Heinz Sichrovsky
©Matt ObserveEin längerer Blick über das Wissenschaftsressort seit der Gründung durch Kreisky und Firnberg: Jahrzehnte war dafür das Beste gut genug. Heute halten wir beim Soziologie-Bachelor, und die SPÖ bringt 300.000 Jungwähler gegen sich auf. Mich Altwähler auch.
Sollten Sie per Zufall beabsichtigen, das Tibetische Hochplateau von Westen nach Osten zu durchwandern, so passen Sie um Buddhas Willen auf, dass Sie nach 2.500 Kilometern in der Waagrechten nicht 6.000 Meter senkrecht in die Tiefe stürzen. Ich packe dieses (ausnahmslos fremdgenerierte) Wissen nicht etwa aus Solidarität mit den Geographen aus, die der verhaltenskreative Bildungsminister gerade aus den Lehrplänen befördern will. Auch Wiederkehr selbst kommt im Folgenden nur als liliputanische Stifterfigur am ganz unteren Rand vor.
Nein, ich wollte Sie auf die ungeheuren tektonischen Verwerfungen hinweisen, seit Bruno Kreisky 1970 für die Sozialdemokratin Herta Firnberg das Wissenschaftsministerium erfand. Der freie Zugang zu den Universitäten, den die promovierte Historikerin durchgesetzt hat, sichert ihr selbst einen Platz in der Geschichte. Ihre Nachfolger? Heinz Fischer (SPÖ), Hans Tuppy (ÖVP, ein Biochemiker von Weltrang), Erhard Busek (ÖVP), Rudolf Scholten (SPÖ) und der sozialdemokratische Vorzeigeintellektuelle Caspar Einem.
Und steil bergab
Soweit das Hochplateau. Beide Parteien setzten ihren Ehrgeiz daran, der Wissenschaft das Beste vom Besten zukommen zu lassen. Für das dann Folgende allerdings sind 6.000 Meter Absturz nicht übertrieben bemessen: Die große Zeit des Ressorts endete 2000 mit der schwarz-blauen Regierung. Die beiden Monate, in denen sich der FPÖ-Verkehrsminister Schmid an der Wissenschaft versuchen durfte, seien ihm dabei geschenkt. Aber ihm folgte Elisabeth Gehrer (ÖVP), die mit der Ausgliederung der Universitäten aus dem Bundesbudget das aktuelle Debakel maßgeblich mitverantwortet (den Blödsinnsrest gaben uns die sozialdemokratischen Unterrichtsministerinnen Schmied und Heinisch-Hosek mit der Zentralmatura).
Weiter ohne Anspruch auf Vollzähligkeit: Der Klassische Philologe Karlheinz Töchterle (ÖVP) war ein Lichtblick von bloß zweieinhalb Jahren, ehe er Reinhold Mitterlehner, Harald Mahrer und für wenige Wochen der großen Margarete Schramböck weichen musste. Auch der glückhaft agierende Professor Faßmann wurde binnen zweier Jahre als Irrtum erkannt und durch Martin Polaschek ersetzt.
Wer allerdings die Verdienste dieses rechtskundigen Steiermärkers mehr bei der Coiffure verortet hat, muss sich heute bestürzt entschuldigen: Nach einem Monat Interimsinhaberschaft durch Christoph Wiederkehr trat am 1. April 2025 Eva-Maria Holzleitner ins Licht (und wer wollte Margarete Schramböck da einen Wehmutsblick versagen?). Die 6.000 Meter im freien Fall haben wir damit schon fast absolviert: Der Aufprall steht unmittelbar bevor.
Wie man 300.000 Wähler vertreibt
Was sich nämlich jetzt als Resultat der skandalösen Entwicklung des Universitätsbudgets anbahnt, ist eine Bedrohung sondergleichen. Die Ministerin hat der Präsidentin der Universitätenkonferenz schon im Mai ihr Desinteresse an der Wissenschaft zu verstehen gegeben, logisch aufgrund der bescheidenen akademischen Genesis: stellvertretende Schulsprecherin (Wiederkehr war wenigstens Schulsprecher), jetzt als Bachelorette der Soziologie demonstrativ mit dem Frauenministerium ausgelastet. Als genügte diese offene Verachtungsbekundung der Wissenschaft gegenüber nicht, soll die Postensammlerin nun auch noch die havarierte SPÖ am Sinken hindern. Statt das den Universitäten zugedachte Unheil noch irgendwie in Schach zu halten.
Es gibt nichts Wahnsinnigeres, als Kunst, Wissenschaft und Frauenpolitik gegeneinander auszuspielen
Die SPÖ bringt mit der Wahl dieser Interimsvorsitzenden termingenau 300.000 studierende Jungwähler gegen sich auf. Insgesamt wird es für die Partei eng zum Ersticken. Wien vielleicht noch ausgenommen, sind auch die Künstler weg: Der Katastrophenkunstminister Babler hat ihnen das mikroskopische Budget um genau jene Summe gekürzt, die Holzleitners Frauenressort mehr bekommt.
Ich gönne ihr die Erhöhung gern. Aber es gibt für eine linke Partei nichts Wahnsinnigeres, als Kunst, Wissenschaft und Frauenpolitik gegeneinander auszuspielen: Am Ende sind alle weg. Der unsterbliche Kampfruf „Freundinnenschaft“, den die Ministerin auf einem Parteitag kreiert hat, wird prognostizierbar nur wenige aufhalten.
Die Gefahr der Demonstrationen
Dennoch konnten und können Sie mich, den sprichwörtlich gepeinigten SPÖ-Stammwähler, an den dafür vorgesehenen Donnerstagen demonstrierend vor der Universität treffen (wenn’s geht, nicht mit der gestreckten Geraden). Ich halte das sehr fallweise so, seit ich mit dem bedeutenden Kritikerkollegen Franz Endler anno 2000 einträchtig gegen Schwarz-Blau gelatscht bin, obwohl uns ein langer Streit entzweite.
Wenn nur das Demonstrationsrecht nicht in solch gefährlichem Zustand wäre. Erstmals erleben wir in Frankreich und anderen Ländern, wie der Traum des Jahres 1968 wahr wird: Die Gewerkschaften solidarisieren sich mit den demonstrierenden Jungen! Nur hat sich der Vorgang mittlerweile zur Apokalypse pervertiert: Nichts ist in diesen Zeiten aggressiver politischer Ahnungslosigkeit leichter, als eine Demonstration kriminell zu unterwandern.
Ich ziehe also jedes Mal nicht ohne Bangigkeit los. Trotzdem versuche ich es fürs Erste weiter: Es kann nichts Unstatthaftes sein, eine ungeeignete Politikerin, die uns hoffentlich nichts Schlimmeres eingewirtschaftet hat, aus dem Amt zu demonstrieren.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 44/2026 erschienen.
