Pinterits lässt altösterreichische Safran-Kultur wiederaufleben, pflanzt Majoran dort, wo er hingehört und gewinnt ein Gewürz, nach dem die Italiener verrückt sind.
Die pannonische Steppe zwischen Wulkaprodersdorf, Siegendorf und Trausdorf an der Wulka. Der Blick ist weit, die ungarische Grenze nah. Man biegt in eine Schotterstraße, fährt vorbei an der Verkaufsbaracke des lokalen CBD-Anbieters samt Heurigenbankerln und bunter Wimpel weiter zu einem modern gestalteten Anwesen bestehend aus einem grauen Kubus, einem gepflegten Kräutergarten und ein paar noch nicht sehr lange zuvor gesetzten Obstbäumen – das Safranoleum.
Presskuchen und Kräuteröl
Darin ein Shop mit Regalwand samt spektakulär schöner Olivenöl-Flaschen, edler Sardinen-Dosen, allerlei guter bis sehr guter Weine lokaler Winzer-Granden und Unmengen von hübschen, grauen Metalldosen. Von weiter hinten, aus der an diesem Hochsommertag angenehm schattigen und kühlen Lagerhalle samt Produktionsraum, dringt das monotone Geräusch einer elektrischen Mühle, die ein seltsames Produkt herzustellen scheint: Fingerdicke, grün-braune Würste quellen aus der Maschine und plumpsen in einen Papiersack, viele solcher Säcke reihen sich schon aneinander.
Was das ist, frage ich Johannes Pinterits. „Das Nebenprodukt, der Presskuchen“, lacht er. Denn Pinterits stellt gerade ein Kräuteröl her, und das funktioniert bei ihm nicht wie fast überall sonst, indem man Öl mit Kräutern ansetzt. Nein, er schaufelt die frischen Kräuter und ungeschälte Sonnenblumenkerne in den Trichter seiner Mühle, „ich presse Öl und Kräuter gemeinsam, sehr viel intensiveres Aroma, nur punktuell zu verwenden“. Tatsächlich, ein hauchdünner Ölfaden rinnt da aus der Mühle, Milliliter für Milliliter, die duftenden Presskuchen-Würste hingegen gehen in die Zentner, höchstwertiges Tierfutter mit Kräutergeschmack und 30 % Öl-Anteil. Wow.
Go your own way
Kräuteröl ist aber nicht das Einzige, bei dem sich Johannes Pinterits ein bisschen von anderen unterscheidet. Er ist Spezialist fürs Ungewöhnliche. Der gebürtige Klingenbacher war seit Ende der 1980er beim ORF Burgenland, viele Jahre davon Chefredakteur der Volksgruppenredaktion. Aus Gründen, die er nicht in der Zeitung stehen haben will, schmiss er den wohldotierten Job hin.
Und nachdem ihn gutes Essen und gute Zutaten – „gutes Brot, gute Butter und ein wirklich guter Schnittlauch, mehr braucht’s nicht“ – sowie das Thema Landwirtschaft eigentlich immer schon reizten, fasste er den gewagten Entschluss, wie in der Branche üblich nicht etwa in die PR-Branche zu wechseln, Firmensprecher zu werden oder Betriebsberatung anzubieten – sondern Safran anzubauen.
Für das magische Kräuteröl werden die Kräuter und das Sonnenblumenöl gemeinsam gepresst.
© Matt ObserveSafran, das teuerste Gewürz der Welt, angebaut in Afghanistan, Iran, Indien und Spanien, in Österreich? Echt jetzt? Ja, und zwar, weil es in Österreich fast tausend Jahre lang Safran-Anbau gab, der nur während der vergangenen hundert Jahre in Vergessenheit geraten war, fand Pinterits heraus, weil sich niemand mehr diese Arbeit antun wollte.
Denn die österreichische Methode der Safran-Verarbeitung war die mühsamste von allen – ganze Blüten pflücken, die drei Stempelfäden alias „Narben“ herauszupfen und dann die grünen und gelben Teile der Fäden abtrennen, „ganz viele Blüten, ganz viele Hände, ganz viele Tische“. „Elegieren“ nannte man den letzten, zusätzlichen Schritt, der österreichischen „elegierten“ Safran einst zum wertvollsten und gefragtesten aller Safrane machte – ein Punkt, an den Johannes Pinterits anknüpfen wollte.
Die Wiedergeburt des Austro-Safran
2005 machte er erste Versuche, im Jahr darauf wurden 200.000 Knollen gepflanzt, im Herbst 2006 gab es die erste Ernte seines „Pannonischen Safrans“. Und der schlug ein wie eine Aroma-Bombe. Die kleinen, münzgroßen Döschen mit einem halben Gramm betörend duftender, purpurroter Safranfäden aus dem Burgenland verkauften sich in alle Welt wie warme Handsemmeln – nicht, weil die Story so gut war, sondern weil man es da mit einer neuen Dimension von Aromaintensität zu tun hatte.
Reichte das dem Johannes Pinterits? Natürlich nicht. Er fand ein ebenfalls exklusives Gewürz, das in Österreich kaum bekannt ist, in Italien allerdings heiß begehrt wird, nämlich Fenchelpollen: Die Blüten ausgewachsener Gemüsefenchel, zum exakt richtigen Zeitpunkt der Vollblüte gepflückt, getrocknet und dann in zahlreichen Vorgängen gesiebt und von Stängelchen befreit, bis nur noch die winzigen Blüten und der Blütenstaub übrig sind, „mit einem Wort: genauso mühsam wie der Safran“.
Wir dürfen am letzten Döschen mit drei Gramm Inhalt schnuppern, das Pinterits noch auf Lager hat, kurz vor der Ernte ist der Bestand nämlich absolut ausverkauft, „es geht fast alles nach Italien“. Der Duft ist betörend, nicht so streng wie der Safran, sondern zart, sinnlich, und dann doch extrem intensiv, nach Fenchel, auch nach Honig, nach reifen Früchten, Brioche, nach Vanille und auch ein bisschen Safran – wenn man sich vorstellen will, wie die Götterspeise Ambrosia der griechischen Mythologie duftete, die Fenchelpollen wären ein ganz brauchbarer Ansatz.
Und dann noch: das Underdog-Kräutel
Die teuersten und edelsten Gewürze, die man auf heimischem Boden gewinnen kann, wunderbar. Aber es wäre nicht Johannes Pinterits, wenn sein Herz nicht mindestens so sehr oder noch stärker (das wirkt zumindest ein bisschen so) für einen Underdog schlagen würde – den Majoran. Jenes Kräutel, das österreichische Küche erst zur österreichischen Küche macht, im Gulasch, im Beuscherl, im faschierten Laberl, in den meisten Würsten, im Gröstl, in der Klachlsuppe, im ikonischen pannonischen Majoranfleisch, in den (leider fast schon vergessenen) Majoran-Erdäpfeln und natürlich im zur gerösteten Leber unverzichtbaren Majoransaftl.
Im Burgenland hätte man den Majoran in jedem Haushalt gebraucht, erinnert sich Johannes Pinterits, und auch daran, dass die Neusiedler Gemüse-Genossenschaft ursprünglich eine Neusiedler Majoran-Genossenschaft war. Beziehungsweise eine Genossenschaft für „Maigrån“, wie man das Kräutel im Burgenland nennt. Eine extrem schwierige Kultur, so Pinterits, winzige Samen, die der Wind leicht verweht, äußerst anspruchsvoll bei Boden und Klima, als Spät-Keimer dem Unkraut immer hinterher, „Jäten“ ist quasi des Majorans zweiter Vorname. Aber das Nordburgenland ist halt ideal für ihn.
„Mach’s nicht“, riet ihm ein Kollege aus dem Waldviertel, der schon an dem Kraut gescheitert war, „tu dir das nicht an.“ Nun ja, aber da konnte Johannes Pinterits aus seiner Haut halt auch nicht heraus. Und bietet das burgenländische Nationalkräutel also in Bio-Qualität, von Hand geschnitten, langsam getrocknet, gerebelt, gereinigt. Es gibt Gewürzhändler, die sagen, sie hätten schon Majoran aus Südfrankreich und Italien verkostet, aber der FC Neusiedl spiele da in einer eigenen Liga.
Kommt noch was, fragen wir Pinterits, hat er noch was im Köcher? Ideen seien nicht das Problem, sagt er, Leute für die mühsame Ernte und Verarbeitung zu finden, darin liege aktuell die Herausforderung. „Vielleicht noch ein paar Gewürzmischungen oder Öl-Cuvées, aber ich überfordere die Leute eh schon.“
Warum sind Gewürze teuer?
Der mitunter erstaunlich hohe Gramm-Preis für Gewürze kann ganz verschiedene Ursachen haben. Die älteste und nach wie vor geltende Erklärung liegt in hoher Nachfrage bei geringem Angebot. Das trieb im Mittelalter und der frühen Neuzeit den Preis von Pfeffer, Muskat, Nelken und Zimt über jenen von Gold, schließlich gediehen die Aromate nur auf den Molukken und anderen eher entfernten Orten, der Transport per Segelschiff kostete im 16. Jahrhundert ein Vermögen, Spekulation, Zoll, Monopole und künstliche Verknappung taten ihr Übriges.
In der Gegenwart erlebten wir so etwas im Fall der erbsengroßen, gelben Aji-Charapita-Chili, deren köstlich-scharfes Aroma und vor allem ihre Seltenheit 2017 einen Hype auslöste, der den Preis für ein Kilo zeitweise auf über 25.000 Dollar trieb. Freilich nicht lange, man baute in Peru dann halt einfach mehr davon an.
Ein anderer, bleibender Grund für hohe Gramm-Preise ist die mühevolle Arbeit, die mit der Herstellung der Gewürze verbunden ist: Für Safran müssen Staubgefäße aus Krokus-Blüten gezupft, gereinigt und getrocknet, ein Gramm erfordert 1,5 Arbeitsstunden. Für Vanille müssen die Schoten aufwendig gedämpft und wochenlang fermentiert werden, alles manuell und außerdem nur in Madagaskar und Réunion. Denn nur die Vanille von dort ist die gute Vanille.
Safranoleum
Eisenstädter Straße 97
7011 Siegendorf
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 30+31/2026 erschienen.
