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Fall Gunkl: Zwischen Ächtung und Angst

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"Gunkl" sollen Auswüchse wie im Teichtmeister-Prozess erspart bleiben
Günther Paal alias Gunkl©APA, EVA MANHART

Die Psychologin Monika D. Wogrolly beleuchtet, warum öffentliche Empörung Menschen zusammenschweißen kann, wie sich Idealisierung in Abwertung verwandelt und weshalb eine differenzierte Betrachtung weder die Vorwürfe relativiert noch das betroffene Kind aus dem Blick verlieren darf.

News auf Google bevorzugen

Am 22. Oktober verantwortet sich der österreichische Kabarettist Günther Paal alias Gunkl in Wien vor dem Wiener Landesgericht für Strafsachen wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs einer Unmündigen und des Besitzes von Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger. Die Mutter und die Großmutter des betroffenen Kindes sind wegen mutmaßlicher schwerer Erpressung angeklagt. Paal erstattete zuvor Selbstanzeige und ist seinem Anwalt zufolge geständig. Ein Urteil steht noch aus; bis zur rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

Für News betrachte ich die psychologischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf diesen Fall. Was sagt der Umgang mit einem Beschuldigten über unsere Vorstellungen von Schuld, Loyalität und Verantwortung?

Sozialer Bann

Günther Paal alias Gunkl ist ein Verlagskollege. Ich kenne ihn nicht persönlich, weiß aber von seiner jüngsten Neuerscheinung im Jänner 2026 – einem Buch über philosophische Wortspiele und Sprachüberdehnungen. Ich erlebte bei einem Verlagsbesuch, wie rasch ein ziemlich bekannter Name aus den Regalen und dem Kulturbetrieb verschwinden kann. Auftritte werden abgesagt, frühere Weggefährten gehen auf Distanz.

Ob und in welchem Umfang seine Bücher aus dem Handel genommen wurden, ist mir nicht näher bekannt. Die soziale Dynamik rund um Fälle wie Gunkl ist allerdings erkennbar: Günther Paal, der gestern noch vertrauenswürdig wirkte, ist heute unberechenbar und gefährlich. Einer, der als Vorbild, Meinungsmacher, Künstler und Querdenker geschätzt war, wird zum moralischen Fragezeichen, beunruhigt, verstört und wird vom Medienstar zur sozialen Belastung.

Idealisierung und Abwertung

Der Fall Gunkl zeigt den gesellschaftlichen Dualismus aus Idealisierung und Abwertung. Das Idealbild des Künstlers Günther Paal bricht mit seiner öffentlichen Erklärung über ein Facebook-Video wie ein Kartenhaus zusammen. Fratzenhaftes, Dämonisches, gesellschaftlich Unerträgliches blitzt schrecklich hinter der – nun als Maske erkennbaren – Oberfläche hervor und führt zu sofortiger Gegnerschaft, sozialer Abwehr, ja Ekel vor dem, womit anscheinend niemand rechnen konnte.

Stigmatisierungseffekt

In der Sozialpsychologie gibt es den Mechanismus „Stigmatisierung durch Assoziation“: Schon die Nähe zu einem gesellschaftlich Geächteten kann scheinbar auf andere abfärben. Das erklärt einen Teil des Distanzierungsdrucks, wobei Distanzierung hier ein wichtiges Element der Positionierung darstellt, um zu zeigen: „Ich stelle mich entschieden gegen dieses Verhalten und trete auch klar dagegen ein!”

Moralische Empörung als Zusammenhalt

Der Wunsch, Kinder zu schützen, ist nicht nur ein zentraler sozialer Reflex, sondern eine unumstößliche moralische und rechtliche Verpflichtung. Zugleich erfüllen öffentliche Verurteilungen, Anklagen und die Umdeutung einer für vertraut geglaubten Person mitunter eine zweite Funktion: Sie schweißen Gruppen eng zusammen und zeigen, auf welcher Seite man steht. Forschungen zur moralischen Empörung in sozialen Medien zeigen, wie stark emotionale Botschaften Aufmerksamkeit gewinnen und wie leicht die Lautstärke der Reaktionen den Eindruck einer kollektiven Meinung erzeugt.

Versuch der Eindeutigkeit

Schwere Vorwürfe lösen Abscheu, Angst und Ohnmacht aus. Gerade dann suchen wir nach simplen Kategorien und nach einer binären Ordnung: „Hier die Guten, dort die Bösen.“ Psychologisch verschafft das kurzfristig Entlastung, Halt und Orientierung. Es verdeckt jedoch einen wesentlichen Unterschied: Ein Mensch ist für seine Handlungen verantwortlich.

Daraus folgt nicht, dass jede frühere Begegnung mit ihm rückwirkend automatisch zum Tabu oder gar zur Mitschuld wird. Ebenso wenig müssen frühere künstlerische Leistungen nachträglich ungeschehen gemacht werden, um die Vorwürfe ernst zu nehmen.

Schuld und Strafe

Paal befindet sich vor dem für 22. Oktober angesetzten Prozess auf freiem Fuß. Das ist weder ein Freispruch noch ein Beleg für geringe Gefährlichkeit. Untersuchungshaft setzt nach österreichischem Recht neben einem dringenden Tatverdacht bestimmte Haftgründe voraus, etwa Flucht-, Verdunkelungs- oder Tatbegehungsgefahr.

Über Schuld und Strafe entscheidet das Gericht. Wer aus einer fehlenden Untersuchungshaft auf die moralische Einordnung des Beschuldigten, seine Glaubwürdigkeit oder sein künftiges Verhalten schließt, verwechselt eine rechtliche Entscheidung mit einer moralischen Bewertung oder auch einer psychologischen Diagnose.

Nur eine „Phase“

Paal hat seinen früheren Umgang mit Missbrauchsdarstellungen öffentlich als „Phase“ bezeichnet, die schon hinter ihm liege. Eine solche Formulierung kann eine tatsächliche Veränderung beschreiben, sie kann aber auch helfen, verwerfliches Verhalten vom heutigen Selbstbild abzuspalten: „Das war einmal und ist nicht mehr.“ Oder: „Das war ich damals, heute bin ich ein anderer und habe nichts mehr mit der Person von früher zu tun.”

In der Psychologie lässt sich das als Versuch verstehen, einen schmerzhaften Widerspruch zwischen Selbstbild und Verhalten zu bewältigen. Ob jemand für ein furchtbares Fehlverhalten Verantwortung übernimmt, zeigt sich aber nicht am Wort „Phase“, sondern daran, inwieweit er für seine Handlungen und ihre Folgen ohne Verharmlosung, Abschwächung, Ablenkung, Bagatellisierung und Beschönigung einsteht.

Sexuelle Präferenz

Die von mir für News befragte Gerichtspsychiaterin Astrid Maierhofer-Deutschmann erläuterte zudem, dass eine sexuelle Präferenz häufig langfristig besteht. Eine Präferenz, eine diagnostizierbare Störung und eine strafbare Handlung sind unterschiedliche Kategorien. Nur aus Medienberichten als Quellen lässt sich bei Paal keine seriöse Diagnose ableiten.

Fokus

In der öffentlichen Erzählung geht es hauptsächlich um den Imageverlust und den moralischen Absturz eines Künstlers, um sein Bezugssystem, sein Werk und die Frage, wie die Gesellschaft damit umgeht. Das betroffene und von Gunkl geschädigte Kind droht dabei gänzlich aus dem Blick zu geraten. Sein Schutz, seine Würde und seine Privatsphäre müssen Vorrang haben.

Differenziert hinzuschauen bedeutet aber nicht, die Tat zu verwässern. Es bedeutet, strafrechtliche Verantwortung, psychologische Erkenntnisse und moralische Urteile klar auseinanderzuhalten. Zentral ist, dass das Leid, das Schicksal und das Leben des betroffenen Kindes hinter dem Drama um die öffentliche Person Paal nicht verschwinden dürfen.

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