Bilderbuch haben aus Schmäh, Stil und Weltstar-Attitüde ein neues österreichisches Pop-Selbstbewusstsein erschaffen. Nun ist die Realität in der schillernden Welt der Art-Pop-Band angekommen: Sänger Maurice Ernst stellt sich digitaler Überforderung, einer verletzenden Trennung und Fragen zum guten Altern.
Man kann auch mal warten. Die digitale Welt ein paar Jahre lang nicht im Wochentakt mit neuer Musik füttern. Interview-Abstinenz kultivieren. „Ich habe das Gefühl gehabt, ich habe schon sehr viel gesagt. Ich wollte mich nicht mehr klugscheißen hören“, sagt Maurice Ernst nach ein paar leisen Jahren. Der Bilderbuch-Sänger steht damit klar in Opposition zum Zeitgeist.
Aber das ist schließlich jene Attitüde, die aus den Schülerband-Jungs aus Oberösterreich die viel zitierten Austropop-Erneuerer gemacht hat. Größenwahnsinnig, sexy, kunstaffin und demonstrativ international krachte Bilderbuch Mitte der 2010er-Jahre in eine spannende, aber fragmentierte Musikszene ohne großes Pop-Selbstbewusstsein. Die „Maschin“ von Bilderbuch konnte nur der gelbe Lamborghini Diablo sein.
Vom Magic Life in die Wirklichkeit
Im Archiv der Bilderbuch-Meilensteine kann man einer Generation beim Erwachsenwerden zuhören. „Schick Schock“ spielte 2015 mit Lust am Konsum und der Idee, alles sei möglich. „Magic Life“ war 2017 der All-inclusive-Club einer Generation, die ahnt, dass ihr Wohlstand nicht selbstverständlich ist. 2019 beschwor „Europa 22“ offene Grenzen und Frieden im Bewusstsein, dass alles verloren gehen kann.
Auf dem neuen Album „∞+1“ (ausgesprochen: „Unendlich plus 1“) hört man Krieg, Künstliche Intelligenz und Selbstoptimierungswahn in der schillernden Bilderbuch-Welt ankommen. Sich auf diese Wirklichkeit einzulassen, war eine bewusste Entscheidung der Band. „Eine Frage war: Wo positioniere ich mich als Lyriker?“, erzählt Ernst. „Eine weitere: Was können wir überhaupt sagen? Ich habe dann gespürt, dass ich für mich selbst wieder die Ellbogen auspacken muss. Das Album verkörpert eine Art von Enge, aus der ich ausbrechen möchte.“ Nach Jahren erklärt sich der Bilderbuch-Sänger wieder in Interviews, „weil, da draußen so viele laute Idioten sind, denen man eine entspannte, positive Alternative anbieten muss“.
Das Album
Auf eine enger gewordene Welt reagieren Bilderbuch maximal beweglich. Auf „∞+1" („unendlich plus eins") treffen digitale Überforderung, KI und Kriegsgegenwart auf nervöse Elektronik, Gitarren und lustvolle Harmonien.
Wenn KI unendlich viel Musik ermöglicht, ordnet Bilderbuch den Sound neu und verdichtet ihn zum +1 aus Menschenhand: unruhig, eigensinnig, wohlig. Sehr Bilderbuch. (Maschin Records)
Zu zeigen, dass es mehr gibt als extreme Positionen und mit Musik Brücken zu bauen in einer Gesellschaft, die das Trennende zur Leitkultur erhoben hat, nennt Ernst als Ziel.
Er beobachtet eine Generation, die den Körper zum „Zufluchtsort“ macht. „Ängste bestimmen das Leben. Das ist nicht nur auf politischer Skala sichtbar, sondern in kleinen Entscheidungen: Ich glaube nicht, dass es Zufriedenheit ausdrückt, wenn man seine Herzrate rund um die Uhr überwacht“, sagt er.
Sexy ist nicht Sex
Im Song „Push Reality“ spielen Bilderbuch mit einer Realität, die zunehmend künstlich erstellt wird. „Zahlen als Beweis“ kreist um die Idee, dass etwas erst wertvoll ist, wenn es sich messen lässt. Die Ballade „Baby Junkie“ thematisiert permanente Reize, die uns zuerst in die Sucht und dann in die Abstumpfung führen. „Junge Leute müssten diesen digitalen Raum wieder ein bisschen sprengen“, wünscht sich Maurice Ernst. „Ich hoffe, dass sie nicht ferngesteuert bleiben, sondern ein Nein formulieren.“
Selbst das Bilderbuch-Lieblingswort „sexy“ bekommt nun eine gesellschaftspolitische Dimension. Sex gebe es heute reichlich in der Musik, sagt Ernst, Sexyness weniger. „Eine gute Ballade ist sexy. Eine schöne Metapher ist sexy. Prince ist sexy. Das ist auch ein Synonym für Lockerheit. Die fehlt der pornografischen Musik, die zuletzt so zugenommen hat: Sie gibt sich befreiend und bedient doch nur Stereotype und Provokation.“ Sexy braucht aber Andeutung und Fantasie. Beidem gibt die Band in ihrer visuellen Sprache großzügig Raum.
Bilderbuch live sind: Lukas König, Uche Yara, Maurice Ernst, Philipp Scheibl und Peter Horazdovsky
© Lukas GanstererFür ihre Videos, die immer mehr wie Arthouse-Filme um die Ecke kommen, verpflichtete Bilderbuch unter anderen Regisseur Luis Sanchis (Daft Punk, Madonna), drehte mit Stanko Repac einen 15-minütigen Kurzfilm und flog zu aufwendigen Drehs nach Marokko und in die Arktis. Mal tragen die Musiker Mülltonnen über dem Kopf – als Ausdruck der Anonymisierung –, mal schirmt ein Sturzhelm Maurice Ernst am Strand von der Natur ab.
Ein Bilderbuch-Song, so scheint es, ist erst fertig, wenn er eine optische Welt hat, in der er atmen kann. „Für eine gewisse Tiefe brauchst du diese Welten“, erklärt Ernst den Kunstanspruch. „Es geht darum, dem Text und der Musik etwas hinzuzufügen, und damit einen Schritt in die Abstraktion zu machen. Den Inhalt mal um 180 Grad zu drehen und die Fantasie anzuregen. Und natürlich: A bissl weird bleiben.“
Altern ohne alt zu werden
Das neue Album ist ein Break-up-Album. Kurz vor Fertigstellung verließ Gitarrist Michael Krammer nach 17 gemeinsamen Jahren die Band. Es gab keinen Streit. Krammer ist Vater geworden und hat einen zweiten Lebensmittelpunkt in Uruguay erschaffen. Er will wissen, wie sich ein Leben anfühlt, in dem keine Band über die Termine entscheidet. „Es war eine Überraschung. Logischerweise ist eine Verletzung da. Aber man muss das Gute betonen und wir haben mit Uche Yara unglaubliches Glück“, sagt Ernst.
Die neue Gitarristin Uche Yara.
© Lukas GanstererDie 24-jährige Musikerin Uche Yara, die Bilderbuch statt Krammer nun live ergänzt, ist fast so alt wie die Band (Gründungsjahr 2005). Sie wuchs als Bilderbuch-Fan zu einer Musikerin mit einer beeindruckenden Solokarriere. „Uche denkt wie wir und kann unsere Songs verkörpern. Das können nicht viele“, sagt Ernst und man spürt seine Zufriedenheit über den Vorwärtsdrall, den Uche Yara angestoßen hat.
Überhaupt denkt Maurice Ernst lieber nach vorne. Statt über den Maurice von „Maschin“ spricht er lieber über den Sänger von morgen. „Es gibt ja nur zwei Wege: Aufhören. Oder mit der Band einen Zustand der Zeitlosigkeit erreichen. Musik finden, mit der man gut altern kann.“ Gut altern? „Gleichzeitig bin ich eine unruhige Seele, und Veränderung ist ja Kraft“, legt er nach. „Und die lasse ich nicht gern ungenutzt.“
Die Tour-Daten
Nach gefeierten Clubkonzerten im Flex legen Bilderbuch 2027 live nach:
7. August 2027 Linz – Klassik am Dom
14., 15., 16. September 2027 – Wien, Arena Open Air
Der Vorverkaufsstart hat am 8. Oktober 2026 begonnen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 41/2026 erschienen.
