Triest verbindet geliebtes Einheimisches mit geliebtem Italienischem. Gilt es deshalb für viele als „Sehnsuchtsort“? Eine kulinarische Antwort.
Wer Triest in den 1980ern besuchte, tat sich schwer, hier irgendeine Art Sehnsucht zu empfinden. Die Stadt war grau und morbide, die Bevölkerung überaltert, der Hafen – bis auf den Kaffeeimport – bedeutungslos. Ein bisschen k.k.-Nostalgie, schon klar, aber der primäre Eindruck war: Verfall. Niemand wollte hin, alle wollten weg.
Veränderte Szenerie
Wie sehr hat sich die Szenerie geändert: Triest hat sich herausgeputzt, das Borgo Teresiano ist renoviert und wird von Fußgängerzonen durchquert, schicke Boutiquen und Cafés an jeder Ecke, daneben uralte Läden wie die Drogheria Toso oder Erik Oblaks Küchenbedarfsgeschäft, die offenbar irgendwie überlebt haben und deren Auslagen von erstaunten Touristen nun tausendfach auf Instagram gepostet werden.
Apropos Touristen: Die können in Triest mittlerweile auch schon in Massen auftreten, vor allem wenn in der Hauptsaison bis zu zehn Kreuzfahrtschiffe pro Woche anlegen. Denn: Fotos von der Piazza dell’Unita d’Italia, einem der größten zum Meer offenen Plätze Europas, dem Canal Grande, dem Schloss Miramare und dem zweihundert Meter langen Molo Audace will man einfach auf seinem Handy haben.
Cucina Mitteleuropea
Dabei hat Triest einen Schatz zu bieten, der sich zwar vielleicht nicht so gut auf Fotos macht, dafür in der Nebensaison genauso bemerkenswert ist wie im Sommer und sogar bei Regen oder Nebel – nämlich seine einzigartige Kulinarik.
In der Triestiner Küche kommen fast so viele Einflüsse zusammen wie in jener von Wien, aber andere und vor allem solche aus dem Süden und dem Norden, solche vom Meer und vom Hinterland. Die einstige Rolle Triests als der wichtigste Seehafen einer noch dazu multi-ethnischen europäischen Großmacht brachte es mit sich, dass sich hier die Küchentraditionen des in der Adria lange dominierenden Venedig mit den Kochgewohnheiten der Bauern und Arbeiter aus dem slowenischen Hinterland und nicht zuletzt der Esskultur der Herrschaftsmacht Österreich verband – was für eine tolle Mischung.
Panierte Fischchen und Stockfisch-Püree wie in Venedig, Schmorgerichte und Gesottenes wie in Ostösterreich, südsteirisch-friulanische Pinzen, Potizzen und Strudel, die herrliche Wurst-und Schinken-Kultur des Friaul genauso wie aus Prag und Wien, Pasta aus Istrien, Gegrilltes wie am Balkan – ein kulinarisches Gesamtkunstwerk. Dazu noch eine Weinkultur, die sich sehen lassen kann – und zwar sowohl die traditionelle als auch – und vor allem – die Naturweine der neuen, jungen Weingüter, der höchste Kaffeekonsum in ganz Italien (1.500 Tassen pro Kopf und Jahr, doppelt so viel wie im übrigen Italien) und eine Genuss- und Lebensfreude wie sie am Meer offenbar nun mal leichter anzutreffen ist als im Binnenland …
Zweitwohnsitz beim Genuss
Fünfeinhalb Stunden von Wien mit dem Auto, dreieinhalb von Graz, zweieinhalb von Klagenfurt, das ist eine Option, sechseinhalb Stunden stressfrei vom Wiener Hauptbahnhof ebenfalls. Und das Ganze mit weniger Trubel und zu weit geringeren Preisen als Venedig – da wundert es nicht, dass sich Triest von der einstigen Zwischenstation mit Kuriositätsfaktor zu einer der beliebtesten Wochenenddestinationen für genussfreudige Österreicherinnen und Österreicher entwickelt hat.
Und nicht nur das: Österreicher zählen laut lokaler Immobilienvermittler neben Ungarn, Slowenen und Kroaten zu den wichtigsten Käufern in Triest und Umgebung. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Triestiner Immobilienpreise stiegen seit 2019 um 62 Prozent, das kann früher oder später zum Gentrifizierungsproblem werden. Hoffentlich ohne Auswirkungen auf die einzigartige Köstlichkeit dieser Stadt.
Il Buffet – austro-italienische Imbiss-Fusion
540 Jahre Habsburger-Monarchie, das bleibt nicht ohne Folgen, auch nicht kulinarisch. Weshalb sich – nicht zuletzt durch den Ausbau Triests zum fünftgrößten Hafen Europas während der letzten Jahre der Zugehörigkeit Triests zu Österreich – auch ein ganz spezieller Lokaltypus entwickelte: Das „Buffet“ in seiner Triestiner Form ist ein einfaches Lokal, in dem man schnell einen Happen essen kann, in Triest „Rebechìn“ genannt, und in dem es sich auch Hafenarbeiter und Fuhrleute leisten konnten, satt zu werden.
Die typische Buffet-Küche ist eine Mischung aus alt-österreichischen und norditalienischen Rezepturen, viel gesottenes Schwein, aber auch panierte oder marinierte Fischchen, Kaiserfleisch, deftige Würste, Gulasch, Liptauer, Polpette und Baccalà. Dazu noch typische Triestiner Küche wie die Jota, der Sauerkraut-Bohnen-Eintopf. Gewürzt wird mit Kren und Senf, getrunken wird dazu Bier genauso gern wie Wein.
Eine Mischung, die es weder in Italien noch in Österreich so gibt. Und die in Triest prächtig funktioniert.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 28+29/2026 erschienen.
