Martin Thür: Der Politik-Nerd

Martin Thür ist nicht nur Journalist und Moderator der "ZiB2", er ist auch ein Politik-Junkie durch und durch. Jedes Thema führt unweigerlich ins Politische – sei es Arbeit, Freizeit oder Familienplanung. Ein Porträt.

von Martin Thür © Bild: ORF/Thomas Ramstorfer
  • Name: Martin Thür
  • Geboren: Am 25. Juli 1982 in St. Pölten
  • Beruf: Journalist und Moderator der "ZiB2", davor ATV
  • Ausbildung: Studium der Publizistik- und Theaterwissenschaft, Masterstudium der Politischen Kommunikation an der Donau-Universität Krems
  • Familienstand: liiert
  • Kinder: keine

Seit 2019 ist Martin Thür eines der drei Gesichter der "ZiB2". Der "Neue" ist er längst nicht mehr, er gehört zum Nachrichten-Flaggschiff des ORF wie Armin Wolf und Lou Lorenz-Dittlbacher. Was hat sich im Leben des gebürtigen Niederösterreichers seit seinem vielbeachteten Wechsel nach 15 Jahren beim Privatsender ATV verändert? "Davor hatte man immer Zukunftssorgen, weil man nie wusste, ob die Sendung bald noch existiert. Hier gibt es Stabilität", erzählt der Moderator im Gespräch mit News.at. Und natürlich werde er jetzt öfter erkannt. "Ich gebe zu, in Badeschlapfen und Jogginghosen gehe ich mittlerweile seltener raus", schmunzelt Thür, auch wenn die Begegnungen "zu 100 Prozent positiv" seien. Viele Menschen würden sich auch bedanken, was Thür trotz aller Freude "komisch" finde, "weil ich mache nur meinen Job und will das gar nicht so aufladen". Gedankt werde ihm vor allem in innenpolitisch turbulenten Zeiten wie der jüngsten Regierungskrise, in deren Rahmen Thür ein durchaus einschneidendes Interview mit Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz führte.

Martin Thür
© ORF/Thomas Ramstorfer So kennt man Martin Thür in der Regel: Im "ZiB2"-Studio

Das Kurz-Interview

Einschneidend für beide Seiten. Normalerweise, erzählt Thür, werden vor dem Einstieg in das Live-Interview stets ein paar Floskeln zwischen Moderator und Studiogast gewechselt. Diesmal fokussierten sich beide Seiten ausschließlich auf das kommende Gespräch. "Es war klar, das ist ein 'Make or break'-Interview für mich, das muss sitzen", so Thür über die Dimension dieses Interviews für sich selbst. Er erntete allseits viel Lob und ist auch selbst sichtlich stolz darauf.

»Ich habe den Fokus des Interviews auf mich gezogen, das sollte nicht sein«

Missglücktes Interview und das Unterbrechen

Anders verlief etwa ein Gespräch mit Pamela Rendi-Wagner im Jahr 2019. Thür konfrontierte die SPÖ-Chefin damals mit einem geheimen Ton-Mitschnitt aus der Parteizentrale und entfachte damit eine Debatte darüber, ob dies rechtlich erlaubt sei. "Ich hätte es einfach vorlesen können, das war ungeschickt von mir, damit habe ich den Fokus des Interviews auf mich gezogen. Das sollte nicht sein", gibt er sich selbstkritisch. Ein anderes Thema, das immer wieder eine Gratwanderung darstelle, sei das Unterbrechen. Wann und wie oft ein Studiogast unterbrochen wird, darüber scheiden sich so gut wie immer die Meinungen der ModeratorInnen und des Publikums. Ein Richtig scheint es nicht zu geben, für Thür ein "nicht auflösbares Dilemma".

Wenn Sie eine politische Phrase verbieten könnten, welche wäre das?
"Lassen Sie mich zuerst sagen, …", weil das immer heißt, dass die Frage nicht beantwortet wird und ich dreimal nachfragen muss, bis ich endlich eine Antwort bekomme.

Umgang mit Kritik

Natürlich müsse man sich aber Kritik, sofern berechtigt, stellen: "Auch wir sind nicht immer sakrosankt und machen alles immer großartig. Gerade die jüngste Zeit hat gezeigt, dass auch der Journalismus sich Kritik stellen, sich selbständig hinterfragen und ehrlich damit umgehen muss, dass auch wir Fehler machen, die es zu bearbeiten gilt."

»Die anderen beiden machen das fantastisch, aber jeder hat seinen Stil«

"Wir", das sind neben Thür in der "ZiB2" auch Lou Lorenz-Dittlbacher und Armin Wolf. Was unterscheidet eigentlich eine Sendung mit Martin Thür von einer mit Lou Lorenz-Dittlbacher oder Armin Wolf? "Ich stelle sicher keine Vergleiche an und kann nur über mein Credo sprechen: Ich versuche, die Fragen grundsätzlich so zu formulieren, dass ich die Antwort spannend finde, weil ich glaube, dann gibt es auch genügend ZuseherInnen, die sie spannend finden. Das ist, ganz grob gesagt, mein Zugang." Und die KollegInnen? "Die anderen beiden machen das fantastisch, aber jeder hat seinen Stil und das ist auch völlig richtig so."

Martin Thür
© ORF/Thomas Ramstorfer Martin Thür im "ZiB2"-Studio. Seit 2019 ist er mit an Bord.

Stärken und Schwachpunkte

Inhaltlich spannend sei für ihn "alles, was mit Parlamentarismus, mit politischer Struktur zu tun hat", dennoch sei auch er ein "Allesfresser", denn welches Thema tagesaktuell aufpoppt, ist natürlich unvorhersehbar. Ein Schwachpunkt? "Bildungspolitik ist sicher nicht mein stärkstes Feld … oder die französische Gotik" erinnert er sich lachend an ein Gespräch mit einer Kunsthistorikerin anlässlich des Notre-Dame-Brands, in dem es ein paar Minuten zu überbrücken galt.

Journalistische Anfänge und Engagement

Die Politik war es ebenfalls, die Thür einst zum Journalismus brachte, wie der Moderator 2019 dem Magazin „MFG“ erzählte. Das drohende Scheitern eines Programmkinos in seiner Heimatstadt St. Pölten aufgrund politischen Hickhacks habe den Film-Liebhaber zu einem erbosten Leserbrief veranlasst, der in weiterer Folge zu einer Auseinandersetzung mit dem Kulturstadtrat führte. Damals war Thür 18 Jahre alt. Der Drang, etwas zu bewegen oder mehr noch eine Diskussion anzuregen und etwas aufzuklären ist auch heute noch da. So kämpft sich Thür derzeit etwa mit der Frage, an wen 40 Milliarden Euro an staatlichen Corona-Förderungen ausbezahlt wurden und ob SteuerzahlerInnen das Recht haben, dies zu erfahren, durch sämtliche Instanzen.

Martin Thür
© ORF/Thomas Ramstorfer Schule und Uni liefen bei Martin Thür so "nebenbei"

Schule? Nebenbei

Als politisches Engagement will er diese Aufklärungsarbeit aber nicht verstanden wissen. Das Bedürfnis, sich politisch zu engagieren, habe er nie gehabt, vielmehr das Interesse an Politik. Schon als Schüler habe er viel mit gleichgesinnten Freunden debattiert und "oft mehr Zeitung gelesen als dem Unterricht gelauscht", schmunzelt er heute. Überhaupt sei die Schule aufgrund vieler anderer Interessen eher nebenher gelaufen. Wie später auch das Studium, das oftmals von bis zu vier gleichzeitig ausgeübten Nebenjobs in den Hintergrund gedrängt wurde.

Das Elternhaus

Die Erkenntnis, dass man im Leben "nichts geschenkt bekommt" und sich alles selbst erarbeiten muss, kam früh. Die Eltern waren jung, als er und und seine Schwester geboren wurden, und sie arbeiteten viel. Selbständigkeit und Eigenständigkeit wurden im Hause Thür großgeschrieben. So wie auch Politik: "Es war ein extrem politischer Haushalt, wir haben viel diskutiert, sogar zu Weihnachten. Aber nicht parteipolitisch, niemand stand einer Partei unkritisch gegenüber."

»Politische Gesinnung? Das ist ganz ein weirdes Konzept für mich«

Die politische Gesinnung

Letzteres muss sich Thür heute oft vorwerfen lassen. Ob "Regierungsfunk", "Oppositionsfunk" oder sonstiges, "mir wurde schon jede politische Gesinnung zugeschrieben", sagt er. Vorwürfe, die er als absurd bezeichnet, da er stets einen kritisch beobachtenden Standpunkt einnehme und ihm überhaupt das gesamte Konzept der politischen Gesinnung fremd sei: "Das ist ganz ein weirdes Konzept für mich." Doch gerade das sei wohl für manche schwer zu verstehen, "also dass es Menschen gibt, die nicht, egal was eine Partei tut, immer die Meinung dieser Partei haben."

Ist Freundschaft zwischen JournalistInnenen und PolitikerInnen denkbar?
Nein. Außerdem finde ich diese Diskussion des "per du sein" seltsam, weil es so viele elendige Varianten der Verhaberung in Österreich gibt, wo das "du" noch harmlos ist.

Skurrile Polit-Hobbys

Man merkt rasch: Über Politik in allen Facetten könnte (man mit) Martin Thür Stunden sprechen. Alles ist politisch, jedes Thema bahnt sich seinen Weg dahin. So richtig abschalten kann - und will - der "Polit-Junkie" aber ohnehin nicht: "Mich tagtäglich und auch im Urlaub mit Politik zu beschäftigen ist keine Belastung." Und so vermisst Thür in seiner Freizeit auch noch - freiwillig - das politische Land in Form von Excel-Listen. In "ein paar hundert" Tabellen hat er alle möglichen Daten zu Wahlen, Regierungen und Co. gesammelt. Die skurrilste Liste? Eine kurze Recherche am Handy ergibt: "Die durchschnittliche Anzahl der Angelobungen pro Bundespräsident" (Es ist überraschenderweise nicht Alexander Van der Bellen, sondern Theodor Körner aufgrund dessen kurzer Amtszeit.) Doch warum legt man derartige Listen an? Er suche ungern Dinge, so Thür. Da das Suchen (von Information) auch einen Großteil seines Jobs darstelle, seien die Listen immer wieder nützlich - und entstanden einst auch in diesem Kontext.

»Wenn man Nerd positiv definiert als jemand, der sich gern und intensiv mit einem Thema beschäftigt, dann bin ich gern ein Nerd«

Eine dieser Tabellen listet zugleich eine weitere skurrile Leidenschaft Thürs auf: das Sammeln bizarrer Wahlgeschenke. So befinden sich etwa eine Haube mit "Erwin-Pröll-Haarkranz", Vranitzky-Tennisbälle, diverse FPÖ-Bären oder Kondome aller Parteien nicht nur in seinem Besitz, sondern auch - inklusive Foto und Inventarnummer, versteht sich - in einer Excel-Liste. Immer wieder erhält Thür Anfragen von Menschen, die hier etwas suchen. "Ich bin da so was wie der Ansprechpartner", lacht er. Ist man mit solchen Hobbys und einer derartigen Politik-Obsession eigentlich schon ein Nerd? "Wenn man Nerd positiv definiert als jemand, der sich gern und intensiv mit einem Thema beschäftigt, dann bin ich gern ein Nerd", so Thür.

Haube Erwin Pröll
© Martin Thür Martin Thür zeigt eines seiner skurrilsten Wahlgeschenke: die Haube mit "Erwin-Pröll-Haarkranz"

Privates bleibt privat

Martin Thür, der Politik-Nerd und "Hans Dampf in allen Gassen" (so glaubt Thür, würde seine große Schwester ihn beschreiben), der außer beim Joggen so gut wie nie abschaltet. Bleibt da Zeit für ein Privatleben? "Ich hab das Glück, dass meine Freundin ebenfalls Journalistin ist und dadurch diesen Knacks versteht", schmunzelt er. "Freundin" ist übrigens auch der dritte Vorschlag, den Google zu "Martin Thür" liefert. Doch Privates bleibt privat, da bleibt der Moderator, auch wenn er eine gewisse Neugier nachvollziehen kann, vorsichtig. "Ich würde keine Homestorys machen oder, falls wir ein Kind bekommen würden, niemals Kinderfotos teilen." "Familie und Kinder" sind passenderweise die nächsten Google-Vorschläge, Thür wird bald 40 - und weiß natürlich sofort, worauf die nächste Frage abzielt: "Die Vereinbarkeit ist immer ein Problem und das ist auch mit ein Grund, warum wir noch kein Kind haben. Da geht es uns wie allen in unserem Alter. Bislang haben wir noch keine Lösung gefunden, schauen wir mal."

Martin Thür
© ORF/Thomas Ramstorfer Thür ist liiert, aber alles andere bleibt privat

Und weiter?

Derweil also weiterhin Politik und Beruf - und hier ist Thür auf jeden Fall angekommen: "Ich bin da, wo ich immer hinwollte. Ich habe den tollsten Job der Welt." Keine weiteren Ziele? "Doch, ganz viele Ziele: Reiseziele!" Es gibt sie also doch, die Leidenschaft abseits des Politischen.

Martin Thür über...

...sein Lieblingsreiseziel: Neuseeland definitiv. Das allerschönste Land der Welt, aber leider so weit weg.

...derzeitigen Lesestoff: „Salonfähig“ von Elias Hirschl. Ein wahninnig lustiges Buch, kann ich empfehlen.

...Serien-Tipps: Ich habe gerade „Squid Game“ geschaut, das ist unfassbar brutal und ich bin mir nicht sicher, ob ich es empfehlen kann. Ich bin noch immer ein ganz großer Fan von „The West Wing“, das ist uralt aber für einen politischen Freak wie mich eine der schönsten Serien.

...seine Playlist: Viel wahnsinnig traurige Musik von alten Herren wie Will Oldham, Bonnie Prince Billy, Mogwai

...Vorbilder: Ich habe nicht direkt Vorbilder, aber was ich cool finde, ist die Art und Weise, wie im angelsächsischen Raum bei Interviews darauf gepfiffen wird, ob man Fragen stellen darf oder nicht.