ABO

Die Psychologie der Reichen

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
10 min
Artikelbild

©Getty Images

Wirtschaftliche Absicherung und finanzieller Reichtum sind nicht nur in den sozialen Medien ein Dauerbrenner. Sie gelten als Sprungbrett zum Glück. Viele glauben, erst dann kann das Leben sorgenfrei sein und so richtig losgehen. Erst dann kann man sich entfalten.

News auf Google bevorzugen

Fast alle wünschen sich doch auf allen Ebenen die größtmögliche Freiheit und materielle Sicherheit. Aber wenn man nun im materiellen Olymp angekommen ist, wem kann man dann noch vertrauen? Der Soziologe Niklas Luhmann beschreibt Vertrauen als Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität. Genau diese Komplexität nimmt in sozial exponierten Lebenswelten erheblich zu.

Viele Klientinnen und Klienten meiner philosophischen Beratungspraxis verfügen über alles, was als Fundament für ein sorgenfreies Leben gilt: Ein für die Mehrheit der Bevölkerung großes Vermögen, in dem kommende Generationen mitgedacht sind. Diese Privilegierung verheißt Sicherheit, grenzenlose Möglichkeiten, Zugang zu exklusiven gesellschaftlichen Etagen. Aber vor allem Werte wie Freiheit, Autonomie und Unabhängigkeit.

Ich kratze mit meinen Klienten ständig an den Fassaden von Macht und Reichtum. Wir entdecken dabei die folgenden erstaunlichen Begleiteffekte des Reichseins.

Vertrauenskonflikt

Mit zunehmendem Vermögen, Einfluss und öffentlicher Sichtbarkeit wächst auch das Dilemma, wem man noch vertrauen kann. In Coachings zeigt sich dabei weniger die Angst, Geld zu verlieren, als vielmehr die Sorge, ausgenutzt zu werden – oder ohne Erfolg und Reichtum an Bedeutung einzubüßen, am Ende sogar unsichtbar zu werden.

Daraus entsteht häufig eine ambivalente Beziehung zu Reichtum und Karriere. Hinzu kommt der innere Konflikt, ob man um seiner selbst willen geliebt wird oder aufgrund der eigenen wirtschaftlichen Potenz. Nicht selten berichten insbesondere ältere Männer, dass sie sich fragen, ob jüngere Partnerinnen sie auch ohne ihren Wohlstand wählen würden. In meiner Praxis berichten erfolgreiche Unternehmer, dass sie bei jeder neuen Bekanntschaft skeptisch sind, welches Interesse ihr Gegenüber verfolgt.

Sie kommen mit Argwohn und Unsicherheit in die Beratung. Zu den häufigsten Fragen gehört, woran sich narzisstische Tendenzen erkennen lassen und ob man nur aus Eigennutz umworben wird. Mit materiellem Vermögen, Erfolg und Ruhm wächst das Misstrauen. Und umso schwieriger wird es, Zuneigung noch von kalkulierter Absicht zu unterscheiden.

Die Paradoxie der Absicherung

Beim Coaching von Firmenimperien sind psychodynamische Muster nicht anders als in wirtschaftlich wenig abgesicherten Gruppen. Dahinter verbergen sich dieselben Wünsche und Ängste; Themen wie Wertschätzung, Kränkung, Wettbewerb, Neid, Zuneigung, Vertrauensbruch, Idealisierung und Abwertung.

Materielle Sicherheit befreit nicht von den existenziellen Grundfragen, sie verändert lediglich deren Erscheinungsbild. An die Stelle finanzieller Krisen treten Sinnfragen: Fragen nach Vermächtnis, Verantwortung und Identität. Wirtschaftliche Absicherung befreit keineswegs davon. Sie kann Verunsicherung verstärken und Misstrauen fördern. Diese Dynamiken kennen keine Vermögensgrenze.

Leistung, Expansion und ständige Verbesserung können auch als psychologische Strategie dienen, um Endlichkeit, Autonomieverlust, Kontrollverlust und Verletzbarkeit abzuwehren

Sinnkrise und Suche

Viktor Frankl machte in seinem gesamten Werk deutlich, dass der Sinn des Lebens nicht aus Besitz entsteht. Der Sinn gründet sich vielmehr in zwischenmenschlicher Haltung, Beziehung und Verantwortung. Gerade Personen, die im Leben schon scheinbar alles erreicht haben, kommen in meine Praxis mit der schmerzlichen Frage: „Ich habe schon alles erreicht und ausgesorgt. Und jetzt? Was kommt noch? Wozu das alles?“ Sie fragen sich, worum es sich nun noch zu bemühen gilt. Sie suchen nach dem Sinn.

Ein Beispiel ist eine vermögende Erbin mit mehreren Wohnsitzen und traumhaften Immobilien, die aber nicht zur Ruhe kommt. Die nicht genießen kann (oder nur flüchtig), da sie keinen dieser Orte als inneres Zuhause erlebt. So kommt es bei Betroffenen zu einer lebenslangen atemlosen Suche nach dem „idealen Ort“, „der optimalen Immobilie“.

Dahinter stecken oft Erfolgsdruck und Perfektionismus-Ansprüche sowie die fehlende Erlaubnis, die sich diese Menschen einfach nicht geben, irgendwo ankommen und bleiben zu dürfen – und ortsunabhängig schlichtweg sie selbst zu sein, ohne sich oder anderen durch ihre ewige Ruhelosigkeit ihr stetes Optimierungsstreben, ihre Intelligenz, ihren Fleiß beweisen zu müssen. Sie messen sich oft mit Schatten der Vergangenheit, großen Vätern oder Müttern oder sich selbst in Bestform. Erst wenn sie sich selbst mögen, folgen innere Ruhe und Selbstakzeptanz.

Optimierung bis zur Unsterblichkeit

Leistung, Expansion und ständige Verbesserung können auch als psychologische Strategie dienen, um Endlichkeit, Autonomieverlust, Kontrollverlust und Verletzbarkeit abzuwehren.

Nachdem finanziell immer alles machbar ist, werden mit – sachlich betrachtet – unnötigen privaten Immobilienprojekten immer größere materielle Burgen als Statussymbole geschaffen, die in Wahrheit verzweifelte Mahnmale fehlender Wahrnehmung, Wertschätzung und Sichtbarkeit, also psychologische Schutzgehäuse, sind.

Sie dienen im Grunde der Kompensation von Ängsten, trotz Reichtums verletzbar, abhängig und vergänglich zu sein. Das kann auch in ein beinahe rauschartiges Vorsorgen für nachkommende Generationen münden.

Hedonistische Adaption

Hedonistische Adaption bedeutet die menschliche Eigenschaft, dass erreichte Ziele und neue Besitztümer schnell selbstverständlich erscheinen. Daraus ergibt sich das Bewusstsein, dass es im Leben nie genug sei und immer noch eins draufgesetzt werden müsse.

Eine permanente innere Unruhe lässt diesen rasenden Prozess zur Alltagssonate werden. Prototypisch hierfür wäre ein Konzernchef, der erfolgverwöhnt jedes Projekt umsetzt, aber dabei kaum je Zufriedenheit oder Momente des Ankommens empfindet.

Dünne Luft

Mit zunehmender Verantwortung und Macht steigt häufig die Zahl der Jasagerinnen und Jasager im persönlichen Umfeld. Parallel nimmt die Zahl jener, die sich zu widersprechen trauen, ab. Dadurch entsteht eine spezielle Form sozialer Isolation. Viele Machthaber und Entscheidungsträgerinnen hoffen weniger auf Bewunderung als auf ein unabhängiges und unbeeindrucktes Gegenüber, das klar und ehrlich seine Meinung sagt.

In meine Praxis kommen typischerweise ein CEO oder eine Stiftungspräsidentin und schildern, dass sie kaum noch ungefiltertes Feedback erhalten und gar nicht wissen, woran sie bei den sie umgebenden Personen wirklich sind.

Bindungsvermögen

Auch reiche Personen sind bindungsängstlich. Das Bindungsvermögen folgt nicht dem Kontostand. Eifersucht, Verlustängste, Kränkungen und der Wunsch nach Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit finden sich in allen sozialen Schichten. Wirtschaftlich vermögend zu sein, verändert lediglich die Rahmung, innerhalb welcher diese Konflikte ausgetragen werden.

Hinter dem Bedürfnis nach Machbarkeit und Kontrolle steckt meist die Angst, emotional missbraucht, instrumentalisiert und persönlich austauschbar zu sein. In meine Beratung kommen nach außen hin selbstbewusste Persönlichkeiten, die aus Unsicherheit die Nachrichten ihrer Partnerinnen kontrollieren. Sie befürchten, mit zunehmender Beziehungsdauer den Glanz zu verlieren.

Fazit: Geld darf nicht überschätzt werden

Nicht Geld allein entscheidet über Glück. Natürlich müssen basale Grundbedürfnisse zum persönlichen Glück befriedigt sein. Geld darf jedoch nicht überschätzt werden, da sich viele äußerst wohlhabende und wirtschaftlich erfolgreiche Menschen häufig nur noch als Funktion ihres Habens fühlen und ihr Sein vermissen. Sie müssen dann gefühlt immer noch reicher und sichtbarer werden, um vor sich selbst zu bestehen.

Die Frage nach dem Sinn verfolgt sie wie ein Schatten. Sie fühlen sich als Marionetten, als Objekte von Begehrlich­keit. Der Sinn des Lebens, bedingungslos geliebt zu werden, zeigt sich dann nicht nur in einer Partnerschaft. Zuallererst in der schwierigsten Beziehung überhaupt. Sie erraten schon, welche Beziehung gemeint ist.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.

Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER