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Reinsperger und Wendelin: Wenn in „König Ubu“ die Kindermonster regieren

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Stefanie Reinsperger und Sebastian Wendelin©Matt Observe

Als hätte Alfred Jarry die Zukunft vorweggenommen: Der Klassiker „König Ubu“ wirkt wie die Steigerung von Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“. Oder der Blick ins Weiße Haus. Stefan Bachmann inszeniert die Groteske am Burgtheater. Ein Gespräch mit den Protagonisten Stefanie Reinsperger und Sebastian Wendelin über Desopoten und die Urkraft des Theaters.

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Die Causa schien als krisenfester Erfolg im Repertoire des Burgtheaters verankert: Ungeachtet ihres Uraufführungsjahrs 1896 ist die frühdadaistische Groteske „König Ubu“ wie für die Jetztzeit geschaffen.

Seit Trumps Wiederwahl erfährt die Titelkreatur des französischen Avantgardisten Alfred Jarry als Prototyp eines egomanen Willkürherrschers ungeahnte Beglaubigung. Der Philosoph Bernard-Henri Levy nannte König Ubu Trumps dadaistischen Vorgänger. Elfriede Jelinek lehnte den König-Präsidenten in ihrem Libretto für Olga Neuwirths Trump-Oper „Monster’s Paradise“ an Jarrys Figur an.

Dazu hatte der inszenierende Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann auch noch das denkbar Spektakulärste aufgeboten: Joachim Meyerhoff als Vater Ubu und Stefanie Reinsperger als dessen nicht minder monströse Gattin sind Kronjuwelen des Portfolios.

Das war ein ziemlicher Schock. Da sitzt man dann einfach da und fragt sich, was jetzt?

Stefanie Reinsperger über den abrupten Rollenwechsel

Schock vor der Premiere

Da musste Meyerhoff einen Monat vor der Premiere die Produktion aufgrund gesundheitlicher Probleme verlassen. „Dies ist für mich eine harte Entscheidung, da die Proben mit Stefan Bachmann großartig waren. Doch ich muss mich der Tatsache stellen, momentan nicht so arbeiten zu können, wie ich es für mich brauche und wie es eine solch vehemente Rolle erfordert. Ich bedauere dies sehr“, wird er in einer Aussendung des Burgtheaters zitiert „Das war ein ziemlicher Schock. Da sitzt man dann einfach da und fragt sich, was jetzt?“, blickt Stefanie Reinsperger zurück. Das Ensemble hatte an einem Freitag im September von der Kalamität erfahren. Am Sonntag kam die lapidare Nachricht: Reinsperger werde den König Ubu übernehmen, Sebastian Wendelin als Mutter Ubu einsteigen.

„Eine Herausforderung“ nennt Stefanie Reinsperger die Situation beim Namen. „Das Stück spielt sich ja nicht von alleine. Aber ich wusste, wenn so eine 180-Grad-Drehung überhaupt mit irgendjemandem möglich ist, dann nur mit einem Kollegen wie ihm“, kommt sie auf den Kollegen. „Wenn er beginnt, etwas anzubieten, bin ich mit ihm schon auf dem Weg. Wir haben uns da reingeworfen, als gäbe es kein Morgen.“ Einen gewissen Abschiedsschmerz von der Mutter Ubu habe sie dennoch verspürt. Aber um über etwas wie den Tausch der Geschlechter nachzudenken, fehlte schlicht die Zeit. Zumal das heute am Theater nichts Ungewöhnliches ist.

Das Wüten der Clowns

Man sei Clown A und Clown B, ob Frau oder Mann, spiele da keine Rolle, sind sich die beiden einig. Und für zwei Virtuosen der Verwandlung ist so etwas kein Problem, für Reinsperger gleichsam aufgelegt, nachdem sie bereits Brechts Baal und Thomas Bernhards Theatermacher in Berlin war, in Wien sogar Molnárs ikonischer Liliom. In dieser Produktion begegneten einander Reinsperger und Wendelin auch nach Jahren wieder auf der Bühne.

Die Aufführungsgeschichte mit den charmantesten Strizzis der Theaterwelt konnte die Protagonistin dabei ganz gut ausblenden. Ein Bühnentechniker half sehr: Nie zuvor sei ihm aufgefallen, dass Liliom seine Frau so hart schlägt. Da wusste sie, dass sie auf dem richtigen Weg war: Verniedlichung sei für die Rolle nicht angezeigt. Dazu das loyale Ensemble, in das sie nach zehn Jahren Berlin zurückkehrte: Die halbe Miete sei das gewesen, wie eine Schutzwand.

© Matt Observe

Steckbrief

Stefanie Reinsperger

wurde am 30. Jänner 1988 in Baden bei Wien geboren. Nach der Ausbildung am Reinhardt-Seminar spielte sie drei Jahre in Düsseldorf, ehe sie 2014 ans Burgtheater kam. 2015 wechselte sie ans Volkstheater, 2017 ans Berliner Ensemble. Seit 2021 ermittelt sie als „Tatort"-Kommissarin Rosa Herzog. 2024 kehrte sie als Liliom ins Ensemble des Burgtheaters zurück. ORF 1 zeigt sie am 8. 12., 20.15, als Mareike Fallwickls „Elisabeth".

War die Rückkehr trotzdem ein Risiko? „Das ist es doch immer“, antwortet sie. Am Berliner Ensemble konnte sie sich entwickeln. „Da habe ich Frechheit und Dreistigkeit gelernt, was mir sehr gut tut.“ Die Berliner Regiebegegnungen wolle sie nicht missen, aber man suche doch auch noch etwas anderes. „Das hätte gar nicht sofort zwangsläufig Wien sein müssen. Aber es hat dann so viel für Wien gesprochen.“

Ähnlich erging es Wendelin. Er glänzte in Karin Bergmanns Burgtheater-Ensemble. Dann kam Martin Kusej und hatte für den prädestinierten Nestroy-Spieler keine Verwendung mehr. Der ging nach Stuttgart, Dresden und Düsseldorf. „Ich hatte genug zu tun.“ Eine sommerliche Lesung in Bad Vöslau führte ihn wieder mit Stefanie Reinsperger zusammen. Das dokumentierende Foto wurde Stefan Bachmann geschickt. Jetzt ist Wendelin wieder im Burg-Ensemble.

Die Urkraft des Theaters

Wenn man den beiden gegenübersitzt, wirken sie tatsächlich wie ein seit Jahren eingespieltes Team. Das sei nicht übertrieben, erwidern beide gutgelaunt. Fast noch Kinder seien sie gewesen, als sie in Nicole Fendesacks Mödlinger Sommertheater Diener und Fürst in Shakespeares „Was ihr wollt“ waren. Stefanie Reinsperger kann den Satz, den sie als 14-jährige gelernt hat, heute noch auswendig. Sebastian Wendelin war schon reife 19 und dabei, sich in Richtung Theater zu bewegen. Jetzt zeigen sie sich glaubhaft erfreut über die Wiedervereinigung und gestalten den Termin mit dem News-Fotografen zum aktionistischen Ereignis.

„Im ersten Teil“, kommt Wendelin auf die bevorstehende Premiere zurück, stünden sie allein auf der Bühne. „Wir haben nur uns beide, was ich schön finde. Ich nenne das jetzt mal pathetisch die Urkraft des Theaters. Da sind zwei Menschen, die sagen, wir spielen jetzt ein Stück zu zweit. Wir erzählen eine Geschichte und fahren nicht mit irgendwelchen technischen Mitteln auf.“ Der Auftritt fühle sich an wie Schauspielertheater im besten Sinn, ergänzt Stefanie Reinsperger.

© Matt Observe

Steckbrief

Sebastian Wendelin

geboren 1982 in Wien, steht seit seinem vierten Lebensjahr als Schauspieler, Musiker und Maskenspieler auf der Bühne. Gast- und Festengagements führten ihn an das Staatsschauspiel Dresden, das Staatstheater Stuttgart, das Münchner Volkstheater, das Düsseldorfer Schauspielhaus. Er ist derzeit in „Liliom" und Werner Schwabs „Volksvernichtung" an der Burg zu sehen.

„Volle Kanne rein“

Aber just bei einem der zentralen Stücke des absurden Theaters, einem Autor, der den Weg der Dada-Bewegung geebnet hat? Wie nimmt man einen Text, der wie ein Horror-Comic angelegt ist, mit den Mitteln des Schauspielertheaters? Wendelin: „Es hat auch keine Logik in sich. Daraus ergibt sich eine gewisse Unberechenbarkeit, und die bedeutet immer eine Gefährlichkeit, für die anderen, aber auch für sich selbst. Wenn du da versuchst, psychologisch zu denken, bist du sofort aufgeschmissen. Da musst du volle Kanne rein.“

Manche Szenen wirkten wie aus dem Drehbuch für ein trashiges Splatter-Movie, vor dem sich selbst Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ zur Gutenachtgeschichte verdünne. Etwa, wenn Ubu Adelige in Löcher stopft, nicht ohne ihnen vorher das Hirn zu zerquetschen. Bürger, die ihre Steuern nicht zahlen, werden massakriert, Wissenschafter gepfählt. Das alles hat Jarry ursprünglich nicht für Schauspieler, sondern für Marionetten geschrieben.

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 © Matt Observe
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 © Matt Observe

Der aktionistische Fototermin: „Wir werfen uns da rein, als gäbe es kein Morgen.“

Steckengeblieben

Vorbild des Ur-Ubus war Jarrys Physiklehrer, bereits im Lycée entstand in Kooperation mit einem Schulkollegen die Erstfassung. Zur Uraufführung am 10. Dezember im Théâtre de l’Œuvre in Paris waren Publikum und Kritiker schon beim ersten Wort entsetzt: Bevor Ubu seiner Frau den Hals umdrehen will, brüllt er „Merdre!“ (traditionell „Schreiße!“ übersetzt). Die Gattin schlägt vor, lieber den polnischen König zu ermorden und das Reich an sich zu bringen. Denn die Ubus nehmen sich prinzipiell, was sie wollen. Elfriede Jelinek nennt Ubu „die treffendste Zeichnung eines verfressenen, mit dem Besteck auf den Tisch klopfenden bösen Kindes“.

Wendelin bestätigt das. „All diese Figuren, ich nenne sie jetzt mal Führer, vermitteln einem das Gefühl, sie seien in ihrer Kindheit steckengeblieben. Die mussten nie unsere Sozialisierung durchmachen. Sie folgen ihren Impulsen und müssen keine Konsequenzen tragen.“ Und Reinsperger ergänzt: „Diese Despoten hat es immer wieder gegeben. Der jetzt ist halt sehr präsent.“

Die Reduktion auf Trump greife allerdings zu kurz, fügt sie aus Erfahrung hinzu: Sie spielte schon am Berliner Ensemble die Mutter Ubu in einer Bearbeitung, die Jarrys Stück auf eine Trump-Story reduzierte. Dank der Pandemie verschwand das Produkt nach wenigen Tagen im Lockdown.

In Wahrheit könne manches aus dem Stück einem Parlamentsprotokoll entnommen sein. Heute würden Pakete besteuert, morgen werde die Steuer wieder abgeschafft, irrational, demonstrativ desinteressiert am eigenen Geschwätz von gestern. „Es gibt“, mahnt Stefanie Reinsperger abschließend, „in diesem Stück so viel Platz für Denkräume. Das fordert, beim Spielen und beim Zuschauen.“ Die Herausforderung wird gern angenommen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.

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