Jiddisch gilt als vergessene, tote Sprache. Nun keimt die jahrhundertealte Tradition mitten in Wien wieder auf. Zu Besuch bei einem jiddischen Kabarettabend, der Geschichte mit der Gegenwart verwebt.
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Durch die Lilienbrunngasse schallt Klaviermusik. Sanfter, schwerer Gesang hallt an den Fassaden der Häuser entlang. Entwichen ist die träge Melodie aus dem Haus mit der Nummer 18. Die Tür zur Straße ist offen.
Leyg dayn kop oyf mayne kni
Gut azoy tsu lign;
Kinder shlofn ayn aleyn,
Groyse dart men vign.
Hob nit moyre – ikh bin do,
Kh'vel dir nit farshtoysn;
Host genug geveynt shoyn haynt,
Vi es past a groysn.
Ongeveynt un ongeklogt
Kh'vel dir itst farvign;
Leyg dayn kop oyf mayne kni,
Gut azoy tsu lign.
Schwermütig singt ein hagerer Mann mit einem Mikrofon in der Hand diese Zeilen. Es ist das vorletzte Lied des Abends. Die vor ihm aufgereihten Sessel sind bis auf den letzten besetzt mit Frauen, Männern, Jungen und Alten. Wenn sie zwischen den Strophen gemeinsam die Melodie aus der Brust heraus mitsummen, entsteht eine Energie, wie sie nur eine Gemeinschaft formen kann. Dabei kennen sich hier die wenigsten. Was sie vereint: Jiddisch.
Bunte Mischung
Jahrhundertelang ist die Sprache von Jüdinnen und Juden in Mittel- und Osteuropa gesprochen worden. Sie ist eine bunte Mischung aus Deutsch, Hebräisch und slawischen Einflüssen. Die Schrift basiert auf dem hebräischen Alphabet, geschrieben wird sie von rechts nach links. In vielen Haushalten wurde der ganze Alltag auf Jiddisch gestaltet, denn Hebräisch war für religiöse Zwecke vorbehalten.
So konnten sich Juden aus verschiedenen Ländern miteinander unterhalten: egal, ob sie aus einem osteuropäischen Schtetl oder einer deutschen Residenzstadt stammten. Die Millionen Sprechenden und mit ihnen auch ihre Kultur, die Jiddishkeyt, wurden nahezu komplett während der Shoah vernichtet. Viele Überlebende flohen aus Europa.
Jiddisch lebt
In der Leopoldstadt, dem Herzen des jüdischen Wiens, hat es sich eine Frau nun zur Aufgabe gemacht, die Sprache und Kultur wiederzubeleben. Wobei beides nie ganz verschwunden ist. Heute sprechen vor allem ultraorthodoxe Juden immer noch Jiddisch als Muttersprache, so auch viele Bewohner der Lilienbrunngasse 18. Im Innenhof hört man Buben beim Spielen auf Jiddisch reden.
„Sie würden gar nicht verstehen, was man meint. Es ist einfach die Sprache, die sie sprechen“, erklärt Eszter Christa Szendrői. Die Frau mit den kurzen Haaren und dem ehrlichen Lächeln unterrichtet als Linguistin an der Uni Wien und hat 2023 Yung Yidish in Wien gegründet. Das Kulturzentrum sammelt jiddische Bücher und gibt jiddischer Kultur Platz, um gelebt zu werden. Dabei ist die Ungarin selbst gar nicht mit der Sprache aufgewachsen. „Ich wusste nichts über Jiddisch. Ich wusste auch nichts über Religion, weil Ungarn kommunistisch war“, erzählt sie. „Durch Jiddisch habe ich zum ersten Mal einen Ausdruck für mein Jüdischsein gefunden.“
Ursprung in Tel Aviv
Geholfen dabei hat der hagere Mann mit dem Mikrofon: Mendy Cahan. Ihn hat sie vor einigen Jahren bei einem jiddischen Festival in Weimar kennengelernt, wo er sie unterrichtete. Cahan hatte bereits in den 90ern Yung Yidish in Tel Aviv ins Leben gerufen. Wien ist, so gesehen, die erste Außenstelle.
Geboren wurde er als Kind von Shoah-Überlebenden in Belgien, ehe er mit 18 nach Israel auswanderte. Als er in Jerusalem anfing, jiddische Literatur zu studieren, fühlte es sich an wie nach Hause zu kommen, erzählt er. Gleichzeitig tauchten Fragen auf: „Wie kann es sein, dass ich Jiddisch spreche und so viel nicht wusste?“ Französisch habe die Académie Française und Deutsch das Goethe Institut. Jiddisch hatte keine Institutionen: „Wir müssen etwas tun“, beschloss er. So gründete er seine Bibliothek in Tel Aviv.
Die muss ein wahrlich magischer Ort sein. Sie liegt im sechsten Stockwerk eines Busbahnhofs. Die Bücherregale wackeln bei jedem vorbeifahrenden Bus. Eigentlich hätte das Gebäude schon vor Jahren geräumt werden müssen samt der rund 80.000 jiddischen Bücher, die Cahan inzwischen gesammelt hat. „Es ist physisch nicht möglich das Gebäude zu schließen“, sagt er mit einem sehr verschmitzten Lächeln. So bestehe sein kleines Juwel für den Moment weiter.
Eigentlich lehrt Eszter Kriszta Szendröi an der Uni Wien. Zuvor hatte die Linguistin in London am University College gearbeitet.
© Matt ObserveAls Eszter Szendrői das erste Mal vor der Wand aus jiddischen Büchern stand, war sie voller Emotionen. Sie wollte Teil davon sein, diese Kultur nicht nur bewahren, sondern leben. Denn nur ein halbes Prozent der jiddischen Literatur sei in andere Sprachen übersetzt.
„Ich glaube Jüdischsein heißt, Traditionen immer an die nächste Generation weiterzugeben“, erklärt sie. Das kann in diesem Fall verschiedenes bedeuten. Denn Jiddisch ist so bunt wie sein Ursprung. Es gibt wie bereits erwähnt die ultraorthodoxe Identität. „Auf der linken Seite ist die anti-zionistische Identität, bei der man sich für Jiddisch und gegen Hebräisch entscheidet“, führt die Sprachwissenschafterin aus.
Warten auf den Messias
Cahan dreht währenddessen eine Zigarette. Aus einer Jackentasche nestelt er ein klapperndes Schächtelchen mit Streichhölzern hervor. Rauch schlägt sich um die Finger seiner vorgehaltenen Hand. Jiddisch, sagt er, nachdem er einen Zug genommen hat, sei so alt, dass in seiner Geschichte immer wieder die Ankunft des Messias erwartet wurde. Gleichzeitig dürfe niemand davon ausgehen, sie selbst zu erleben. „Es ist paradox“, gibt er vor, zu grübeln und legt wieder ein sehr verschmitztes Lächeln auf.
Denn natürlich hat er einen passenden jiddischen Witz parat: Ein Arbeitsloser bekommt von seiner Gemeinschaft die Aufgabe, auf die Ankunft des Messias zu warten und Alarm zu schlagen, wenn es soweit ist. „Was bekomme ich dafür?“, will der Mann wissen. „Zwei Rubel pro Woche“, sagen seine Freunde. „Zwei Rubel? Wie soll ich denn davon leben?“, ist er entgeistert. „Es ist zwar kein hohes Gehalt“, geben die anderen zu, „aber, es ist ein Job mit Zukunft.“
Es ist diese Fähigkeit: gleichzeitig als Außenseiter und als Prinz zu leben
Yung Yidish Wien versteht sich als säkularer Ort des Zusammenkommens. Mit der ultraorthodoxen Nachbarschaft, chassidischen Juden, lebe man in gegenseitigem Respekt, sagt Eszter Szendrői. Untergekommen ist ihr Herzensprojekt in einem Co-Working-Space der „Schraubenfabrik“, wo mehrere Unternehmer arbeiten.
Der Name kommt nicht von ungefähr. Nach dem Anschluss wurde dort unter anderem Material für die Kriegsproduktion hergestellt. Bereits davor lebten viele Jüdinnen und Juden in dem Gebäude. So wie das junge Ehepaar Freudenfels.
Auf der Flucht vor den Nazis
Im März 1938 schallen die Heilrufe vom Heldenplatz über die Donau bis in die Lilienbrunngasse 18. Dort stürmen sie in den Eingang zum Hof, links vorbei an den Postkästen und gleich die erste Treppe hinauf in den ersten Stock. Das fanatische Tosen presst sich durch das Schlüsselloch der Tür mit der Aufschrift 12. Heinrich Freudenfels weiß, dass es so nicht mehr weitergeht.
Bereits im Mai stellt er einen Ausreiseantrag bei der Israelitischen Kultusgemeinde für sich und seine Stella. Das Paar träumt von Hollywood, wo eine Bekannte lebt oder Australien. Zudem gibt es einen Schwager in Lima, bei dem sie unterkommen könnten. Hauptsache weg. Die beiden schaffen es aber nur über Belgien nach Frankreich. Viele Schutzsuchende versuchen von dort den Sprung nach Großbritannien oder in die USA. Als die Wehrmacht 1940 Frankreich überrollt und auf dem Arc de Triomphe die Hakenkreuzflagge weht, sitzen Heinrich und Stella fest.
Im Innenhof der Lilienburggasse 18: Bei starkem Kaffee erzählen Eszter Szendröi und Mendy Cahan, wie sie sich kennengelernt haben.
© Matt ObserveSie verstecken sich in zwei kleinen Dörfern im Norden von Toulouse. Knapp zwei Stunden Fußweg trennen sie voneinander. Doch Ende August 1942 schlägt das mit den Nazis kooperierende Vichy-Regime zu. In einer großangelegten Razzia werden Hunderte Juden verhaftet, darunter auch die zwei Wiener. Schon am 9. September pfercht man sie und rund 1.000 andere Verhaftete in Paris in einen Güterzug. Zwei Tage später finden sich Heinrich und Stella auf der Rampe in Auschwitz wieder.
Heinrich und 22 andere Männer werden zunächst verschont. Stella ist mutmaßlich ebenfalls unter den 68 Frauen, die zur Zwangsarbeit ausgesucht werden. Die Hunderten übrigen Menschen werden wohl sofort nach ihrer Ankunft ermordet. Ob es die harte Arbeit, der Hunger oder willkürliche Gewalt der SS war, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren: Nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft im Vernichtungslager stirbt auch Stella Freudenfels im Alter von 27 Jahren am 20. Oktober 1942.
Die letzte Adresse
Ihr Mann überlebt Auschwitz. Als der Krieg schon de facto verloren ist, wird er im Oktober 1944 mit 281 weiteren jüdischen Häftlingen zur Zwangsarbeit nach Thüringen in ein Außenlager des KZ Buchenwald gebracht. Von dort nimmt er auch Briefkontakt zu seinem Cousin auf. Nur wenige Monate später ist es dann soweit: Am 11. April 1945 rollen Panzer der US-Army durch die Tore von Buchenwald. Zuvor hatten Inhaftierte die letzten verbliebenen SS-Männer überwältigt. Auch Heinrich Freudenfels wird befreit, sein Name findet sich auf einer Liste der Amerikaner.
Doch sein Cousin sucht nach Kriegsende vergeblich nach ihm. 2018 taucht Freudenfels Name in einer Liste eines französischen Archivs auf. Laut diesen Angaben ist er zwei Tage nach der Befreiung am 13. April 1945 gestorben. Er wurde 37 Jahre alt. „Wahrscheinlich hat er gegessen“, meint Mendy Cahan. Das sei oft passiert, fügt Eszter Szendrői hinzu.
Memento Wien
Mit Memento Wien, einer interaktiven, besonders für Handys geeigneten digitalen Karte des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW), kann man in ganz Wien Adressen von Verfolgten des Naziregimes finden.
So wie die beiden nun im Innenhof sitzen, saßen vielleicht auch Heinrich und Stella in unbesorgteren Zeiten an einem Spätsommerabend dort und blickten auf die wachsenden Schatten an den Wänden. Das Haus, wie so viele in Wien, erzählt Dutzende solcher Geschichten. Hier wurden nach der Flucht der Freudenfels’ sogenannte Sammelwohnungen eingerichtet, in denen Jüdinnen und Juden für einige Wochen untergebracht wurden, bevor sie in den Osten deportiert wurden. Soweit bekannt, hatten neben Heinrich und Stella 44 weitere Jüdinnen und Juden in der Lilienbrunngasse 18 ihre letzte gemeldete Adresse in Wien. Niemand von ihnen hat die Shoah überlebt. „Es ist also sehr passend, diesen Ort wieder für jüdische Kultur zurückzuholen“, sagt Eszter Szendrői.
Auch wenn man dafür vom Bundesheer bewacht werden muss. In Österreich benötigen jüdische Einrichtungen Schutz rund um die Uhr. Ein Soldat sitzt auf der anderen Straßenseite seine Dienstzeit ab. Nervös befragt er den News-Fotografen, was er hier mache. Sicherheitsprobleme habe man bisher aber nie gehabt, meint Szendrői.
Zwiebelkekse aus Manhattan
Zu Cahans jiddischem Kabarettabend kommen auch viele junge Menschen. Sie absolvieren gerade die Summer School, die Szendrői gemeinsam mit der Uni Wien dieses Jahr zum dritten Mal abhält. Tagsüber lernen die Studenten jiddische Grammatik, abends hören sie Cahan beim Singen zu. Die Melodie zu den alten jiddischen Texten hat er teilweise selbst komponiert. Begleitet wird er von David Serebryanik am Keyboard. Der Pianist spricht selbst kein Jiddisch, wie er preisgibt: „Ich spreche diesen jiddischen Dialekt, er heißt Deutsch.“ Danach präsentiert er eine jiddische Interpretation von Beethoven mit dem Titel „Far Elisheva“. Gelacht wird an diesem Abend also auch genug.
Das Publikum spiegelt die schillernden Facetten des Jiddischen wider, aber auch die Brüche: Zum ersten Mal bei Yung Yidish ist Rivka Karasik, 51. Die Künstlerin ist als jiddische Muttersprachlerin in New York aufgewachsen und lebt seit mehreren Jahren in Wien. Mitgebracht hat sie „Tzibeleh Kikhlekh“. Die traditionellen aschkenasischen Kekse hatte ihr Onkel ihr vor Jahrzehnten in einer Bäckerei in Manhattan gezeigt. „Sie schmecken einfach jiddisch“, sagt sie, während sie einen Teller herumreicht. Einige Verkoster zeigen sich vom Zwiebelgeschmack etwas überrascht. Sie schmecken aber allen.
„Jiddisch ist die Sprache meiner Familie und es ist die Sprache, die alles verbindet, was mir irgendwie nah und heymish ist“, erzählt Jasmin. Die 26-Jährige nimmt an der Summer School teil. Die Lieder versteht sie alle. Es scheint, als hätte sie die Energie aller Anwesenden aufgesaugt: „Wenn ich die Sprache gesprochen höre – und das tue ich selten –, macht das mein Herz glücklich, so kitschig wie das auch klingen mag. Es gibt mir ein total schönes Gefühl.“
Für viele wecken die jiddischen Lieder Erinnerungen an Kindheit, Großeltern oder Familienfeste. Einige müssen aber auch besonders die Ohren spitzen, wollen sie alles verstehen.
© Matt ObserveZeichen des Widerstands
Eine ihrer Lehrerinnen ist Eidel Malowicki. Jiddisch ist die Muttersprache der 25-Jährigen. Während eines Auslandssemesters in Israel landete sie in Mendy Cahans Bücherwelt. „Es war genau das, was ich aus meiner Kindheit kannte, aber auch ein offener Space: Es war Heymishkeyt und ein neues Feld“, erinnert sie sich. Dann ist sie ganz inspiriert nach Wien gekommen und hat Eszter Szendrői kennengelernt. „Ich kann nicht dankbarer dafür sein, weil ich selbst auch eine ganz neue Welt von Literatur und Liedern, von Tanz und Gesang für mich entdeckt habe.“
Dass Jiddisch ausstirbt, habe sie nie so empfunden, da die Sprache immer Teil von ihr war. Nun gebe es aber tatsächlich eine Renaissance. Besonders junge säkulare Jüdinnen und Juden würden sich wieder für die Sprache ihrer Eltern und Großeltern interessieren, erzählt Malowicki. Das sei eine Art Gedenkarbeit, meint sie und überlegt kurz. „Es ist vielleicht dadurch auch ein Zeichen des Widerstands“, sagt sie dann. Während der Shoah seien eben nicht nur Menschen verfolgt worden, sondern auch die Sprache.
Langsam leert sich der Raum. Am nächsten Morgen geht die Summer School weiter. Statt einer Melodie treten nun die Menschen auf die Straße. Es scheint, als würde Eszter Szendrői nicht recht begreifen, wie sie mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit so viele berührt, egal, welchen Bezug sie zu Jiddisch haben. „Man muss nur eine Tür aufmachen und warten, dass jemand hereinkommt“, sagt sie achselzuckend.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2025 erschienen.
