Die Sehnsucht nach Schönheit, die Lust an der Farbe und die Befreiung der Form: Im Wiener Künstler:innenhaus zeigt die Ausstellung "Dalpra" – eine Werkschau der Sammlung Werner Trenker – eine synergetisches Koexistenz künstlerischer Medien. Und eröffnet den Blick auf die malerischen Wurzeln des Künstlers Mario Dalpra.
Dort, wo Malerei und Skulptur aufeinandertreffen, beginnt die Arbeit von Mario Dalpra. „Was zuerst auffällt, ist die Farbe“, so Kurator Günther Oberhollenzer beim Blick auf die Arbeiten aus der Sammlung Werner Trenker. „Dann kommt die Form. Und erst dann stellt sich die Frage, was man da eigentlich sieht.“ Die Antwort lässt Dalpra offen: Sich festzulegen, scheint in Anbetracht der formal-ästhetischen Vielschichtigkeit des Œuvres nie auch nur eine Option gewesen zu sein.
Dabei beginnt Dalpra seine Kunst mit etwas, das heute die Wenigsten mit ihm assoziieren: Malerei. Nach absolvierter Kochlehre und anschließender Maturaschule zieht es den gebürtigen Vorarlberger nach Wien, wo er sich über zwei Jahre in einem Jesuitenkloster auf die Aufnahmeprüfung an der Akademie vorbereitet. Dort aufgenommen, studiert er Malerei bei Arnulf Rainer. Entgegen seinem abstrakten Lehrmeister bleibt Dalpra die Figur erhalten. In ihrer Ästhetik an Höhlenmalerei erinnernd, kratzt er zunächst Figuren – die sich einer eindeutigen Zuschreibung entziehen – in seine flächigen Farbräume. Früh reüssiert er mit dieser singulären Darstellung in Australien und New York. Anfang seiner 30er ist die internationale Durchsetzung zum Greifen nah. Doch Dalpra entsagt dem Kunstmarkt.
Als würde Farbe sich akkumulieren und zur Form werden, erobern Dalpras organische Skultpruen den Raum.
© Michael NaglIsolation als Quelle
Das Laute, die Selbstdarstellung und der damit einhergehende Druck widerstreben ihm zusehends. Schließlich passiert seine Kunst seit Anbeginn im Rückzug; in der Stille vermeintlicher Einsamkeit. Mit drei Jahren verbrüht sich der Künstler große Teile seines rechten Armes. Die Andersartigkeit seiner Haut resultiert schließlich in Isolation. Darin, einer bewussten Auseinandersetzung mit sich selbst, findet er seit Kindheitstagen schöpferische Kraft: „Die aus der damaligen Ausgrenzung resultierende Isolation hat überhaupt erst zur eigenständigen Form meiner Kunst geführt – sie hat mich gelehrt, allein zu sein. Und daraus, aus dem Alleinsein, entwächst bis heute meine Kreativität“, so Dalpra.
Die Welt bereisend, entwickelt er – inspiriert von all den Eindrücken – seinen formalen Ausdruck stetig weiter. Als ihn in Brasilien Capoeira-Tänzer zu einem neuen Bildzyklus inspirieren, emanzipiert sich die Figur endgültig aus der Enge der Zweidimensionalität. Die Malerei stößt an ihre Grenzen; sie kann die körperliche Dynamik nicht mehr wiedergeben. Es entstehen erste Skulpturen aus Holz – der Startschuss eines immerwährenden Experiments. Ein von der Sehnsucht nach Schönheit getriebenes Forschen zwischen Materialität, Farbe und Form.
Organische Formen finden sich auch in Dalpras Malerei wieder. Die expressive Farbigkeit ist gemeinsamer Nenner.
© Michael NaglZwischen Medien
Doch die Malerei? Sie bleibt. Eindrucksvoll zeigt die Ausstellung "Dalpra" im Künstler:innenhaus das Ausloten an der Schnittstelle zweier Medien – sie ist Sinnbild des permanenten Oszillierens. Als wäre die Form in Farbe gegossen und würde die Farbe zur Form werden. Die expressiv-abstrakten Bildwelten und die organisch-anthropomorphen Skulpturen samt ihres oberflächlichen Perfektionsbestrebens formieren ein eigenes Universum. Einen künstlerischen Kosmos des Schönen. Für Initiator Werner Trenker ist die Gesamtheit des Ausstellungskonzepts essenziell: „Die Gegenüberstellung von Malerei und Skulptur zeigt einerseits die Eigenständigkeit beider Medien, aber eben auch deren virtuoses Zusammenspiel“, so der Kunstmäzen. „Es zeigt, dass Kunst und Schönheit einander nicht ausschließen. Außerdem schärft sich das Verständnis für Dalpras Kunst.“ Und genau darum gehe es Trenker: Einen niederschwelligen, nachvollziehbaren Zugang zur Kunst zu schaffen, sei soziale Verpflichtung bedeutender Sammlungen.
KUNSTTIPP
Vom 24. Oktober bis 15. November 2026 nimmt die von Günther Oberhollenzer kuratierte Ausstellung "Dalpra" mit auf eine künstlerische Reise. Eine Reise, die von Österreich über Australien und Indien bis nach Bali reicht und mittels Malerei sowie Skulptur erlebbar wird. Die gezeigten Arbeiten aus der Sammlung Werner Trenker geben Einblick in Mario Dalpras einzigartiges Schaffen.
