Claus Curn hat gastronomisch schon so ziemlich alles erlebt, Höhen, Tiefen und alles dazwischen. Und machte sich zum 60er ein besonderes Geschenk: Einen Gasthof, der ganz seinen Vorstellungen entspricht.
Gasthof Kaiser


Peisching 33 (2754 Waldegg)Tel. 0677/644 59 771
Do, Fr 16-22, Sa 11.30-22, So 11.30-16 Uhr
nur Barzahlung
Claus Curn wollte eigentlich nicht, dass die Nachricht über seinen neu eröffneten Gasthof Kaiser so schnell in die Medien kommt. Das ließ sich allerdings – wieder einmal – kaum vermeiden. Denn Claus Curn sorgt seit 1992 immer wieder für Essen, bei dem einem das Herz aufgeht, und in 34 Jahren kommen da eben eine ganze Menge Leute zusammen, die genau so etwas schätzen.
Den Ort Peisching findet man nicht leicht, auch nicht mit Navi. Das mag vor 150 Jahren anders gewesen sein, als hier an der Piesting noch Kupferbleche für Zuckerfabriken, Spiritusbrennereien und Dampflokomotiven gewalzt wurden. Heute ist Peisching ein Ortsteil des auch nicht gerade urbanen Waldegg, und wer die kleine Brücke über die eingleisige Piestingtalbahn und die daneben gurgelnde Piesting übersieht, wird niemals im Gasthof Kaiser ankommen.
Das war so auch irgendwie der Plan, als sich Claus Curn vor 25 Jahren schon einmal hierher zurückzog, man könnte auch sagen: versteckte. Aber der Reihe nach: 1992 eröffnete Curn gemeinsam mit Franz Haslinger das „Vinissimo“ in Mariahilf, ein kleines Lokal, das Vinothek, Weinbar, Feinkosthandel und Trattoria auf einmal war und in dem der junge Claus Curn kreative Pasta-Gerichte und ein bisschen modernisierte Hausmannskost zubereitete. Klingt nicht übermäßig spektakulär, damals in den frühen 1990ern war das aber genau das, was das in Italophilie schwelgende Wien gerade haben wollte.
Rückzug, die Erste
Der Erfolg war groß, der Stress noch größer, Curn zog sich zurück. Und zwar aufs Land, ins Piestingtal, woher seine Mutter stammte. Er übernahm ein Imbiss-Lokal in einem ehemaligen Kleinkraftwerk an den Myrafällen, machte 1994 das „Gasthaus zum Blauen Hahn“ daraus. Der heutige Myrafälle-Tourismus existierte da noch nicht, Curn rechnete damit, hier in Ruhe und direkt am kleinen Stausee seine verspielten austro-mediterranen Gerichte wie gebackene Wachteln auf Salat, Himbeer-Risotto oder Spanferkel-RucolaRavioli kochen zu können. Irrte sich aber, denn als die Wiener Foodies Wind von dem entrischen Lokal bekamen, war wieder der Bär los.
Zumindest, wenn Sommer, Wochenende und schönes Wetter war. Um regelmäßiges Einkommen zu generieren, musste Curn also doch wieder nach Wien. Und tat sich mit Mario Manessinger zusammen, einem jungen Kärntner Filmemacher, in dessen Osteria hinterm Parlament die roten und grünen Abgeordneten, Abteilung Toskana-Fraktion, gerne einkehrten und der gerade dabei war, ein kleines Gastronomie-Imperium aufzubauen. Curn kochte 1996 also zuerst einmal in der Parlaments-Kantine (so gut hatten Österreichs Parlamentarier im Haus noch nie gegessen), dann mit großem Team und kleinerem Anspruch auch im Parlaments-Restaurant in der Reichratsstraße, es kamen dazu das „Café Lotto“ am Ring, das „Radio Café“ im Funkhaus, ein Kantinen-Restaurant in Heiligenstadt, ein Suppenlokal in Wiener Neustadt und Curns Blauer Hahn …
Das Versteck
Zu viele Lokale in zu kurzer Zeit, zu viele Kredite, das konnte nicht gutgehen. Manessingers Kartenhaus stürzte 1999 in sich zusammen, er nahm sich das Leben. Curn tauchte unter, verkroch sich, Und übernahm 2001 weitgehend unbemerkt ein baufälliges Gasthaus im Piestingtal namens „Kaiser“, das sich seit seiner Gründung 1870 nicht sehr verändert hatte: Alt, finster, winzig, kein warmes Wasser und eine Küche, die diesen Namen verdiente, gab’s auch nicht. Genau das Richtige für Curn damals, eher eine Einsiedelei als ein Gasthaus, der passende Ort, um über sich und das Leben nachzudenken und dabei halt ein bisschen was zu kochen, nur ein paar Sachen, jeden Tag was anderes, was es halt gerade gab.
Nun ja, wie das weiterging, kann man sich denken: Als die Nachricht von Curns neuem Landgasthaus durchsickerte, wollten mehr Leute hier essen als Peisching Einwohner hat. Gut zehn Jahre war der Gasthof Kaiser dann das Idealbeispiel des kleinen, versteckten, köstlichen Landgasthauses, 2012 ging Curn wieder nach Wien, kochte in Purzl Klingohr’s „Paradiesgartl“ neben den Interspot-Studios in Atzgersdorf, wechselte 2016 ins Golfclub-Restaurant des oftmaligen Rallye-Staatsmeisters Franz Wittmann im Adamstal, sorgte dort für zuverlässige Rundumverpflegung. Kein leichter, aber ein verlässlicher Job.
Noch einmal Kaiser
Aber Claus Curn wollte es halt noch einmal wissen. Und als das Gasthaus, in dem er sich von ganz unten wieder emporkochte, voriges Jahr erneut zu haben war, übernahm er den kleinen Gasthof Kaiser in Peisching 25 Jahre später also ein zweites Mal. Wenn man ihn fragt, ob er nicht einfach einmal Ruhe geben könne, sagt er: „Ja, da stimmt bei mir wohl irgendwas nicht.“ Ein Jahr lang renovierte er das winzige Gasthaus gemeinsam mit seinem Sohn Valentin teils eigenhändig, diesen Mai machte er wieder auf. „Es ist das Projekt ,Die letzten fünf Jahre‘, da koch’ ich nur mehr, was mir auch selber schmeckt.“
Also lauter typische Claus-Curn-Sachen wie zum Beispiel eine Landpastete mit selbst eingelegtem Senfgemüse oder ein Reisfleisch, wenn der Jäger gerade einen Überläufer (Wildschwein im zweiten Lebensjahr) vorbeibringt; oder rohen, geraspelten Karfiol mit Kräutern,
Salzzitrone und etwas mariniertem Saibling getoppt, wahnsinnig gut; oder ein Gericht, das als „Roher und Confierter Kohlrabi mit Buttermilch und Senfkörnern“ vermeintlich nur für Fans des Kohlgemüses interessant klingt – sich dann aber als eine Art gemüsige Geschmacksexplosion unter Buttermilchschaum entpuppt, bei der die Dopamine nur so sprühen.
Glücksküche
Die im Ganzen entgrätete Schwarzauer Bio-Bergforelle ist Fixstarter auf Curns kleiner Speisekarte, mal confiert, mal paniert, auch mit dem großen Stück vom drei Wochen gereiften Rinderrücken kann man rechnen. Und zum Glück mit einem Gericht, das Curn seit seiner Vinissimo-Zeit immer wieder einsetzt, das er inzwischen aber zur Perfektion brachte: Den guten, alten Sterz. Hier im Gasthof Kaiser aus Buchweizenmehl mit geschmorten Radieschen, gesalzenem, festem Joghurt und Chili-Crunch – wenn Glück einen Geschmack hat, dann diesen.


Radieschensterz: Wer hätte gedacht, dass Heidensterz so hübsch und so köstlich sein kann
© Matt ObserveDass Sohn Valentin im Sacher lernte, vermeint man manchen Speisen anzumerken, da funkelt eine gewisse großstädtische Eleganz durch. Und die macht sich gut an der Seite eines – am Sonntag fallweise angebotenen – Schweinsbratens, der 16 Stunden lang im Rohr war und zu den drei besten Bratln zählt, die ich je gegessen habe.
Claus Curn wirkt jedenfalls angekommen, so scheint es. Sei ihm vergönnt.
Die Wirtshauskulturen
Die Idee war in den 1990er-Jahren einigermaßen exotisch: Ein Restaurantführer, der nicht die erlesenen Gourmet-Hütten anführt, sondern familiengeführte Wirtshäuser, traditionell, verwurzelt, mit Stammtisch, Lieferanten und Rezepten aus der Region.
Die 1994 vom Land Niederösterreich ins Leben gerufene „Initiative Gulaschkobra“ - ursprünglich dazu gedacht, bei Betriebsübernahmen in der Gastronomie behilflich zu sein - wurde zwei Jahre später dann aber zum Projekt „Niederösterreichische Wirtshauskultur“ erweitert: Mit Aufnahmekriterien, mit der jährlichen Verleihung des Titels „Top Wirt“, mit einem Guide sowie einem markanten Schild an der Ortstafel jedes Dorfs, das einen „wirtshauskulturellen“ Wirten zu bieten hat - und war sehr erfolgreich.
Mit der Initiative wurde quasi ein eigener Tourismuszweig kreiert, heute werden von der „Niederösterreichischen Wirtshauskultur“ an die 200 Gastronomiebetriebe vermarktet. Die Wirtschaftskammer Oberösterreich startete mit dem Projekt „Kultiwirte“ ein ähnliches Modell, die 23 „Schmankerlwirte“ im Burgenland werden vom Burgenland-Tourismus gekürt, das „Steirische Wirtshaus“ (135 Mitgliedsbetriebe) wird von der steirischen Wirtschaftskammer getragen, die Seite „Salzburg schmeckt“ von der Salzburger Agrar Marketing.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.







