Schulterschluss: An der FPÖ-Antisemitismus-Konferenz in Brüssel nahmen neben Fidesz, Vox und Konsorten auch Vertreter des LIKUD teil.
©Patriots for Europe, FacebookDer Hass auf Juden kennt keine politischen und religiösen Grenzen – jeder darf mitmachen.
Es gibt Ereignisse, die überraschen wie ein Schneesturm im August. Mitte September kam es in Brüssel zu einem Treffen von Vertretern rechter Parteien Europas – unter ihnen auch der FPÖ – und Vertretern des LIKUD, der konservativen Partei Israels mit Parteiführer Benjamin Netanjahu.
FPÖ-Parteichef Herbert Kickl gab bekannt, dass die FPÖ Israel und den jüdischen Gemeinschaften die Hand für eine neue Partnerschaft reiche. Wie auf Knopfdruck meldeten sich die Kritiker der Freiheitlichen – die FPÖ sei eine rechtsradikale, antisemitische Partei, man könne ihr nicht trauen. Die FPÖ konterte, die wahren Antisemiten seien heute die Linken, gemeinsam mit den Islamisten.
Keine Partei, keine Religion, keine Klasse
Es gibt wenig, worüber sich die politische Linke und die politische Rechte so einig sind wie darüber, woher der Antisemitismus kommt – von der jeweils anderen Seite. Wozu also Streit, wer von den Dreien – Rechte, Linke, radikale Muslime – die schlimmeren Antisemiten seien? Sinnlos und unnötig, denn der Antisemitismus ist vollkommen unabhängig und daher frei verfügbar.
Er gehört keiner Partei, keiner Religion und keiner gesellschaftlichen Klasse. Er braucht weder Mitgliedsausweis noch Parteibuch, weder Taufschein noch Koran, verlangt kein Studium und keinen Schulabschluss. Man kann reich sein oder arm, Professor oder Analphabet, Kommunist oder Faschist, Islamist oder Atheist. Jeder darf mitmachen, ohne Zutrittsklausel und Aufnahmegebühr.
Schweizer Taschenmesser des Ressentiments
Für die Linke ist der Antisemit ein Rechter. Er trägt Glatze oder kurz geschorene Haare, entweder mit Springerstiefeln und Lederjacke, oder brav und sittlich wie Mamas Lieblingssohn, und hat vermutlich irgendwo ein Hakenkreuz tätowiert. Für die Rechte ist der moderne Antisemit ein etwas schmuddeliger Aktivist einer linken Partei mit zusammengebundenen Haaren am Hinterkopf, eingehüllt in ein Palästinensertuch und einer Wassermelone als Anstecker. Die radikalen Muslime erklären, sie würden nur Zionisten hassen, vermuten jedoch, dass jeder Jude einer sei. Damit ist Antisemitismus verteilt wie die Figuren auf einem Schachbrett. Je nach Strategie kann man sie verschieben. Manchmal gewinnt Weiß, manchmal Schwarz, spielen dürfen alle.
Der Hass gegen Juden ist der politische Wanderpokal der Geschichte. Er passt sich an, ohne seinen Kern zu verändern, und ist ideologisch ausgesprochen anspruchslos. Er ist promiskuitiv, schläft mit jedem und jeder – in der Metapher einer amoralischen Kreislaufwirtschaft. Er ist die Hure, für die man sich nicht schämen muss, da sie alle bedient. Das Schweizer Taschenmesser des Ressentiments. In der aktuellen Form schafft es der Jude, für Menschen verantwortlich gemacht zu werden, die er nie getroffen hat, für eine Regierung, die er nicht gewählt hat, und für einen Krieg, der Tausende Kilometer entfernt stattfindet.
Anpassung
Der Rechte hasst den Juden als Internationalisten, der Linke als Kapitalisten. Der Nationalist verdächtigt ihn, keine Heimat anzuerkennen, der Internationalist wirft ihm vor, mit Israel unbedingt eine haben zu wollen. Für den Kommunisten war er der Finanzkapitalist, für den Faschisten der Bolschewist. Für den Christen hat er Jesus verraten. Der Islamist braucht keinen Grund, Jude sein genügt. Für aufgeklärte Europäer ist er überhaupt kein Problem – solange er sich für Israel überzeugend schämt.
Juden haben allerdings die Möglichkeit, durch entsprechendes Benehmen die Angriffe auf sie abzuschwächen – oder, durch mangelndes Wohlverhalten, zu verstärken. Gute Juden kritisieren Israel. Anständige Juden verurteilen Israel. Vorbildliche Juden distanzieren sich vom Zionismus. Unangenehme Juden hingegen fragen, warum ausgerechnet sie permanent ihre moralische Unbedenklichkeit nachweisen sollen. Die Unverbesserlichen, die Extremisten und Zionisten verteidigen Israel, und verurteilen die Vorwürfe des Völkermords und Genozids als Lügen.
Abstand
Zurück zur FPÖ. Die Enttäuschung vieler Juden über die politische Linke bedeutet noch lange nicht, dass sie nun plötzlich ihr Vertrauen in die Rechte entdecken. Dass rechte Parteien heute Israel unterstützen, lässt weder ihre Vergangenheit noch alte Ressentiments verschwinden. Wer sich von der Linken verraten fühlt, muss deshalb nicht überlaufen.
Sogenannte „Schutzangebote“ politischer Gruppierungen haben etwas Befremdliches. Sie drängen Juden in die Rolle von Hilfsbedürftigen, die dankbar sein sollten, wenn ihnen jemand Sicherheit verspricht. Damit wird das eigentliche Problem auf absurde Weise verdreht. Würden politische Parteien, gesellschaftliche Bewegungen und religiöse Gemeinschaften in den eigenen Reihen konsequent gegen Antisemitismus vorgehen, müssten sie Juden nicht großmütig vor jenem Antisemitismus schützen, den sie selbst nicht ausreichend bekämpft haben.
Die Konsequenz der vergangenen Jahre – Juden sollten sich hüten, ihre Sicherheit und ihre Interessen einem politischen Lager anzuvertrauen. Nicht links, nicht rechts, nicht konservativ, nicht grün, nicht liberal. Politische Unabhängigkeit ist der verlässlichste Schutz vor jenen, die Juden heute umarmen – und sie morgen wieder für ihre eigenen Zwecke gebrauchen.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 39/2026 erschienen.
