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Marina Abramović: „Ich habe gelernt, dass das Publikum dich töten kann“

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Marina Abramović©APA-Images, AFP, RAMON VAN FLYMEN

Vom stillen Sitzen bis hin zu einer Waffe, die auf ihren Kopf gerichtet ist – Marina Abramović, die nächsten Monat 80 wird, überrascht ihr Publikum seit mehr als 50 Jahren. Wie geht es nun weiter?

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Shelly Rubinstein

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Punkt 10 Uhr morgens erscheint im Bundesstaat New York eine strahlende Marina Abramović auf meinem Zoom-Bildschirm. „Ich bin hier, und du bist hier, das ist wunderbar. Ich bin eine der wenigen Künstlerinnen, die immer pünktlich sind. Ich hasse es zu warten.“ Sie dreht den Computer zum Fenster hin. „Es wird regnen, aber es ist sehr schön.“

Draußen erstreckt sich ihr Anwesen als üppige grüne Fläche – eine Art ländliche Idylle, die für Abramović fast zu idyllisch wirkt, eine Künstlerin, zu deren Werken es gehörte, sich mit Messern in die Hände zu stechen und eine Performance zu ertragen, bei der ein Zuschauer eine geladene Waffe auf ihren Kopf richtete. Drinnen ist sie ganz mit Terminen beschäftigt. Sie muss diverse Ausstellungen und immersive Performances vorbereiten und zwei Bücher fertigstellen.

„Achtzig ist das neue Vierzig“

Ihr Erscheinungsbild ist ebenso präzise inszeniert wie ihr Terminkalender: knallroter Lippenstift, eine schwarze Tom-Ford-Brille, ein flauschiger grauer Arbeitskittel aus eigener Kreation und glänzende, rabenschwarze Locken, die dramatisch zur Seite gekämmt sind. Mit fast 80 sieht sie Jahrzehnte jünger aus. „Achtzig ist das neue Vierzig“, verkündet sie mit dem ersten von vielen herzlichen Lachen. „Was zwar nicht stimmt, aber egal. Das ist jedenfalls mein Motto.“

Am 30. November steht ihr 80. Geburtstag an. Die in Serbien geborene Künstlerin feiert diesen mit einer Party für 500 Gäste in der Park Avenue Armory in New York, wo „Balkan Erotic Epic“, ihr vierstündiges Stück, das sich mit der Folklore des Balkans auseinandersetzt, nach seiner Premiere in Manchester letzten Oktober, präsentiert wird. 78 Darsteller wirken dabei mit. „Ich habe mit 50 angefangen, diese großen Veranstaltungen zu machen, dann mit 60, 70 und jetzt mit 80. Und dann natürlich mit 90 und 100.“ Ihre Großmutter wurde 103 Jahre alt. Abramović will sie übertreffen.

Mit geladener Waffe am Kopf

„Balkan Erotic Epic“ mit seinen hoch aufragenden phallischen Formen, Nacktheit und ritualistischen Tableaus greift auf alte slawische Traditionen zurück. „Heidentum, die orthodoxe Kirche und der Kommunismus – das sind die drei Dinge, die ich zur Schau stelle. Dort habe ich meine Wurzeln.“ Es ist auch eine Rückkehr zum Körper, dem Material, das sie während ihrer mehr als 50-jährigen Karriere immer wieder eingesetzt hat. „Wir betrachten den Körper immer als Pornografie“, sagt sie. „Ich möchte den Körper auf eine andere Art und Weise neu denken.“ Es hat etwas Passendes, dass sie dieses ungezügelte, witzige, sexuelle Werk in ihr neuntes Lebensjahrzehnt begleitet.

Abramović hat sich ein Leben lang mit Schmerz, Opferbereitschaft und Ausdauer beschäftigt, während sie sich nun zunehmend für Humor, Vergnügen und Erneuerung zu interessieren scheint. Während des größten Teils ihrer Karriere war der Körper ein eher gefährliches Medium. 1974 legte sie für das über sechs Stunden dauernde Stück „Rhythm 0“, das in Neapel aufgeführt wurde, 72 Gegenstände auf einen Tisch und erlaubte dem Publikum, diese nach Belieben an ihrem Körper einzusetzen. Was harmlos mit einer Rose, einer Feder und einem Kuss auf die Wange begann, eskalierte zu Schnitten, Entkleidung und Gewalt. Schließlich wurde ihr eine geladene Waffe an den Kopf gehalten. „Ich habe aus ‚Rhythm 0‘ gelernt, dass das Publikum dich töten kann.“ Sie war so traumatisiert, dass eine Haarsträhne weiß wurde.

Im Jahr 2010 griff sie dieses Konzept mit „The Artist Is Present“ im Museum of Modern Art (MoMA) in New York wieder auf, wo sie fast drei Monate lang den ganzen Tag schweigend Tausenden von Fremden gegenüber saß. Die Vorbereitung war fast ebenso extrem wie die Performance selbst. „Ich habe das ganze Jahr wie eine Astronautin verbracht“, sagt sie. Gegessen und getrunken hatte sie nur nachts. „Tagsüber brauchte ich nichts. Ich musste nicht auf die Toilette, nicht vom Sessel aufstehen, ich musste gar nicht.“ Sie verzichtete auf jeglichen Komfort und bestand auf einem Sessel ohne Armlehnen. „Als ich in diesem Stuhl saß, änderte sich alles in meinem Leben“, sagt sie. „Ich wollte, dass das Publikum das erlebt, was ich erlebt habe.“

Besucherrekord im MoMA

Die Warteschlangen reichten um den ganzen Block, und die Menschen campierten über Nacht, um ihren Moment gegenüber Abramović zu erleben. Die meisten saßen weniger als fünf Minuten da, manche einen ganzen Tag; zu den „Sitzenden“ gehörten Björk, Lou Reed, Sharon Stone und Isabella Rossellini. Während „Rhythm 0“ die Grausamkeit des Publikums offenlegte, lehrte sie „The Artist Is Present“, „wie man die Stimmung der Menschen hebt, anstatt sie zu drücken“. Außerdem machte es Abramović zu einer globalen Kulturpersönlichkeit und verhalf dem MoMA, seinen jährlichen Besucherrekord zu brechen.

Nach dem MoMA folgten 2014 „512 Hours“ in der Serpentine, bei dem das Publikum selbst zum Medium wurde. Alle Objekte wurden aus dem Museum entfernt und durch ein paar einfache Requisiten, Abramović und ihre Assistenten ersetzt; die Menschen standen stundenlang Schlange, um hineinzukommen. Sie erhielt den Schlüssel zur Galerie und stand jeden Morgen am Eingang, um die Besucher zu begrüßen: „Guten Morgen, danke für Ihr Vertrauen.“ Abends bedankte sie sich noch einmal bei ihnen, bevor sie die Türen abschloss. „Ich habe den Schlüssel immer noch“, sagt sie. „So kann ich hingehen und mein Leben in der Serpentine beginnen.“

Die Strenge der Mutter

Ihre Kindheit im kommunistischen Jugoslawien taucht in ihrem Werk immer wieder auf. Sie wuchs mit fordernden Eltern auf – ihre Mutter erlaubte ihr beispielsweise bis zu ihrem 29. Lebensjahr nicht, nach 22 Uhr außer Haus zu sein –, und erst nach dem Tod ihrer Mutter entdeckte Abramović Tagebücher, die darauf hindeuteten, dass die Strenge ihrer Mutter darauf abzielte, ihre Tochter stark, zu einer Kämpferin zu machen. „Hätte ich diese eine Seite gelesen, bevor sie starb, wäre meine Beziehung zu ihr ganz anders gewesen“, sagt ­Abramović seufzend. „Aber das habe ich nicht.“

Sie studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad, begann jedoch schon bald, die Welt um sich herum als Ausdrucksmittel für ihre Kunst zu betrachten. Performancekunst wird oft verspottet, doch sie betont: „Ich lese meine Kritiken nicht. Früher nannten sie mich verrückt. Hätte ich mit 23 meine Kritiken gelesen, hätte ich das Haus nicht mehr verlassen.“

Ende der 70er-Jahre, nach dem Ende ihrer Ehe mit dem serbischen Konzeptkünstler Neša Paripović, zog sie nach Amsterdam, wo sie den deutschen Performancekünstler Frank Laysiepen kennenlernte, der unter dem Künstlernamen Ulay bekannt war. Das Paar gründete ein Kollektiv namens „The Other“ und kleidete sich in seinen Arbeiten wie Zwillinge und verhielt sich auch so.

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Marina Abramović vor ihrem Kunstwerk „Wartesaal“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin 1993.

 © Getty Images

Ihre Beziehung zu Ulay bleibt eines der prägendsten Kapitel ihres Lebens. Zwölf Jahre lang lebten und arbeiteten sie zusammen, reisten in einem Kleinbus und lebten von winzigen Gagen für ihre Performances. Ihre Partnerschaft endete 1988 mit „The Lovers“, bei dem sie drei Monate lang von entgegengesetzten Enden der Chinesischen Mauer aufeinander zugingen.

Nachdem sie sich jahrelang entfremdet hatten, versöhnten sie sich kurz vor „The Artist Is Present“. Als Ulay sich 2010 im MoMA unerwartet ihr gegenüber setzte, brach Abramović ihre eigene Regel und streckte die Hand über den Tisch aus, um seine Hände zu ergreifen. Diese Begegnung wurde zu einem der eindringlichsten Momente der Performance, die online von mehr als 20 Millionen Zuschauern verfolgt wurde. „Drei Monate später verklagte er mich“, sagt sie spöttisch (er behauptete, er habe für ihr gemeinsames Werk zu geringe Tantiemen erhalten. ´Abramović wurde dazu verurteilt, ihm mehr als 250.000 Euro zu zahlen). „Ich sagte zu ihm: ‚Du hast gewonnen, ich habe verloren, weiter geht’s.‘ Dann sprachen wir nicht mehr miteinander und alles war ein Chaos.“

Kurz bevor Ulay 2020 starb, rief er Abramović an ihrem gemeinsamen Geburtstag an. „Er sagte zu mir: ‚Danke für das, was du für unsere Arbeit getan hast.‘ Das bedeutete mir sehr viel.“ Die Performance im MoMA im Jahr 2010 markierte zudem eine weitere Premiere. „In meinem ganzen Leben wurde ich noch nie für eine Performance bezahlt.“ Obwohl sie 1997 auf der Biennale in Venedig mit dem renommierten Goldenen Löwen als beste Künstlerin ausgezeichnet wurde, hatte sie sich mehr als 25 Jahre lang durch Lehrtätigkeiten an Institutionen wie der Académie des Beaux-Arts in Paris und der Universität der Künste Berlin finanziert. Während ihrer Zeit im MoMA konnte sie weder ihre Miete noch ihre Rechnungen bezahlen. Das Museum zahlte ihr schließlich genau den Betrag, den sie zur Deckung dieser drei Monate benötigte, sagt sie.

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Marina Abramović und ihr ehemaliger Partner, der Performance-Künstler Ulay (Frank Laysiepen), 2010 im MoMA in New York.

 © Getty Images

Ihr Arbeitspensum ist nach wie vor gewaltig. Nach einer Ausstellung in der Galleria dell’­Accademia in Venedig, die am 18. Oktober endete – Abramović ist die erste lebende Künstlerin, die dort eine Ausstellung hat –, geht ihr Werk „Transforming Energy“ nach Rom. Im Manhattan Balloon Museum versetzt ihre neue Installation „Snowy / Windy / Spring on the Planet Z“ die Besucher in eine aufgeblasene Landschaft, während die Künstlerin die Namen von Sternen und Galaxien vorträgt.

„Ich habe 36 Stunden gebraucht, um allein die Namen aufzunehmen“, sagt sie, begeistert von der Absurdität.

Ihr Verhältnis zum Risiko hat sich jedoch gewandelt. Beim Glastonbury-Festival 2024 führte sie „Seven Minutes of Collective Silence“ auf und war unerwartet nervös, dass das Publikum vielleicht nicht mitmachen würde. Die Ironie entging ihr nicht. „Ich war bei ‚Seven Minutes of Silence‘ in Glastonbury nervöser als bei einigen der gefährlichsten Dinge, die ich je getan habe.“ Der Designer Riccardo Tisci entwarf für sie ein Kleid mit Peace-Zeichen für die Performance – tatsächlich ist sie ein fester Bestandteil der Fashion-Week-Szene und besucht Shows wie die von Prada und Versace.

Ende der Selbstgeißelung

Ihren eigenen Körper empfindet sie nicht mehr als etwas, das sie für ihre Arbeit opfern muss. Nach Jahren der Selbstkasteiung und bis zu zehn Flügen pro Woche rieten ihr Ärzte kürzlich davon ab, zu einer Vernissage nach Berlin zu fliegen. Die Performance fand ohne sie statt – und war ausverkauft. „Ich verstehe jetzt, dass es nicht notwendig ist, dass ich jedes Mal dabei bin“, sagt sie. „In vielerlei Hinsicht werde ich zu einem Hindernis für meine eigene Arbeit. Die Leute wollen mich sehen, sie machen Selfies mit mir. Aber eigentlich sollten sie sich das Werk ansehen.“

Für eine Künstlerin, deren physische Präsenz einst das Medium war, ist das eine tiefgreifende Veränderung. Tatsächlich ist ihr Leben jetzt deutlich weniger dramatisch. Sie führt eine gesunde Beziehung mit dem Produzenten und Mixed-Reality-Unternehmer Todd Eckert, der 20 Jahre jünger ist als sie. Steht eine Hochzeit bevor? „Nein. Nie wieder. Ich lebe seit zehn Jahren mit Todd zusammen, aber wir sind so, wie es ist, wirklich glücklich. Ich brauche diese Worte nicht zu sagen – in guten wie in schlechten Zeiten und all den anderen Quatsch. Nein.“

Marina Abramovic: Long Life, Short Stories

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Sie hat keine Kinder (sie hat zuvor erklärt, dass diese für ihre Arbeit „eine Katastrophe“ gewesen wären) und bereut das auch nicht. Ihr Vermächtnis wird stattdessen durch das Marina-Abramović-Institut – mit Sitz in Hudson, New York, und in Griechenland – sowie durch ihr Werk weitergeführt. Sogar das Zeichnen, das sie mit 23 aufgegeben hatte, als sie entschied, dass echte Erfahrung wichtiger sei als Darstellung, hat sie wieder aufgenommen. „Ich liebe das Zeichnen. Jedes Konzept und jede Idee, die ich habe, beginnt mit einer Zeichnung.“

Eine schwere Lungenembolie im Jahr 2023 nach einer Operation veränderte ihr Verhältnis zur Sterblichkeit. Als sie im selben Jahr nicht nach London zur Eröffnung ihrer Retrospektive in der Royal Academy fliegen konnte – eine weitere Premiere für eine lebende Künstlerin –, reiste sie stattdessen mit der Queen Mary 2. „Ich bin nicht gestorben“, sagt sie. „Also habe ich ein Geschenk bekommen. Darauf muss ich achten.“

Erholung in Fuschl

Sie hört nun gegen 16 Uhr auf zu arbeiten, liest, schwimmt und nimmt sich einfach Zeit zum Leben. „Ich achte sehr auf meine körperliche Verfassung. Ich treibe regelmäßig Sport und schwimme, wann immer ich die Gelegenheit dazu habe. Außerdem fahre ich mindestens dreimal im Jahr nach Fuschl am See in Österreich, zu Dr. Nonna Brenner. Sie ist eine Ärztin aus Kasachstan, die mich vor einigen Jahren vollständig von der Lyme-Borreliose geheilt hat. Sie arbeitet mit Energie, Kräutern und einer speziellen Schwingungstechnik.“

Abramović schaltet einen Gang zurück, aber sie hört nicht auf. Wenn überhaupt, ist sie noch ehrgeiziger. Es gibt noch ein bisher nicht realisiertes Werk, das sie schaffen möchte: „Come Wash with Me“. In diesem vor Jahrzehnten konzipierten Projekt sollen sich die Besucher ausziehen, ihre Kleidung zum Waschen und Bügeln abgeben und anschließend gereinigt daraus hervorgehen. Das fühlt sich an wie eine perfekte Metapher dafür an, wo Abramović gerade steht.

Sie beschreibt drei Marinas: die spirituelle, die Kämpferin und die „Bullshit-Marina“ – den Teil von sich, den sie einst zu unterdrücken versuchte. „Ich habe Jahre gebraucht, um den Frieden zwischen den dreien zu finden, und es war ein echter Kampf, aber sie leben alle sehr gut miteinander in mir.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 43/2026 erschienen.

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