ABO

Tragödie um Jesús de Miguel: Die Verletzbarkeit der Helden

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
11 min
Artikelbild

©PRESSE SPORTS

Der Tod des spanischen Fußballers Jesús de Miguel nach einem Zusammenstoß auf dem Spielfeld zeigt, wie verletzlich selbst Spitzensportler sind. Eine psychotherapeutische Einordnung beleuchtet die psychologischen Mechanismen hinter dem Umgang mit solchen Extremsituationen – von kollektiver Trauer bis zur Suche nach Schuldigen.

News auf Google bevorzugen

Der schreckliche Zusammenstoß zwischen Torhüter Jesús Owono vom FC Andorra und dem Stürmer des CD Tenerife, Jesús de Miguel, hatte tödliche Folgen. De Miguel verstarb am folgenden Tag.

Der unfassbare Vorfall auf dem Fußballfeld konfrontiert uns unversehens mit der Endlichkeit des Seins. Die Tragödie bildet einen Kontrapunkt zu der verbreiteten Vorstellung, Spitzensportlerinnen und Spitzensportler für unverletzbare Heroen zu halten.

Gnadenloser Zusammenprall

Am 2. November prallen in der Nachspielzeit des Spiels zwischen CD Tenerife und FC Andorra der Stürmer Jesús de Miguel vom CD Tenerife und Torhüter Jesús Owono vom FC Andorra nahe der Mittellinie zusammen.

De Miguel wird am Spielfeld medizinisch erstversorgt und dann ins Krankenhaus transportiert. Am folgenden Morgen verstirbt der 30-jährige Stürmer. Torhüter Owono erhielt die rote Karte. Die spanische Polizei eröffnete am Dienstag eine routinemäßige Untersuchung zu den Umständen des Todes.

Menschliche Kampfmaschinen

Der Spitzensport präsentiert scheinbar grenzenlos belastbare Kampf- und Kraftmaschinen: Athletinnen und Athleten, die „unkaputtbar“, perfekt und übermenschlich erscheinen. Um sie muss man sich scheinbar keine Sorgen machen, die Gladiatoren der Gegenwart sind stählern. Im Spitzensport gilt der Körper als trainiert, belastbar und als kontrollierbares Instrument, ja als hochfunktionelle Biomaschine.

Idealbilder

Und dann stürzt im Sekundenbruchteil dieses Idealbild zusammen. Der Tod De Miguels zwingt zu einem fast unerträglichen Realitätscheck: Profisport kann tödlich enden. Auch der scheinbar auf alles vorbereitete athletische Körper eines Helden ist verletzlich und keineswegs gegen Gefahr immun.

Kollektives Ventil

Warum zieht es so viele in Fußballstadien und vor die TV-Geräte? Bei Fußballspielen kochen lang zurückgehaltene Gefühle hoch. Man schwelgt im rauschenden „Wir-Gefühl“, trällert wie ein enthemmtes Kind, pfeift, singt und lässt dabei buchstäblich lang zurückgehaltenen emotionalen Dampf ab.

Dazu braucht es Adressaten des „Gefühlsstaus“: kollektive Feindbilder und „Sündenböcke“, wie etwa die gegnerische Mannschaft oder Schiedsrichter.

Psychologisches Detox

Viele Fans gehen, ohne es bewusst zu tun, aber intuitiv zum Zweck der emotionalen Entgiftung allein oder gruppenweise in Fußballstadien und nehmen geografische Distanzen auf sich, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Im Alltag verdrängte Emotionen werden dabei fast wie beim Detox ausgeschwitzt und ausgelebt. Ein vielfach durchaus auch stressabbauender Prozess.

Spannungsabbau

Ein weiteres psychologisches Phänomen: Die innere Anspannung erhält im Fußballstadion einen klaren Fokus. Sie richtet sich von einem selbst weg und nach außen, was oftmals befreiend wirken kann: Man konzentriert sich nicht länger auf eigene Fragen oder Krisen, sondern gemeinschaftlich auf das Spiel, die Mannschaften, den Ball, den Angriff, die nächste Wende und die Entscheidung.

Schicksalsszenen

Und wie im echten Leben können plötzliche Schlüsselszenen schicksalhaft wirken: Die späte Aufholjagd Andorras im Spiel gegen Tenerife verwandelte die Stimmung im Stadion: Statt angespannt zu bangen, hofften die Fans wiederum gemeinschaftlich. Dem Ausgleich folgte dann ein funkelnder Moment kollektiven Aufatmens. Sportpsychologisch betrachtet handelt es sich um gemeinsames Erleben von Erregung und „großer Emotion“.

Emotionen

Ein Sportgroßereignis kann Emotionen, Anspannung, Erregung, Freude, Angst, Wut und Frustration auf einzigartige Weise kanalisieren. Der Vergleich des Fußballspiels mit einem emotionalen Ventil hinkt: Dass aufgestaute Aggression durch Brüllen, Mitfiebern, Begeisterung und emotionale Beteiligung am Spielgeschehen automatisch abgebaut wird, kann, muss aber nicht zutreffen.

Einer wissenschaftlichen Studie zu Wut und Katharsis zufolge waren Teilnehmende, die beim Schlagen auf einen Sandsack an eine bestimmte Person dachten, die sie verärgert hatte, anschließend noch wütender und aggressiver als die Teilnehmenden der Vergleichsgruppen.

Ausdrucksmittel

Mitfiebern im Fußballstadion ist in jedem Fall Ausdruck von großer emotionaler Anteilnahme. Somit geht es wohl eher um den Ausdruck unbewusster Emotionen als um deren Abbau oder Korrektur. Ähnlich wie Massenveranstaltungen, beispielsweise Konzerte von Popstars, ein erleichterndes Wir-Gefühl wecken können, ist das auch in Fußballstadien und bei sportlichen Wettkämpfen so.

Gesinnungsgemeinschaft

Fußball vereint einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer für eine bestimmte Zeit zu einem Publikum mit einer gemeinsamen Blickrichtung und übereinstimmenden Interessen und Zielen. Farben, Gesänge und wiederkehrende Rituale schaffen Identität und repräsentieren Verbindung und Zugehörigkeit, auch wenn man sich vielleicht gar nicht persönlich kennt. Man teilt im Fußballstadion die Gesinnung, wie in der Religion den Glauben.

Regression

Zugleich können Fans in eine kindliche Rolle geraten. Sie blicken zu ihren Idolen auf, wollen ihnen ähnlich sein, eifern ihnen nach. Die Freude über ein Tor ist dann mehr als ein vorübergehendes persönliches Gefühl: Geteilte Emotionen konstituieren Nähe und die Identität einer Gruppe.

Emotional Sharing

Das Teilen von Gefühlen, englisch „Emotional Sharing“, wird als sozialer Vorgang betrachtet, der sich an einem gemeinsam verfolgten Ereignis aufhängt. Das Gefühl geteilter Emotionen schafft Nähe und Zugehörigkeit – und das deutlich über den Spielstand hinaus. Die Trauer um De Miguel wurde von vielen Vereinen und Verbänden mitgelebt.

Sportler als moderne Helden

In einer säkularen Gesellschaft können Sportlerinnen und Sportler zu modernen Heiligen und Helden werden. Die Fangemeinde idealisiert sie. Man verbindet mit ihnen Werte wie Loyalität, Mut, Ausdauer und die Fähigkeit, ein Team oder eine Stadt würdig zu vertreten.

Der individuelle Spieler steht dann für Traditionen, Werte, Wünsche und Ideale. Die Heroisierung geht weit über die sportliche Leistung hinaus, erinnert fast an eine Heiligsprechung. Eine qualitative Studie mit jungen Fußballfans zeigt, dass Sporthelden mit Vorstellungen von Loyalität, Bescheidenheit und Moral verbunden werden können.

Vulnerabilität: Der Körper bleibt verletzbar

Ein Profikörper wird trainiert, gemessen und bewundert. Und dennoch sind alle Athletinnen und Athleten menschlich, allzu menschlich. Der Zusammenstoß zweier Sportler in Tenerife macht diese Verletzlichkeit mit aller Wucht öffentlich unübersehbar.

Die Angehörigen des Verstorbenen erleiden einen schweren Verlust, Mitspielende sind zutiefst erschüttert, Fans prallen entsetzt zurück vor der Endlichkeit eines Menschen, den sie eben noch als unsterblichen Sportler gesehen haben.

Schuldsuche

Eine mögliche psychologische Deutung lautet: Kollektive Betroffenheit kann in die Suche nach einem Schuldigen münden. Trauer kann jäh in Wut und Schuldzuweisungen umschlagen. Berichten zufolge wurde Jesús Owono online beschimpft.

Auch der unbeteiligte Spieler Michel Owono erhielt rassistische Beschimpfungen und Drohungen, weil er mit dem Torhüter verwechselt wurde. Die rote Karte gehört zum Spielbericht; Absicht oder persönliche Schuld lassen sich daraus jedoch nicht folgern. Gerade in einer solchen emotional hoch aufgeladenen Krisensituation braucht es Raum für Emotionen, für Schock und Trauer.

Pause vom Alltag

Ein Fußballspiel funktioniert ähnlich einem Bühnenstück für einen definierten Zeitraum mit festen Rollen, wiederkehrenden Regeln und einem festen Ende. Das kann die Aufmerksamkeit fokussieren und für eine Weile Abstand zu eigenen Belangen schaffen. Eine Befragung von Fans während der pandemiebedingten Spielpausen ergab, dass viele ältere Spiele anschauten und dies als Beruhigung und hilfreiche Bewältigungsstrategie erlebten.

Wenn Regeln auch nicht mehr helfen, schließt sich das Kollektiv – in einer Welle der Angst – noch enger zusammen. Und stößt den vermeintlich Schuldigen aus, um das Schreckliche bewältigbar erscheinen zu lassen. Was eine Auszeit vom Alltag hätte sein sollen, wurde zu einem Realitätscheck, der härter nicht sein konnte.

Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER