Handarbeit: Die Erhaltung kulinarischer Kulturen ist einer der Punkte, für die sich Slow Food einsetzt, etwa hier in der Hofkäserei Wölfl in Neumark
©Mara Hohla/Slow FoodVor 40 Jahren, im Juli 1986, wurde in den piemontesischen Weinbergen die Idee einer Organisation namens „Slow Food“ geboren. Ihr Gründer, Carlo Petrini, verstarb vor zwei Monaten. Was wurde erreicht?
Typisch. Ein paar Italiener wollen die Welt retten, und was fällt ihnen zu diesem Zweck ein? Essen kochen, sich gemeinsam an den Tisch setzen und ein Glas Wein einschenken …
Die Gründer der Organisation Slow Food hatten es anfangs nicht wirklich leicht, außerhalb Italiens ernst genommen zu werden, vor allem nicht bei den Genossen und Genossinnen in nordeuropäischen Staaten.
Denn seine Wurzeln hat Slow Food, heute die größte kulinarische NGO der Welt, in der kommunistischen Partei Italiens: „Arci Gola“, der 1986 in den piemontesischen Weinbergen gegründete Vorläufer von Slow Food, war mehr oder weniger die gastronomische Abteilung des kommunistischen Kultur- und Freizeitverbands.


Carlo Petrini: Seit den frühen 80ern setzte sich der charismatische Italiener für ein Recht auf gutes Essen ein, „die Nahrung der Armen wird von reichen Industriellen hergestellt, das Essen der Reichen von armen Bauern“.
© Marcello Marengo/Slow FoodLinks und Gourmet, ein Widerspruch?
Und auch die heute noch existierende, kollektivistisch geführte Zeitung Il Manifesto zählt zu den strengen Linksauslegern, was in Italien – anders als etwa in Österreich, wo das Thema Kulinarik für die Linken lange den Geruch von Dekadenz und Bourgeoisie verströmte – aber kein Hindernis darstellt, sich mit gutem Essen sowie kulinarischer Identität zu befassen.
Und auch dafür zu „kämpfen“: Anlässlich der Eröffnung einer McDonald’s-Filiale unmittelbar vor der Spanischen Treppe in Rom organisierten die Redakteure der Il Manifesto-Gastrobeilage Gambero Rosso 1986 eine Protestveranstaltung vor dem Burger-Laden – in Form eines langen Tischs, an dem typische italienische Küche verspeist wurde. Die beiden Strömungen wuchsen rasch zusammen, der Name der Anti-Fastfood-Bewegung lag auf der Hand: Slow Food.
Keine Frage der Ess-Geschwindigkeit
Bis international durchsickerte, dass es sich da nicht um eine diätetische Empfehlung handelte, langsamer zu kauen oder gar Hamburger zu vermeiden, brauchte es allerdings eine Weile. Denn der Themenkomplex von Slow Food ist tatsächlich ein sehr viel größerer: Die Bewahrung althergebrachter, regional verwurzelter kulinarischer Produkte und Kulturen war noch vergleichsweise leicht greifbar.
Bei der 2003 gegründeten und weltweit agierenden „Stiftung für Biodiversität“ – dazu gehört etwa die Definition und der Schutz der knapp siebentausend Gattungen oder Produkte der „Arche des Geschmacks“, knapp siebenhundert Förderkreise und fast viertausend von Slow Food geförderte Kleingärten in Afrika – bekommt die Sache dann aber schon eine ökonomische und sogar politische Komponente.
Auch das 2004 gegründete Netzwerk „Terra Madre“, dessen Ziel es ist, Kleinproduzenten weltweit miteinander zu vernetzen, den Austausch zu fördern, Ungehörten eine Stimme zu geben und damit kleinbetriebliche Strukturen zu stärken, geht in diese Richtung. In seinem Gründungsmanifest aus dem Jahr 1989 wird das Recht auf Genuss sogar als Grundrecht dargestellt.
Dem Genuss eine Stimme geben
Das ist natürlich auch ein bisschen provokant, soll sein, das Handwerk Marketing beherrscht Slow Food exzellent. Und das muss es auch, denn die wesentliche Einkommensquelle der mittlerweile in über 160 Ländern agierenden NGO sind öffentliche Stellen und Institutionen (38 Prozent), 36 Prozent stammen von Stiftungen, nur fünf Prozent von den Beiträgen der Mitglieder, deren Zahl irgendwo zwischen 50.000 und 100.000 liegt.
Mittlerweile muss man Slow Food jedenfalls nicht mehr erklären, wenn die Beurteilung „typisch Slow Food“ fällt, weiß man, dass es sich um Gastronomie, Produkte oder kulinarische Traditionen handelt, die sich durch Authentizität, kulturelle Identität und regionale Verwurzelung ebenso auszeichnen wie durch nachhaltige Bewirtschaftung und fairen Handel. Eine Zeit lang wurde Slow Food von Trendforschern sogar als eine der wichtigen gesellschaftsökonomischen Strömungen der näheren Zukunft gesehen. Was aber wohl eher dazu führte, dass die Konzerne mit Öko-Labels und Greenwashing nachrüsteten, als dass sich die Welt an einen gut gedeckten Tisch zusammensetzt.
Carlo Petrini verstarb vergangenen Mai im 76sten Lebensjahr nach einer langen Krebserkrankung. Seinen Beitrag zur Verbesserung der Welt hat der Mann jedenfalls geleistet.
Das Manifest


Nachdem die Slow-Food-Bewegung ihre Ursprünge in der kommunistischen Partei Italiens hat, ging es dementsprechend bei der Gründung auch nicht ohne Manifest ab. 1989 wurde dieses Slow-Food-Manifest in Paris und gleichzeitig in anderen Metropolen weltweit (darunter auch in Wien, allerdings in eher kleinem Rahmen) postuliert und damit als Gründungsdokument einer internationalen Bewegung festgesetzt.
Im Wesentlichen geht es im Manifest darum, der durch Industrialisierung beschleunigten und vereinheitlichten Welt ein alternatives Modell entgegenzustellen, nämlich jenes von Lebensqualität, Genuss, Gemütlichkeit und Gemeinsamkeit – in Italien zweifellos durch das gemeinsame Essen am großen Tisch perfekt repräsentiert.
Im Zuge des internationalen Erfolgs der Bewegung wurde die Slow- Food-Ideologie 2006 noch mit den drei Begriffen „gut, sauber, fair“ präzisiert. Was diesen drei Vorgaben nicht entspreche, könne nicht als „Slow Food“ bezeichnet werden, postulierte Gründer Carlo Petrini.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 26/2026 erschienen.







