Nach vor oder zurück? Eine Stunde mehr Schlaf oder eine Stunde weniger? Die USA wollen damit Schluss machen und die permanente Sommerzeit einführen. Die EU versprach die Abschaffung der Zeitumstellung schon 2018. Alle sind dafür. Warum es dennoch nicht gelingt.
Zeit lässt sich bekanntlich nicht kaufen, aber sehr wohl verbiegen. Eine Stunde. 60 Minuten. 3.600 Sekunden. Das kann, je nach Situation, sehr lang oder auch sehr kurz sein. Zwei Mal im Jahr ist es jedenfalls eine hoch emotionale Zeitspanne, nämlich dann, wenn an der Uhr gedreht wird.
Wenn die Zeiger im März eine Stunde vor- und im Oktober eine Stunde zurückgestellt werden. Es ist kaum zu glauben, wie viel Aufheben um eine Stunde gemacht werden kann, welches Potenzial für Polarisierung in diesen 60 Minuten steckt und wie sehr um eine Lösung, die offenbar nie wirklich richtig sein kann, gerungen wird.
Einst wurde die Sommerzeit eingeführt, um das Tageslicht besser zu nutzen und um Energie zu sparen. Dies geschah zunächst in Deutschland und Frankreich während des Ersten Weltkriegs, zahlreiche Staaten folgten dem Beispiel. Die moderne Sommerzeitregelung stammt aus den 1970er-Jahren. Weltweit gibt es dieses System in rund 70 Ländern, mehr und mehr Staaten haben jedoch in den vergangenen Jahren beschlossen, die Umstellung abzuschaffen.
Wo wie an der Uhr gedreht wird
Island hat bereits seit 1967 nur eine Zeit, die Türkei schaffte das Vor- und Zurückdrehen 2016 ab, Mexiko und Iran im Jahr 2022. Doch auch eine Änderung muss nicht zwingend erfolgreich sein: Russland etwa führte 2011 die dauerhafte Sommerzeit ein, dadurch wurde es in einigen Provinzen plötzlich erst um 10 Uhr morgens hell. Die sozialen Netzwerke quollen regelrecht über mit Fotos von übermüdeten Schülern, die im Stockdunkeln in die Schule marschierten, auch Eltern und Lehrer machten ihrem Unmut Luft. 2014 drehte Präsident Wladimir Putin an der Uhr, seither gilt die ständige Winterzeit. Aber auch das macht längst nicht alle glücklich, es gibt unzählige Berichte mit Klagen über die frühe Dunkelheit im Winter.
In Ägypten ticken die Uhren, so scheint es, ohnehin ganz eigenwillig. Die Geschichte des ägyptischen Hickhacks ist lang, skurril und bezeichnend für das Dilemma: Die Briten führten die Zeitumstellung während des Zweiten Weltkriegs ein, nach Ende des Kriegs wurde sie zunächst abgeschafft und 1988 wieder aktiviert. Als der damalige Präsident Hosni Mubarak unter dem Druck der Bevölkerung 2011 zurücktrat, war dies auch das erneute Ende der Zeitumstellung. 2014 wurde die Sommerzeit wegen einer Energiekrise doch wieder eingeführt, 2016 folgte die – vermeintlich endgültige – Abschaffung.
Die Entscheidung wurde damals sehr plötzlich getroffen und führte zu einem gewaltigen Chaos. Ferngesteuerte Uhren zeigten die falsche Zeit an, auf den Flughäfen war das Tohuwabohu am größten. Die staatliche Fluggesellschaft EgyptAir musste hohe Strafen zahlen, da alle Flugtickets bereits mit der Sommerzeit gedruckt worden waren. Damit war die Zeit-Posse aber noch immer nicht beendet: Aus wirtschaftlichen Gründen, also um Energie zu sparen, wird seit 2023 wieder an der Uhr gedreht.
Viel Ärger, wenig Ersparnis
In Österreich zeigen Studien, dass der Effekt der Energieeinsparung durch die Zeitumstellung äußerst gering ist. Dafür gibt es umso mehr Untersuchungen, die sich auf die gesundheitlichen Folgen für Menschen und Tiere konzentrieren. Demnach leiden viele Personen unter Müdigkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen, auf den Straßen komme es vermehrt zu Wildunfällen und Kühe würden aufgrund von Stress weniger Milch geben.
Umfragen zeigen immer wieder die Unbeliebtheit der Zeitumstellung: Das Linzer Market-Institut erhob etwa im heurigen Frühjahr, dass sich 80 Prozent der Bevölkerung für eine Abschaffung aussprechen.
Jean-Claude Juncker, damaliger EU-Kommissionspräsident zum Ende der Zeitumstellung im Jahr 2018.
Die USA wollen nun genau dies durchziehen. Das Repräsentantenhaus stimmte vor Kurzem mit einer deutlichen Mehrheit für die Einführung einer permanenten Sommerzeit. Nun müssen noch die zweite Kammer, der Senat, sowie US-Präsident Donald Trump zustimmen. Aber auch in den USA ist das Thema durchaus umstritten. 1960 wurde die Zeitumstellung eingeführt und immer weiter ausgedehnt, aktuell dauert sie von Anfang März bis Anfang November.
Infolge der ersten Ölkrise in den Jahren 1974 und 1975 gab es den Versuch, eine generelle Sommerzeit zu installieren, das Experiment wurde nach Protesten jedoch wieder abgebrochen. Sollte der Plan jetzt umgesetzt werden, ist für Ausnahmen gesorgt, es müssen sich nicht alle daran halten. Für kritische Bundesstaaten gibt es eine Ausstiegsklausel. Schon jetzt beteiligen sich nicht alle Teile der USA am Drehen der Uhren, so haben etwa Hawaii, Arizona und Überseegebiete wie Puerto Rico keine Sommerzeit.
Klares Votum ohne Folgen
Und wie sieht es eigentlich in der EU aus? Wurde da nicht schon vor etlichen Jahren das Aus für die Zeitumstellung verkündet? Nach einer europaweiten Umfrage im Jahr 2018 erklärte der damalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker: „Millionen haben geantwortet und sind der Auffassung, dass es so sein sollte. Die Menschen wollen das, wir machen das.“ Würde es eine Steigerung von falsch geben, müsste man diese hier anwenden.
Das Paradoxe daran ist: Es sind zwar so gut wie alle für eine Abschaffung der Zeitumstellung, dennoch ist seither nichts passiert. Wie kann das sein? Bei der Umfrage 2018 trudelten rund 4,6 Millionen Antworten ein, und diese brachten ein eindeutiges Ergebnis. 84 Prozent sprachen sich für das Ende der Zeitumstellung aus. Ein genauer Blick auf die Resultate zeigt die Bandbreite der Meinungen und auch das unterschiedliche Interesse an dem Thema: In Deutschland, Österreich und Luxemburg war die Beteiligung an der Befragung am größten, Griechenland und Zypern stimmten für die Beibehaltung der jetzigen Regelung, Malta zeigte sich gespalten.
Die Abschaffung auf Endlosschleife
Die EU-Kommission präsentierte daraufhin einen Vorschlag: Künftig solle es nur noch eine Zeit geben. Auch das EU-Parlament stimmte zu. Doch Brüssel legte sich nicht fest, ob Sommer- oder Winterzeit gelten solle, dies überließ man den Mitgliedstaaten. Und genau hier liegt das Problem, die Länder können sich nicht einigen. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen. Bei einer ständigen Sommerzeit würde für Staaten im Westen die Sonne erst sehr spät aufgehen, im Osten wäre es bei dauerhafter Winterzeit dagegen sehr früh dunkel.
Zahlen & Fakten
84 Prozent stimmten 2018 in einer Umfrage der EU für das Aus der Zeitumstellung. 4,6 Millionen Menschen gaben dazu ihre Meinung ab
0,5 Prozent des nationalen Energieverbrauchs beträgt das Einsparungspotenzial laut einer Studienauswertung im Auftrag der EU 2014
5 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko ergab eine Metaanalyse von sieben Studien (über 115.000 untersuchte Personen) zur Frühjahrsumstellung
Österreich hält sich, so wie mehrere Länder, vornehm zurück. Man könnte auch sagen, Österreich macht es sich leicht. Die Regierung hat sich nicht festgelegt, welche Zeit präferiert wird. „Wir warten auf den Vorschlag der Kommission“, sagte dazu vor einigen Jahren Ex-Wirtschaftsminister Martin Kocher.
An dieser Position hat sich nichts geändert. „Eine Änderung der derzeitigen Zeitregelung kann nur gemeinsam und europäisch abgestimmt erfolgen. Dabei ist auch auf die geografischen Zeitzonen und Längengrade Rücksicht zu nehmen“, heißt es heute aus dem Wirtschaftsministerium. Eine Fragmentierung der Zeitzonen zu einem „Zeitfleckerlteppich“ gelte es zu vermeiden, da dies erhebliche negative Konsequenzen für den Binnenmarkt, den grenzüberschreitenden Verkehr und die Wirtschaft hätte.
Vonseiten der Kommission heißt es allerdings, der Ball liege bei den Mitgliedstaaten. So geht seit 2018 nichts voran, Europa blockiert sich selbst. Und es sieht nicht so aus, als ob sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern würde. Die letzte ernsthafte Diskussion fand 2019 statt, im vergangenen Jahr schien es kurz so, als ob das Vorhaben nicht nur auf Eis liege, sondern überhaupt komplett gestrichen werde. Im Zuge des Lüftens des EU-Gesetzes-Dschungels gab es Überlegungen, den Vorschlag zur Abschaffung der Zeitumstellung zurückzunehmen. Er steht jedoch weiter auf der Liste der EU-Vorhaben. Und dort steht er nun – ohne Aussicht auf Umsetzung.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 43/2026 erschienen.
