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Hat das Wiener Kaffeehaus noch Zukunft?

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Christoph Plachutta

©Trend Lukas Ilgner

Das Wiener Kaffeehaus ist ein Teil des gastronomischen Selbstverständnisses in diesem Land. Aber ist es noch zeitgemäß? Kann das Kaffeehaus überleben? Spoiler: Es schaut nicht schlecht aus …

Mitte Juni, ein paar Tage vor der Wiedereröffnung des Café Bräunerhof in der Wiener Stallburggasse. Die Fenster sind noch verklebt, der Schanigarten noch nicht ganz fertig, irgendwo wird noch gebohrt. Aber im Großen und Ganzen ist das Kaffeehaus fertig – und es sieht exakt so aus wie früher.

Dass das anders sein werde, wurde ja von vielen befürchtet. Denn: Das Café Bräunerhof – Stammcafé der Nonkonformisten, ehemaliges Lieblingscafé von Thomas Bernhard, eines der wenigen Wiener Kaffeehäuser, in denen der schlichte Purismus der 1920er den Ton angibt – ging 2025 in Konkurs, stellte den Betrieb ein. Und wurde quasi vom Gottseibeiuns der Nonkonformisten übernommen: Plachutta in Kooperation mit dem Schwarzen Kameel.

Große Aufregung

Die Aufregung war groß, der Verlust von Echtheit und Wahrhaftigkeit wurde prophezeit, das Kaffeehaussterben beklagt. Wieder einmal. Und man darf beruhigen: Alles ist gut. Das Interieur des Café Bräunerhof steht ebenso wie die Fassade unter Denkmalschutz, Familie Plachutta und Familie Friese steckten 3,8 Millionen Euro in die Renovierung, „es wurde nicht gespart“, konstatiert Mario Plachutta.

Peter Friese erzählt, wie die Spezialisten quasi archäologisch vorgingen, um die ursprünglichen Farbtöne zu eruieren, im Keller tauchten noch alte Türen auf, die renoviert und wieder eingesetzt wurden. Man sitzt auf den gleichen Bänken wie Thomas Bernhard, nur sind sie neu gepolstert, die Holzlehnen knarren genauso wie früher.

Betreiberstolz

Chef des neuen Café Bräunerhof wird Mario Plachuttas Sohn Christoph Plachutta sein, 28 Jahre alt und mit exzellenter Ausbildung in Wien, Lausanne und London. Ich frage ihn, wieso er sich das Gröscherlgeschäft eines Kaffeehauses antut, wo man damit rechnen müsse, dass Gäste in zwei Stunden nur einen kleinen Kaffee konsumieren. Betreiberstolz sei schon auch ein Faktor, sagt er, tatsächlich hätte er den Bräunerhof erst vor ein paar Jahren für sich entdeckt, war vom ersten Augenblick von der speziellen Atmosphäre des Cafés fasziniert, und als voriges Jahr das Angebot auf den Schreibtisch seines Vaters flatterte, sagte er „nehmen“.

Vater Mario Plachutta erklärt, dass der wirtschaftliche Aspekt bei diesem Projekt nicht im Vordergrund stehe, „das ist ein Garagenfund“, Plachutta Junior wirkt aber durchaus zuversichtlich, auch ein Kaffeehaus wirtschaftlich erfolgreich führen zu können – nicht zuletzt für jüngeres Publikum: „Retro-Klassik ist genau das, was die Leute heute wollen, wieder was Echtes, Authentisches.“ Und mit Schwerpunkt Küche, und zwar solcher, die der klassischen Kaffeehaus-Erwartungshaltung entspricht, also Schnitzel, Eiernockerl, Toast und Sacherwürstel, Thunfisch-Carpaccio sicher nicht, „es soll ein stimmiges Bild abgeben“.

Preissensible Gäste

Und das könnte durchaus funktionieren, wie ein Blick ins Café Eiles in der Josefstadt beweist: „Wir müssen jeden Tag schauen, dass wir um Mitternacht die Türe zubekommen“, sagt Gert Kunze, der das Traditionscafé seit 2012 führt und seit fast elf Jahren auch besitzt. Mit Kaffee und Bier könne man natürlich nicht viel Geld verdienen, sagt er, bei diesen beiden Getränken seien die Gäste extrem sensibel, jeder Cent Preissteigerung sorge für Tumult.

Aber seine jungen Gäste würden ohnehin eher Aperol Spritz trinken, und zwar nicht nur einen. 70 Prozent des Umsatzes käme im Eiles mittlerweile aus der Küche, so Kunze, die paar Kaffeehaus-Gäste „alter Schule“, die in drei Stunden alle Zeitungen lesen, laufen einfach so mit, „ich mache den Umsatz nicht mit dem einzelnen Gast, sondern mit der Masse der Gäste“. Und davon immerhin jedes Jahr um 20 Prozent mehr als im Jahr davor.

Aushaltbare Veränderungen

Diese Zuversicht bestätigt auch Wolfgang Binder, Sprecher der Wiener Cafetiers in der Wirtschaftskammer und Besitzer des Café Frauenhuber, Wiens ältestem Kaffeehaus: „Das Wiener Kaffeehaus ist 330 Jahre alt, das hat sich schon ein paarmal neu erfinden müssen.“ Ja, das Geschäft sei ein kleinteiliges, das wisse jeder, der sich ein Kaffeehaus antut, „aber der berüchtigte ,ewige‘ Kaffeehaus-Gast ist ein Mythos“.

Und ja, bei aller Liebe zum legendären alten Café Bräunerhof, aber ein paar Veränderungen werden auch wir Stammkunden ganz gut aushalten. Etwa, dass man jetzt mit Karte zahlen kann. Oder dass es endlich offenes Bier gibt. Und Kaffee, der diesen Namen verdient – 100 Prozent Arabica, eigene Mischung, spezielle Röstung. Und ja, selbst die Musikdarbietung wird es wieder geben, vorerst jeden Sonntagnachmittag, mal sehen, wie es angenommen wird, sagt Christoph Plachutta.

Weltkulturerbe Kaffeehaus

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.

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