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Christian Wehrschütz: „Dann müssten wir uns auch gegen die NATO wehren"

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©APA-Images / Franz Neumayr

Das Gespräch fand telefonisch statt, zum letztmöglichen Zeitpunkt am Originalschauplatz: Zwei Tage, bevor sich ORF-Kriegsberichterstatter Christian Wehrschütz, 65, nach vier Hochrisikojahren vom Dienstsitz Kiew verabschiedete, erbaten wir Auskunft über Vieles: Will er als Bundespräsident kandidieren? Wie kommentiert er zwei Monate vor der Pensionierung die deplorablen Umstände des ORF? Und, wichtiger: Werden wir militärisch von Russland bedroht? Steht die massive Aufrüstung dafür? Unmittelbarer Anlass des Gesprächs ist das Erscheinen des Buchs „Heimkehr – mein Aufbruch ins unentdeckte Land".

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Herr Wehrschütz, Sie sind in Kiew? Hatten Sie eine ruhige Nacht?

Ja, einigermaßen. Wir hatten zwar zweimal Fliegeralarm, aber den höre ich schon gar nicht mehr. Aus dem Bett haut dich erst das Gegenfeuer. 

Sie sind wieder stark als Bundespräsidentschaftskandidat im Gespräch. Schließen Sie diese Karriere aus?

Die Rache des Journalisten an Politikern ist das Archiv. Das heißt: Wenn ich jetzt sage, ich schließe es völlig aus, wird mir das in zwei Jahren vorgehalten, wenn meine Familie vielleicht sagt: „Probier es doch". Also sage ich ehrlich: Ich weiß nicht, woher das Gerücht kommt, niemand von irgendeiner Partei hat je mir darüber gesprochen, aber mich sprechen Leute an, die mich unterstützen würden. Meine Familie ist eher dagegen, wo ich doch schon jetzt bis September 2027 ausgebucht bin. Aber ganz nein gesagt hat sie auch nicht, also kann ich nur sagen, im Falle des Falles, der derzeit rein hypothetisch ist: Ich würde mich von jeder Partei unterstützen lassen, aber ich würde nicht für eine Partei kandidieren. 

Worum geht es denn in dem Buch, das Sie gerade herausbringen?

Es heißt „Heimkehr", passend nach 27 Jahren im Ausland, und der Untertitel ist „Mein Aufbruch ins unentdeckte Land", nach Folge sechs von „Star Trek". Es geht darum, was mich der Krieg über das Leben gelehrt hat und was guten Journalismus ausmacht, um Momente, die Geschichte verändern, die Kunst des Loslassens und den Sinn des Lebens. Das Nette an dem Buch ist unter anderem, dass meine beiden Töchter und sogar meine zehnjährige Enkelin einen kleinen Text geschrieben haben. Das Thema ist natürlich interessant. Du kommst in ein Privatleben zurück, das es mit Ausnahme von Corona so nicht gegeben hat. Es beginnt der dritte Lebensabschnitt, von dem man weiß, dass ihn noch niemand überlebt hat.

Heimkehr: Mein Aufbruch ins unentdeckte Land

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Sie verlassen jetzt das Büro in Kiew?

Am 31. Oktober, und mein Vertrag mit dem ORF endet am 1. Jänner. Ich bin aber jetzt drei Wochen in Bad Gleichenberg auf Reha, dann verbrauche ich meinen Resturlaub.

Wozu brauchen Sie denn eine Reha? Fehlt Ihnen etwas?

Naja, wir sind seit Kriegsbeginn 400.000 Kilometer mit dem Auto gefahren, das geht aufs Kreuz. Ein 400.000-Kilometer-Service sozusagen. 

Lassen Sie uns auf die aktuelle Krise des ORF kommen.

Es trifft mich persönlich sehr, was da passiert. Nicht, weil mir die ORF-Führung und das Spitzenmanagement leidtun. Sondern weil mir die Kolleginnen und Kollegen leidtun, vom Portier über die Redaktionssekretärin bis zu denen, die zum Beispiel in der Technik und bei ORF3 arbeiten. Die haben nicht verdient, was man aus dem ORF gemacht hat.  Auf der anderen Seite geht der Krug so lange zum Brunnen, bis er bricht. Manche Spitzenfunktionen wurden nicht nach Qualität besetzt. 

Soll die Haushaltsabgabe bleiben?

Meiner Ansicht nach ja. Aber der Reformbedarf des ORF ist ungebrochen. Zu viele Häuptlinge im Vergleich zu den Indianern. Auch die Gehaltspyramide passt nicht. Aber das ORF-Bashen ist zurückzuweisen. Ich hätte mir hier auch von der Personalvertretung des ORF mehr klare Worte in der Öffentlichkeit erwartet. 

Lassen Sie uns auf den Krieg kommen, der Österreich angeblich bevorsteht. Sind wir als neutraler Staat tatsächlich durch einen russischen Angriff bedroht? Und was sollte das Russland denn bringen?

Österreich ist sicherlich kein Angriffsziel im Sinne einer konventionellen Kriegsführung. Der Durchstoß durchs Donautal aus dem Kalten Krieg ist illusorisch. Davor braucht niemand Angst zu haben. Aber Österreich ist ein wichtiger Knoten z. B. für die Energieversorgung anderer, und die hybride Kriegsführung ist schon Faktum. 

Entweder Sie nehmen das Bundesheer als Trachtenverein mit Waffentrageerlaubnis. Oder Sie nehmen es ernst und bilden Soldaten entsprechend aus.

Christian Wehrschütz über die Ausbildung beim Bundesheer

Was bedeutet denn dieser oft gebrauchte Begriff?

Das kann ein Cyberangriff sein, das Streuen von Falschmeldungen, das gesamte Spektrum an geheimdienstlichen Tätigkeiten. Da ist Österreich auf keinen Fall eine Insel, denken wir an die Angriffe auf Strommasten in Südtirol und Bayern. Dagegen muss man sich wappnen. Deswegen sind die Modernisierung des Bundesheeres und die Heeresreform wichtig. Das Zweite ist: Österreich hat ein klares Neutralitätsgesetz, dem die Bevölkerung verbunden ist und an dem festzuhalten ist.  Aber es ist auf das zu reduzieren, was im Gesetz steht: keine Militärbündnisse, und keine fremden Truppen auf österreichischem Territorium. 

Also ist das ständige Kokettieren mit der NATO obsolet?

Richtig. Aber z. B. die ständige millionenteure Selbstfesselung, Waffenexporte an langjährige Partner wie Tunesien zu verbieten, ist jenseits meines Verständnisses. Vor allem, wenn man gleichzeitig Schlüsselbetriebe der Verteidigung wie Steyr und Hirtenberger in ausländische Hand gibt. Eine eigenständige Neutralität bedarf ja auch einer wirtschaftlichen Absicherung. 

Bleiben wir bei der hybriden Kriegsführung. Drohen uns russische Angriffe mit Drohnen? 

Da scheint mir die Gefahr terroristischer Anschläge durch Drohnen weit höher. Nicht jede Drohne bei derartigen Vorfällen kommt von den Russen. Mittlerweile kann man in Dschibuti sitzen und eine Drohne über dem Praterstadion niedergehen lassen, wenn man Starlink hat. 

Aber rüsten wir denn dann nicht vollkommen sinnlos auf? Reicht da nicht das Abwehrsystem Skyshield?

Nein, das stimmt nicht. Um Soldaten in Kriegszeiten zu transportieren, braucht man Panzer. Man braucht auch eine Luftraumüberwachung durch Flugzeuge, die dann 20, 30, 40 Jahre halten. Wenn man eine Waffengattung abschafft, verliert man die gesamte technische Fähigkeit und die Fachleute, die das zu nutzen verstehen. Eine Drohne holt kein Kampfflugzeug vom Himmel und kann keine Maschine zur Landung zwingen. Außerdem holen wir nur nach, was 30 Jahre vernachlässigt wurde. 

Wenn uns aber, wie Sie sagten, ein solcher Angriff mit größter Wahrscheinlichkeit gar nicht droht?

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Ihr Haus abbrennt, aber trotzdem haben Sie eine Feuerversicherung, nicht? 

Und dazu muss der Wehrdienst verlängert werden? Ist denn jeder männliche Österreicher als Feuerwehrmann ausgebildet? 

Entweder Sie nehmen das Bundesheer als Trachtenverein mit Waffentrageerlaubnis. Dann ist es im Einsatzfall so schlecht ausgebildet wie der Volkssturm im Zweiten Weltkrieg. Oder Sie nehmen es ernst und bilden Soldaten entsprechend aus. Das Traurige ist, dass die österreichische Sicherheits- und Verteidigungspolitik immer ein Spielball für populistische Kräfte war. Aber wir brauchen junge Menschen, die möglicherweise mit der Waffe in der Hand für ihr Land einstehen. Bedenken Sie auch, dass die gescheite Ausbildung ein Dienst an der Gemeinschaft und der Integration ist. Beim 20-Kilometer-Marsch gehen der Sohn von einem Akademiker und einem Generaldirektor genauso wie der Ursteirer und der Sohn von Einwanderern der zweiten Generation gemeinsam mit schwerem Gepäck. Das ist auch ein Akt der Integration. 

Da fallen mir aber attraktivere Modelle ein.

Schon, aber dieses funktioniert besonders gut. 

Sie sagten, durch Österreich dürfe im Kriegsfall kein Kriegsmaterial transportiert werden. Wenn wir aber, wie ständig mit dem Ernstfall argumentiert wird, von Russland in der Mur-Mürz-Furche angegriffen werden, weil die NATO dort Kriegsmaterial durchtransportiert? Müssen wir uns dann nicht gegen Russland und die NATO wehren? 

In einem Kriegsfall müsste sich Österreich gegen jeden Staat verteidigen, der die Neutralität missachtet. Bisher hat man das immer auf den Osten bezogen: von dort kam im Kalten Krieg die Bedrohung. 

Aber wenn die NATO im Kriegsfall durch Österreich marschiert?

Dann müssten wir uns auch gegen die NATO wehren. Das ist aber schon sehr an den Haaren herbeigezogen. Österreich ist von NATO-Staaten umgeben, die in diesem Fall zum Transport genutzt werden könnten. Es gibt außerdem jetzt schon Fälle, wo wir die Überfluggenehmigung verweigern. 

Dann zum Schluss: Sollen Frauen zum Heer verpflichtet werden? 

Ich glaube, dass das System der freiwilligen Meldung nach wie vor ein gutes ist, wenn man genügend Rekruten hat. Sogar in einem Land wie der Ukraine, die einen hohen Frauenanteil hat, dienen Frauen nur freiwillig.

Steckbrief

Christian Wehrschütz

geboren 1961 in Graz, ist ein österreichischer Journalist und langjähriger ORF-Korrespondent. Seit 1991 arbeitet er für den ORF, ab 1999 berichtete er vom Balkan und seit 2015 leitet er das ORF-Büro in Kiew. Der mehrfach ausgezeichnete Kriegsreporter spricht mehrere Sprachen und ist Oberstleutnant der Reserve. Ende 2026 tritt Wehrschütz in den Ruhestand.

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