper. Angeblich bloß renovierungshalber, doch im Interview sieht der Intendant keine Hoffnung auf Wiederbespielung. Und die Salzburger Festspiele, für deren Intendanz er seit Monaten genannt wird, haben kein Interesse gezeigt. Die Bewerbungsfrist ist abgelaufen.
Herr Herheim, wie geht es Ihnen, wie geht es dem Haus? Mittelprächtig oder eher verheerend?
Es war nicht ohne, was wir in der letzten Spielzeit durchgemacht haben. Sich von langjährigen und geschätzten Mitarbeiter:innen trennen zu müssen und eine einzigartige, sehr erfolgreiche Spielstätte kurzerhand zu schließen, ist ein regelrechter Albtraum. Und die grundsätzliche Planungsunsicherheit belastet natürlich den gesamten Betrieb. Zugleich hatten wir eine höchst erfolgreiche Spielzeit, in der wir als Opernhaus des Jahres ausgezeichnet wurden.
Wie viele mussten Sie kündigen?
Allein in der Opernintendanz gehen wir von 20 auf 15 runter. Das Budget für 2026 wurde um fünf Millionen gekürzt und die gestiegenen Kosten machen noch einmal so viel aus. Die Oper ist von den Sparmaßnahmen stärker betroffen als das Musical, und da der Rückzug aus der Kammeroper das Defizit nicht deckt, sinkt die gesamte Anzahl der Premieren um die Hälfte.
Die Kammeroper wurde gesperrt, das Musical behält aber seine beiden Häuser, nicht?
Zur Konsolidierung der VBW hat die Geschäftsführung beschlossen, bei der kommerzielleren Sparte die Anzahl an Vorstellungen aufzustocken. Selbst eine ausverkaufte Oper wird immer von Subventionen abhängig sein. Durch die Umwegrentabilität ist sie trotzdem ein höchst lukratives und nachhaltiges Geschäft für eine Stadt wie Wien und eben nicht nur eine Investition in kulturelle Werte. Dies findet aber leider kaum Beachtung.
Braucht denn das Musical in den zu kleinen Häusern keine Zuschüsse?
Beim Musical geht es um eine Investition in Long-Run-Serien, die ein weit größeres Einnahmepotenzial haben, jedoch mit weit höheren Risiken verbunden. Hier nehmen die Zuschüsse etwas Druck raus bei der Frage, wie lange sich eine Produktion gut verkaufen muss.
Vereinigte Bühnen Wien GmbH
Der städtische Theaterkonzern betreibt drei Bühnen in zwei Sparten: das Opernhaus Theater an der Wien und die Musical-Bühnen Raimundtheater und Ronacher. Die Sparten werden von verschiedenen Intendanten geführt. Die Vereinigten Bühnen unterstehen nicht der Kulturstadträtin, sondern dem Finanzressort unter Barbara Nowak.
Halten Sie es für vorstellbar, dass Sie in den nächsten Jahren noch weniger bekommen?
Wir müssen mit allem rechnen. Denn das Bekenntnis zu einem reichen Kulturangebot hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Die Stimmung ist europaweit sehr beunruhigend.
Was bedeutet das?
Mit dem anhaltenden Niedergang der Wirtschaft und steigendem Spardruck kommt immer mehr Signalpolitik ins Spiel, die zu populistischen Übersprungshandlungen neigt. Es müssen neue, mutige Wege eingeschlagen werden, um die hohen Kosten der Demokratie und des Sozialstaats zu reduzieren, ohne diese selbst zu gefährden.
Sie mussten im Theater an der Wien 320.000 Euro Abschlagszahlungen für Projekte leisten, die Sie nun nicht realisieren können, an der Kammeroper 65.000. Erhöht das die Verluste Ihres Betriebs nicht noch mehr?
Ja, aber um den Verlust so gering wie möglich zu halten, haben wir mit allen engagierten und vorreservierten Künstler:innen hart verhandelt.
Wie viele Produktionen mussten Sie für die kommende Saison streichen?
Zwei im Theater an der Wien und vier in der Kammeroper. Das Programm hatten wir in beiden Häusern aber schon längst über die kommende Saison hinaus geplant. Jetzt müssen wir von Jahr zu Jahr schauen, was wir davon realisieren können.
Theater an der Wien
Das Theater an der Wien, 1801 eröffnet, ist heute das Opernhaus der Stadt Wien als Pendant zur bundeseigenen Staatsoper. Hier wurden u. a. uraufgeführt: „Fidelio" und vier Beethoven-Symphonien, „Der Zerrissene" von Nestroy, „Fledermaus" und „Zigeunerbaron von Strauß, „Die lustige Witwe" von Lehár.
Nach dem Krieg Ausweichquartier für die zerbombte Staatsoper, wurde das Haus 1983 für Musicals umgewidmet und 2006 zum Opernhaus der Stadt Wien unter Roland Geyer.
Wie kriegt man da die guten Leute?
Sobald ich von der Geschäftsführung grünes Licht bekomme, gehen die Angebote raus mit der Folge, dass auch dann bezahlt werden muss, wenn nichts stattfindet. Wenn wir zu lange warten, sind die Nachgefragten anderweitig verpflichtet. Seit Corona hat sich aber einiges auf diesem Markt verschoben, und durch die jetzigen Sparauflagen bangen viele, die von freiberuflichen Aufträgen abhängig sind, um ihre Existenz.
Gibt es Hoffnung, dass die Kammeroper wieder aufsperrt?
Da bin ich nicht so sicher. Es ist noch nicht klar, wie es mit der Subvention des Vereins der Wiener Kammeroper weitergeht, die den Ballsaal im Hotel Post seit 1961 mietet. Die VBW ziehen sich zurück und es werden Nachmieter gesucht. Eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs durch das MusikTheater an der Wien stand bisher nicht zur Debatte.
Sie werden ständig für die Salzburger Festspiele genannt. Hat man Sie gefragt? Haben Sie sich beworben?
Ich habe es weder in Erwägung gezogen, mich zu bewerben, noch bin ich dazu gefragt worden. Mein Vertrag in Wien geht bis 2030, wo ich mich trotz der vielen Turbulenzen wohlfühle und möglichst viel davon umsetzen möchte, was wir im sanierten Haus geplant haben.
Auch die Salzburger Festspiele stehen vor großen Herausforderungen, allein durch den geplanten Umbau, der wohl nicht mehr zu stoppen ist, obwohl man fragen muss, wie weit das in diesem Umfang noch sinnvoll ist.
Wie beurteilen Sie die Vorgänge in Salzburg, die Auslöschung der Intendanz Hinterhäuser, die Bestellung von Karin Bergmann?
Es ist höchst bedauerlich, wenn derlei Schlachten in der Öffentlichkeit nicht vermieden werden können und eine formidable Ära so endet. Ich kenne Markus Hinterhäuser lange und fand sein Programm immer interessant, doch mit der Bewerbung für eine dritte Periode hat er sich keinen Gefallen getan.
Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Sie machten hier einen Spielplan für ein ganzes Jahr, aber de facto reiche die Anzahl der szenischen Opernaufführungen für eineinhalb Monate?
Der Vergleich mit Repertoirehäusern ist falsch. Als Stagione-Betrieb* haben wir eine gute Bilanz, doch könnten wir für verhältnismäßig wenig zusätzliches Geld erheblich mehr spielen, denn durch die hohen Grundkosten fällt jede zusätzliche Produktion unter dem Strich günstiger aus. Bei langfristiger Planungssicherheit und mit einer Subventionserhöhung der Oper um 20 Prozent können wir die Anzahl der Aufführungen verdoppeln.
Dafür brauchen wir aber eine zweite Spielstätte, denn mit neun Premieren am Theater an der Wien sind wir an der Grenze des zeitlich und räumlich Möglichen. In der kommenden Saison gibt es hier nur noch sechs Produktionen, die im Schnitt jeweils an sechs bis acht Tagen gespielt werden. Und die Synergieeffekte, die wir bisher als Betreiber der Kammeroper verwerten konnten, bleiben ungenutzt.
Stagione-Prinzip
Das Theater an der Wien hält wie viele andere Häuser kein Orchester und keinen Chor und kann daher kein täglich wechselndes Repertoire bieten. Produziert werden derzeit sechs Premieren pro Jahr, die nach weniger als zehn Reprisen abgespielt sind und den Proben für die nächste Produktion weichen.
Wie wäre es mit Wiederaufnahmen?
„Candide“ wollten wir wiederaufnehmen und an mehrere andere Häuser vermieten, was dann aber die Erben von Leonard Bernstein nicht zuließen. Als Stagione-Betrieb haben wir kein festes Ensemble, und wenn wir ein Stück einlagern und wiederaufnehmen, sind die Kosten kaum niedriger als für eine Neuproduktion.
Wären für Sie Kooperationen mit der Wiener Staatsoper vorstellbar?
Als Opernhaus der Stadt Wien haben wir einen anderen kulturpolitischen Auftrag und sind strukturell und programmatisch entsprechend aufgestellt. Mit kaum kompatiblen Betriebssystemen liegen wir in einem gesunden Wettbewerb miteinander.
Das RSO ist für Ihr Haus essenziell und nur bis 2029 gesichert, Sie bleiben bis 2030. Werden Sie es im Ernstfall verteidigen?
Das habe ich bisher immer gemacht und werde den Kampf, mit dem alle Kulturschaffenden inzwischen konfrontiert sind, gemeinsam mit und für unsere Partner führen. Ich war enttäuscht, dass im vergangenen Winter viele von den größeren Wiener Institutionen reglos wie die Kaninchen vor der Kobra saßen, in der Hoffnung, den Sparmaßnahmen nicht zum Opfer zu fallen. Was auf dem Spiel steht, betrifft schließlich alle und muss als Kulturkampf begriffen werden.
Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?
Die Frage unbedingt zu bejahen, wäre ebenso falsch, wie sie zu verneinen. Der gute Wille ist da, Verständnis für die Konsequenzen vieler Entscheidungen, den Bedarf an strukturellen Veränderungen oder langfristigen Strategien weniger. Wenn man als Intendant kaum Gehör findet und von Entscheidungen ausgeschlossen wird, die man dann ausbaden darf, oder zuweilen blinder Gehorsam zur Konsensbildung eingefordert wird, fragt man sich: Wo sind wir denn mit unseren demokratischen und sozialen Werten hingekommen?
Früher war das Theater an der Wien ein führendes Festwochenhaus. Warum ist das nicht mehr so?
Das war, als es noch kein Opernhaus auf Jahresbasis war. Seitdem hat sich das künstlerische Profil der Festwochen mehrmals stark abgewandelt, zudem musste zwischen den unterschiedlichen Trägern unserer Institutionen innerhalb der Stadt einiges geklärt werden. Ab kommender Saison sind die Festwochen aber zurück im Theater an der Wien.
Wären Sie bereit, eine exemplarische Opernproduktion gemeinsam zu erstellen? Milo Rau hat das Geld, Sie verstehen etwas von Opern.
Unter Milo Raus Vorgänger Christophe Slagmuylder haben wir „Lulu“ mit den Festwochen zusammen produziert. Obwohl das nicht einfach war, habe ich Christophe und dann Milo weitere Vorschläge gemacht, die sie aber ausschlugen, weil sie nicht in ihr Profil passten. Aus demselben Grund bin ich dem heurigen „Parsifal“ als Option ausgewichen. Wir haben unterschiedliche Ansichten und Agenden und da wir diese nicht unabhängig vom Publikum verfolgen können, sollten wir nicht zusammengezwungen werden.
Das Programm 2026/27
La Calisto von Francesco Cavalli (1651). Dirigentin: Christina Pluhar. Regie: Stefan Herheim. Mit Vera-Lotte Boecker. Ab 16. September 2026
Der fliegende Holländer von Wagner. D.: Robert Jindra. R.: Philipp Stölzl. Mit Jordan Shanahan, Ambur Braid. Ab 17. Oktober 2026
Der kleine Prinz (Pierangelo Valtinoni). D.: Gábor Káli, R.: Louisa Muller. Ab 18. Dezember 2026
Der goldene Hahn (Rimski-Korsakow). D.: Valentin Uryupin. R.: Maxim Didenko. Mit Günther Groissböck. Ab 22. Jänner 2026
Leonore von Beethoven. D.: Giedrė Šlekytė. R.: Stefan Herheim. Mit Julia Kleiter. Ab 27. Februar 2026
Rinaldo von Händel. D.: Francesco Corti. R. Nadja Lokschy
Wie gefällt Ihnen insgesamt die dauerprovokante politische Linie der Festwochen?
Was wir seit vier Jahren unter meiner Intendanz präsentieren, lässt deutlich erkennen, dass vieles bei den Festwochen nicht unbedingt „my cup of tea“ ist – und umgekehrt. Das heißt nicht, dass wir die Programme des anderen uninteressant finden.
Auf Teufel komm raus zu provozieren, finde ich allerdings problematisch, ebenso wenn man höchst populistisch agiert beim Versuch, dem Populismus entgegenzuwirken. Subversivität ist ein weites Feld, mir sagen subtile Töne oft viel mehr als jene unserer sehr laut gewordenen Welt, und Kunst sollte an eine Sensibilität jenseits jener appellieren, an denen sich die Schlagzeilen orientieren.
Hätten Sie Ihre Intendanz angenommen, wenn Sie gewusst hätten, was da auf Sie zukommt? Das Haus ist viel später aufgesperrt worden, als man Ihnen versprochen hat, dafür wurde die Kammeroper zugesperrt.
Hätte, hätte, Fahrradkette. Es hat sich so viel auf der Welt verändert, seit ich nach Wien berufen wurde. An anderen Opernhäusern gibt es zum Teil weit größere Probleme und ich habe mich hier bis 2030 verlängern lassen, weil ich dieses Haus liebe. Sicher war es keine leichte Aufgabe, dem eigenen Anspruch in Halle E gerecht zu werden und parallel die Sanierung zu betreuen. Wir haben seitdem sehr viel erreicht und sind durch die Herausforderungen zusammengewachsen. Hier wollen alle Musiktheater machen. Das ist der Grund, warum das Haus gut funktioniert.
Gibt es eine Schmerzgrenze, bei der Sie gehen würden?
Wenn wir das, was wir machen wollen und wofür wir bezahlt werden, nicht mehr machen können, gehe ich. Meine Zuversicht in die Kunst lässt mich aber optimistisch in die Zukunft blicken und zum Glück teilen auch viele Politiker:innen diese Hoffnung.

Steckbrief
Stefan Herheim
Stefan Herheim, geboren am 13. März 1970 in Oslo, Norwegen, studierte Cello, Gesang und Opernregie in Hamburg und erreichte im letztgenannten Fach die besten Adressen der Branche. Mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ entfesselte er 2003 in Salzburg einen Festspielskandal und half Jonas Kaufmann in die Weltkarriere.
2022/23 übernahm er das damals umbauhalber im Museumsquartier logierende Theater an der Wien. Ab Herbst muss er aus Ersparnisgründen das Zweithaus in der Kammeroper schließen. Sein Vertrag läuft bis 2030. Er lebt in Wien.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 26/2026 erschienen.








